Wendelin van Draanen — Acht Wochen

29.August 2019

Acht Wochen Wüs­te” von der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Wen­de­lin van Draa­nen ent­führt sei­ne Leser in ein Sur­vi­val-The­ra­pie-Camp mit­ten in der Wüs­te von Utah. Ein Mäd­chen, das von ihren Eltern dort­hin zwangs­ver­frach­tet wur­de und sich kei­ner Schuld bewusst ist. Eine wirk­lich gelun­ge­ne Com­ing-of-Age-Geschich­te & ein Aben­teu­er­trip — erzäh­le­risch äußerst mit­rei­ßend geschrie­ben! Ein Roman mit Tief­gang und posi­ti­ver Bot­schaft. Für rebel­li­sche und nicht-rebel­li­sche Jugend­li­che ab 13 Jah­ren, Erwach­se­ne und Eltern jener rebel­li­scher Teen­ager;-)

Die 14-jäh­ri­ge Wren staunt nicht schlecht, als sie in betrun­ke­nem Zustand mit­ten in der Nacht geweckt wird. Und zwar nicht nur von ihren Eltern und ihrer Schwes­ter, in deren Schat­ten sie schon immer stand, son­dern auch von einem Poli­zis­ten! Es ist nur zu dei­nem Bes­ten”, sagt mein Vater. Sei­ne Stim­me klingt eisig. Knall­hart. Wie eine zuge­schla­ge­ne Gefrier­schrank­tür.” (Zitat aus “Acht Wochen Wüs­te” S.9) Dass sie “nur” einen Virus hat, als sie in ihrem Müll­ei­mer kotzt, scheint die­ser ihr nicht wirk­lich abzu­neh­men. Was wol­len die alle von ihr? Wie­so kann sie nicht wei­ter­schla­fen? Es ist mit­ten in der Nacht. 3:47. Aber der Poli­zist will sie mit­neh­men. “Mom!”, rufe ichKasimira. Ich kann sie im Flur wei­nen hören. “Mom! Was soll das alles?” Doch sie ant­wor­tet nicht. Nie­mand ant­wor­tet mir. Ich bin zitt­rig und durch­ge­fro­ren und mein Herz klopft wie wild.” (Zitat S.9) Der Poli­zist und eine wei­te­re Frau brin­gen Wren ins Auto. Von dort aus geht es zum Flug­ha­fen. Sogar die gesetz­li­che Vor­mund­schaft scheint der Mann über­nom­men zu haben! “…wie konn­ten sie mir das hier über­haupt antun? Mei­ne eige­nen Eltern! […] Ich ver­gra­be den Kopf in den Hän­den. Mein Herz schmerzt. Ich kann kaum mehr atmen. Wie konn­ten sie nur?” (Zitat S.14) Wren wird in ein Wild­nis-Camp gebracht. Muss sogar eine Augen­bin­de tra­gen, damit sie nicht weiß, wo genau es sich befin­det. Ein kilo­me­ter­lan­ger Marsch durch die Wüs­te Utahs liegt eben­falls vor ihr. Acht Wochen lang soll sie in dem The­ra­pie-Camp blei­ben. Muss in pri­mi­tivs­ten Ver­hält­nis­sen leben. Soll sogar ler­nen wie man Feu­er macht und Was­ser sam­melt. Dar­auf hat sie ja so Kasimiraüber­haupt kei­ne Lust. Und sich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen, was war und war­um sie ihre Eltern wohl hier hin­ge­schickt haben, schon gar nicht. Doch das har­te Leben in der Ein­öde kratzt sogar an Wrens Pan­zer­schicht…

Das Cover sieht inter­es­sant aus und spie­gelt den Inhalt pas­send wie­der. Der Roman ist in Kapi­tel ein­ge­teilt und wird in ins­ge­samt fünf Tei­len erzählt und durch­gän­gig aus Wrens Ich-Per­spek­ti­ve. Der Ein­stieg in die Geschich­te gelingt mühe­los und wirft den Leser ohne gro­ßes Vor­ge­plän­kel mit­ten in die emo­tio­na­le Anfangs­sze­ne hin­ein, in der Wren von Zuhau­se abge­holt wird. “Wir wis­sen nicht mehr wei­ter, Wren.” “Und dar­um lie­fert ihr mich jetzt an die Bul­len aus? MOM!, schreie ich an ihm vor­bei. “MOM!” Der Poli­zist packt mei­nen Arm und zerrt mich den Flur hin­un­ter, sosehr ich mich auch weh­re. In der Küche höre ich mei­ne Mut­ter wei­nen. “MOM!”, krei­sche ich. “WAS IST HIER LOS? TUT DOCH WAS!” (Zitat S.10) Man spürt ihre VeKasimirarzweif­lung förm­lich, ihre Angst vor dem, was kom­men mag und fühlt sofort mit Wren. Dies ist erzäh­le­risch äußerst geschickt gemacht, denn erst nach und nach wird in Rück­blen­den erzählt, was zuvor geschah. Wie das Ver­hält­nis zu ihrer Schwes­ter ist, wie Wrens Freund­schaft zu Mea­dow ent­stand, die sie zum Kif­fen ver­führ­te, wie sie anfing zu klau­en und zu lügen. Die Über­gän­ge zwi­schen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit las­sen ein fas­zi­nie­ren­des Erzähl­kon­strukt ent­ste­hen, dem man sich kaum ent­zie­hen kann. Fes­selnd, authen­tisch und sehr bewe­gend. Was mir vor allem sehr gut gefal­len hat, ist die Wand­lung, die Wren durch­macht. Die­se zu beob­ach­ten, macht einen gro­ßen Reiz des Buches aus. Wie sie ihren Eltern zum Bei­spiel die Schuld in die Schu­he schiebt: “Ich mei­ne, wer lässt denn bit­te sei­ne Toch­ter mit­ten in der Nacht abfüh­ren wie eine Schwer­ver­bre­che­rin? […] Was für eine mie­se Mut­ter macht denn so was? Was für mie­se Eltern?” (Zitat S.22) Wie sie in der ers­ten Nacht im Camp keinKasimiraerlei Hil­fe beim Auf­bau ihres Schlaf­plat­zes anneh­men will und lie­ber ihr eige­nes Ding durch­zieht: “Lass mich in Ruhe!”, schreie ich sie an. Als Nächs­tes brab­belt sie etwas von einer Unter­la­ge, mit der ich irgend­was ver­an­stal­ten soll. “LASS MICH IN RUHE!”, schreie ich noch lau­ter. Und end­lich tut sie es.” (Zitat S.67) Und dann prompt im ers­ten Regen­schau­er völ­lig nass wird, weil das Was­ser unter ihre Pla­ne läuft. Das, was Bera­tungs­leh­rer und The­ra­peu­ten schon eine Ewig­keit bei ihr ver­sucht haben, näm­lich an sie her­an­zu­kom­men, das gelingt den Men­schen um Wren her­um all­mäh­lich. Hier in der Abge­schie­den­heit mit einer klei­nen Grup­pe von Mäd­chen, die aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den im Camp gelan­det sind. Die mit Wren jedoch zunächst noch nicht spre­chen dür­fen. Erst wenn sie eine Stu­fe höher auf­ge­stie­gen ist und eini­ge Fer­tig­kei­ten, wie Feu­er machen oder Was­ser suchen, geleKasimirarnt hat. Wie das Mäd­chen sol­che Her­aus­for­de­run­gen mit ihrer Dick­köp­fig­keit und ihrem Ehr­geiz zu meis­tern beginnt und dabei einen glaub­wür­di­gen Ent­wick­lungs­pro­zess durch­macht, ist höchst span­nend zu lesen. Es gab für mich in “Acht Wochen Wüs­te” kei­ne ein­zi­ge Stel­le, bei der ich mich irgend­wie lang­wei­len konn­te! Eine klug erzähl­te Geschich­te, die eine authen­ti­sche Wand­lung der Prot­ago­nis­tin in den Vor­der­grund stellt und zeigt, dass ein Neu­an­fang immer mög­lich ist.

Fazit: Die­ses Buch ist eine Berei­che­rung und lohnt sich defi­ni­tiv zu lesen!

Du möch­test noch ande­re Bücher von Wen­de­lin van Draa­nen lesen? Dann greif zu “Aus­ge­flippt” (2015) oder zu “Unter mei­nen Füßen die Stra­ße” (2011). Ums Über­le­ben in der Wüs­te kämp­fen? Das fin­dest du zudem sehr pas­send in “Bren­nen­der Durst” voLesealternativenn Liz­zie Wil­cock und (eher his­to­risch) in “Wüs­ten­ma­tro­sen” von Olaf Frit­sche. Eine stör­ri­sche Haupt­per­son, die eine gro­ße Ent­wick­lung durch­macht? Das kannst du in dem bril­lan­ten “Clean” von Juno Daw­son ent­de­cken. Roma­ne, die in Erzie­hungs­camps spie­len, gibt es im Jugend­buch eini­ge. Klas­si­ker sind das bekann­te “Löcher” von Lou­is Sachar und “Boot­camp” von Mor­ton Rhue. Etwas hef­ti­ger zur Sache geht es auch in “Das Camp” von Harald Ton­dern, “Camp 21: Gren­zen­los gefan­gen” von Rai­ner Wekwerth (abso­lut fes­selnd!) und “Break Out” von April Hen­ry (sehr span­nend!). Eine Geschich­te, die in einem Erzie­hungs­la­ger spielt und eben­so Mut macht ande­re Wege zu gehen, ist “Zusam­men wie Schwes­tern” von Gayle For­man. Zwei sehr gute Alter­na­ti­ven sind außer­dem “Die Stil­le mei­ner Wor­te” von Ava Reed und “Mein Som­mer auf dem Mond” von Adria­na Popes­cu. Gut könn­te ich mir zudem “Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” von Jes­si Kir­by vor­stel­len.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-5042-4
Erscheinungsdatum: 17.Juli 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: Jessika Komina, Sandra Knuffinke
Originaltitel: "Wild bird"
Originalverlag: Ember

Amerikanisches Originalcover:







Amerikanischer Trailer:

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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