Reiner Engelmann — Der Fotograf von Auschwitz: Das Leben des Wilhelm Brasse

11.September 2018

Rei­ner Engel­mann erzählt in dem bio­gra­fi­schen Roman “Der Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben des Wil­helm Bras­se” die Geschich­ten eines Zeit­zeu­gens, der im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Schreck­li­ches erle­ben muss­te und zugleich gezwun­gen war sei­nem erlern­ten Beruf nach­ge­hen und das Leid der Men­schen zu doku­men­tie­ren. Hef­tig, erschre­ckend und wahr. Jetzt neu als Taschen­buch erschie­nen. Für inter­es­sier­te Erwach­se­ne und Jugend­li­che ab 14 Jah­ren.

Wil­helm Bras­se kam am 3. Dezem­ber 1917 in Zywiec in Polen zur Welt. Sei­ne Mut­ter war eine Polin, sein Vater ein Öster­rei­cher, wes­we­gen er sowohl deutsch als auch pol­nisch sprach. In sei­ner Hei­mat­stadt mach­te er eine Aus­bil­dung zum Foto­gra­fen und ging für eini­ge Zeit nach Kat­to­witz, um in dem Foto­ate­lier sei­nes Onkels zu arbei­ten. Als der zwei­te Welt­krieg begann, rech­ne­te Wil­helm Bras­se damit ein­ge­zo­gen zu wer­den, und kehr­te nach Zywiec zurück. Bei einem Volks­be­fra­gung hat­te er die Mög­lich­keit die deut­sche Staats­bür­ger­schaft anzu­neh­men, doch er lehn­te ab. Er war Pole und das woll­te er auch blei­ben. Selbst als ihn dadurch gesell­schaft­li­che Nach­tei­le ent­stan­den, selbst als er nach einer Flucht (um sich der Wider­stands­be­we­gung anzu­schlie­ßen) gefasst wur­de und ins Gefäng­nis kam und dort die Wahl hat­te für die Deut­schen zu kämp­fen und des­we­gen frei zu kom­men, wei­ger­te er sich. Dann wur­de Wil­helm Bras­se in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz ver­legt. Nach meh­re­ren Arbeits­ein­sät­zen lan­de­te er schließ­lich im Erken­nungs­dienst, wo er die Gefan­ge­nen foto­gra­fie­ren muss­te…

