Ella Blix — Wild: Sie hören dich denken

Kasimira23.Mai 2020

“Wild: Sie hören dich den­ken” ist das zwei­te Werk von Ella Blix, hin­ter deren Pseud­onym sich die deut­schen Autorin­nen Ant­je Wag­ner und Tania Wit­te ver­ber­gen. Ein Natu­re-Sci­ence-Thril­ler der beson­de­ren Art, der in ein abge­le­ge­nes Camp inmit­ten des Wal­des ent­führt, wo eine Grup­pe jugend­li­cher Straf­tä­ter reso­zia­li­siert wer­den soll. Ein gro­ßes Aben­teu­er, ein Geflecht von unter­schied­li­chen Per­so­nen mit ihren ganz eige­nen Geheim­nis­sen und etwas Uner­war­te­tem, das im Dickicht lau­ert. Bedroh­lich. Mys­te­ri­ös. Span­nend. “Wood­wal­kers” für die älte­re Genera­ti­on? Fin­de es her­aus! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Vier Jugend­li­che. Ein Straf­camp. Mit­ten in den Tie­fen der Säch­si­schen Schweiz, in einer “wald­rei­chen Fels­land­schaft des Elb­sand­stein­ge­bir­ges” (Zitat aus “Wild: Sie hören dich den­ken” S.8). Sie woh­nen in spar­ta­ni­schen Holz­hüt­ten, dür­fen kei­ne elek­tri­schen Gerä­te mit­neh­men. Eine Stun­de am Tag wird der Gene­ra­tor ange­schal­tet, damit sie Licht haben. Es gibt eine Kom­post­toi­let­te. Und sie müs­sen zusam­men kochen, arbei­ten, put­zen und Gesprä­che füh­ren. Ab zehn Uhr dür­fen die Hüt­ten nicht mehr ver­las­sen wer­den. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommtKasimira einen Straf­punkt. Bei fünf Straf­punk­ten fliegt man aus dem Pro­gramm und lan­det gege­be­nen­falls im Gefäng­nis. Noo­mi hin­ge­gen ist absicht­lich im Camp gelan­det. Sie hat die Schei­be eines Juwe­lier­ge­schäfts zer­trüm­mert, ehe sie erwischt wur­de: “Der Anwalt beti­tel­te es als Aus­rut­scher, als einen Moment, in dem sie die Kon­trol­le ver­lo­ren habe. […] Für den Scha­den muss­te sie auf­kom­men, aber das Ver­fah­ren wur­de ein­ge­stellt. Und: Sie schick­ten sie in das Camp Feel Natu­re. Damit war sie ihrem Ziel end­lich einen Schritt näher gekom­men.” (Zitat S.6) Denn Noo­mi hat einen Plan…  Das zwei­te Mäd­chen der Grup­pe ist die über­dreh­te Olym­pe. Sie hat nicht wirk­lich damit gerech­net, dass es so schlimm hier wer­den könn­te. Dass sie all ihre elek­tri­schen Gerä­te abge­ben muss und nichts davon mit ins Camp neh­men darf. Sie trägt Rin­ge an jedem Fin­ger, hat kup­fer­far­be­ne Haa­re und plap­pert ger­ne, aber das hat auch sie sprach­los gemacht. Doch sie mog­gelt zumin­dest ihre Smart­watch heim­lich mit. Auch der gut aus­se­hen­de Flix, der eigent­lich Felix heißt, ist vom Camp nicht Kasimirawirk­lich begeis­tert. Er hat die fal­schen Freun­de gehabt und einen Vater, der eis­kalt ist. Nicht ein­mal zum Bahn­hof hat er sei­nen Sohn fah­ren wol­len: “Du hast dir das ein­ge­brockt, mein Sohn, jetzt sieh zu, wie du dich da wie­der raus­la­vierst.” (Zitat S.18) Sechs Wochen in die­sem Camp, das kann Flix sich gar nicht vor­stel­len. Schon allein der Name “Feel Natu­re” — furcht­bar! “Natur brauch­te er nicht, sie mach­te sei­nen Kopf zu voll — all das