“Wild: Sie hören dich denken” ist das zweite Werk von Ella Blix, hinter deren Pseudonym sich die deutschen Autorinnen Antje Wagner und Tania Witte verbergen. Ein Nature-Science-Thriller der besonderen Art, der in ein abgelegenes Camp inmitten des Waldes entführt, wo eine Gruppe jugendlicher Straftäter resozialisiert werden soll. Ein großes Abenteuer, ein Geflecht von unterschiedlichen Personen mit ihren ganz eigenen Geheimnissen und etwas Unerwartetem, das im Dickicht lauert. Bedrohlich. Mysteriös. Spannend. “Woodwalkers” für die ältere Generation? Finde es heraus! Jetzt neu als Taschenbuch erschienen. Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
Vier Jugendliche. Ein Strafcamp. Mitten in den Tiefen der Sächsischen Schweiz, in einer “waldreichen Felslandschaft des Elbsandsteingebirges” (Zitat aus “Wild: Sie hören dich denken” S.8). Sie wohnen in spartanischen Holzhütten, dürfen keine elektrischen Geräte mitnehmen. Eine Stunde am Tag wird der Generator angeschaltet, damit sie Licht haben. Es gibt eine Komposttoilette. Und sie müssen zusammen kochen, arbeiten, putzen und Gespräche führen. Ab zehn Uhr dürfen die Hütten nicht mehr verlassen werden. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt
einen Strafpunkt. Bei fünf Strafpunkten fliegt man aus dem Programm und landet gegebenenfalls im Gefängnis. Noomi hingegen ist absichtlich im Camp gelandet. Sie hat die Scheibe eines Juweliergeschäfts zertrümmert, ehe sie erwischt wurde: “Der Anwalt betitelte es als Ausrutscher, als einen Moment, in dem sie die Kontrolle verloren habe. […] Für den Schaden musste sie aufkommen, aber das Verfahren wurde eingestellt. Und: Sie schickten sie in das Camp Feel Nature. Damit war sie ihrem Ziel endlich einen Schritt näher gekommen.” (Zitat S.6) Denn Noomi hat einen Plan… Das zweite Mädchen der Gruppe ist die überdrehte Olympe. Sie hat nicht wirklich damit gerechnet, dass es so schlimm hier werden könnte. Dass sie all ihre elektrischen Geräte abgeben muss und nichts davon mit ins Camp nehmen darf. Sie trägt Ringe an jedem Finger, hat kupferfarbene Haare und plappert gerne, aber das hat auch sie sprachlos gemacht. Doch sie moggelt zumindest ihre Smartwatch heimlich mit. Auch der gut aussehende Flix, der eigentlich Felix heißt, ist vom Camp nicht
wirklich begeistert. Er hat die falschen Freunde gehabt und einen Vater, der eiskalt ist. Nicht einmal zum Bahnhof hat er seinen Sohn fahren wollen: “Du hast dir das eingebrockt, mein Sohn, jetzt sieh zu, wie du dich da wieder rauslavierst.” (Zitat S.18) Sechs Wochen in diesem Camp, das kann Flix sich gar nicht vorstellen. Schon allein der Name “Feel Nature” — furchtbar! “Natur brauchte er nicht, sie machte seinen Kopf zu voll — all das Grün und Braun und die Vögel hinderten ihn am Denken.” (Zitat S.19) Der Letzte im Bunde neben den drei Leitern des Camps ist der schweigsame Ryan. Er mag die Natur, auch wenn er nicht viele Pflanzen kennt. Seine Mutter hat ihm immer viel erklärt. “Ihre Augen hatten geleuchtet, wenn sie ihm die Blattformen erklärt hatte, die Strukturen der Rinden und warum Moos immer an der Nordseite der Stämme wuchs. Sie hatte die Natur geliebt. Er wünschte, er hätte ihr besser zugehört, solange sie noch gesprochen hatte.” (Zitat S.9). Er will weg von Zuhause. Von den schlechten Erinnerungen und dem hässlichen Schulalltag. Ein Alltag, in dem er
gemobbt wurde, in dem man ihn für asozial und stinkend hielt. In dem man schon die Fenster weit aufriss, wenn er das Zimmer betrat, um ihn zu demütigen. “Er war aus der Schublade nicht mehr herausgekommen, egal, was er versucht hatte. Das hier war der Ausweg. Ein Neubeginn. Keiner kannte ihn. Sie wussten nichts. Er würde endlich er selbst sein können.” (Zitat S.11) Doch keiner der Vier ahnt, was sie in diesem Camp erwarten wird. Es beginnt mit seltsamen Kratzspuren am Fensterbrett und verschwundenen Gegenständen. Wer spielt mit ihnen ein falsches Spiel? Und warum sind im letzten Jahr zwei Personen aus dem Camp spurlos verschwunden? Unweigerlich kommen sie einer gefährlichen Wahrheit näher…
