C.G. Drews — The boy who steals houses, the girl who steals his heart

Kasimira16.Oktober 2022

Wenn du die­ses Jahr nur noch ein Buch lesen willst, dann lies das hier: “The boy who ste­als houses, the girl who ste­als his heart” von der aus­tra­li­schen Autorin C.G.Drews. Eine Geschich­te über einen Jun­gen, der obdach­los ist und in Häu­ser ein­bricht, um dort zu schla­fen und für sei­nen autis­ti­schen Bru­der zu sor­gen. Bis er eines Tages von einer Groß­fa­mi­le erwischt wird und durch ein Miss­ver­ständ­nis einen gan­zen Tag mit ihnen ver­bringt. Doch sei­ne Ver­gan­gen­heit holt ihn rasch ein, dabei sehnt er sich nur nach einem — einem rich­ti­gen Zuhau­se. Ein groß­ar­ti­ger Roman — tra­gisch, trau­rig und zugleich vol­ler Hoff­nung und Her­zens­wär­me. Unglaub­lich berüh­rend und emo­tio­nal erzählt. Die­se Geschich­te hat das Zeug zum moder­nen Klas­si­ker! Ganz kla­re Lese­emp­feh­lung!! Auch als Schul­lek­tü­re bes­tens geeig­net. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwachsene.

Der obdach­lo­se 15-jäh­ri­ge Sam hat Talent dafür, sich unsicht­bar zu machen. Und das muss er auch. Denn er bricht regel­mä­ßig in Häu­ser ein. “Es war nicht immer so, dass er Sachen aus Häu­sern gestoh­len hat. Als er vier­zehn war und sich ver­zwei­felt nach einem Dach überm Kopf — nach einem Zuhau­se — sehn­te, ist er bloß ein­ge­bro­chen, um in den Bet­ten zu schla­fen. Sich am Essen zu bedie­nen. So zu tun, als könn­te er für immer blei­ben.” (Zitat aus “The boy who ste­als houses, the girl who ste­als his heart” S.17) Spä­ter hat er dann auch Wert­ge­gen­stän­de und Geld mit­ge­hen las­sen. Die ver­tickt dann sein zwei Jah­re älte­re Bru­der Avery, der ein paar fal­sche Freun­de hat. Avery ist ein Autist und hat öfters Ticks und klei­ne Ner­ven­zu­sam­men­brü­che. Schon immer hat sich Samum ihn geküm­mert. “Nun schläft Avery abwech­selnd im hin­te­ren Teil der Auto­werk­statt, in der er arbei­tet, wobei ihn sein Chef auf kei­nen Fall erwi­schen darf, und hängt mit irgend­wel­chen Zwan­zig­jäh­ri­gen her­um, die ihn mie­se Jobs machen las­sen und ihm erzäh­len, wie nett sie ihn fin­den, wäh­rend er sich freut wie ein auf­ge­reg­ter Wel­pe und nicht rafft, dass sie ihn bloß aus­nut­zen.” (Zitat S.14) Manch­mal ver­prü­gelt Sam ande­re, wenn es sein muss.  