Nachdem die österreichische Bestsellerautorin Ursula Poznanski ihre Leser*innen tatsächlich ganze zwei Jahre warten ließ (!) — ist es nun endlich soweit — ihr neuestes Jugendbuch ist frisch erschienen: “Oracle”. Ein Thriller, mit dem sie sich mal wieder selbst übertroffen hat!! Sie stellt einen Jungen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte, der als Kind seltsame Visionen hat. Der Zeichen an den Körpern anderer Menschen wahrnimmt. Dunkle Balken, Nebelschwaden und Schattenwürmer. Jetzt hat er mittels Psychopharmaka und Psychotherapie alles wieder im Griff und will ein vermeintlich normales Studentenleben beginnen. Doch plötzlich stellt sich heraus, dass einige seiner Visionen tatsächlich wahr geworden sind…! Ein unglaublich fesselndes, spannend und intensiv erzähltes Buch, das einen wie in einen Bann zieht. Diese Autorin versteht einfach ihr Handwerk! Beste Unterhaltung für Jung und Alt (frühestens ab 13 Jahren).
Der 18-jährige Julian hat es endlich geschafft. Er ist von zu Hause ausgezogen und startet in einem Studentenwohnheim ein neues Leben. Einzige Bedingung seiner Eltern, die ihn weiterhin finanziell unterstützen: er muss die Therapie, die er als Kind begonnen hat, weiter fortsetzen. “Seit er dreizehn gewesen war, hatte Sonja für ihn so etwas wie einen Rettungsanker dargestellt, in einer Welt, die ihn ständig erschreckte. Die ihm Dinge vorgaukelte, die andere nicht sahen, weil sie schlicht und einfach nicht da waren.” (Zitat aus “Oracle” S.14) Sonja ist seine Therapeutin und hat bei ihm eine Psychose diagnostiziert. Denn Julian hat früher
bei manchen Menschen etwas gesehen, was außer ihm niemand wahrgenommen hat. Vor allem bei seinen Mitschülern, mit denen er die schlimmsten Erinnerungen verbindet: “…Verena, die er nie zur Gänze gesehen hatte. Immer nur von der Gürtellinie aufwärts, der Rest war hinter einer wabernden roten Wolke verborgen gewesen, einem verschmierten Etwas, auf dem sie gewissermaßen dahingeschwebt war. Oder Lars, aus dessen Augen ebenso viel weißer Nebel gequollen war wie Gemeinheiten aus seinem Mund. Hanno, mit dem schwarzen Keil, der die Mitte seines Gesichts verbarg und seinen Brustkorb zu spalten schien.” (Zitat S.16) Er hat in seiner Kindheit furchtbar darunter gelitten, konnte seinen Mitschülern nie ins Gesicht blicken, aus Angst, was er zu sehen bekam und wurde aufgrund dieses überängstlichen, panischen Verhaltens extremst gemobbt. Doch nun hat er seit Jahren keine Trugbilder — wie Sonja es nennt — mehr wahrgenommen. Er nimmt regelmäßi
g Medikamente und kann einen fast normalen Alltag führen. Sogar auf ein Klassentreffen geht er und stellt fest, dass keiner seiner alten Mitschüler mehr diese Zeichen trägt. Aber dann bemerkt er, dass Verena, deren Beine er nie sehen konnte, plötzlich im Rollstuhl sitzt. “Das ist Zufall, sagte er sich, Zufall, nichts weiter. Der rote Nebel kann sie nicht gelähmt haben, ihre Beine nicht zerstört haben. Das ist unmöglich.” (Zitat S.31) Sie hatte vor zwei Jahren einen Kletterunfall. Auch Livias Mutter, bei der er immer so Wurmschatten gesehen hat, ist tot. Julian kann es nicht glauben. Als dann Hanno auf einmal auch noch einen Unfall hat, bei dem er exakt an den Stellen Verletzungen hat, die Julian vorhergesehen hat, wird das Chaos perfekt. Als er seine Tabletten absetzt, überschlagen sich bald die Ereignisse…
