Tania Witte — Einfach nur Paul

Kasimira14.Oktober 2022

End­lich mal wie­der etwas Neu­es von der deut­schen Autorin Tania Wit­te. “Ein­fach nur Paul” heißt ihr aktu­el­les Werk, das einen Jun­gen in den Mit­tel­punkt stellt, des­sen All­tag total auf den Kopf gestellt wird, als er erfährt, dass sei­ne Mut­ter nicht sei­ne bio­lo­gi­sche Mut­ter ist. Die Geschich­te einer Suche. Nach der eige­nen Iden­tiät, nach der ech­ten Mut­ter und nach dem rich­ti­gen Platz im Leben. Bewe­gend, authen­tisch, ernst, aber auch locker-leicht und char­mant erzählt. Mit Cha­rak­te­ren, die man ein­fach ins Herz schließt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Paul ist 16 Jah­re alt und Sän­ger in einer Schul­band. Er ist eigent­lich ganz beliebt. “Der Sän­ger der Schul­band zu sein, trug ver­mut­lich dazu bei. Und das, obwohl ich nicht mal beson­ders gut sang, da waren sich alle einig, die Ahnung von Musik hat­ten.” (Zitat aus “Ein­fach nur Paul” S.13) Aber sei­ne bes­te Freun­din Ami­ra, die die Band in der 8.Klasse gegrün­det hat, woll­te ihn unbe­dingt dabei haben. Und da er kein Instru­ment spiel­te, blieb nur die Posi­ti­on des Sän­gers. Eigent­lich mag Paul lie­ber elek­tro­ni­sche Musik, träumt davon heim­lichKasimira ein erfolg­rei­cher DJ zu sein. Aber Paul mag eben auch Ami­ra. Mehr sogar als mögen. Seit fünf Jah­ren ist er in sie ver­liebt. “Okay, Ru, was ist los?” Ami­ra leg­te die Hand auf mei­nen Ober­schen­kel. Abge­se­hen von dei­ner Hand auf mei­nem Bein? Ich ver­kniff mir den Kom­men­tar, weil das nir­gend­wo­hin führ­te und ich mei­ne Gefüh­le für Ami­ra im Griff behal­ten muss­te. Es kos­te­te extrem viel Ener­gie — Ener­gie, die ich gera­de nicht hat­te. Obwohl ich wuss­te, dass es ein Feh­ler war, stell­te ich den Eis­be­cher ab und leg­te die freie Hand auf Ami­ras, wor­auf­hin sie ihre weg­zog. Natür­lich.” (Zitat S.13) Denn Ami­ra, die er ein­mal sogar geküsst hat, erwi­dert sei­ne Gefüh­le nicht. Und das weiß Paul. Trotz­dem ist er ger­ne mit ihr zusam­men. Kann ihren Trost gut gebrau­chen, vor allem in letz­ter Zeit, weil er sich stän­dig mit sei­nem Vater strei­tet. Irgend­wie hat Paul das Gefühl ihm gar nichts mehr recht machen zu kön­nen. Einer­seits soll er end­lich mal ein Mäd­chen mit nach Hau­se brin­gen, ande­rer­seits aber auch nicht zu “wild” sein: KasimiraWer erwar­tet denn bit­te, von sei­nem Ü40-His­to­ri­ker-Vater auf Ins­ta gestalkt zu wer­den? Face­book, okay, aber Ins­ta?” Sie lach­te. “Hat er auch einen Tik­Tok-Account?” “Oh, bit­te! Es ist schon schlimm genug, dass er jedes ein­zel­ne mei­ner Fotos auf Ins­ta gese­hen hat, mach mir nicht noch Tik­Tok kaputt.” “Hast du ihm denn mal gesteckt, dass du nicht mit jeder, mit der du Fotos machst, was hat­test?” (Zitat S.17) Doch dann wird das fami­liä­re Zusam­men­le­ben so rich­tig auf den Kopf gestellt, als sei­ne klei­ne Schwes­ter für einen Blut­grup­pen­test für den Bio­lo­gie­un­ter­richt etwas her­aus­be­kommt, das sie