Alexandra Kui — Trügerischer Sog

Kasimira21.April 2021

Trü­ge­ri­scher Sog” ist ein Thril­ler der deut­schen Autorin Alex­an­dra Kui. Sie ent­führt ihre Leser an die Nord­see, auf eine abge­le­ge­ne Insel. Dort soll eine unhar­mo­ni­sche Schul­klas­se von einer Leh­re­rin wie­der auf Spur gebracht wer­den. Eine Klas­sen­fahrt, auf der eine unge­woll­te Eigen­dy­na­mik ent­steht. Eine Geschich­te über Mob­bing, Mani­pu­la­ti­on und Macht. Mit­rei­ßend und unter­halt­sam geschrie­ben, aber auch hef­tig und ein biss­chen düs­ter. Für Jugend­li­che (Jungs & Mäd­chen glei­cher­ma­ßen) ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Kim schwärmt nicht nur heim­lich für sei­ne Mit­schü­le­rin Sara - die noch nicht all­zu lan­ge an ihrer Schu­le ist — son­dern ein wenig auch für sei­ne Klas­sen­leh­re­rin Frau Hop­pe. Das, obwohl bei­de ihn nicht wirk­lich bemer­ken. Im Unter­richt hat er Sara jedoch genau im Blick­feld: “Vor allem in den lang­wei­li­gen Stun­den muss­te ich mir größ­te Mühe geben, nicht dau­ernd ihre lan­gen Haa­re anzu­star­ren, die wie Wei­zen in der Son­ne glänz­ten, wenn sie sie lachend zurück­warf. Zum ande­ren, weil ich unab­hän­gig von mei­ner Ver­knallt­heit eine Hei­den­angst vor ihr hat­te. Das ging es mir wie allen ande­ren.” (Zitat aus “Trü­ge­ri­scher Sog” S.16) Denn Sara gibt in der Klas­se den Ton an, hat alle Mit­schü­ler im Griff. Sie kann bös­ar­tig und intri­gant sein. Hat sich längst mit den Anfüh­rern der Klas­seKasimirazusam­men­ge­tan. Sie ent­schei­det, wer dazu­ge­hört. Sie ent­schei­det, wer ein Außen­sei­ter ist. “Auf ihre Art war Sara genau­so bru­tal wie Nick, nur dass ihre Gewalt eben auch mal plau­dernd und augen­klim­pernd daher­kam. Sie besaß die Gabe, unheim­lich char­mant rüber­zu­kom­men, wäh­rend sie die nächs­te Gemein­heit längst im Anschlag hat­te wie ein hin­term Rücken gezück­tes Mes­ser.” (Zitat S.105) Ihre Mit­schü­ler bezeich­net sie als “Namens­lo­se”. Die Klas­se als “Fried­hof der Namen­lo­sen” (Zitat S.12) Bis es Frau Hop­pe irgend­wann reicht und sie die Schü­ler für ein Unter­richts­pro­jekt auf Klas­sen­fahrt schickt. Sie will die Dif­fe­ren­zen in der Klas­se besei­ti­gen. Dazu fah­ren sie auf die Nord­see­insel Maroog, auf der es nicht ein­mal Han­dy­emp­fang gibt. Und all­mäh­lich schei­nen sich die Ver­hält­nis­se umzu­keh­ren. Es kom­men Schü­ler aus der Deckung, die Sara zuvor tyran­ni­siert hat. Sogar Kim wächst über sich hin­aus: Kasimira“Ich hat­te mich mit Nick ange­legt, das Video von der knut­schen­den Hop­pe gedreht und jetzt, wo ich gera­de rich­tig in Fahrt kam, sam­mel­te ich spon­tan Bewei­se dafür, dass Sara nicht so unbe­sieg­bar war, wie alle dach­ten.” (Zitat S.57) Denn auch Sara hat ver­letz­li­che Sei­ten an sich. Und genau das wird ihr bald zum Verhängnis…

Das Cover wirkt düs­ter und geheim­nis­voll — sehr pas­send. Hier wur­de auch auf Details geach­tet, schaut man sich die Prä­gung auf dem roten Boot näher an. “Hope” steht dort, was bereits in dem unheil­voll klin­gen­den Pro­log ange­deu­tet wird: “Ohne die Hoff­nung kann die Hop­pe, kann Hope es nicht an Land geschafft haben, nicht bei die­sem Wet­ter. Erst der Sturm, dann die Flut. Sie hat so viel ris­kiert — und sie tat eKasimiras für uns. Was hat sie jetzt davon? Sie ist erle­digt da drau­ßen auf See.” (Zitat S.8) Was ist mit der Leh­re­rin pas­siert? Ehe man sich die­ser Fra­ge im Haupt­teil des Buches stel­len kann, erwar­tet den Leser jedoch noch eine War­nung. Wenn man sich eine Hel­den­ge­schich­te wün­sche, ein Aben­teu­er, bei dem die Haupt­fi­gur in gro­ße Gefah­ren gerät, so sol­le man die­sen Wunsch bit­te noch ein­mal über­den­ken: “Es geht nichts über ein stink­nor­ma­les Leben. Ich muss es wis­sen, ich hat­te eins — und dann wur­de es schlag­ar­tig anders. Erst unge­müt­lich, dann schlimm, dann schlim­mer als schlimm. Und es ist noch nicht zu Ende. Aus­gang offen.” (Zitat S.9) Wer mit so etwas nicht umge­hen kön­ne, sol­le bit­te nicht wei­ter­le­sen! Dass “Trü­ge­ri­scher Sog” einen uner­war­te­ten Aus­gang neh­men könn­te, das macht der Beginn hier bereits deut­lich; dass es eine erkennt­nis­rei­che KasimiraRei­se für Leser*innen und Protagonist*in wer­den wird, scheint offen­sicht­lich — eine Her­aus­for­de­rung, ein Gehen über Gren­zen. Der Thril­ler wird abwech­selnd aus Kims und aus Saras Sicht in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Sara, die eher unsym­pa­thi­sche Prot­ago­nis­tin: “Was konn­te ich dafür, dass ich ihr Kind war? Dass ich über­haupt leb­te? Hat­te mich jemand gefragt? Mei­ne Ant­wort hät­te ihnen wahr­schein­lich nicht gefal­len, denn ich hät­te For­de­run­gen auf­ge­stellt. Mir eine bes­se­re Rea­li­tät aus­ge­han­delt.” (Zitat S.26) War­um ist sie so gewor­den, wie sie ist? Was hat sie in der Ver­gan­gen­heit erlebt, das sie so bös­ar­tig hat wer­den las­sen? Die­sen Grün­den darf man lang­sam nach­spü­ren. Und dann gibt es da noch Kim, den (sym­pa­thi­sche­ren) Gegen­part, den Außen­sei­ter, der erst lang­sam über sich her­aus­wächst. An ihm wird beson­ders guKasimirat demons­triert, wie sich Macht­ver­hält­nis­se in einer Kas­se ver­än­dern kön­nen. “Zum ers­ten Mal in mei­nem Leben bekam ich ein lei­ses Gefühl für Macht, konn­te erah­nen, wie unbe­sieg­bar Sara sich tag­ein, tag­aus füh­len muss­te […] Die­ses Mäd­chen wuss­te alles über uns, wir nichts über sie. Macht oder Ohn­macht — wer wür­de da nicht die ers­te Opti­on wäh­len?” (Zitat S.40) Alex­an­dra Kui hat eine inter­es­san­te Grund­the­ma­tik in ihr Buch ein­ge­baut, die zum Nach­den­ken anregt. Soll man Mit­läu­fer sein? Um sich zu schüt­zen? Oder soll man aus sich her­aus­kom­men und sei­ne eige­ne Mei­nung ver­tre­ten, egal wie ver­letz­lich das macht? Vor die­se exis­ten­ti­el­le Fra­ge wird auch Kim im Lauf der Geschich­te gestellt. Er, der bis­her immer im Schutz der “Namen­lo­sen” unter­ging: “Zwar war ich nicht über­mä­ßig beliebt, ein Namen­lo­ser eben, aber ich hat­te wenigs­tens mei­ne Ruhe und woll­te, dass dasKasimira so blieb. So war es eben. Das Sys­tem war grau­sam, aber schütz­te einen, solan­ge man nicht aus der Rei­he tanz­te.” (Zitat S.31) Was die Jugend­li­chen ein­an­der in Fol­ge des­sen alles antun, das liest sich schon recht hef­tig und offen­bart, dass das Böse in jedem Men­schen ver­steckt lie­gen kann. Die Ent­wick­lung der Per­so­nen war mir in man­chen Din­gen lei­der nicht immer authen­tisch genug (Lie­be kam zu plötz­lich, Freund­schafts­ge­füh­le zu Nick eben­so). Auch am Ende gab es ein paar nicht ganz so schlüs­si­ge Momen­te. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» genau­er Tat­her­gang wur­de lei­der über­haupt nicht expli­zit erwähnt; wel­che Vor­ge­schich­te hat­te die Leh­re­rin denn nun auf der Insel? Blick in Schrank von Sara lässt sie die Lei­che nicht ent­de­cken? Kim dann aber schon? ««««««ENDE SPOILER»»»»»»

Fazit: Ein inter­es­san­ter, gesell­schafts­kri­ti­scher Thril­ler, der hin­ter die Struk­tu­ren von Macht bli­cken lässt und nach­denk­lich macht, aber auch ver­stö­rend sein kann.

Dir gefällt Alex­an­dra Kuis Erzähl­stil? Dann Lesealternativenlies noch ihre ande­ren Bücher, sor­tiert nach Erschei­nungs­da­tum: “Lügen­som­mer” (2011, spielt auch an Nord­see), “Fal­sche Nähe” (2013), “Stil­le Fein­din” (2014), “Mari­as letz­ter Tag” (2015) und “Solan­ge es hell ist” (2018). Wei­te­re Klas­sen­fahrt-Roma­ne, die sehr gelun­gen erzählt sind, sind “Sankt Irgend­was” von Tama­ra Bach“Last Exit: Das Spiel fängt gera­de erst an” von Mir­jam Mous und die “Sil­ber­flut”-Rei­he von Alex Falk­ner. Eben­so düs­ter ist “Das dunk­le Lied des Todes” von Bjar­ne Reu­ter. Vom Mob­ber zum Mob­bing­op­fer? Das hat mich auch an die Roma­ne “Das wirst du bereu­en” von Aman­da Maciel und “Denk­zet­tel: Wenn dein Alb­traum wahr wird” von Dani­elle Bak­huis erin­nert. Ein sehr loh­nens­wer­ter Roman über die Mecha­nis­men der Macht ist auch “Im Schat­ten der Wäch­ter” von Gra­ham Gard­ner, das den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis erhielt und schon etwas älter “Unter Freun­den” von Tho­mas Fuchs.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-16594-2
Erscheinungsdatum: 22.März 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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