Reiner Engelmann - Der Fotograf von Auschwitz: Das Leben des Wilhelm BrasseDer Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben des Wil­helm Bras­se” ist zwar in Roman­form geschrie­ben, jedoch in einem eher sach­li­chen und doku­men­ta­ri­schem Erzähl­ton gehal­ten. Dadurch bekommt der Leser einen sehr guten Über­blick über die Gescheh­nis­se zu jener Zeit, die oft sehr detail­liert sind und durch Foto­gra­fi­en (teil­wei­se von Wil­helm Bras­se) ergänzt wer­den. Rei­ner Engel­mann blen­det nichts aus und ver­schö­nert kei­ne Tat­sa­chen, er berich­tet ganz genau, wel­che Grau­sam­kei­ten Wil­helm Bras­se mit­er­le­ben muss­te. Für ein Jugenbuch ist das manch­mal ganz schön hef­tig, also nichts für Zart­be­sai­te­te. Das Buch beginnt mit einem Vor­wort von Max Mann­hei­mer und einem Pro­log des Autoren Rei­ner Engel­mann: Das vor­lie­gen­de Buch, in dem das Leben von Wil­helm Bras­se nach­er­zählt wird, basiert auf Inter­views, die ich eini­ge Mona­te vor sei­nem Tod mit ihm geführt habe. Aber auch auf Recher­chen im Stamm­la­ger Ausch­witz, in den Gebäu­den, in denen er leben muss­te, im Foto­ate­lier, in dem er gear­bei­tet hat.” (Zitat aus “Der Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben des Wil­helm Bras­se” Sei­te 11).
Auch wer­den vie­le Per­sön­lich­kei­ten erwähnt, deren ein­zel­ne Bio­gra­fi­en im Anhang nach­zu­le­sen sind. Eben­falls vie­le Fach­be­grif­fe wer­den im hin­te­ren Teil erklärt. Sowohl die­se als auch die Per­so­nen sind mit Ster­nen gekenn­zeich­net, so dass man wäh­rend des Lesens mal schnell nach hin­ten blät­tern kann, um genaue­re Infor­ma­tio­nen zu erhal­ten. Sehr bewe­gend ist, wie Wil­helm Bras­se sich für die Gefan­ge­nen, die er foto­gra­fie­ren muss, ein­setzt. Wird ein Häft­ling bei­spiels­wei­se geschla­gen, sagt er, dass sol­che Sachen hier beim Erken­nungs­dienst nicht gedul­det wer­den, auch auf die Gefahr hin, dass sich jemand über ihn beschwe­ren könn­te. “Und zu den Häft­lin­gen gewandt: “Ver­hal­tet euch ruhig, euch pas­siert hier nichts.” Er woll­te, dass die Gefan­ge­nen in die­ser kur­zen Zeit, in die­sen weni­gen Minu­ten, in denen er mit ihnen allei­ne war, nichts zu befürch­ten hat­ten. Wenigs­tens für die­se Augen­bli­cke soll­ten sie das Gefühl haben, sicher zu sein.” (Zitat aus Der Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben Reiner Engelmann - Der Fotograf von Auschwitz: Das Leben des Wilhelm Brassedes Wil­helm Bras­se” Sei­te 58). Ins­ge­samt hat Wil­helm Bras­se bis zu 50.000 Men­schen foto­gra­fiert, sogar SS-Leu­te kamen zu ihm, um sich por­trä­tie­ren zu las­sen. Auch die medi­zin­schen Expe­ri­men­te von Dr. Men­ge­le muss­te er ablich­ten, etwas, das er nie mehr ver­ges­sen konn­te.
Gegen Ende des Krie­ges, als das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger kurz davor stand befreit zu wer­den, soll­ten alle Foto­gra­fi­en ver­nich­tet wer­den. Doch es gelang Wil­helm Bras­se einen Teil davon zu ret­ten, um Zeug­nis dar­über abzu­le­gen, was die­sen Men­schen Furcht­ba­res ange­tan wur­de. Nach sei­ner Befrei­ung kehr­te er in sei­ne Hei­mat­stadt zurück. Über die Zeit in Ausch­witz hat er nie viel gespro­chen, nicht ein­mal mit sei­ner Frau, die er spä­ter ken­nen­lern­te (um sie nicht damit zu belas­ten). In sei­nem Beruf als Foto­graf konn­te er nach einer Wei­le nicht mehr arbei­ten. Die Erin­ne­run­gen an die KZ-Zeit waren zu stark, dass er bald nicht ein­mal mehr den Aus­lö­ser drü­cken konn­te. Erst Jah­re spä­ter gab er sei­ne kom­plet­te Geschich­te preis, es wur­den unter ande­rem ein Doku­men­tar­film über ihn gedreht (“Der Por­trä­tist”) und meh­re­re Bücher über ihn geschrie­ben.

Über Wil­helm Bras­se gibt es noch zwei ande­re Roma­ne, die aller­dings nur für Erwach­se­ne sind: Wil­helm Bras­se : der Foto­graf von Ausch­witz” von Luca Crip­pa und “Drei trä­nen­lo­se Geschich­ten” von Erich Hackl. Jugend­bü­cher von Rai­ner Engel­mann sind unter ande­rem: “Anschlag von rechts” odeLesealternativenr schon etwas älter: “Zivil­cou­ra­ge jetzt”“Frei und gleich gebo­ren: Ein Men­schen­rech­te-Lese­buch”, “Dass wir heu­te frei sind: Ein Amnes­ty-Inter­na­tio­nal-Lese­buch” und “Kei­ner hat was gese­hen: Tex­te über Gewalt an der Schu­le”. Das neu­es­te Buch von ihm, das sich ähn­lich dokumentarisch/erzählerisch liest, ist Der Buch­hal­ter von Ausch­witz: Die Schuld des Oskar Grö­ning” — die wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu dem hier rezen­sier­ten Buch. Jugend­bü­cher über den Holo­caust, die nicht ganz so grau­sam geschil­dert sind, sind Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” von John Boy­ne (ein bril­lan­tes Werk!) oder Ich habe den Todes­en­gel über­lebt” von Eva Mozes Kor und Lisa Roja­ny Buc­cie­ri (v.a. über die Men­ge­les-Expe­ri­men­te) und Der Klang der Hoff­nung” von Suzy Zail (sehr bewe­gend). Wie mutig man­che Men­schen im Zwei­ten Welt­krieg waren, zeigt zum Bei­spiel eben­so Phil­lip Hoo­se in “Sabo­ta­ge nach Schul­schluss: Wie wir Hit­lers Plä­ne durch­kreuz­ten”. Bewe­gend fand ich auch “Wir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt” von Micha­el Gru­en­baum & Todd Hasak-Lowy.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31236-0
Erscheinungsdatum: 10.September 2018
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Fernsehbericht über Wilhelm Brasse:
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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2. Bild von oben: „Czeslawa-Kwoka“ von Original uploader was Poeticbent at 
en.wikipedia - The original photograph is credited to Wilhelm Brasse; 
Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

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