Das Cover ist brillant gewählt, in der Kombination mit dem Titel macht es höchst neugierig auf den Inhalt! Julian erzählt in dem Thriller durchgehend aus der Ich-Perspektive. Ein Jugendlicher, der Schlimmes hinter sich hat. Der furchtbare Dinge sah, die kein anderer außer ihm wahrnahm. “Versuche doch, auf den Fortschritt zu vertrauen, den du gemacht hast. Die Trugbilder sind seit Jahren fort, es gibt keinen Grund mehr, den Menschen nicht ins Gesicht zu schauen.” (Zitat S.15) Man wünscht es Julian als Leser*in tatsächlich, dass er fortan ein normales Leben führen kann, dass alles nur Zeichen einer Krankheit waren, die jetzt behandelbar geworden ist, ahnt jedoch instinktiv (und wenn man den Klappentext gelesen hat), dass Ursula Poznanski ihre Hauptfigur so leicht nicht davonkommen lassen wird;-) “Sein Leben würde von nun an normal sein, unbekümmert, voller Partys, beschloss er, in einer Mischung aus Vorfreude und Trotz. Und es funktionierte tatsächlich ganz gut. Knappe
zwei Wochen lang.” (Zitat S.58) Denn natürlich holt die Vergangenheit Julian ein und seine Trugbilder stellen sich als wahre Vorahnungen heraus. Das Erzählttempo in “Oracle” ist unheimlich hoch, ständig passiert irgendetwas und die Autorin versteht es den Spannungsbogen konsequent zu halten. Man fliegt mühelos durch die Seiten und möchte den Thriller mit dem Touch Mystery und dem genialen Plot möglichst gar nicht mehr aus den Händen legen: “Psychosen konnte man behandeln, und man konnte mit anderen darüber sprechen, wie scheiße es einem ging. Doch für das, was bei ihm möglicherweise dahintersteckte, gab es keine Therapie. Weil es das Phänomen nicht gab. Darüber reden durfte er mit absolut niemandem, denn sie würden ihn alle für einen Lügner halten, einen Angeber, einen Irren.” (Zitat S.54) “Oracle” ist ein faszinierendes Gedankenexperiment, die Betrachtung einer Wirklichkeit, die aus dem Rahmen fällt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Wie würde man sich in solch
einer Situation verhalten? Was bedeutet es, wenn man Teile der Zukunft voraussehen kann? Für sich selbst und für seine Mitmenschen? Wie in dem Thriller alles immer mehr außer Kontrolle gerät, das liest sich höchst unterhaltsam und spannend. Auch das Ende liefert noch einmal einen gelungenen Höhepunkt. Nur ein Punkt fehlte mir am Schluss ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Die (polizeiliche) Aufarbeit des Unfalls/Nachfragen der Freunde über die Rettungsaktion, das wird irgendwie ganz außen vor gelassen, da hätte es eigentlich noch einen kleinen Wirbel geben müssen, woher Oscar das “wusste” ««««««ENDE SPOILER»»»»»» Abgesehen davon ist das Ende gut gelöst und passend gemacht.
Wenn dir “Oracle” gefallen hat, dann lies noch die anderen Thriller von Ursula Poznanski, hier chronologisch nach Erscheinungsdatum aufgelistet: “Erebos”, “Saeculum”, “Layers”, “Elanus”, “Aquila”, “Thalamus” und “Erebos 2”. Außerdem hat sie die dystopische “Eleria”-Trilogie geschrieben: “Die Verraten” (Band 1), “Die Verschworenen” (Band 2) und “Die Vernichteten” (Band 3). Ihre letzten Werke waren “Cryptos” und “Shelter”, die ich ebenfalls sehr gelungen fand. Du suchst inhaltliche Alternativen zu “Oracle”? Besondere Fähigkeiten und den bevorstehenden Tod anderer Menschen vorhersehen können auch die Protagonist*innen in der “Numbers”-Reihe von Rachel Ward, in der “Bodyfinder”-Reihe von Kimberly Derting und in den Thrillern “Splitterlicht” von Megan Miranda und “Bis du mir gehörst” von Melissa Marr.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-1658-7 Erscheinungsdatum: 16.August 2023 Einbandart: Hardcover Preis: 22,00€ Seitenzahl: 432 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)
Dieser Titel hat es in folgende Kategorie geschafft: **Kasimiras Lieblingsbücher**

Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1658-7
Erscheinungsdatum: 16.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 432
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -