Ursula Poznanski — Oracle

16.August 2023

Nach­dem die öster­rei­chi­sche Best­sel­ler­au­torin Ursu­la Pozn­an­ski ihre Leser*innen tat­säch­lich gan­ze zwei Jah­re war­ten ließ (!) — ist es nun end­lich soweit — ihr neu­es­tes Jugend­buch ist frisch erschie­nen: “Ora­cle”. Ein Thril­ler, mit dem sie sich mal wie­der selbst über­trof­fen hat!! Sie stellt einen Jun­gen in den Mit­tel­punkt ihrer Geschich­te, der als Kind selt­sa­me Visio­nen hat. Der Zei­chen an den Kör­pern ande­rer Men­schen wahr­nimmt. Dunk­le Bal­ken, Nebel­schwa­den und Schat­ten­wür­mer. Jetzt hat er mit­tels Psy­cho­phar­ma­ka und Psy­cho­the­ra­pie alles wie­der im Griff und will ein ver­meint­lich nor­ma­les Stu­den­ten­le­ben begin­nen. Doch plötz­lich stellt sich her­aus, dass eini­ge sei­ner Visio­nen tat­säch­lich wahr gewor­den sind…! Ein unglaub­lich fes­seln­des, span­nend und inten­siv erzähl­tes Buch, das einen wie in einen Bann zieht. Die­se Autorin ver­steht ein­fach ihr Hand­werk! Bes­te Unter­hal­tung für Jung und Alt (frü­hes­tens ab 13 Jahren).

Der 18-jäh­ri­ge Juli­an hat es end­lich geschafft. Er ist von zu Hau­se aus­ge­zo­gen und star­tet in einem Stu­den­ten­wohn­heim ein neu­es Leben. Ein­zi­ge Bedin­gung sei­ner Eltern, die ihn wei­ter­hin finan­zi­ell unter­stüt­zen: er muss die The­ra­pie, die er als Kind begon­nen hat, wei­ter fort­set­zen. “Seit er drei­zehn gewe­sen war, hat­te Son­ja für ihn so etwas wie einen Ret­tungs­an­ker dar­ge­stellt, in einer Welt, die ihn stän­dig erschreck­te. Die ihm Din­ge vor­gau­kel­te, die ande­re nicht sahen, weil sie schlicht und ein­fach nicht da waren.” (Zitat aus “Ora­cle” S.14) Son­ja ist sei­ne The­ra­peu­tin und hat bei ihm eine Psy­cho­se dia­gnos­ti­ziert. Denn Juli­an hat frü­her bei man­chen Men­schen etwas gese­hen, was außer ihm nie­mand wahr­ge­nom­men hat. Vor allem bei sei­nen Mit­schü­lern, mit denen er die schlimms­ten Erin­ne­run­gen ver­bin­det: “…Vere­na, die er nie zur Gän­ze gese­hen hat­te. Immer nur von der Gür­tel­li­nie auf­wärts, der Rest war hin­ter einer wabern­den roten Wol­ke ver­bor­gen gewe­sen, einem ver­schmier­ten Etwas, auf dem sie gewis­ser­ma­ßen dahin­ge­schwebt war. Oder Lars, aus des­sen Augen eben­so viel wei­ßer Nebel gequol­len war wie Gemein­hei­ten aus sei­nem Mund. Han­no, mit dem schwar­zen Keil, der die Mit­te sei­nes Gesichts ver­barg und sei­nen Brust­korb zu spal­ten schien.” (Zitat S.16) Er hat in sei­ner Kind­heit furcht­bar dar­un­ter gelit­ten, konn­te sei­nen Mit­schü­lern nie ins Gesicht bli­cken, aus Angst, was er zu sehen bekam und wur­de auf­grund die­ses über­ängst­li­chen, pani­schen Ver­hal­tens extremst gemobbt. Doch nun hat er seit Jah­ren kei­ne Trug­bil­der — wie Son­ja es nennt — mehr wahr­ge­nom­men. Er nimmt regel­mä­ßig Medi­ka­men­te und kann einen fast nor­ma­len All­tag füh­ren. Sogar auf ein Klas­sen­tref­fen geht er und stellt fest, dass kei­ner sei­ner alten Mit­schü­ler mehr die­se Zei­chen trägt. Aber dann bemerkt er, dass Vere­na, deren Bei­ne er nie sehen konn­te, plötz­lich im Roll­stuhl sitzt. “Das ist Zufall, sag­te er sich, Zufall, nichts wei­ter. Der rote Nebel kann sie nicht gelähmt haben, ihre Bei­ne nicht zer­stört haben. Das ist unmög­lich.” (Zitat S.31) Sie hat­te vor zwei Jah­ren einen Klet­ter­un­fall. Auch Livi­as Mut­ter, bei der er immer so Wurm­schat­ten gese­hen hat, ist tot. Juli­an kann es nicht glau­ben. Als dann Han­no auf ein­mal auch noch einen Unfall hat, bei dem er exakt an den Stel­len Ver­let­zun­gen hat, die Juli­an vor­her­ge­se­hen hat, wird das Cha­os per­fekt. Als er sei­ne Tablet­ten absetzt, über­schla­gen sich bald die Ereignisse…

