Dante Medema — Diese eine Lüge

Kasimira3.November 2020

Die­se eine Lüge” von der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Dan­te Mede­ma ist ein Roman, der ein jun­ges Mäd­chen in den Mit­tel­punkt stellt, das durch ein Schul­pro­jekt her­aus­fin­det, dass sie nicht das leib­li­che Kind ihres Vaters ist. Eine Suche nach den eige­nen Wur­zeln, der eige­nen Iden­ti­tät und die Geschich­te einer zar­ten Lie­be. Ein Buch, das in einer beson­de­ren Art und Wei­se erzählt wird. Zum Teil in Kurz­nach­rich­ten, E‑Mails und vor allem in Vers­form. Anders, bewe­gend und inten­siv. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­re und inter­es­sier­te Erwachsene.

Alas­ka. In einer klei­nen (fik­ti­ven) Stadt namens Tun­dra Cove. Cor­de­lia, genannt Delia, beginnt ein beson­de­res Schul­pro­jekt. “Ich habe das Gen­test-Set schon bestellt. In den nächs­ten Tagen fan­ge ich damit an, mei­ne Her­kunft zu erfor­schen und dar­über Gedich­te zu schrei­ben. Und dann kommt end­lich ans Licht, dass ich adop­tiert bin. (Zitat aus “Die­se eine Lüge” S.10) Denn das glaubt Delia schon seit Län­ge­rem. Dass sie anders ist wie ihre zwei Schwes­tern. Dass sie nicht das leib­li­che Kind ihrer Eltern ist. Jetzt will sie es end­lich bewei­sen. Ihr zuge­teil­ter Part­ner für das Schul­pro­jekt ist Kodiak. Der Jun­ge, der Gitar­re spielt, Gedich­te schreibt und den sie schon seit Ewig­kei­ten kennt und in den sie heim­lich ver­liebt ist. “Er war der Jun­ge, der Kasimiramich pfei­fen lehrte./Und als sei­ne Lip­pen ein klei­nes O formten,/ spür­te ich zum ers­ten Mal,/ wie mein Herz aussetzte./ Er war derjenige,/ dem ich mein ers­tes Gedicht zeigte,/ und das war in Ordnung,/ denn auch er zeig­te mir sei­ne Gedichte./ Kodiak war mein bes­ter Freund,/ noch bevor ich über­haupt wusste,/ wer Sana war.” (Zitat S.21) Doch Kodiak ist einen ande­ren Weg gegan­gen. Hat sich mit Liv ein­ge­las­sen und wäre fast Vater gewor­den. Aber sie trieb ab. “Wie er sie ansah./ Ich hat­te mir immer gewünscht,/ er wür­de mich so ansehen./ Wie er sie küsste./ So hat­te ich es mir immer gewünscht.” (Zitat S.23) Aber nun schei­nen Kodiak und Delia sich lang­sam wie­der ein­an­der anzu­nä­hern. Denn Unter­stüt­zung kann Delia momen­tan nicht nur von ihrer bes­ten Freun­din Sana gut gebrau­chen, denn das DNA-Test­ergeb­nis ist erschütKasimiraternd. Ein gewis­ser Jack Bis­set ist ihr Vater. Ein ihr unbe­kann­ter Vater. Ihre Mut­ter hat­te eine Affä­re. Und es kommt noch schlim­mer. Nicht ein­mal ihr Vater, der der Delia auf­ge­zo­gen hat, scheint davon zu wis­sen… wie soll das Mäd­chen nur mit all dem umgehen?

Das Cover ist schlicht und fast ein biss­chen unauf­fäl­lig (im Gegen­satz zum ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal­co­ver, sie­he unten). Den­noch sagt der abge­bil­de­te DNA-Strang bereits eini­ges aus. Wie es ist hin­ter eine Lebens­lü­ge zu kom­men, das beschreibt die ame­ri­ka­ni­sche Autorin Dan­te Mede­ma, die in Alas­ka lebt, auf sehr ein­fühl­sa­me Wei­se. Das Buch hat 373 Sei­ten, liest sich aber auf­grund des ein­ge­rück­ten Vers­ma­ßes und der gerin­gen Text­men­ge pro Sei­te rela­tiv schnell. An die Erzähl­art muss man sich zu Beginn erst ein wenig gewöh­nen, vor allem an die in Vers­form zu schrei­ben: “Weil er letz­tes Jahr, als er/ beim Slam-Poe­try-Wett­be­werb las,/ zer­sprang, frei wie die Seeadler/ die nahe der Bucht leben./ Sei­ne Arme sprei­zen sich zu Flü­geln aus,/ es ist zu sehen,/ wie sein Brust­korb bebt./ Wer in der Schu­le wagt ein Urteil?” (Zitat S.16) Das muss man mögen. Dar­auf muss man sich ein­las­sen (wol­len). Den­noch gelingt es der Autorin durch die­se Aus­drucks­wei­se eine beson­de­re Inten­si­vi­tät und Emo­tio­na­li­tät zu schaf­fen. Die kraft­vol­le Spra­che trans­por­tiert die Gefüh­le der Prot­ago­nis­tin, die in Ich-Form schreibt, sehr deut­lich. Ein Mäd­chen, des­sen Leben vKasimiraöllig auf den Kopf gestellt wird und die in einen noch zusätz­li­chen Kon­flikt gestürzt wird, in dem ihre Mut­ter sie dar­um bit­tet ihrem (ehe­mals, ver­meint­li­chen) Vater nichts von der Affä­re zu erzäh­len. Die ein­ge­scho­be­nen E‑Mails von einer Leh­re­rin, von dem Gen­test-Her­stel­ler, von Deli­as leib­li­chem Vater und die Kurz­nach­rich­ten zwi­schen Delia und Kodiak, ihrer Schwes­ter Bea und ihrer bes­ten Freun­din Sana lockern den Erzähl­fluss auf. Die Cha­rak­te­re in “Die­se ein Lüge” sind sehr schön gezeich­net, ent­wi­ckeln sich lang­sam und wer­den oft sehr aus­drucks­stark prä­sen­tiert: “Sana brüllt, wenn sie sau­er ist./ Schimpf­wör­ter gehö­ren zu Sana/ wie ihr eige­ner Atem./ Und sie pro­vo­ziert gern/ und fei­ert gern/ und manch­mal raucht sie Gras./ Sie hält kei­ne Regeln ein,/ nur ihre eigenen./ Wir pas­sen eigentlich/ nicht zusammen./ Aber Sana bewun­dert alles,/ was ich tue. Sie lauscht mei­nen Gedich­ten, noch bevor/ ich sie jeman­dem zei­ge.” (Zitat S.44) Das Ende ist span­nend, berüh­rend und sehr passend.

Fazit: Ein inten­si­ves Lese­er­leb­nis der beson­de­ren Art! Abseits des Mainstreams.

Du möch­test noch mehr Bücher in Vers­form lesen? Hier gibt eini­ge Alter­na­ti­ven. Lies zum Bei­spiel “Die Spra­che des Was­sers” oder “Eins” von Sarah Crossan. Etwas älter sind “Wenn dir das Leben eine Zitro­ne gibt, mach Limo­na­de draus” von Vir­gi­nia E. Wolff oder “In Lie­be, Brook­lyn” von LesealternativenLisa Schroe­der (berüh­rend!) oder “Crank” von Ellen Hop­kins. Mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net wur­de “Ich weiß heu­te Nacht wer­de ich träu­men” von Ste­ven Her­rick. Lies noch sein ers­tes Buch, eben­falls in Vers­form geschrie­ben: “Wir bei­de wuss­ten, es war was pas­siert”. Gut gefiel mir zudem Long way down” von Jason Rey­nolds. Dich inter­es­siert die The­ma­tik um die eige­nen Wur­zeln? Dann greif zu Mari­en­kä­fer­ta­ge” von Uticha Mar­mon, hier ent­deckt die zufäl­lig Prot­ago­nis­tin, dass sie adop­tiert wur­de. Als Kind im Kran­ken­haus ver­tauscht und nicht bei den leib­li­chen Eltern auf­ge­wach­sen? Das fin­dest du mit viel Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und einem Hauch Roman­tik in “Herz­mu­schel­som­mer” von Julie Leu­ze. Dass sie nicht das leib­li­che Kind ihres Vaters ist, son­dern das eines Samen­spen­ders, auf die­se Wahr­heit stößt die Haupt­fi­gur in dem ergrei­fen­den “Schwei­gen ist Gold­fisch” von Anna­bel Pit­cher. Eine Neu­erschei­nung von die­sem Jahr wäre außer­dem noch “Bis ich ihn fin­de: Die Geschich­te einer Vater­su­che” von Chris­ti­ne Fehér.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20271-8
Erscheinungsdatum: 15.Oktober 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Bettina Obrecht
Originaltitel: "The truth project"
Originalverlag: Quill Tree Books

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Dante Medema