Linda Sue Park — Der lange Weg zum Wasser

Linda Sue Park Der lange Weg zum Wasser3.Februar 2016

Die ame­ri­ka­ni­sche Autorin Lin­da Sue Park hat mit “Der lan­ge Weg zum Was­ser” einen Roman geschrie­ben, der auf einer wah­ren Geschich­te beruht. Ein­fühl­sam und sehr ergrei­fend erzählt sie die Geschich­te zwei­er Men­schen, die zu unter­schied­li­chen Zei­ten im süd­li­chen Sudan ums Über­le­ben kämp­fen. Ein Buch über die Grund­be­dürf­nis­se des Men­schen, über Flucht, Hoff­nungs­lo­sig­keit, Ängs­te, Nöte und Sor­gen. Und über die Sehn­sucht nach einem bes­se­ren Leben. Ein lesens­wer­tes Buch! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Afri­ka. Süd­li­cher Sudan. 1985. Der 11-jäh­ri­ge Sal­va sitzt gera­de im Schul­un­ter­richt, als die Schüs­se ertö­nen. “Die meis­ten Men­schen, die im Nor­den leb­ten, waren Mos­lems, und die Regie­rung woll­te, dass der gesam­te Sudan zu einem mus­li­mi­schen Land wur­de — zu einem Land, in dem die Regeln des Islam befolgt wür­den. Aber die Men­schen im Süden hat­te ande­re Reli­gio­nen und woll­ten nicht gezwun­gen wer­den, sich zum Islam zu beken­nen. Sie began­nen damit, um die Unab­hän­gig­keit vom Nor­den zu kämp­fen. Die Kämp­fe fan­den über­all im süd­li­chen Sudan statt, und nun war er Krieg auch dort ange­kom­men, wo Sal­va leb­te.” (Zitat aus “Der lan­ge Weg zum Was­ser” S.12) Der Leh­rer ruft den Schü­lern zu, dass sie kei­nes­wegs in ihre Dör­fer zurück, son­dern in den Busch hin­ein­lau­fen sol­len. Weg von sei­ner Fami­lie? Das gefällt Sal­va gar nicht, doch es ist Linda Sue Park Der lange Weg zum Wasserdie ein­zi­ge Mög­lich­keit sich vor den Angrif­fen zu ret­ten. Die Dör­fer sind die ers­ten Schau­plät­ze des Krie­ges. Doch die gro­ße Grup­pe von flüch­ten­den Men­schen wird im Busch von den Rebel­len auf­ge­grif­fen. Die Män­ner müs­sen sich dem Wider­stand anschlie­ßen und wer­den gezwun­gen zu kämp­fen, die Frau­en und Kin­der wer­den in dem Lager zurück­ge­las­sen und wan­dern wei­ter. Sal­va ist in letz­te­rer Grup­pe. Doch als die Nacht, die sie in einer Scheu­ne ver­brin­gen, vor­über ist, stellt er fest, dass er allein ist und die ande­ren ihn ein­fach nicht mit­ge­nom­men haben. Wer will sich schon um ein Kind küm­mern, das Hun­ger und Durst haben könn­te? Sal­va ist froh sich einer älte­ren Frau anzu­schlie­ßen und bald dar­auf in einer grö­ße­ren Grup­pe Flüch­ten­der auf­ge­nom­men zu wer­den. Doch wird er sei­ne Fami­lie jemals wie­der­se­hen? Wird er — der nun ein Flücht­ling ist — irgend­wo jemals ankom­men und Zuhau­se sein kön­nen? Vor allem — wird er über­le­ben?

Linda Sue Park Der lange Weg zum WasserAfri­ka. Süd­li­cher Sudan. 2008. Der Krieg ist vor­bei. Doch die Lebens­si­tua­ti­on hat sich für die Men­schen nicht wirk­lich ver­bes­sert. Das muss die 11-jäh­ri­ge Nya am eige­nen Leib, Tag für Tag, mit­er­le­ben. Es ist vor allem das Was­ser, das ihre Lage so erschwert. Den gan­zen Tag ist das jun­ge Mäd­chen unter­wegs. Sie läuft zu einem weit ent­fernt lie­gen­den Tüm­pel, um einen Kanis­ter mit Was­ser zu fül­len. Ein Kanis­ter, der nicht aus­reicht. “Nach­dem sie gera­de lan­ge genug zu Hau­se gewe­sen war, um etwas zu essen, wür­de Nya nun ihren zwei­ten Gang zur Was­ser­stel­le unter­neh­men. Zum Tüm­pel und wie­der zurück — zum Tüm­pel und wie­der zurück; ins­ge­samt war sie fast den gan­zen Tag auf den Bei­nen. Es war Nyas fes­ter Ablauf, sie­ben Mona­te im Jahr. An jedem ein­zel­nen Tag.” (Zitat S.26/ 27) In den rest­li­chen fünf Mona­ten des Jah­res — in der Tro­cken­zeit — muss Nyas Fami­lie das Dorf ver­las­sen um sich in der Nähe einer grö­ße­ren Was­ser­stel­le nie­der­zu­las­sen, die noch nicht ver­siegt ist, so wie der Tüm­pel. Aber auch an die­ser Stel­le ist es schwer, Was­ser zu bekom­men. “Der Lehm wur­de feuch­ter, je wei­ter sie grub, bis schließ­lich Was­ser auf den Boden des Lochs drang. Das Was­ser, das das Loch nun füll­te, war schmut­zig, auch eher mat­schig als flüs­sig. Und es sicker­te so lang­sam ein, dass es lan­ge dau­er­te, auch nur eini­ge weni­ge Kale­bas­sen abzu­schöp­fen. Also kau­er­te sich Nya neben dem Loch zusam­men und war­te­te. War­te­te auf Was­ser. Meh­re­re Stun­den lang. Jeden Tag, fünf Mona­te hin­durch…” (Zitat S.32) Und dann wird Nyas klei­ne Schwes­ter plötz­lich schwer krank. Es kommt vom Was­ser, sagen die Ärz­te…

Linda Sue Park Der lange Weg zum WasserDer lan­ge Weg zum Was­ser” wird aus zwei sich abwech­seln­den Per­spek­ti­ven erzählt, die sich mit einem unter­schied­li­chen Schrift­bild von­ein­an­der abgren­zen. Die Erzähl­rol­le nimmt ein all­wis­sen­der Erzäh­ler ein, der in einem kür­ze­ren Abschnitt von Nya und einem aus­führ­li­che­rem von Sal­va berich­tet. Zudem wer­den die ein­zel­nen Tex­te mit einer Orts- und Zeit­an­ga­be ver­se­hen, was für Über­sicht­lich­keit sorgt. Die Spra­che ist ein­fach und klar. Den täg­li­chen Kampf ums Über­le­ben mit zu ver­fol­gen, liest sich sehr bewe­gend. Die Geschich­te lässt nach­denk­lich wer­den. Wie selbst­ver­ständ­lich ist es für uns heut­zu­ta­ge gewor­den zum Was­ser­hahn zu gehen und mit einer Bewe­gung flie­ßen­des Was­ser zu erhal­ten? Ohne dafür stun­den­lang zu einem Tüm­pel gehen zu müs­sen? Selbst Nyas klei­ne Schwes­ter soll schon zur Was­ser­stel­le gehen: “Nimm Akeer mit dir”, sag­te sie [die Mut­ter] und deu­te­te mit einem Nicken auf Nayas Schwes­ter. Nya warf ihrer jün­ge­ren Schwes­ter einen Blick zu, behielt aber für sich, was sie dach­te: Akeer, die gera­de ein­mal fünf Jah­re alt war, war zu klein und sie ging auch zu lang­sam. “Sie muss es ler­nen”, sag­te ihre Mut­ter.” (Zitat S.26) Als Akeer krank wird und die Ärz­tin ihnen rät, das Was­ser in Zukunft abzu­ko­chen und bis 200 zu zäh­len, ehe sie es trin­ken, wird einem noch mehr bewusst, in wel­cher unmög­li­chen Situa­ti­on die Fami­lie und vie­le ande­re Men­schen ste­cken: wür­den sie das weni­ge Was­ser, an das sie wäh­rend der Tro­cken­zeit gelan­gen, auch noch abko­chen, wäre die gerin­ge Men­ge bereits ver­dampft, ehe sie die 200 über­haupt erreicht hät­ten…
Auch Sal­vas Lage liest sich sehr dra­ma­tisch. Jah­re­lang auf der Flucht, immer unter­wegs. Ohne Ziel. Ohne Fami­lie. Zum Glück trifft er bald sei­nen Onkel, der sich sei­ner annimmt. Doch die Ängs­te und Sor­gen kann ihm kei­ner neh­men. Sein bes­ter Freund Mari­al stirbt mit­ten in der Nacht. Ist am ande­ren Mor­gen ein­fach nicht mehr da: “Eini­ge Män­ner hat­ten Wache gehal­ten, aber in der Fins­ter­nis der Nacht, in der der Wind durch das hohe Gras strich, konn­te sich der Löwe leicht anschlei­chen, ohne gese­hen zu wer­den. Er hat­te sich eine Beu­te aus­ge­sucht, die klein und bewe­gungs­los war: den schla­fen­den Mari­al. Und er hat­te ihn mit sich genom­men, hat­te nur ein paar Trop­fen Blut nahe des Pfads zurükge­las­sen.” (Zitat S.45). Sich mit sol­chen Gefah­ren und The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, ist nicht immer ein­fach. Lin­da Sue Park schreibt, was pas­siert ist. Deut­lich und klar. Sie ver­schö­nert nichts. Sie lässt ihre Leser teil­ha­ben an Schick­sa­len, die auch in der heu­ti­gen Zeit kei­nes­wegs an Bri­sanz ver­lo­ren haben. Viel­leicht ist “Der lan­ge Weg zum Was­ser” gera­de des­we­gen eine Lek­tü­re, die ange­sichts der aku­tel­len Flücht­lings­pro­ble­ma­tik gele­sen wer­den soll­te. Um mehr Ver­ständ­nis zu ent­wi­ckeln. Um Men­schen die Mensch­lich­keit ent­ge­gen­zu­brin­gen, die sie ver­dient haben. Denn auch Sal­va lan­det in einem Flücht­lings­la­ger, in dem er lan­ge Zeit lebt. Bis er eine uner­war­te­te Chan­ce erhält. Und sie ergreift. Und den Men­schen letz­ten Endes etwas Beson­de­res zurück­gibt.

Fazit: Lesen, unbe­dingt lesen!!

Dich hat die­ses Buch beein­druckt? Eine sehr gute Alter­na­ti­ve hier­zu ist “Es gibt Din­ge, die kann man nicht erzäh­len” von Kirs­ten Boie, die in vier, wirk­lich bewe­gen­den Kurz­ge­schich­ten vom Leid afri­ka­ni­scher Kin­der erzählt. Die­se beru­hen eben­falls auf wah­ren Bege­ben­hei­ten, spie­len Lesealternativenaber in Swa­si­land. Sehr ein­dring­lich erzählt auch Jan­ne Tel­ler in “Krieg: Stell dir vor, er wäre hier” davon auf ein­mal ein Flücht­ling zu sein. Dem The­ma Flucht wid­men sich in die­sem Früh­jahr eini­ge Neu­erschei­nun­gen: “Check­point Euro­pa: Flucht in ein neu­es Leben” von Man­fred Thei­sen, Im Jahr des Affen” von Que Du Luu, “Neu in der Frem­de: Von Men­schen, die ihre Hei­mat ver­las­sen” von Caro­lin Eichen­laub und “Wal­king Home: Der lan­ge Weg nach Hau­se” von Eric Wal­ters. Über afri­ka­ni­sche Flücht­lin­ge haben auch fol­gen­de Autoren etwas geschrie­ben: Robert Kle­ment: “70 Mei­len bis zum Para­dies” und Ort­win Rama­dan: “Der Schrei des Löwen”. Etwas sehr Beein­dru­cken­des gegen Armut in Afri­ka unter­nimmt auch der Prot­ago­nist in “33 Cent um ein Leben zu ret­ten” von Lou­is Jen­sen. Auf der Flucht zu sein (aller­dings vor dem Hin­ter­grund des zwei­ten Welt­kriegs), das erle­ben eben­so die Haupt­fi­gu­ren in “Win­ter­pfer­de” von Phil­ip Kerr (Lese­tipp!) und “Anna und der Schwal­ben­mann” von Gav­ri­el Savit. Lin­da Sue Park hat übri­gens noch ein wei­te­res Jugend­buch mit neun ande­ren Autoren zusam­men geschrie­ben:“Klick!: Zehn Autoren schrei­ben einen Roman”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: bloomoon
ISBN: 978-3845812373
Erscheinungsdatum: 12.Januar 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 128
Übersetzer: André Mumot
Originaltitel: "A long walk to water"
Originalverlag: Clarion Books

Amerikanisches Originalcover: 
Linda Sue Park Der lange Weg zum Wasser











Linda Sue Park spricht über ihr Buch mit Salva Dut: (auf Englisch)
 
Amerikanischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Linda Sue Park

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