auf die­sem Wege nie­mals hät­ten erfah­ren sol­len. Paul kann auf­grund von Geset­zen der Ver­er­bungs­leh­re und sei­ner Blut­grup­pe nicht das Kind sei­ner Eltern sein! “Mei­ne Mut­ter, die ech­te, also: die bio­lo­gi­sche, ist kurz nach mei­ner Geburt abge­hau­en. Hat nichts mit­ge­nom­men außer ihren Papie­ren — und eine Voll­macht oder so dage­las­sen, in der sie auf sämt­li­che Sor­ge­rechts­an­sprü­che ver­zich­tet.” (Zitat S.64) Plötz­lich ist alles anders. KasimiraWer ist er denn nun über­haupt? Auf der Suche nach der Wahr­heit muss Paul eini­ge Hür­den meistern…

Das Cover ist schlicht, aber doch tref­fend. Ein jugend­li­ches Leben, das buch­stäb­lich in Bewe­gung gerät. Auch der Titel ist sehr pas­send gewählt. Das Buch beginnt mit einem Tag­traum und einer äußerst coo­len Über­lei­tung zum eigent­li­chen Gesche­hen: “Der ange­sag­tes­te Club Ber­lins pul­siert in mei­nem Rhyt­mus. Mei­ne rech­te Hand schlägt den Beat in die Luft, die ande­re klebt an den Reg­lern, als sich von hin­ten ein Arm um mei­ne Tail­le schlingt. Ich nei­ge den Kopf, mir weht ein Duft in die Nase und einen Moment lang gerät die Welt aus dem Takt. Ami­ra. How I wish. und alles, was ich füh­le ist — “Bist du krank?” ich schüt­tel­te ich zurück in die Rea­li­tät, in der vor mir kei­ne Misch­pul­te stan­den, son­dern ein zer­kratz­ter Schul­tisch” (Zitat S.6) Der Roman wird haupt­säch­lich aus PaulsKasimira Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Nur zuwei­len wird ein Text in einem ande­ren Schrift­bild ein­ge­blen­det. Dies sind alle­samt Brie­fe, die sei­ne rich­ti­ge Mut­ter in all den Jah­ren an ihn geschrie­ben hat: “Ver­giss das nie, egal, was pas­siert: Du bist per­fekt. Es ist die Welt, die das nicht ist. Und ich. Ich bin auch nicht per­fekt. Oder viel­leicht schon, aber nicht so, nicht hier. Wahr­schein­lich nicht für dich und ganz sicher nicht für dei­nen Vater. Ich lese es in sei­nen Augen. Wenn er dich ansieht, leuch­tet er, wenn sein Blick zu mir glei­tet, erlischt er.” (Zitat S.24) Brie­fe, die manch­mal fast schon ein biss­chen zu viel und zu früh ver­ra­ten, und ein wenig von der Span­nung neh­men. Die Spra­che von Tania Wit­te ist jugend­sprach­lich, leicht und locker, sehr modern und pas­send zur Ziel­grup­pe. Das merkt man an den The­men, über die Paul und Ami­ra sich unter­hal­ten, und der Art, wie sie dies tun. Um Pauls zwie­späl­ti­gen Gefüh­le zu beschrei­ben, hat die Autorin ein inter­es­san­tes KasimiraStil­mit­tel gewählt, das immer öfters in der Geschich­te auf­taucht: Ami­ra box­te mich gegen den Ober­arm, wie jedes Mal, wenn ich in mei­nem Kopf ver­schwand. “Du denkst zu viel und teilst zu wenig”, hieß das und meis­tens lag sie damit rich­tig. Es gab in der Tat zwei Pauls: einen in mei­nem Kopf und einen ande­ren, den der Rest der Welt sehen konn­te. Sie hat­ten meist wenig mit­ein­an­der zu tun.” (Zitat S.8) Paul als Cha­rak­ter hat mir sehr gut gefal­len. Er steckt vol­ler gehei­mer