Tamara Bach — Sankt Irgendwas

3.August 2020

Sankt Irgend­was” ist der neu­es­te Roman der preis­ge­krön­ten Autorin Tama­ra Bach. Eine Geschich­te über eine Klas­sen­fahrt, auf der etwas gehö­rig schief gegan­gen sein muss. Die Gerüch­te­kü­che bro­delt und eine Eltern­kon­fe­renz wird ein­be­ru­fen. Kann tat­säch­lich eine gan­ze Klas­se von der Schu­le ver­wie­sen wer­den? Und was ist eigent­lich genau pas­siert? Pro­to­kol­le, E‑Mails, per­sön­li­che Berich­te geben lang­sam Auf­schluss. Ein unge­wöhn­lich geschrie­be­ner, kurz­wei­li­ger Roman mit einem ganz ande­ren Erzähl­stil, nah an der Spra­che der Jugend­li­chen. Anders, aber den­noch irgend­wie fes­selnd und fas­zi­nie­rend. Für Leser, die Bücher abseits des Main­streams lie­ben. Ab 14 Jah­ren und für inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 10b ist auf Klas­sen­fahrt gegan­gen. Mit dem Klas­sen­leh­rer Herr Utz und einer Begleit­leh­re­rin. Das hat sich selbst bei den Mit­schü­lern der ande­ren Klas­sen schon her­um­ge­spro­chen. “Oder waren die in Spa­ni­en? Kann das sein? Spa­ni­en?” “Gibt’s in Spa­ni­en auch Rui­nen?” “Oder waren die in Frank­reich? Ich weiß, dass die in irgend so ein Kaff gefah­ren sind. Irgend­was Hei­li­ges. Sankt Irgend­was, oder San­ta Weiß­nich­wer.” (Zitat aus “Sankt Irgend­was” S.6) Und dort muss etwas vor­ge­fal­len sein. Haben sie tat­säch­lich etwas in die Luft gesprengt? Oder ist das auch nur ein Gerücht? Und war­um wur­de nun eine Eltern­kon­fe­renz ein­be­ru­fen? Die Gerüch­te­kü­che bro­delt hoch. Kann tat­säch­lich eine gan­ze Klas­se der Schu­le ver­wie­sen wer­den? Nein, oder? Aber was haben die Schü­ler wirk­lich getan? Ein Pro­to­koll, das die Schü­ler wäh­rend der Klas­sen­fahrt anfer­ti­gen muss­ten, lässt eine erstaun­li­che Wahr­heit ans Licht kom­men…

KasimiraDas Cover ist schlicht und gleich­zei­tig irgend­wie fas­zi­nie­rend schön. Äußerst pas­send zu dem, was dar­in steckt (und auch was sich Inter­es­san­tes unter dem Schutz­um­schlag ver­birgt!). Und in Tama­ra Bachs Bücher steckt meist eine gan­ze Men­ge, auch wenn sie eher sehr schmal gehal­ten sind. Das aktu­el­le Werk umfasst ledig­lich 128 Sei­ten und liest sich rela­tiv zügig. Ich muss geste­hen, ich freue mich immer auf neue Bücher der Autorin, weil sie so viel­schich­tig und lite­ra­risch raf­fi­niert erzählt sind, aber bei “Sankt Irgend­was” war ich anfangs doch etwas zwie­ge­spal­ten. Die Grund­idee, der Plot des Buches ist gelun­gen, aber die Erzähl­art ist eine völ­lig ande­re, unge­wohn­te. Es beginnt mit einem Gespräch meh­re­re Jugend­li­che, da aus­schließ­lich in Dia­log­form erzählt wird. Schü­ler, die nicht aus der 10b sind und sich über die­se unter­hal­ten. Die Unter­hal­tung ist meist sehr flach und jugend­sprach­lich, aber authen­tisch: “Ich Kasimirafind den Utz so schei­ße.” “War­um?” “Weiß nicht. Der ist so schei­ße.” “Ah. Des­we­gen. Guter Grund.” (Zitat S.12). Oft­mals dre­hen sich die Gesprä­che auch im Kreis, ver­schie­de­ne The­men wer­den immer wie­der ange­schnit­ten. Aber eines bleibt klar: alle — ein­schließ­lich des Lesers — sind ver­dammt neu­gie­rig, was in der besag­ten Klas­se pas­siert ist und die Theo­rien dazu wer­den immer aus­schwei­fen­der. Dann folgt — nach einer E‑Mail des Klas­sen­leh­rers an die Eltern, die auf die bevor­ste­hen­de Klas­sen­fahrt hin­weist — die Pro­to­kol­lie­rung eben jener Klas­sen­rei­se. Der Ort ist unbe­kannt, alle exak­te­ren Anga­ben in der E‑Mail sind geschwärzt. Jeder Tag wird von unter­schied­li­chen Schü­lern, als Auf­ga­be des Leh­rers, pro­to­kol­liert: “14:08: Ich ver­steh kein Wort und kann daher auch nichts auf­schrei­ben. 14:20: Wir müs­sen zur Stadt­mau­er. Alle haben Hun­ger. Frau Kai­ser ver­teilt Müs­li­rie­gel und Äpfel. 14:30: Ich bin zu schwach, um zuzu­hö­ren. Wer was über die Stadt­mau­er wis­sen will, kanKasimiran das bestimmt auch goo­geln. WIR GEHEN DIE GANZE STADTMAUER LANG?!? 15:00: Wir gehen die gan­ze Stadt­mau­er lang.” (Zitat S.29) Die­se Erzähl­art ist erst mal etwas ganz Ande­res, baut eine gewis­se Dyna­mik auf, aber ist eben doch erst etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig. Es bleibt eine gewis­se Distanz beim Lesen, eine Ver­bin­dung zu den Per­so­nen des Gesche­hens lässt sich zunächst schwer auf­bau­en, es wirkt mehr wie ein voy­eu­ris­ti­sches Zuschau­en, wie ein nüch­ter­ner Bericht. Wobei nüch­tern in Tama­ra Bachs Bücher auch wie­der hin­fäl­lig ist, denn auch wenn die Spra­che abso­lut klar, schnör­kel­los und schlicht ist, so steckt wie­der zwi­schen den Zei­len eine Men­ge — und das gera­de macht bei ihren Büchern immer einen gro­ßen Reiz aus, ihre Viel­schich­tig­keit. Zuwei­len fin­det man auch eine schö­ne Por­ti­on Iro­nie und unter­schwel­li­ge Süf­fi­sanz in den Pro­to­kol­len: “04.50: Bin wohl wie­der ein­ge­schla­fen. Es wird hell. Wir sind irgend­wo. Wir fah­ren irgend­wo lang. Drau­ßen ist Welt und Kasimiradrin­nen wir. Es riecht jetzt nach vie­len, alten, unge­wa­sche­nen Füßen. Son­ne geht auf. Guten Mor­gen. 05:00: Pul­ler­pau­se. Kaf­fee und Back­wa­ren. Mei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den müf­feln aus den Mün­dern. Der Bus­fah­rer geht nie auf die Toi­let­te. Der Mann ist ein Kamel. (Zitat S.23) Aber glück­li­cher­wei­se wech­selt der Schreib­stil schließ­lich. Ein Schü­ler führt das Pro­to­koll bestän­dig fort, in mehr erzäh­le­ri­scher Form und man bemerkt eine schö­ne Ent­wick­lung man­cher Figu­ren, wie zum Bei­spiel dem Bus­fah­rer. Das Ende hin­ter­lässt ein tol­les Gefühl von Soli­da­ri­tät und Zusam­men­halt und ist sehr pas­send und über­rascht wie gelun­gen der Roman im Nach­hin­ein dann doch ist. Eine Lese-Lie­be “auf den zwei­ten Blick” gewis­ser­ma­ßen;-)

Fazit: Eine Geschich­te, auf die man sich erst ein­mal ein­las­sen muss, ange­sichts der Anders­ar­tig­keit der Erzähl­wei­se, die aber letz­ten Endes dann trotz­dem sehr raf­fi­niert und fas­zi­nie­rend geschrie­ben ist und sich lohnt!

Dir gefällt Tama­ra Bachs Erzähl­stil? Dann lies noch ihre ande­ren Bücher, chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungsdLesealternativenatum: “Mars­mäd­chen” (2003, hier­für erhielt sie den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis), “Bus­fahrt mit Kuhn” (2004), “Jetzt ist hier” (2007), “Was vom Som­mer übrig ist” (2012), “Mari­en­bil­der” (2014, her­aus­ra­gend!), “Vier­zehn” (2016, ein ein­zig­ar­ti­ges Por­trät eines ein­zel­nen Tages), “Maus­meer” (2018), “Wör­ter mit L” (2019, Lese­tipp!). Du magst Roma­ne über Klas­sen­fahr­ten? Etwas lite­ra­ri­scher wäre “Hexen­lied” von Anto­nia Michae­lis (bril­lant). Span­nend und sehr fes­selnd schreibt auch Mir­jam Mous in “Last Exit: Das Spiel fängt gera­de erst an”. Schon etwas älter, aber sehr unter­halt­sam und auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beruht die­se mys­te­riö­se Klas­sen­fahrt: “Das dunk­le Lied des Todes” von Bjar­ne Reu­ter. Etwas fla­cher und humor­vol­ler ist “Fünf auf Crash­kurs” von Hans-Jür­gen Feld­haus. Ein biss­chen poli­ti­scher ist “Rot oder Blau: Du hast die Wahl” von Man­fred Thei­sen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58430-4
Erscheinungsdatum: 30.Juli 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 128
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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