Wel­che, die sich über sei­nen Bru­der lus­tig machen. Auch wenn Avery Gewalt über­haupt nicht mag. “Sams Art zuzu­schla­gen macht Avery Angst. Sam macht es auch Angst. Aber was soll er tun? Er hat doch kei­ne Wahl.” (Zitat S.19) In letz­ter Zeit strei­ten sich die Brü­der immer öfters. Avery will ein Auto klau­en und ein­fach abhau­en. Er glaubt nicht mehr an ihren gemein­sa­men Traum, den sie als Kin­der ein­mal hat­ten: “Ich bin noch nicht mal acht­zehn. Und du bist ein gesuch­ter Ver­bre­cher. Nie­mals wer­den wir uns ein eige­nes Haus leis­ten kön­nen.” (Zitat S.21) Doch Sam hält wei­ter dar­an fest. In sei­nem Ruck­sack sam­melt er Haus­tür­schlüs­sel. Von jedem Haus, in das er ein­ge­bro­chen ist, hat er einen. Als Erin­ne­rung. An sei­ne Sehn­sucht, end­lich irgend­wo anzu­kom­men. Aber dann bricht Sam in das Haus der acht­köp­fi­gen Fami­lie De Lai­ney ein. “Es ist ein wil­des Durch­ein­an­der aus Kunst­wer­ken und Beu­teln und Taschen und so vie­len ver­streu­ten Lego­bau­stei­nen, dass man mei­nen könn­te, der Besit­zer habe ver­sucht, die obe­re Eta­ge für Ein­dring­lin­ge unpas­sier­bar zu machen. Doch trotz all dem Cha­os strahlt die­ses Haus Wär­me aus. Gemüt­lich­keit. Hier fin­det Leben statt. Sol­che Häu­ser mag Sam am liebs­ten.” (Zitat S.30ff) Und weil er sich etwas krank fühlt, nimmt er ein Medi­ka­ment ein, das ihn viel län­ger schla­fen lässt, als er eigent­lich woll­te. Er wacht zu spät auf und plötz­lich ist die gan­ze Fami­lie wie­der zurück. Aber anstatt ertappt zu wer­den, wird er freund­lich auf­ge­nom­men: “Hey, Kum­pel, hab dich gar nicht erkannt”, sagt er. “Du bist ein Freund von Jere­my, oder? Er schleppt stän­dig neue Leu­te an, so vie­le Gesich­ter kann ich mir echt nicht mer­ken, sor­ry. Du weißt wohl noch nicht, wie das sonn­tags hier läuft? Schnapp dir lie­ber schnell ’nen Tel­ler, oder du lan­dest auf dem Fuß­bo­den bei den Kid­dies.” (Zitat S.46) Und Jere­my hält ihn für Kasimiraeinen Freund von Moxie, dem Mäd­chen, das unge­fähr gleich alt ist, wie Sam. Und so wird Sam nicht nur zum Essen ein­ge­la­den, son­dern geht sogar noch mit an den Strand. “Natür­lich ist es kom­plet­ter Irr­sinn, mit ihnen mit­zu­ge­hen. […] Aber die Ver­lo­ckung war ein­fach zu groß — unter Men­schen zu sein, die sich die sal­zi­ge Bri­se um die Nase wehen las­sen und rumal­bern, für die jeder Tag ein ein­zi­ges gro­ßes Aben­teu­er zu sein scheint” (Zitat S.59) Immer wie­der zieht es Sam hin zur Fami­lie De Lai­ney. Doch was, wenn auf­fliegt, wer er wirk­lich ist? Bald kommt er Moxie uner­war­tet näher…

Das Cover ist wun­der­schön, auch der Titel aus­ge­spro­chen bril­lant gewählt, so sagt er in einem Satz doch bereits das Wesent­li­che des Buches aus. Inter­es­san­ter­wei­se fin­det man zu Beginn fol­gen­de Wid­mung: “Nach­richt an den Fin­der: Bit­te zu den De Lai­neys zurück­brin­gen” (Zitat S.5) Schon der ers­te Satz kata­pul­tiert den Leser mit­ten ins Gesche­hen: “Wenn es nicht so dun­kel gewe­sen wäre und wenn sei­ne Fin­ger von getrock­ne­tem Blut nicht so steif gewe­sen wären, hät­te er das Schloss in achtund­rei­ßig Sekun­den kna­cken kön­nen.” (Zitat S.7) Die KasimiraGrund­the­ma­tik in “The boy who ste­als houses, the girl who ste­als his heart” ist fas­zi­nie­rend gewählt. Ein Jun­ge, der regel­mä­ßig in Häu­ser ein­bricht und dar­in bis­her auch noch sehr gut ist. Denn Sam scheint alle Tricks zu ken­nen: “Er hält Aus­schau nach ver­rä­te­ri­schen Hin­wei­sen: über­quel­len­den Brief­käs­ten, umge­kipp­ten Müll­ton­nen vorm Haus, die ein­deu­tig schon län­ger so da lie­gen, unge­mäh­tem Rasen, von Unkraut über­wu­cher­ten Blu­men­bee­ten, lee­ren Auf­fahr­ten, zuge­zo­ge­nen Vor­hän­gen, Spinn­we­ben vor den Türen und die­ser voll­kom­me­nen Stil­le, die lee­re Häu­ser umhüllt und einem bedeu­tet, dass man gefahr­los ein­tre­ten kann. Die­se Stil­le ist schwer zu beschrei­ben, aber Sam kann sie spü­ren.” (Zitat S.27) Der Roman ist durch­ge­hend in per­so­na­ler Erzähl­wei­se und aus Sams Sicht geschrie­ben. Ein Jun­ge, der Schwe­res erlebt hat und sich eigent­lich nur nach einem Zuhau­se sehnt. Als Cha­rak­ter ist er unheim­lich gut getrof­fen und kommt sehr authen­tisch her­über. Mir gefiel beson­ders der Humor, die schö­ne Iro­nie, mit der Sam sei­ne Umwelt betrach­tet, und die einem beim Lesen zuwei­len ein Lächeln ins Gesicht zau­bert: “Sam fängt an zu essen. Was sei­ne Ein­brü­che angeht, hat er defi­ni­tiv das nächs­te Level geknackt. Schlüs­sel klau­en, in frem­den Bet­ten schla­fen, sich ein Zuhau­se für eine Nacht ergau­nern — alles Pil­le­pal­le! Er stiehlt jetzt Fami­li­en und ihre Sonn­tags­es­sen.” (Zitat S.49) Und doch spürt man vor allem die Ver­zweif­lung, die den Jun­gen erfüllt. Dies bringt C.G.Drews außer­or­dent­lich bewe­gend her­über. An man­chen Stel­len wird das Buch nahe­zu herz­er­grei­fend, ohne jemals über­trie­ben und unrea­lis­tisch zu sein. “Die haben ja kei­ne Ahnung. Es geht Sam nicht dar­um, Sachen aus Häu­sern zu steh­len. Es geht ihm dar­um, die Häu­ser zu steh­len. Und die Schlüs­sel hor­tet er, weil jeder ein­zel­ne ihn dar­an erin­nert, wonach er sich am meis­ten sehnt, und er braucht die­se Sehn­sucht wie die Luft zum Atmen. Gera­de droht er zu ersti­cken.” (Zitat S.158) Sein beson­de­res Schick­sal wird in den Rück­blen­den noch greif­ba­rer. Es gibt gan­ze Kapi­tel, die mit “Vor­her” beti­telt wer­den und Jahr für Jahr (begin­nend mit dem Alter von 7 Jah­ren) beschrei­ben, wie Sam bei einem Vater auf­wach­sen muss­te (die Mut­ter ist abge­hau­en), der äußerst gewalt­tä­tig ist und mit dem autis­ti­schen Avery über­haupt nicht umge­hen kann. “Sein Vater knallt die Tür zu, tritt mit vol­ler Wucht dagegKasimiraen und steigt dann auf der Fah­rer­sei­te ein. Sam­my kann nicht atmen. In ihm lodert es und bro­delt es. Du darfst Avery nicht so ver­prü­geln. Das darfst du nicht. Er streckt die zit­tern­den Fin­ger nach sei­nem Bru­der aus. Sei­nem Bru­der, der sich nun nicht mehr rührt und kei­nen Ton mehr von sich gibt. Der end­lich brav ist. Avery sieht aus wie eine zer­fetz­te Pup­pe.” (Zitat S.38) Auch Tan­te Karen, zu der ihr Vater sie irgend­wann steckt, will die Brü­der im Grun­de nicht haben. Doch die­se Ver­gan­gen­heit prägt Will, lehrt ihn auf gewis­se Wei­se eben­so mit Gewalt Pro­ble­me zu lösen, wie es sein Vater getan hat. “Wenn ande­re Kin­der Avery weh tun, bleibt ihm doch gar nichts ande­res übrig, als sie zu schla­gen, oder? So wie die Jungs heu­te in der Mit­tags­pau­se, die Avery hin­ter­her­ge­lau­fen sind und sei­ne Ticks nach­ge­äfft und sich gemei­ne Spitz­na­men für ihn aus­ge­dacht haben. Sam­my muss­te dafür sor­gen, dass sie damit auf­hö­ren. Er muss­te ein­fach. Trotz­dem ist er nicht wie sein Vater. Nie und nim­mer wür­de Sam­my so weit gehen wie er.” (Zitat S.135) Sei­ne Tan­te hat die bei­den Kin­der des Öfte­ren auch vor die Tür gesetzt, wenn sie mit ihnen nicht klar kam. Sam war acht Jah­re alt, als sie das ers­te Mal auf die Idee gekom­men sind in ein Haus ein­zu­bre­chen. “Wenn Tan­te Karen uns nicht haben will, suchen wir uns eben ein­fach unser eige­nes Haus.” Sam­my nimmt Avery an die Hand, um mit ihm über die Stra­ße zu gehen. “Kannst du so was?”, flüs­tert Avery. “Häu­ser klau­en?” “Klar”, sagt Sam­my. “Klar kann ich das.” (Zitat S.96) Durch die Rück­blen­den wird ein immer deut­li­che­res Bild von Sam gezeich­net. Man wünscht sich so sehr, dass es ein Hap­py-End für ihn geben wird, dass er ein Zuhau­se fin­den und Zuge­hö­rig­keits­ge­füh­le ent­wi­ckeln darf. Dass sich auch mal jemand um ihn küm­mert und sich um ihn sorgt. Die Lie­bes­ge­schich­te ist sehr behut­sam und nicht zu auf­dring­lich in das Buch ein­ge­baut. “Sam spürt, wie sie ihre Schul­ter kaum merk­lich gegen sei­ne lehnt. Es ist nur ein ganz leich­terDruck, aber es fühlt sich warm an und wun­der­bar und über­haupt. Und er lässt sich dar­auf ein. Nur ein biss­chen. Er will den Moment ja nicht kaputt machen. So dumm ist er nun auch wie­der nicht. Und trotz­dem hat er in die­sem klit­ze­klei­nen Augen­blick zum ers­ten Mal seit lan­gem das Gefühl, jemand fin­det es ein­fach nur schön, dass er da ist.” (Zitat S.210) Sprach­lich gese­hen ist “The boy who ste­als houses, the girl who ste­als his heart” eher locker erzählt und liest sich sehr flüs­sig. Es gibt aber auch Stel­len, die vor sprach­li­cher Schön­heit glän­zen und die man ein­fach nur unter­strei­chen möch­te: “Ich wuss­te nicht, wo ich hin­soll, will er sagen. Ich bin der Jun­ge, der nichts hat und nir­gend­wo hin­ge­hört. Ich bin unsicht­bar und von der Welt ver­ges­sen und steh­le Staub und Spinn­we­ben und Haus­tür­schlüs­sel.” (Zitat S.188) Das Ende rührt zu Trä­nen, ist rea­lis­tisch und versöhnend.

LesealternativenLei­der gibt es im Deut­schen bis­her nur die­ses eine Buch von C.G. Drews. Im Eng­li­schen könn­test du noch “A thousand per­fect notes” von ihr lesen, das eben­so Gewalt in der Fami­lie the­ma­ti­siert und eine Lie­bes­ge­schich­te mit ein­ge­bun­den hat. Hof­fent­lich wird die­ses auch bald über­setzt wer­den! Zum The­ma Ein­bruch fie­len mir sofort die­se bei­den Bücher ein, die sehr zu emp­feh­len sind: “Sear­ching Lucy” von Chris­ti­na Stein und “Luft­schlös­ser sind schwer zu kna­cken” von Ant­je Leser. Eigent­lich nur geliebt wer­den möch­te auch die Prot­ago­nis­tin in dem gran­dio­sen “Ich war der Lärm, ich war die Käl­te” von Jen­ny Downham.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5943-6
Erscheinungsdatum: 28.September 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: Britta Keil
Originaltitel: "The boy who steals houses, the girl who steals his heart"
Originalverlag: Hachette

Australisches Originalcover:
Kasimira











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Australisches Cover: Homepage von Hachette UK

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