“Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist” von der norwegischen Autorin und Schauspielerin Iben Akerlie ist ein Roman, der nach Norwegen entführt. Nora soll ihre Sommerferien bei ihrer Oma verbringen, die sie bisher nur selten gesehen hat. Davon ist sie gar nicht begeistert. Doch das ändert sich, als sie Abbas kennenlernt, mit dem sie die Tage in der Natur verbringt. Abbas Familie kommt aus Afghanistan, er wurde jedoch in Norwegen geboren. Trotzdem muss er sich in dem Dorf immer wieder diskriminierenden Bemerkungen anhören. Und dann erfährt Nora noch etwas über seine Vergangenheit, das sie besser nicht gewusst hätte… Eine sehr einfühlsam und authentisch erzählte Sommergeschichte mit Tiefgang. Über Familie, Freundschaft, die Entwicklung einer zarten Liebe, Ausgrenzung und Rassismus. Federleicht und sommeranmutig-schön, aber auch voller Ernsthaftigkeit und zum Nachdenken anregend. Die perfekte Ferienlektüre für Jugendliche ab 10 Jahren.
Nora muss in den Sommerferien zu ihrer Oma. Darauf hat sie allerdings überhaupt keine Lust. “Ich will nicht zu Oma.” Meine Stimme verschwindet im Kissen. “Du kannst nicht den ganzen Sommer in der Stadt verbringen, Nora, das wäre zu schade.” “Aber Thilo bleibt doch auch hier…” “Thilo ist ein Jahr alt”, sagt Mama.” (Zitat aus “Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist” S.5) Nora hat ihre Oma nur sehr selten bisher gesehen. Auch verstehen sich ihre Mutter und ihre Oma nicht immer gut. Als Journalistin hat Noras Oma viel
von der Welt gesehen, doch jetzt ist sie im Ruhestand und hat mehr Zeit. Allerdings wohnt sie ziemlich abgelegen. “Oma wohnt weit draußen auf Land, mitten im Wald. Ihr Haus ist so weit weg von der Stadt, dass ich oft gedacht habe, sie muss zur Strafe dort wohnen. Sie muss irgendwas Schlimmes angestellt haben, weshalb sie bis an ihr Lebensende dort wohnen bleiben muss. Und jetzt soll ich einen ganzen Sommer bei ihr verbringen?” (Zitat S.6) Obwohl Nora sehr wütend auf ihre Mutter ist und sich bei der Verabschiedung nicht mal blicken lässt und sich in dem neuen Zimmer bei ihrer Oma einschließt, muss sie bleiben. Nach der Meinung ihrer Mutter soll sie den Sommer genießen und möglichst Freunde finden. “Mamas größter Wunsch ist, dass ich jemanden kennenlerne. Sie kann kaum verbergen, wie enttäuscht sie ist, wenn ich alleine von der Schule nach Hause komme. Manchmal trödele ich besonders lange auf derm Heimweg, nur um zu erzählen, dass ich noch bei jemandem aus der Klasse zu Hause war oder mit den anderen auf den Bolzplatz gegangen bin. Aber ich weiß, dass sie weiß, dass ich keine Freunde habe.” (Zitat S.12ff) Doch dann trifft Nora tatsächlich jemanden. Im Wald, auf einer Lichtung. Abbas. Ein Junge,
den auch Oma kennt und dessen Familie aus Afghanistan kommt. “Für eine Minisekunde begegnen sich unsere Augen, dann schauen wir beide schnell wieder weg. Ich kann kaum beschreiben, was in der Sekunde in meinem Körper passiert; es ist ein bisschen so, als würden alle Zellen tanzen, aber nicht zusammen, sondern jede für sich, sodass ich plötzlich etwas im Brustkorb spüre, bevor es im Bauch kribbelt oder ich das Gefühl habe, ein Prickeln im Hals wahrzunehmen. Er hat die grünsten Augen, die ich je gesehen habe.” (Zitat S.31) Bald sind die beiden unzertrennlich und verbringen fast jeden Tag in der Natur zusammen. Es scheint der beste Sommer ihres Lebens zu werden. Aber dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse, als Nora mehr über Abbas Vergangenheit herausfindet und sie mehrmals beobachten muss, wie Abbas von einer Dorfbewohnerin mit üblen Bemerkungen diskriminiert wird…
Das Cover von “Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist” ist ein echter Traum! Fängt perfekt die ländliche Sommeridylle ein.