Das Cover ist bril­lant gewählt, in der Kom­bi­na­ti­on mit dem Titel macht es höchst neu­gie­rig auf den Inhalt! Juli­an erzählt in dem Thril­ler durch­ge­hend aus der Ich-Per­spek­ti­ve. Ein Jugend­li­cher, der Schlim­mes hin­ter sich hat. Der furcht­ba­re Din­ge sah, die kein ande­rer außer ihm wahr­nahm. “Ver­su­che doch, auf den Fort­schritt zu ver­trau­en, den du gemacht hast. Die Trug­bil­der sind seit Jah­ren fort, es gibt kei­nen Grund mehr, den Men­schen nicht ins Gesicht zu schau­en.” (Zitat S.15) Man wünscht es Juli­an als Leser*in tat­säch­lich, dass er fort­an ein nor­ma­les Leben füh­ren kann, dass alles nur Zei­chen einer Krank­heit waren, die jetzt behan­del­bar gewor­den ist, ahnt jedoch instink­tiv (und wenn man den Klap­pen­text gele­sen hat), dass Ursu­la Pozn­an­ski ihre Haupt­fi­gur so leicht nicht davon­kom­men las­sen wird;-) “Sein Leben wür­de von nun an nor­mal sein, unbe­küm­mert, vol­ler Par­tys, beschloss er, in einer Mischung aus Vor­freu­de und Trotz. Und es funk­tio­nier­te tat­säch­lich ganz gut. Knap­pe zwei Wochen lang.” (Zitat S.58) Denn natür­lich holt die Ver­gan­gen­heit Juli­an ein und sei­ne Trug­bil­der stel­len sich als wah­re Vor­ah­nun­gen her­aus. Das Erzählt­tem­po in “Ora­cle” ist unheim­lich hoch, stän­dig pas­siert irgend­et­was und die Autorin ver­steht es den Span­nungs­bo­gen kon­se­quent zu hal­ten. Man fliegt mühe­los durch die Sei­ten und möch­te den Thril­ler mit dem Touch Mys­tery und dem genia­len Plot mög­lichst gar nicht mehr aus den Hän­den legen: “Psy­cho­sen konn­te man behan­deln, und man konn­te mit ande­ren dar­über spre­chen, wie schei­ße es einem ging. Doch für das, was bei ihm mög­li­cher­wei­se dahin­ter­steck­te, gab es kei­ne The­ra­pie. Weil es das Phä­no­men nicht gab. Dar­über reden durf­te er mit abso­lut nie­man­dem, denn sie wür­den ihn alle für einen Lüg­ner hal­ten, einen Ange­ber, einen Irren.” (Zitat S.54) “Ora­cle” ist ein fas­zi­nie­ren­des Gedan­ken­ex­pe­ri­ment, die Betrach­tung einer Wirk­lich­keit, die aus dem Rah­men fällt und gleich­zei­tig zum Nach­den­ken anregt. Wie wür­de man sich in solch einer Situa­ti­on ver­hal­ten? Was bedeu­tet es, wenn man Tei­le der Zukunft vor­aus­se­hen kann? Für sich selbst und für sei­ne Mit­men­schen? Wie in dem Thril­ler alles immer mehr außer Kon­trol­le gerät, das liest sich höchst unter­halt­sam und span­nend. Auch das Ende lie­fert noch ein­mal einen gelun­ge­nen Höhe­punkt. Nur ein Punkt fehl­te mir am Schluss ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Die (poli­zei­li­che) Auf­ar­beit des Unfalls/Nachfragen der Freun­de über die Ret­tungs­ak­ti­on, das wird irgend­wie ganz außen vor gelas­sen, da hät­te es eigent­lich noch einen klei­nen Wir­bel geben müs­sen, woher Oscar das “wuss­te” ««««««ENDE SPOILER»»»»»» Abge­se­hen davon ist das Ende gut gelöst und pas­send gemacht.

LesealternativenWenn dir “Ora­cle” gefal­len hat, dann lies noch die ande­ren Thril­ler von Ursu­la Pozn­an­ski, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum auf­ge­lis­tet: “Ere­bos”, “Sae­cu­lum”, “Lay­ers”, “Ela­nus”, “Aqui­la”, “Tha­la­mus” und “Ere­bos 2”. Außer­dem hat sie die dys­to­pi­sche “Ele­ria”-Tri­lo­gie geschrie­ben: “Die Ver­ra­ten” (Band 1), “Die Ver­schwo­re­nen” (Band 2) und “Die Ver­nich­te­ten” (Band 3). Ihre letz­ten Wer­ke waren “Cryp­tos” und “Shel­ter”, die ich eben­falls sehr gelun­gen fand. Du suchst inhalt­li­che Alter­na­ti­ven zu “Ora­cle”? Beson­de­re Fähig­kei­ten und den bevor­ste­hen­den Tod ande­rer Men­schen vor­her­se­hen kön­nen auch die Protagonist*innen in der “Num­bers”-Rei­he von Rachel Ward, in der “Body­fin­der”-Rei­he von Kim­ber­ly Der­ting und in den Thril­lern “Split­ter­licht” von Megan Miran­da und “Bis du mir gehörst” von Melis­sa Marr.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1658-7
Erscheinungsdatum: 16.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 432
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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