Wenn ein Jugendbuch dieses Jahr (bezieht sich auf Hardcovererscheinungsjahr 2020) den Preis für das schönste Cover gewinnen sollte, dann wäre es (ich korrigiere meinen Eindruck aus diesem Beitrag) für mich tatsächlich “Wild: Sie hören dich denken” — da
haben sich der Arena Verlag — insbesondere der bekannte Grafiker Alexander Kopainski — ordentlich was einfallen lassen! Zudem ist das Buch ressourcenschonend vorwiegend aus Altpapier gedruckt, relativ schmal — trotz 376 Seiten — und vom Gesamtgewicht trotzdem sehr schwer. Es liegt schön in der Hand, macht neugierig in diese Welt einzutauchen, die uns die beiden Autorinnen da anbieten. Lässt an Magie, Abenteuer und Wildnis denken. Besonders die Augen, die einem auf dem Cover entgegenschauen — mal kleiner, mal größer abgebildet — wirken richtig bedrohlich, fast gruselig. Der Roman, der jedoch nicht so düster erzählt wird, wie er wirkt, ist in personaler Erzählweise geschrieben und stellt abwechselnd die vier Jugendlichen in den Mittelpunkt. Ihre Sichtweisen werden mit dem Namen der jeweiligen Person eingeleitet. Die Spannung baut sich in der Geschichte erst langsam auf, am Anfang wird sich auf die Vorstellung der einzelnen Charaktere — die gut voneinander abzugrenzen sind — konzentriert und auf die Eingewöhnung im Camp. Die Sprache ist sehr angenehm und flüssig. Ich mag die unterschwellige Ironie, d
ie sich zeitweise durch die Zeilen schleicht, die wohldurchdachten Sätze der Autorinnen: “Obwohl die Hütten erst im letzten Sommer renoviert worden waren, roch es nach jahrzehntelang ungelüftetem Keller, nach ganz hinten im Kühlschrank vergessenem Joghurt und feuchter Traurigkeit. Es roch nach organisierten Jugendfreizeiten und Heimweh. Diese Hütte hatte eindeutig zu viel erlebt und zu wenig davon verarbeitet.” (Zitat S.17) und “Das Minisofa wirkte verhungert und irgendwie eingeschüchtert, dort an der Wand. Es sollte offensichtlich Gemütlichkeit ausstrahlen, war der Aufgabe aber eindeutig nicht gewachsen.” (Zitat S.63) Eine interessante, weitere Perspektive zeigt sich sehr sporadisch und wird einem “X” eingeleitet. Besteht aus nur sehr wenigen Sätzen und dem Rest einer fast leeren Seite. Wer oder was ist der/die Unbekannte? Darüber darf der Leser einige Vermutungen anstellen: “Endlich! Ich habe so lange warten müssen, so lange! Aber als sie aus dem Wald auf die Lichtung treten, weiß ich, dass sich das Warten gelohnt hat.” (Z
itat S.25) und “Einer hatte etwas bemerkt. Aber er schweigt.” (Zitat S.124) Die sich langsam steigernde Bedrohung in der Geschichte haben die Autorinnen auf jeden Fall sehr passend getroffen: “Der Blick, den er jetzt auf sich fühlte, kam von weit her. […] Düstere Stämme reckten sich nach oben, von dichten Baumkronen überdacht, das Licht schaffte es nicht bis nach unten, der Waldboden lag im Schatten. Er kniff die Augen zusammen. “Da draußen ist jemand”, flüsterte er. Die anderen hörten ihn nicht.” (Zitat S.104) Gut gefallen hat mir auch das Geflecht von Erinnerungen an die Vergangenheit der Protagonisten und den Geschehnissen der Gegenwart. Deren Geheimnisse, die erst nach und nach enthüllt werden. Jeder der Jugendlichen hat etwas zu verbergen. Jeder hat eine Geschichte, die schließlich erzählt wird. Vor allem Noomi: “Seither träumte sie. Nachtträume. Tagträume. Und alle begannen mit dem Geruch von Blut. Sonderbarerweise machten ihr die Träume keine Angst. Auch der
Geruch ekelte sie nicht. Im Gegenteil: Er ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen” (Zitat S.48) Was ist passiert im letzten Jahr, als sie in der Nähe des Camps ohne Erinnerungen aufwachte? Was werden sie nun herausfinden? Hier darf sich der Leser gespannt an den Handlungsfäden der Geschichte entlanghangeln und Schockierendes erwarten. Ein großes Manko des Romans ist für mich jedoch der Klappentext (bezieht sich auf die Erstauflage; wurde mittlerweile angepasst). Der definitiv viel zu viel verrät und einen gehörigen Spannungsabbruch bedeutet. Dadurch wirkt die Auflösung auch etwas zäh. Vieles weiß man irgendwie doch schon (durchs Zusammenreimen oder durch die Aufschriebe des Notizbuchs, was sehr spannend gemacht ist), was dann durch die Erzählungen einer gewissen Person noch einmal alles erläutert wird. Was an dieser Stelle zu viel war, fehlte mir am Ende ein wenig, dass dann viel zu schnell vorüber war. Da hätte ich mir noch ein paar mehr Informationen gewünscht. Auch wenn ich sagen muss, dass das eingeschobene Chatgespräch sehr raffiniert ist. ««««««
b Noomi zum Beispiel aufklärt, was mit ihr gewesen ist, weil ihr damals ja niemand geglaubt hat. Und warum reagieren eigentlich die Betreuer mit keinem Wort auf den Wohnwagen, als sie die Jugendlichen zum Schluss zur Ordnung rufen? ««««««SPOILER ENDE »»»»»»
Fazit: Ein sprachlich schön erzähltes Buch mit einem bezaubernden Cover und mit sehr gut gewählten Charakteren, das für Spannung sorgt, aber einen anderen Klappentext verdient hätte (den am besten nicht lesen).
Dir gefällt Ella Blix’ Schreibstil? Dann lies doch noch das erste Buch, das die beiden Autorinnen gemeinsam geschrieben haben: “Der Schein”. Eine Mischung aus Internatsgeschichte, Thriller und einem Touch Übernatürlichem. Auch sehr spannend. Wenn man Ella Blix wieder aufteilt, bleiben noch Lesealternativen von Tani
a Witte (“Die Stille zwischen den Sekunden” — tiefgründig & bewegend) und Antje Wagner. Letztere hat einige Jugendbücher geschrieben: “Unland”, “Schattengesicht” (ab 16), “Vakuum” und “Hyde” (brillant!). Mysteriöses, das im Wald passiert? Das hat mich auch sofort an das (zu Recht) gehypte “The Grace Year” von Kim Liggett denken lassen, in der 16-jährige Mädchen ein Jahr in einem Camp im Wald verbringen müssen um ihre angeblich magischen Kräfte zu verlieren. Wald & Mystery — diese Kombination findest du zudem in dem schon etwas älteren Thriller “Blind Walk” von Patricia Schröder. Romane, die in Erziehungscamps spielen, gibt es im Jugendbuch einige. Klassiker sind das bekannte “Löcher” von Louis Sachar und “Bootcamp” von Morton Rhue. Etwas heftiger zur Sache geht es in “Das Camp” von Harald Tondern, “Camp 21: Grenzenlos gefangen” von Rainer Wekwerth (absolut fesselnd!) und “Break Out” von April Henry (spannend!). Richtig klasse fand ich auch “Acht Wochen Wüste” von Wendelin van Draanen. Ob du nun die “Woodwalkers”-Reihe von Katja Brandis lesen möchtest, wirst du erst am Ende des Buches erfahren;-) Zwei Nature-Science-Thriller, an die mich “Wild: Sie hören dich denken” übrigens auch erinnert hat, (es gibt ein paar klitzekleine Parallelen) sind “Abgründige Geheimnisse” von Lindsay Galvin und “Bloom: Die Apokalypse beginnt in deinem Garten” von Kenneth Oppel.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arena ISBN: 978-3-401-51254-9 Erscheinungsdatum: 14.Januar 2022 Einbandart: Taschenbuch Preis: 10,00€ Seitenzahl: 376 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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(4 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Arena
ISBN: 978-3-401-51254-9
Erscheinungsdatum: 14.Januar 2022
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 10,00€
Seitenzahl: 376
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