Erzählt wird das Buch durchgängig aus Noras Sicht in der Ich-Perspektive. Ein sehr sympathisches Mädchen, in das man sich gut einfühlen kann. Das an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht und sich selbst nicht mehr als Kind sieht, aber eben auch noch nicht vollkommen erwachsen ist. Mit einer angenehmen und einfühlsamen Situationskomik fängt Iben Akerlie dieses Gefühl ein: “Deine Mutter findet auch”, fährt sie fort, “dass ich nicht so gut mit Kindern kann.” Ich weiß nicht, was ich sagen soll. “Ich bin kein Kind”, sage ich versuchshalber. […] “Was bist du denn dann?”, fragt Oma. Ich kaue. Schlucke. “Weiß nicht”, antworte ich, “eine Art… Zwischenmensch vielleicht?” Oma lächelt.” (Zitat S.21) Auch ihre Beziehung zur Oma, die sich langsam zu verändern beginnt, wird sehr sensibel beschrieben. Denn während Nora zu Beginn hauptsächlich in sich gekehrt und eher etwas bockig ist — “Nach einer Weile merke ich, dass ich großen Hunger habe. Essen ist das Problem. Ohne
Essen kann ich nicht überleben, und ich kann es mir nicht selbst beschaffen. Ich bin gezwungen, mit Oma zu essen oder zumindest von ihren Vorräten zu essen. Vielleicht sollte ich auch ein bisschen mit ihr reden.” (Zitat S.20) — beginnt sie sich ihrer Oma schließlich etwas zu öffnen. Der Oma, die zwar direkt ist, aber sie nicht zu Gesprächen drängt, wie ihre Mutter. Die ihr Raum gibt sich selbst zu entfalten, dennoch signalisiert, für sie dazu sein. Die Sprache in “Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist” ist sehr einfach und klar. Oft sehr kurze Sätze, gut verständlich und flüssig lesbar. Die Autorin nimmt ihre Figuren ernst und schafft es ihre Sorgen und Probleme authentisch zu beschreiben. Vor allem die Themen Rassismus und Diskriminierung sind sehr passend in den Roman eingebaut. Aber auch das Thema Krieg (in Afghanistan) wird aufgegriffen. “Es ist komisch, gleichzeitig an Abbas und an Krieg zu denken. Die Gefühle gehören nicht zusammen. Ich will nur an Abbas denken, nicht an Krieg
.” (Zitat S.46) Iben Akerlie zeigt, dass trotz Sommeridylle und Ferienstimmung, trotz Abenteuerlust in der Natur und Tage am See auch ernste Themen auf kluge Art und Weise in einen Roman mit eingebunden werden können. Dass ihre Protagonisten auch an falschen Entscheidungen wachsen und vor allem über sich hinauswachsen können. Dass sie lernen ihre Stimme zu erheben und nicht wegzuschauen. Dass Lügen schützen können und die Wahrheit weh tun kann, sie aber trotzdem gesagt werden muss. Und dass manche Dinge unvergesslich sein werden — so wie dieser Sommer. Das Ende ist passend und berührend.
Dir gefällt der Erzählstil von Iben Akerlie? Dann lies noch ihren Debütroman, der in Norwegen übrigens von 10.000 Kindern zum besten Buch
Norwegens gewählt wurde. Es heißt: “Lars, mein Freund”. Du magst Sommergeschichten für dieselbe Altersgruppe? Sehr empfehlen kann ich dir “Elefantensommer” von Holly Goldberg Sloan, “Ein Sommer, der nie enden soll” von Debbi Michiko Florence und “Das grüne Königreich” von Cornelia Funke/Tammi Hartung. Eine Sommergeschichte mit ernsten Themen findest du außerdem bei “Wovon ich träume” von Kyle Lukoff und bei “Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte” von Chan Crystal. Sehr gelungen sind auch “Wolf” von Saša Stanišić (hier geht es ebenfalls um Ausgrenzung) und “Julia und der Hai” von Kiran Millwood Hargrave. Dich interessiert das Thema Rassismus? Ab 12 Jahren gibt es noch folgende Bücher: “Weiße Tränen” von Kathrin Schrocke, “Goldene Steine” von Cornelia Franz und “Egal war gestern” von Jörg Isermeyer (erscheint im August 2024).
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7512-0417-0 Erscheinungsdatum: 12.April 2024 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 176 Übersetzer*in: Laura Rosendorfer, Ina Kronenberger Originaltitel: "Den sommer alting skete" Originalverlag: Gyldendal Norwegisches Originalcover:
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Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0417-0
Erscheinungsdatum: 12.April 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 176
Übersetzer*in: Laura Rosendorfer, Ina Kronenberger
Originaltitel: "Den sommer alting skete"
Originalverlag: Gyldendal
Norwegisches Originalcover:
