Ursula Poznanski — Thalamus

Ursula Poznanski - Thalamus25.August 2018

End­lich wie­der Lese­fut­ter von der öster­rei­chi­schen Autorin Ursu­la Pozn­an­ski“Tha­la­mus” heißt ihr neu­es­ter Genie­streich — ein Thril­ler, der sei­ne Leser in eine abge­le­ge­ne Kli­nik ent­führt, die sich auf Traum­a­pa­ti­en­ten spe­zia­li­siert hat. Ein Ort, an dem nichts ist, wie es scheint und an dem den Pati­en­ten selt­sa­me Din­ge pas­sie­ren. Ein wirk­li­cher Page­tur­ner. Hier hat sich die Autorin mal wie­der selbst über­trof­fen! Für alle, die packen­de Bücher lie­ben und drin­gend mal wie­der eine Geschich­te in einem Rutsch durch­le­sen möch­ten. Ab 14 Jah­ren emp­foh­len und für Erwach­se­ne.

Nach einem Unfall mit dem Motor­rol­ler lan­det der 17-jäh­ri­ge Timo im Mark­wald­hof, einer Reha­bi­li­ta­ti­ons­kli­nik, die beson­de­re Erfol­ge mit Traum­a­pa­ti­en­ten erzielt. Er hat eini­ge Ver­let­zun­gen erlit­ten, vor allem aber ein Schä­del­hirn­trau­ma, das gro­ße Aus­wir­kun­gen auf sei­nen All­tag hat. Er kann nicht mehr rich­tig spre­chen: “Die Erkennt­nis sicker­te lang­sam in Timos Bewusst­sein ein, und ihm wur­de inner­lich kalt. Etwas war kaputt­ge­gan­gen, die Ver­bin­dung zwi­schen sei­nen Gedan­ken und der Fähig­keit, sie aus­zu­drü­cken, exis­tier­te nicht mehr. […] Er ver­such­te es noch ein­mal. Mit etwas ganz Ein­fa­chem, sei­nem Namen näm­lich. Timo. Ti-mo. “Daaaaa­auuuu-” Ent­setzt brach er ab.” (Zitat S.14) Sei­ne Fein­mo­to­rik erlaubt es ihm auch nicht etwasUrsula Poznanski - Thalamus auf­zu­schrei­ben oder gar einen Trink­be­cher rich­tig fest­zu­hal­ten. Mit einer Schna­bel­tas­se muss er sich vor­erst begnü­gen und eben­so das Essen wie­der rich­tig ler­nen. Mit einem Roll­stuhl lässt er sich von Carl, einem net­ten Mit­pa­ti­en­ten durch die Kli­nik fah­ren. Denn das Lau­fen strengt ihn unheim­lich an und gehört eben­falls zu den Din­gen, die er erst wie­der trai­nie­ren muss. Doch dann gesche­hen in der Kli­nik ein paar merk­wür­di­ge Din­ge. Timos Bett­nach­bar, ein wirk­lich schwe­rer Fall, der im Wach­ko­ma liegt und völ­lig regungs­los vor sich hin­ve­ge­tiert, steht nachts auf ein­mal auf und ver­lässt das Zim­mer! Er droht Timo sogar ihm etwas anzu­tun, soll­te die­ser ihn ver­pet­zen. Aber auch Timo selbst wider­fährt Selt­sa­mes: er schlaf­wan­delt des Öfte­ren und fin­det sich nachts plötz­lich an ganz ande­ren Orten wie­der. Und dann ist da auf ein­mal auch die­se frem­de Stim­me in sei­nem Kopf: Som­nam­bu­lis­mus. Das Wort tauch­te plötz­lich in sei­nem Kopf auf, so deut­lich, er konn­te es bei­na­he hören. Som­nam­bu­lis­mus bedeu­te­te das­sel­be wie Schlaf­wan­deln, das wuss­te er. Aller­dings erst seit einer hal­ben Sekun­de, davor hat­te er den Begriff noch nie gehört. […] Stammt aus dem Latei­ni­schen; von som­nus — Schlaf und ambu­la­re — her­um­wan­deln, spa­zie­ren. Auch die­se Erklä­rung tauch­te plötz­lich und unge­fragt in sei­nem Kopf auf. Sie erschreck­te Ursula Poznanski - ThalamusTimo weit mehr als das ein­zel­ne Wort vor­hin, denn Latein hat­te er nie gelernt. (Zitat S.75) Wie kann das sein? Woher kann er das wis­sen? Und vor allem, war­um kann er nachts viel bes­ser lau­fen und sich bewe­gen als tags­über? “Am nächs­ten Tag ver­wei­ger­te er die Mit­ar­beit bei sämt­li­chen The­ra­pi­en. […] Er saß ein­fach nur im The­ra­pie­raum und starr­te die Wand an. Wozu üben? Nachts konn­te er ziem­lich gut lau­fen, bloß tags­über ging er wie ein alter Mann, dem nach fünf Schrit­ten die Kraft aus­ging. Dar­an hat­te die Phy­sio­the­ra­pie bis­her nichts geän­dert.” (Zitat S.111) Irgend­et­was scheint in die­ser Kli­nik vor sich zu gehen. War­um tref­fen sich meh­re­re Pati­en­ten sonst wohl nachts im Park, schei­nen sich tags dar­auf aber nicht mehr dar­an zu erin­nern? Dann gibt es plötz­lich den ers­ten Toten…

Tha­la­mus” war­tet mit einem bril­lan­ten Cover auf. Abso­lut pas­send zum Inhalt und ein wirk­li­cher Hin­gu­cker! Da hat sich die Gra­fik­ab­tei­lung des Loewe Ver­lags tat­säch­lich etwas Tol­les ein­fal­len las­sen. Geheim­nis­voll und fas­zi­nie­rend, so wirkt das Cover — und eben­so erging es mir beim Lesen mit der Geschich­te, die durch­gän­gig aus Timos Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve in einer leich­ten und flüs­si­gen Spra­che geschrie­ben ist. Man ist sofort drin im Gesche­hen, ohne Umschwei­fe und ohne gro­ßes Vor­ge­plän­kel lan­det man direkt bei Timos Motor­rol­ler­un­fall und erlebt mit ihm, wie er im Kran­ken­bett erwachUrsula Poznanski - Thalamust und schließ­lich nach Mark­wald­hof ver­legt wird. Eine abge­schie­de­ne Kli­nik mit­ten im Wald, weit abge­le­gen von der nächs­ten Ort­schaft — ein her­vor­ra­gen­des Set­ting und der Start­schuss für ein Kam­mer­spiel auf engem Raum. Denn gefan­gen ist Timo nicht nur durch sei­ne Krank­heit an die­sen Ort, son­dern buch­stäb­lich auch in sei­nem Kopf, der zuneh­mend ein Eigen­le­ben ent­wi­ckelt: “Um erken­nen zu kön­nen, in wes­sen Zim­mer er sich ver­wirrt hat­te, war es zu dun­kel, aber — Vor­hang. Das Wort bil­de­te sich klar und unmiss­ver­ständ­lich in sei­nem Kopf, aber er hat­te es nicht selbst gedacht. Nein, es war anders­wo her­ge­kom­men, als hät­te jemand ihm etwas zuge­raunt. Nicht von außen, son­dern von innen. Das Gefühl war scheuß­lich, als wäre Timo plötz­lich nicht mehr allein in sei­nem Kör­per.” (Zitat S.106) Noch dazu kann er nicht reden und sich nicht ver­ständ­lich machen, sonst hät­te er längst jeman­den von den selt­sa­men Vor­komm­nis­sen in Kennt­nis set­zen kön­nen. Was noch mehr die Aus­weg­lo­sig­keit sei­ner Situa­ti­on unter­streicht. “Tha­la­mus” zieht sei­ne Leser buch­stäb­lich in einen Sog, wirkt an man­chen Stel­len — wenn Timo Din­ge tut, die er selbst gar nicht tun woll­te — fast gru­se­lig. Ein fes­seln­der, atem­rau­ben­der Thril­ler - genau­so wie solch ein Buch erzählt wer­den soll­te! 

Fazit: Bes­tes Lese­fut­ter! .

Wenn dir “Tha­la­mus” gefal­len hat, dann lies doch noch die ande­ren Thril­ler von Ursu­la Pozn­an­ski, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum auf­ge­lis­tet: “Ere­bos” (aus­ge­zeich­net mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2011), “Sae­cu­lum” (Rol­leLesealternativennspiel im Wald) und Lay­ers” (Obdach­lo­sig­keit, vir­tu­el­le Rea­li­tät), “Ela­nus” (selbst­ge­bau­te Droh­ne, Über­wa­chung) und “Aqui­la” (Black­out). Außer­dem hat sie die dys­to­pi­sche “Ele­ria”-Tri­lo­gie geschrie­ben: “Die Ver­ra­ten” (Band 1), Die Ver­schwo­re­nen” (Band 2) und “Die Ver­nich­te­ten” (Band 3). Eine aus­weglose Situa­ti­on auf engs­tem Raum? Das fin­dest du in dem packen­den Zwei­tei­ler “Du kannst kei­nem trau­en” und “Ihr seid nicht allein” von Robi­son Wells, der sich in einem Inter­nat abspielt. Ein Jun­ge, der auf ein­mal außer­ge­wöhn­li­che Fähig­kei­ten ent­wi­ckelt? Das fin­dest du in der span­nen­den “Gone”-Rei­he von Micha­el Grant oder in der “Phe­ro­mon”-Rei­he von Rai­ner Wekwerth & Tha­ri­ot. Ich könn­te mir auch als fes­seln­de Alter­na­ti­ve gut “iboy” von Kevin Brooks, “Du. Wirst. Ver­ges­sen” von Suzan­ne Young (schon etwas älter) und “Boy 7” von Mir­jam Mous gut vor­stel­len. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Zur The­ma­tik der Nano­tech­no­lo­gie wären fol­gen­de Bücher emp­feh­lens­wert: die BZRK-Rei­he von Micha­el Grant oder “T.R.O.J.A. Kom­plott” von Ort­win Rama­dan. ««««««SPOILER ENDE»»»»»»

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7855-8614-3
Erscheinungsdatum: 13.August 2018
Einbandart: Broschur
Preis: 16,95€ 
Seitenzahl: 448 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -
Hörprobe:
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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