Sehn­süch­te und jugend­li­cher Ener­gie. “Außer­dem dach­te ich, dass ich zu viel dach­te, und dann über­leg­te ich, wie ich das abstel­len könn­te, und dar­über dach­te ich dann so lan­ge nach, bis…” (Zitat S.215) Mal ist er in sei­nen kom­li­zier­ten Gedan­ken­gän­gen gefan­gen und mal ein­fach nur am han­deln. Aber eben “Ein­fach nur Paul”. Es geht um Iden­tiät­s­su­che in die­sem Roman, was nicht auf­dring­lich, son­dern mehr so läs­sig neben­bei pas­siert. Teil­wei­se mit Witz und Charme, wenn Paul bei­spiels­wei­se (bei einem KasimiraÜber­ra­schungs­be­such von Ami­ra) mal schnell ins Bad geht “um mein bes­tes Selbst zu suchen. Spoi­ler: Ich fand es nicht.” (Zitat S.102), aber immer mit viel Herz. Die Figu­ren sind schön aus­ge­ar­bei­tet, haben Tief­gang und wir­ken authen­tisch. Beson­ders Pauls klei­ne­re, 14-jäh­ri­ge Schwes­ter, die er nur “Keks” nennt, fand ich höchst bezau­bernd. In einer Sze­ne macht sie Paul extra Waf­feln, um ihn auf jene Sache auf­merk­sam zu machen: “Na ja, bis jetzt muss­te ich mich nicht anstren­gen, damit du mich magst. Du muss­test ja, wir sind schließ­lich Geschwis­ter. Aber wenn wir bloß Papa tei­len und Mama nicht mhr, also DNA-mäßig, dach­te ich, du könn­test eine klei­ne Erin­ne­rung ver­tra­gen, dass man auch Halb­schwes­tern lie­ben muss.” (Zitat S.80) Wäh­rend es im Mit­tel­teil kurz mal etwas ruhi­ger wird, hat mich die Autorin am Ende mit einer Wen­dung dann doch ziem­lich über­rascht. Das Ende ist pas­send, lässt noch Raum für eige­ne Gedanken.

Du magst Tania Wit­tes Erzähl­stil? Dann lies noch ihre bei­den ande­ren Jugend­bü­cher “Die Stil­le zwi­schen den Sekun­den”ein eben­falls sehr bewe­gen­der, tief­grün­di­ger Roman und “Mari­lu”, das mir auch sehr gut gefal­len hat. Oder greif zu den Büchern von Ella Blix, denn hin­ter die­sem Pseud­onym ver­birgt sich nicht nur Ant­je Wag­ner, son­dern auch Tania Wit­te. GemeinsLesealternativenam geschrie­ben haben sie “Der Schein” und “Wild: Sie hören dich den­ken”. Ein Mäd­chen, das her­aus­fin­det, dass ihr Vater nicht ihr leib­li­cher Vater ist, das fin­det du in die­sen bei­den Roma­nen “Schwei­gen ist Gold­fisch” von Anna­bel Pit­cher und “Die­se eine Lüge” von Dan­te Mede­ma. Als Baby in der Kli­nik ver­tauscht und bei “fal­schen” Eltern auf­ge­wach­sen, das ist die Prot­ago­nis­tin in “Herz­mu­schel­som­mer” von Julie Leu­ze. Sehr emp­feh­len kann ich auch “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Cla­re Fur­niss und “Mari­en­kä­fer­ta­ge” von Uticha Mar­mon. In letz­te­rem fin­det die Haupt­fi­gur her­aus, dass sie adop­tiert wur­de. Auf die Suche nach dem rich­ti­gen Vater macht sich auch das Mäd­chen in “Bis ich ihn fin­de: Die Geschich­te einer Vater­su­che” von Chrsti­ne Fehér.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60684-2
Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 272
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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