“Diese eine Lüge” von der amerikanischen Autorin Dante Medema ist ein Roman, der ein junges Mädchen in den Mittelpunkt stellt, das durch ein Schulprojekt herausfindet, dass sie nicht das leibliche Kind ihres Vaters ist. Eine Suche nach den eigenen Wurzeln, der eigenen Identität und die Geschichte einer zarten Liebe. Ein Buch, das in einer besonderen Art und Weise erzählt wird. Zum Teil in Kurznachrichten, E‑Mails und vor allem in Versform. Anders, bewegend und intensiv. Für Jugendliche ab 13 Jahre und interessierte Erwachsene.
Alaska. In einer kleinen (fiktiven) Stadt namens Tundra Cove. Cordelia, genannt Delia, beginnt ein besonderes Schulprojekt. “Ich habe das Gentest-Set schon bestellt. In den nächsten Tagen fange ich damit an, meine Herkunft zu erforschen und darüber Gedichte zu schreiben. Und dann kommt endlich ans Licht, dass ich adoptiert bin.” (Zitat aus “Diese eine Lüge” S.10) Denn das glaubt Delia schon seit Längerem. Dass sie anders ist wie ihre zwei Schwestern. Dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist. Jetzt will sie es endlich beweisen. Ihr zugeteilter Partner für das Schulprojekt ist Kodiak. Der Junge, der Gitarre spielt, Gedichte schreibt und den sie schon seit Ewigkeiten kennt und in den sie heimlich verliebt ist. “Er war der Junge, der
mich pfeifen lehrte./Und als seine Lippen ein kleines O formten,/ spürte ich zum ersten Mal,/ wie mein Herz aussetzte./ Er war derjenige,/ dem ich mein erstes Gedicht zeigte,/ und das war in Ordnung,/ denn auch er zeigte mir seine Gedichte./ Kodiak war mein bester Freund,/ noch bevor ich überhaupt wusste,/ wer Sana war.” (Zitat S.21) Doch Kodiak ist einen anderen Weg gegangen. Hat sich mit Liv eingelassen und wäre fast Vater geworden. Aber sie trieb ab. “Wie er sie ansah./ Ich hatte mir immer gewünscht,/ er würde mich so ansehen./ Wie er sie küsste./ So hatte ich es mir immer gewünscht.” (Zitat S.23) Aber nun scheinen Kodiak und Delia sich langsam wieder einander anzunähern. Denn Unterstützung kann Delia momentan nicht nur von ihrer besten Freundin Sana gut gebrauchen, denn das DNA-Testergebnis ist erschüt
ternd. Ein gewisser Jack Bisset ist ihr Vater. Ein ihr unbekannter Vater. Ihre Mutter hatte eine Affäre. Und es kommt noch schlimmer. Nicht einmal ihr Vater, der der Delia aufgezogen hat, scheint davon zu wissen… wie soll das Mädchen nur mit all dem umgehen?
Das Cover ist schlicht und fast ein bisschen unauffällig (im Gegensatz zum amerikanischen Originalcover, siehe unten). Dennoch sagt der abgebildete DNA-Strang bereits einiges aus. Wie es ist hinter eine Lebenslüge zu kommen, das beschreibt die amerikanische Autorin Dante Medema, die in Alaska lebt, auf sehr einfühlsame Weise. Das Buch hat 373 Seiten, liest sich aber aufgrund des eingerückten Versmaßes und der geringen Textmenge pro Seite relativ schnell. An die Erzählart muss man sich zu Beginn erst ein wenig gewöhnen, vor allem an die in Versform zu schreiben: “Weil er letztes Jahr, als er/ beim Slam-Poetry-Wettbewerb las,/ zersprang, frei wie die Seeadler/ die nahe der Bucht leben./ Seine Arme spreizen sich zu Flügeln aus,/ es ist zu sehen,/ wie sein Brustkorb bebt./ Wer in der Schule wagt ein Urteil?” (Zitat S.16) Das muss man mögen. Darauf muss man sich einlassen (wollen). Dennoch gelingt es der Autorin durch diese Ausdrucksweise eine besondere Intensivität und Emotionalität zu schaffen. Die kraftvolle Sprache transportiert die Gefühle der Protagonistin, die in Ich-Form schreibt, sehr deutlich. Ein Mädchen, dessen Leben v
öllig auf den Kopf gestellt wird und die in einen noch zusätzlichen Konflikt gestürzt wird, in dem ihre Mutter sie darum bittet ihrem (ehemals, vermeintlichen) Vater nichts von der Affäre zu erzählen. Die eingeschobenen E‑Mails von einer Lehrerin, von dem Gentest-Hersteller, von Delias leiblichem Vater und die Kurznachrichten zwischen Delia und Kodiak, ihrer Schwester Bea und ihrer besten Freundin Sana lockern den Erzählfluss auf. Die Charaktere in “Diese ein Lüge” sind sehr schön gezeichnet, entwickeln sich langsam und werden oft sehr ausdrucksstark präsentiert: “Sana brüllt, wenn sie sauer ist./ Schimpfwörter gehören zu Sana/ wie ihr eigener Atem./ Und sie provoziert gern/ und feiert gern/ und manchmal raucht sie Gras./ Sie hält keine Regeln ein,/ nur ihre eigenen./ Wir passen eigentlich/ nicht zusammen./ Aber Sana bewundert alles,/ was ich tue. Sie lauscht meinen Gedichten, noch bevor/ ich sie jemandem zeige.” (Zitat S.44) Das Ende ist spannend, berührend und sehr passend.
Fazit: Ein intensives Leseerlebnis der besonderen Art! Abseits des Mainstreams.
Du möchtest noch mehr Bücher in Versform lesen? Hier gibt einige Alternativen. Lies zum Beispiel “Die Sprache des Wassers” oder “Eins” von Sarah Crossan. Etwas älter sind “Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus” von Virginia E. Wolff oder “In Liebe, Brooklyn” von
Lisa Schroeder (berührend!) oder “Crank” von Ellen Hopkins. Mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde “Ich weiß heute Nacht werde ich träumen” von Steven Herrick. Lies noch sein erstes Buch, ebenfalls in Versform geschrieben: “Wir beide wussten, es war was passiert”. Gut gefiel mir zudem “Long way down” von Jason Reynolds. Dich interessiert die Thematik um die eigenen Wurzeln? Dann greif zu “Marienkäfertage” von Uticha Marmon, hier entdeckt die zufällig Protagonistin, dass sie adoptiert wurde. Als Kind im Krankenhaus vertauscht und nicht bei den leiblichen Eltern aufgewachsen? Das findest du mit viel Einfühlungsvermögen und einem Hauch Romantik in “Herzmuschelsommer” von Julie Leuze. Dass sie nicht das leibliche Kind ihres Vaters ist, sondern das eines Samenspenders, auf diese Wahrheit stößt die Hauptfigur in dem ergreifenden “Schweigen ist Goldfisch” von Annabel Pitcher. Eine Neuerscheinung von diesem Jahr wäre außerdem noch “Bis ich ihn finde: Die Geschichte einer Vatersuche” von Christine Fehér.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann ISBN: 978-3-522-20271-8 Erscheinungsdatum: 15.Oktober 2020 Einbandart: Hardcover Preis: 18,00€ Seitenzahl: 384 Übersetzer: Bettina Obrecht Originaltitel: "The truth project" Originalverlag: Quill Tree Books Amerikanisches Originalcover:
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)
-------------------------------------------- Amerikanisches Cover: Homepage von Dante Medema

Verlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20271-8
Erscheinungsdatum: 15.Oktober 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Bettina Obrecht
Originaltitel: "The truth project"
Originalverlag: Quill Tree Books
Amerikanisches Originalcover:
