William Sutcliffe — Concentr8

William Sutcliffe Concentr82.November 2016

Concentr8” von dem bri­ti­schen Auto­ren Wil­liam Sut­clif­fe ist ein (dys­to­pi­scher) Roman über ein hoch­bri­san­tes The­ma: ADHS. Ein neu­es Medi­ka­ment mit dem Mas­sen behan­delt wer­den, eine Ent­füh­rung und eine Grup­pe von Jugend­li­chen, die durch den Wirk­stoff bis­her ruhig gestellt wur­den, jetzt aber nach dem plötz­li­chen Ver­sie­gen des Medi­ka­ments auf­rüh­re­risch wird, sind zen­tra­le Bestand­tei­le des Buchs. Eine Geschich­te erzählt aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven, äußerst unter­halt­sam und pro­vo­kant! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Lon­don in einer nahen Zukunft. Sie sind zu fünft, als sie den Mann, der aus dem Rat­haus kommt, ent­füh­ren: Der 16-jäh­ri­ge Troy, der in sozi­al schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen ist; die schö­ne Karen; der ein­fäl­ti­ge Lee; Femi, der Jun­ge mit dem Gewis­sen und Bla­ze, Troys bes­ter Freund, dem alle irgend­wie fol­gen und der sie anführt, obwohl sie eigent­lich kei­ne Gang sind. “Es fing an, als Lon­don kom­plett durch­ge­dreht ist…[…] Wie sich der Wahn­sinn so schnell aus­brei­te­te, wie jeder davon mit­ge­ris­sen wur­de, wie die Poli­zei schein­bar auf­gab und alles gesche­hen ließ — das war ein­fach unglaub­lich. Es war, als wäre auf ein­mal alles erlaubt — ALLES. Also Din­ge, die du dir nicht mal vor­stel­len kannst, bis sie vor dei­nen eige­nen Augen pas­sie­ren. Läden aus­rau­ben, Häu­ser abfa­ckeln, Gebäu­de zer­stö­ren… und das war nur der Anfang.” (Zitat S.8) Es war Bla­zes Idee den unbe­kann­ten Mann zu ent­füh­ren und sich in einer alten Lager­hal­le zu ver­bar­ri­ka­die­ren. Denn die Unru­hen in der Stadt, die vor Kur­zem aus­ge­bro­chen sind, rei­ßen auch die Jugend­li­chen irgend­wie mit. Man gibt ihnen kein William Sutcliffe Concentr8Concentr8 mehr, auf­grund eines Lie­fer­eng­pas­ses. Concentr8, das Medi­ka­ment, dass vie­le schon seit lan­gem ein­neh­men, wie eine lebens­er­hal­ten­de Medi­zin.Ich habe den Anfang nicht mit­ge­kriegt, aber alle sagen, dass es die Kids waren, die damit ange­fan­gen haben — weil sie wütend waren wegen Concentr8. Aber in der zwei­ten Nacht mach­ten alle ande­ren auch mit — weil sie wütend wegen allem ande­ren waren. Und dann ging es rich­tig los, es wur­de grö­ßer und grö­ßer, bis es schien, als wären alle Men­schen auf der Stra­ße, wie wil­de Hun­de, die sich los­ge­ris­sen haben, und alles explo­diert, eine Wel­le aus Wut über­flu­tet alles, und nichts hält sie auf.” (Zitat S.9) Jetzt sind die Jugend­li­chen bereits von der Poli­zei umstellt, har­ren in ihrem Unter­schlupf aus, mit der gefes­sel­ten Gei­sel im Hin­ter­zim­mer. Wäh­rend sechs Tagen ver­schär­fen sich nicht nur die Fron­ten von außen, son­dern auch innen wer­den die Kon­flik­te zwi­schen den Jugend­li­chen grö­ßer. Und eine Wahr­heit droht ans Licht zu kom­men, als eine Jour­na­lis­tin über die Hin­ter­grün­de zu Concentr8 berich­tet. Eine Wahr­heit, die alles ver­än­dern wird…

William Sutcliffe Concentr8Wil­liam Sut­clif­fe schreibt nah an der Spra­che der Jugend­li­chen, dass merkt man gleich, wenn man das Buch zu lesen beginnt. Eine direk­te, auch umgangs­sprach­li­che, aber sehr authen­ti­sche Erzähl­wei­se, die den Ton trifft, aber auch Gefüh­le der ein­zel­nen Prot­ago­nis­ten exakt in Wor­te zu fas­sen weiß: “Der Damm ist gebro­chen, und jetzt ist jeder wegen allem wütend — ich mein, die Wut ist nicht neu, aber dass wir sie raus­las­sen, das ist neu. Ich fin­de nicht die Wor­te, um es zu beschrei­ben, denn es ist böse und bru­tal und zugleich unschul­dig, wie ein Kind, das jedes Gefühl ein­fach raus­lässt, ohne sich etwas dabei zu den­ken.” (Zitat S.20) Der Roman wird aus ver­schie­de­nen Sicht­wei­sen in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve erzählt und berich­tet nicht nur aus der Sicht der Jugend­li­chen, son­dern auch aus der der Gei­sel, des Bür­ger­meis­ters, der Poli­zei und der Jour­na­lis­tin. Dadurch eröff­net sich für den Leser ein sehr umfas­sen­des Bild der Umstän­de. Auch derer, die das Phä­no­men ADHS in den Vor­der­grund rücken: “ADHS erreicht epi­de­mi­sche Aus­ma­ße in der west­li­chen Welt. Kin­der, denen nicht gehol­fen wird, tra­gen ein enor­mes Risi­ko, in der Schu­le zu ver­sa­gen und infol­ge­des­sen auch im Leben zu ver­sa­gen. Auf­fäl­li­ge Kin­der kön­nen mit Rita­lin inner­halb weni­ger Tage, manch­mal inner­halb von Stun­den beru­higt wer­den. […] Das Pro­blem ist, dass William Sutcliffe Concentr8Rita­lin drei Mal täg­lich ein­ge­nom­men wer­den muss. Das neue Medi­ka­ment Concentr8 ist ein gro­ßer Schritt nach vorn. Es wirkt acht Stun­den statt vier, des­halb auch der Name […] das Wun­der­me­di­ka­ment, auf das die gesam­te Exper­ten­welt gewar­tet hat.” (Zitat S.97) Ein erfun­de­nes Medi­ka­ment, das mit Hil­fe der Poli­tik, die die Ver­wen­dung mas­siv unter­stützt, auf einen gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rungs­schicht ange­wandt wird? Leh­rer, die Schü­ler aus­wäh­len, die am Pro­gramm teil­neh­men sol­len? Eltern, die dafür eine finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung erhal­ten? Wil­liam Sut­clif­fe schafft einen inter­es­san­ten Plot, regt aber auch zu Dis­kus­sio­nen an. Was wäre, wenn? Darf man in die Gesund­heit des Men­schen auf so hef­ti­ge Wei­se ein­wir­ken? Wann ist es gerecht­fer­tigt und wann nicht? “Als sie uns Concentr8 weg­nah­men, müs­sen sie gewusst haben, dass das so ähn­lich ist, als wür­de man eine Cola­do­se kräf­tig schüt­teln und dann den Ver­schluss auf­zie­hen — sie wuss­ten es, aber es war ihnen egal. Uns die Schuld dafür zu geben, was wir getan haben, ist so, als wür­de man der Cola die Schuld geben, wenn sie einem ins Gesicht spritzt.” (Zitat S.8) Neben den her­vor­ra­gen­den Erklä­run­gen wie eine Grup­pen­dy­na­mik funk­tio­niert (als alle Bla­ze und sei­nem Ent­füh­rungs­plan fol­gen) haben mir vor allem die Bil­der gut gefal­len, die der Autor zuwei­len erschafft, die William Sutcliffe Concentr8Ver­glei­che, die er zieht: “Ihr hät­tet den Blick die­ses Typen sehen sol­len. Als kön­ne er nicht glau­ben, was gera­de geschieht — als wür­de er gleich ster­ben — als hät­te er gera­de noch einen Kriegs­film im Fern­se­hen geschaut, und plötz­lich explo­diert der Fern­se­her, und Sol­da­ten schie­ßen mit ech­ten Knar­ren auf ihn.” (Zitat S.10) und “Die Tür­git­ter gehen hoch, und die Türen geben Sekun­den spä­ter nach. Wie Was­ser durch einen Abfluss strö­men die Leu­te hin­ein, schub­sen sich gegen­sei­tig — Ellen­bo­gen und Fäus­te über­all.” (Zitat S.15) Sehr inter­es­sant sind auch die Zita­te, die zu jedem Kapi­tel­be­ginn über ADHS und deren wis­sen­schaft­li­che, his­to­risch beleuch­te­te Behand­lung und deren Risi­ken wider­ge­ge­ben wer­den. Zudem fin­det man man­chen klu­gen Satz in dem Roman: “Man rea­li­siert gar nicht, was alles ver­bo­ten ist, bis man sieht, wie es ist, wenn plötz­lich jeder alles machen kann, was er will.” (Zitat S.14)

Fazit: Ein sehr authen­tisch erzähl­ter, bewe­gen­der Roman, der nach­denk­lich macht.

Dir gefällt Wil­liam Sut­clif­fes Erzähl­stil? Dann lies noch “Auf der rich­ti­gen Sei­te” von ihm, das 2015 sowohl für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis, als auch für den Katho­li­schen Kin­der- und Jugend­buch­preis nomi­niert war. Vom Erzähl­stil herLesealternativen hat mich der Autor ein wenig an Mel­vin Bur­gess erin­nert, der eben­falls sehr authen­tisch schreibt und nah an der Spra­che der Jugend­li­chen ist. Lies von ihm zum Bei­spiel “Death”, in dem auch ein ganz beson­de­res Medi­ka­ment im Umlauf ist oder “Kill all enemies”. Eine gute Alter­na­ti­ve ist auch der bri­ti­sche Autor Kevin Brooks, zum Bei­spiel “i Boy” oder “Bun­ker dia­ry”. Ein Pro­gramm, das Kin­der über­wacht, fin­dest du eben­so in “Du.Wirst.Vergessen.” von Suz­an­ne Young. Eine Ent­füh­rung und Jugend­li­che, die außer Kon­trol­le gera­ten, kannst du in dem Roman “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais ent­de­cken. Du magst Bücher, die auch von wis­sen­schaft­li­cher Sei­te beleuch­tet wer­den? Dann greif zu “Schlamm oder Die Kata­stro­phe von Heath Cliff” von Lou­is Sachar. Vie­le ande­re pro­vo­kan­te Roma­ne wer­den in dem The­ma des Monats-Bei­trag Novem­ber vor­ge­stellt.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21739-5
Erscheinungsdatum: 21.September 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 9,99€ 
Seitenzahl: 304 
Übersetzer: Moritz Seibert, Katharina Kastner
Originaltitel: "Concentr8" 
Originalverlag: Bloomsbury UK

Britisches Originalcover:
William Sutcliffe Concentr8

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Dir gefällt die­ser Bei­trag? Dann abon­nie­re “Kasi­mi­ra” ein­fach
und erhal­te eine E-Mail
sobald ein neu­er Bei­trag erscheint!

----------------------------------------------
Britisches Cover: Homepage von Bloomsbury UK

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.