Der amerikanische Autor Todd Hasak-Lowy hat gemeinsam mit Michael Gruenbaum dessen Lebensgeschichte nacherzählt: “Wir sind die Adler: Eine Kindheit in Theresienstadt”. Der autobiografische Roman schildert die Erlebnisse eines jüdischen Kindes, das in Prag aufwächst und nicht nur in das Ghetto abgeschoben wird, sondern schließlich auch im Konzentrationslager Theresienstadt landet. Ein ergreifendes, erschütterndes Zeugnis einer Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, begleitet von Terror, Ausgrenzung und Hass. Aber auch ein Bericht über jene Menschen, die trotz allem Schweren unerbittlich für Respekt und Menschlichkeit untereinander gekämpft haben. Für Jugendliche ab 15 Jahren und für Erwachsene geeignet.
1939. Prag. Es gibt so viele Dinge, die der 8‑jährige Michael, genannt Mischa, nicht versteht. Warum sein Vater, ein angesehener Anwalt, plötzlich nicht mehr arbeiten darf. Warum sie in der Straßenbahn auf einmal nur noch hinten sitzen dürfen. Warum seine jüdische Familie die meisten Restaurants und Hotels nicht mehr betreten darf. Warum es ihm und seiner Schwester Marietta sogar untersagt wird auf eine Schule und in ein öffentliches Schwimmbad zu gehen. Und was ist mit Mischas
geliebtem Fußballspielen? “Wenn alle Juden dorthin gehen, in den alten Stadtteil, meinst du, sie lassen uns dann da in den Parks spielen? “Das weiß ich nicht, Mischa, wir werden…” “Nur weil ich nicht richtig zur Schule gehen kann, heißt das doch nicht, dass ich auch schlecht im Fußballspielen werden sollte. Oder?” (Zitat S.45) So vieles verschlechtert sich für den Jungen und seine Familie, seit die Deutschen Prag eingenommen haben und ständig irgendwelche neuen Regeln und Vorschriften machen. Sogar das Kindermädchen, das seit jeher auf Mischa und Marietta aufgepasst hat, darf nicht mehr für die Familie arbeiten. Weil keiner, der selbst kein Jude ist, noch für Juden arbeiten darf. “Was haben wir getan? Was habe ich getan, das diese Kinder vor ein paar Wochen dazu gebracht hat, Steine nach mir zu werfen und mich eine Gasse hinunterzujagen? Was haben wir getan, dass die Nazis uns mit dem Tod bedrohen, nur weil wir ein Hotel betreten? Und wenn das alles nicht bald endet, was dann? Wie wird es wohl sein, wenn es noch schlimmer wird?” (Zitat S.55) Denn es ist schlimmer geworden, seit sie kaum mehr etwas zum Essen haben und man sie noch gezwungen hat ihr Zuhause zu verlassen und in einen anderen Stadtteil, in ein Ghetto, zu ziehen. Eines Tages fordern auch ein paar Soldaten Mischas Vater auf mit ihnen
zu kommen. Sie wollen sich nur mit ihm unterhalten, sagt seine Mutter. Aber sein Vater kommt niemals zurück. Bald darauf werden auch Mischa, Marietta und seine Mutter abtransportiert. 1942 landen sie in dem Konzentrationslager in Theresienstadt, das “…überfüllt ist mit mehr als fünfzigtausend Menschen? Was zehnmal mehr Menschen sein müssen, als hier eigentlich reinpassen. Fünfzigtausend Gefangene mit gelben Sternen auf der Brust, die immer noch nicht wissen, warum sie hier sind und was sie falsch gemacht haben.” (Zitat S.130ff) Doch zum Glück gibt es dort den älteren Franta, der den Schlafsaal mit den fast 40 Jungen, unter seine Fittiche genommen hat: “Mischa”, hat er gesagt und mir sogar kräftig die Hand geschüttelt, willkommen bei den Nešarim”. “Neschawas?”, habe ich gefragt. […] “Nešarim”, hat ein Junge mit welligem braunen Haar gesagt, vielleicht Kapr. “Das heißt <Adler>. Wir sind die Adler.” […] “<Nešarim> ist Hebräisch für <Adler>.” (Zitat S.124ff) Franta unternimmt alles Mögliche, um auf die Jungen aufzupassen und ihnen einen leichteren Alltag zu ermöglichen. Sie werden unterrichtet und spielen sogar regelmäßig Fußball. Doch wird Franta sie auch vor der Endstation namens Ausschwitz schützen können?