Grün und Braun und die Vögel hin­der­ten ihn am Den­ken.” (Zitat S.19) Der Letz­te im Bun­de neben den drei Lei­tern des Camps ist der schweig­sa­me Ryan. Er mag die Natur, auch wenn er nicht vie­le Pflan­zen kennt. Sei­ne Mut­ter hat ihm immer viel erklärt. “Ihre Augen hat­ten geleuch­tet, wenn sie ihm die Blatt­for­men erklärt hat­te, die Struk­tu­ren der Rin­den und war­um Moos immer an der Nord­sei­te der Stäm­me wuchs. Sie hat­te die Natur geliebt. Er wünsch­te, er hät­te ihr bes­ser zuge­hört, solan­ge sie noch gespro­chen hat­te.” (Zitat S.9). Er will weg von Zuhau­se. Von den schlech­ten Erin­ne­run­gen und dem häss­li­chen Schul­all­tag. Ein All­tag, in dem er Kasimiragemobbt wur­de, in dem man ihn für aso­zi­al und stin­kend hielt. In dem man schon die Fens­ter weit auf­riss, wenn er das Zim­mer betrat, um ihn zu demü­ti­gen. “Er war aus der Schub­la­de nicht mehr her­aus­ge­kom­men, egal, was er ver­sucht hat­te. Das hier war der Aus­weg. Ein Neu­be­ginn. Kei­ner kann­te ihn. Sie wuss­ten nichts. Er wür­de end­lich er selbst sein kön­nen.” (Zitat S.11) Doch kei­ner der Vier ahnt, was sie in die­sem Camp erwar­ten wird. Es beginnt mit selt­sa­men Kratz­spu­ren am Fens­ter­brett und ver­schwun­de­nen Gegen­stän­den. Wer spielt mit ihnen ein fal­sches Spiel? Und war­um sind im letz­ten Jahr zwei Per­so­nen aus dem Camp spur­los ver­schwun­den? Unwei­ger­lich kom­men sie einer gefähr­li­chen Wahr­heit näher…

Wenn ein Jugend­buch die­ses Jahr den Preis für das schöns­te Cover gewin­nen soll­te, dann wäre es (ich kor­ri­gie­re mei­nen Ein­druck aus die­sem Bei­trag) für mich tat­säch­lich “Wild: Sie hören dich den­ken”da Kasimirahaben sich der Are­na Ver­lag — ins­be­son­de­re der bekann­te Gra­fi­ker Alex­an­der Kopain­ski — ordent­lich was ein­fal­len las­sen! Zudem ist das Buch res­sour­cen­scho­nend vor­wie­gend aus Alt­pa­pier gedruckt, rela­tiv schmal — trotz 376 Sei­ten — und vom Gesamt­ge­wicht trotz­dem sehr schwer. Es liegt schön in der Hand, macht neu­gie­rig in die­se Welt ein­zu­tau­chen, die uns die bei­den Autorin­nen da anbie­ten. Lässt an Magie, Aben­teu­er und Wild­nis den­ken. Beson­ders die Augen, die einem auf dem Cover ent­ge­gen­schau­en — mal klei­ner, mal grö­ßer abge­bil­det — wir­ken rich­tig bedroh­lich, fast gru­se­lig. Der Roman, der jedoch nicht so düs­ter erzählt wird, wie er wirkt, ist in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben und stellt abwech­selnd die vier Jugend­li­chen in den Mit­tel­punkt. Ihre Sicht­wei­sen wer­den mit dem Namen der jewei­li­gen Per­son ein­ge­lei­tet. Die Span­nung baut sich in der Geschich­te erst lang­sam auf, am Anfang wird sich auf die Vor­stel­lung der ein­zel­nen Cha­rak­te­re — die gut von­ein­an­der abzu­gren­zen sind — kon­zen­triert und auf die Ein­ge­wöh­nung im Camp. Die Spra­che ist sehr ange­nehm und flüs­sig. Ich mag die unter­schwel­li­ge Iro­nie, dKasimiraie sich zeit­wei­se durch die Zei­len schleicht, die wohl­durch­dach­ten Sät­ze der Autorin­nen: “Obwohl die Hüt­ten erst im letz­ten Som­mer reno­viert wor­den waren, roch es nach jahr­zehn­te­lang unge­lüf­te­tem Kel­ler, nach ganz hin­ten im Kühl­schrank ver­ges­se­nem Joghurt und feuch­ter Trau­rig­keit. Es roch nach orga­ni­sier­ten Jugend­frei­zei­ten und Heim­weh. Die­se Hüt­te hat­te ein­deu­tig zu viel erlebt und zu wenig davon ver­ar­bei­tet.” (Zitat S.17) und “Das Mini­so­fa wirk­te ver­hun­gert und irgend­wie ein­ge­schüch­tert, dort an der Wand. Es soll­te offen­sicht­lich Gemüt­lich­keit aus­strah­len, war der Auf­ga­be aber ein­deu­tig nicht gewach­sen.” (Zitat S.63) Eine inter­es­san­te, wei­te­re Per­spek­ti­ve zeigt sich sehr spo­ra­disch und wird einem “X” ein­ge­lei­tet. Besteht aus nur sehr weni­gen Sät­zen und dem Rest einer fast lee­ren Sei­te. Wer oder was ist der/die Unbe­kann­te? Dar­über darf der Leser eini­ge Ver­mu­tun­gen anstel­len: “End­lich! Ich habe so lan­ge war­ten müs­sen, so lan­ge! Aber als sie aus dem Wald auf die Lich­tung tre­ten, weiß ich, dass sich das War­ten gelohnt hat.” (ZKasimiraitat S.25) und “Einer hat­te etwas bemerkt. Aber er schweigt.” (Zitat S.124) Die sich lang­sam stei­gern­de Bedro­hung in der Geschich­te haben die Autorin­nen auf jeden Fall sehr pas­send getrof­fen: “Der Blick, den er jetzt auf sich fühl­te, kam von weit her. […] Düs­te­re Stäm­me reck­ten sich nach oben, von dich­ten Baum­kro­nen über­dacht, das Licht schaff­te es nicht bis nach unten, der Wald­bo­den lag im Schat­ten. Er kniff die Augen zusam­men. “Da drau­ßen ist jemand”, flüs­ter­te er. Die ande­ren hör­ten ihn nicht.”  (Zitat S.104) Gut gefal­len hat mir auch das Geflecht von Erin­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit der Prot­ago­nis­ten und den Gescheh­nis­sen der Gegen­wart. Deren Geheim­nis­se, die erst nach und nach ent­hüllt wer­den. Jeder der Jugend­li­chen hat etwas zu ver­ber­gen. Jeder hat eine Geschich­te, die schließ­lich erzählt wird. Vor allem Noo­mi: “Seit­her träum­te sie. Nacht­träu­me. Tag­träu­me. Und alle began­nen mit dem Geruch von Blut. Son­der­ba­rer­wei­se mach­ten ihr die Träu­me kei­ne Angst. Auch der KasimiraGeruch ekel­te sie nicht. Im Gegen­teil: Er ließ ihr das Was­ser im Mund zusam­men­lau­fen” (Zitat S.48) Was ist pas­siert im letz­ten Jahr, als sie in der Nähe des Camps ohne Erin­ne­run­gen auf­wach­te? Was wer­den sie nun her­aus­fin­den? Hier darf sich der Leser gespannt an den Hand­lungs­fä­den der Geschich­te ent­lang­han­geln und Scho­ckie­ren­des erwar­ten. Ein gro­ßes Man­ko des Romans ist für mich jedoch der Klap­pen­text. Der defi­ni­tiv viel zu viel ver­rät und einen gehö­ri­gen Span­nungs­ab­bruch bedeu­tet. Dadurch wirkt die Auf­lö­sung auch etwas zäh. Vie­les weiß man irgend­wie doch schon (durchs Zusam­men­rei­men oder durch die Auf­schrie­be des Notiz­buchs, was sehr span­nend gemacht ist), was dann durch die Erzäh­lun­gen einer gewis­sen Per­son noch ein­mal alles erläu­tert wird. Was an die­ser Stel­le zu viel war, fehl­te mir am Ende ein wenig, dass dann viel zu schnell vor­über war. Da hät­te ich mir noch ein paar mehr Infor­ma­tio­nen gewünscht. Auch wenn ich sagen muss, dass das ein­ge­scho­be­ne Chat­ge­spräch sehr raf­fi­niert ist. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Wie es mit der For­schung wei­ter­geht. OKasimirab Noo­mi zum Bei­spiel auf­klärt, was mit ihr gewe­sen ist, weil ihr damals ja nie­mand geglaubt hat. Und war­um reagie­ren eigent­lich die Betreu­er mit kei­nem Wort auf den Wohn­wa­gen, als sie die Jugend­li­chen zum Schluss zur Ord­nung rufen? ««««««SPOILER ENDE »»»»»»

Fazit: Ein sprach­lich schön erzähl­tes Buch mit einem bezau­bern­den Cover und mit sehr gut gewähl­ten Cha­rak­te­ren, das für Span­nung sorgt, aber einen ande­ren Klap­pen­text ver­dient hät­te (den am bes­ten nicht lesen).

Dir gefällt Ella Blix’ Schreib­stil? Dann lies doch noch das ers­te Buch, das die bei­den Autorin­nen gemein­sam geschrie­ben haben: “Der Schein”. Eine Mischung aus Inter­nats­ge­schich­te, Thril­ler und einem Touch Über­na­tür­li­chem. Auch sehr span­nend. Wenn man Ella Blix wie­der auf­teilt, blei­ben noch Lese­al­ter­na­ti­ven von TaniLesealternativena Wit­te (“Die Stil­le zwi­schen den Sekun­den” — tief­grün­dig & bewe­gend) und Ant­je Wag­ner. Letz­te­re hat eini­ge Jugend­bü­cher geschrie­ben: “Unland”, “Schat­ten­ge­sicht” (ab 16), “Vaku­um” und “Hyde” (bril­lant!). Mys­te­riö­ses, das im Wald pas­siert? Das hat mich auch sofort an die (zu Recht) gehyp­te Neu­erschei­nung “The Grace Year” von Kim Lig­gett den­ken las­sen, in der 16-jäh­ri­ge Mäd­chen ein Jahr in einem Camp im Wald ver­brin­gen müs­sen um ihre angeb­lich magi­schen Kräf­te zu ver­lie­ren. Wald & Mys­te­ry — die­se Kom­bi­na­ti­on fin­dest du zudem in dem schon etwas älte­ren Thril­ler “Blind Walk” von Patri­cia Schrö­der. Roma­ne, die in Erzie­hungs­camps spie­len, gibt es im Jugend­buch eini­ge. Klas­si­ker sind das bekann­te “Löcher” von Lou­is Sachar und “Boot­camp” von Mor­ton Rhue. Etwas hef­ti­ger zur Sache geht es in “Das Camp” von Harald Ton­dern, “Camp 21: Gren­zen­los gefan­gen” von Rai­ner Wekwerth (abso­lut fes­selnd!) und “Break Out” von April Hen­ry (span­nend!). Rich­tig klas­se fand ich auch “Acht Wochen Wüs­te” von Wen­de­lin van Draa­nen. Ob du nun die “Wood­wal­kers”-Rei­he von Kat­ja Bran­dis lesen möch­test, wirst du erst am Ende des Buches erfah­ren;-) Zwei Natu­re-Sci­ence-Thril­ler, an die mich “Wild: Sie hören dich den­ken” übri­gens auch erin­nert hat, (es gibt ein paar klit­ze­klei­ne Par­al­le­len) sindAbgrün­di­ge Geheim­nis­se” von Lind­say Gal­vin und “Bloom: Die Apo­ka­lyp­se beginnt in dei­nem Gar­ten” von Ken­neth Oppel.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60510-4
Erscheinungsdatum: 27.Mai 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 376 
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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