“Wir sind die Adler: Eine Kindheit in Theresienstadt” beginnt mit einem Vorwort von Michael Gruenbaum selbst verfasst, in dem auch ein Brief seiner Mutter abgedruckt ist und er auf die Hintergründe seiner Geschichte eingeht: “[Die]…Geschichte, die dieses Buch erzählt, […] handelt von den härtesten Jahren meines Lebens. Jahren, die so hart waren, dass sie mich fast das Leben gekostet hätten, noch bevor ich meinen fünfzehnten Geburtstag erreichte.” (Zitat S.14) Der nachfolgende Hauptteil ist in mehrere große Teile unterteilt, die sich auf die jeweiligen örtlichen Aufenthaltsorte beziehen und innerhalb dieser Teile in Kapitel aufgesplittet, die mit exakten Datumsangaben versehen sind. “Ich glaube, wer es liest, wird durch die Lektüre in der Lage sein, zu verstehen, in was für einer Welt wir von 1939 bis 1945 gelebt haben — und beinahe umgekommen wären. Und ich vermute, wer diese Welt erst einmal verstanden hat, wir sie nicht mehr vergessen.” (Zitat S.15) Und Michael Gruenbaums wahre Geschichte mitzuerleben, ist tatsächlich unvergesslich. Gerade seine kindliche Sichtweise mitzuerleben, seine anfängliche Naivität gegenüber den sich verändernden Umständen, ist unheimlich berührend und zugleich schmerzlich: “Deshalb frage ich
Vater nicht danach, ob wir immer noch mit dem Zug fahren dürfen. Ich entscheide einfach, dass es so ist. Denn wenn die Deutschen uns hier so wenig mögen, müssten sie uns doch bereitwillig in die Züge steigen lassen. So könnten wir schließlich woanders hinfahren.” (Zitat S.40) Seine Art zu denken, seine Art Fragen zu stellen (“Warum ist niemand bereit, uns oder den anderen Juden hier in der Gegend zu helfen, obwohl wir ihnen helfen würden, wenn es umgekehrt wäre?” (Zitat S.42)) ist glasklar und die Sprache einfach und verständlich. Natürlich gibt es in “Wir sind die Adler: Eine Kindheit in Theresienstadt” auch viele traurige Szenen, als sie vom Tod des Vaters beispielsweise erfahren, aber auch heftige und verstörende, als Mischa beobachtet wie ein Pärchen von einem Hochhaus hinunterspringt oder ein Mann auf der Fahrt nach Theresienstadt in seinen Fäkalien sitzt und einen Teil seiner Exkremente zum Munde führt. Daher die Altersempfehlung erst ab 15 Jahren. Aber zugleich hat der autobiografische Roman auch viele positive Momente, wenn er zum Beispiel schildert,
was Franta bei den Kindern bewegt. Was für kluge Dinge er ihnen erzählt, um sie voranzubringen und für Verständnis und Respekt untereinander zu sorgen. Und wenn der Roman von den Wundern und der Willenskraft von Mischas Mutter berichtet, die immer wieder einen Transport nach Auschwitz zu verhindern versucht. Im Innenteil von “Wir sind die Adler: Eine Kindheit in Theresienstadt” sind viele Fotografien von Mischa und seiner Familie zu finden. Im Anhang geht Todd Hasak-Lowy noch auf die Entstehungsgeschichte des Romans ein, wie er mit Michael Gruenbaum Gespräche geführt hat und an welchen Stellen er kreative Ergänzungen vornahm.
Fazit: Eine bewegende Geschichte und ein wichtiges Buch eines Zeitzeugen.
Todd Hasak-Lowy hat noch ein weiteres Buch geschrieben, das ins Deutsche übersetzt wurde: “Dass ich ich bin, ist genauso verrückt wie die Tatsache, dass du du bist: Ein Roman in Listen”. Inhaltliche
Alternativen zu “Wir sind die Adler: Eine Kindheit in Theresienstadt” gibt es viele. Aus der Sicht eines Jungen erzählt ist ebenso “Im Vorhof der Hölle: Ein Buch gegen das Vergessen” von Carlo Ross (1994 erschienen). Andere Romane sind (sortiert nach Erscheinungsdatum): “Ich bin ein Stern” von Inge Auerbacher (1990), “Mich hat man vergessen: Erinnerungen eines jüdischen Mädchens” von Eva Erben (erst Theresienstadt, dann Auschwitz, 2000), “Die Kinder aus Theresienstadt” von Kathy Kacer (2003) und “Ein Buch für Hanna” von Mirjam Pressler (2011). Eine Neuerscheinung von diesem Jahr ist “Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge: Ein Roman über die Kinder von Theresienstadt” von Matteo Corradini. Wenn du des Englischen mächtig bist, kannst du auch das Buch, das Michael Gruenbaums Frau Thelma geschrieben hat, lesen: “Nešarim: Child Survivors of Terezín”. Oder stöbere einmal im Thema des Monats Mai, in dem du noch viele andere Romane über den Holocaust findest.
Bibliografische Angaben:Verlag: Rowohlt ISBN: 978-3-499-21807-1 Erscheinungsdatum: 24.April 2018 Einbandart: Taschenbuch Preis: 9,99€ Seitenzahl: 352 Übersetzer: Jan Möller Originaltitel: "Somewhere there is still a sun" Originalverlag: Aladdin Amerikanisches Originalcover:
Deutsches Originalcover:
Amerikanischer Trailer:
Ein Bericht des United States Holocaust Memorial Museum über die Erinnerungsstücke von Michael Gruenbaum:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
-------------------------------------------- Amerikanisches Cover: Homepage von Todd Hasak-Lowy

Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21807-1
Erscheinungsdatum: 24.April 2018
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: Jan Möller
Originaltitel: "Somewhere there is still a sun"
Originalverlag: Aladdin
Amerikanisches Originalcover:
Deutsches Originalcover: