Ursula Poznanski — Cryptos

Kasimira12.August 2020

End­lich wie­der neu­es Lese­fut­ter von der öster­rei­chi­schen Best­sel­ler­au­torin Ursu­la Pozn­an­ski! Der dys­to­pi­sche Thril­ler “Cryp­tos” ent­führt in eine Zukunft, in der die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels bereits so stark vor­an­ge­schrit­ten sind, dass die Men­schen haupt­säch­lich in vir­tu­el­len Wel­ten leben. Als Welt­ende­si­gne­rin Jana aus­ge­rech­net in ihrer ent­wor­fe­nen Welt einen Mord zu ver­zeich­nen hat, gera­ten die Din­ge plötz­lich außer Kon­trol­le… höchst aktu­ell, fas­zi­nie­rend und äußerst span­nend zu lesen! Das “Ere­bos” der Fri­days-for-Future-Genera­ti­on. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Zusam­men mit ihrem Kol­le­gen Matis­se arbei­tet die 17-jäh­ri­ge Jana für den Kon­zern Mas­ter­mind. Sie ist Welt­ende­si­gne­rin. Einst war sie selbst in einer vir­tu­el­len Welt unter­wegs, in der sie an aller­lei Wett­be­wer­ben teil­nahm, unwis­send, dass sie dadurch bereits auf sich auf­merk­sam gemacht hat. Denn Jana hat Talent. Die Besu­cher füh­len sich wohl in den von ihre geschaf­fe­nen Flucht­wel­ten, keh­ren immer ger­ne wie­der zurück. Ihr liebs­tes Pro­jekt ist Ker­ry­brook: “Ker­ry­brook ist die kleins­te mei­ner Wel­ten und die, die am wenigs­ten Arbeit, dafür aber den meis­ten Spaß macht. Ich habe sienach dem Vor­bild iri­scher Dör­fer model­liert: hüge­lig, mit viel Grün, geduck­ten Häus­chen und einer Burg­rui­ne, die über der Land­schaft thront. Es gibt Scha­fe, gemüt­li­che Pubs und jede Woche einen Markt auf dem Haupt­platz.” (Zitat aus “Cryp­tos” S.5) Denn heut­zu­ta­ge — nach zahl­rei­chen Kli­ma­ka­ta­stro­phen — leben die Men­schen haupt­säch­lich nur noch in vir­tu­el­len Wel­ten. Die Rea­li­tät ist häss­lich gewor­den, genau­so wie die Sied­lungs­klöt­ze, in denen sie eng zusam­men gepfercht leben. Doch in jedem Wohn­de­pot haben die Men­schen ihre Kap­sel, in die sie stei­gen kön­nen. In der sie einen spe­zi­el­len Over­all tra­gen und in der sie die meis­te Zeit des Tages in eine ande­re, bes­se­re Welt abdrif­ten kön­nen. “Nie­mand wird gern in die Real­welt zurück­be­or­dert, aber ganz ohne mensch­li­che Arbeits­kraft geht es eben nicht. Dafür bekom­men sie Punk­te, mit denen sie sich spä­ter neue Zugangs­päs­se kau­fen kön­nen.” (Zitat S.10) Jana hat einen Gene­ral­pass für alle Wel­ten, ihr Luxus als Desi­gne­rin. Doch dann bekommt sie eines Tages unglaub­lich vie­le Aus­fall­mel­dun­gen. “Auf Trans­fers muss ich nicht reagie­ren, nur auf Aus­fäl­le, also wenn jemand, der zuletzt in mei­ner Welt war, über­haupt Kasimiranicht mehr auf­taucht. Weder hier noch anders­wo im Sys­tem. Meis­tens bedeu­tet das, die Per­son ist schwer krank oder tot.” (Zitat S.6) Wäh­rend es am Anfang nur drei Aus­fäl­le inner­halb kür­zes­ter Zeit sind, wer­den es schließ­lich immer mehr. Und als Jana selbst nach Ker­ry­brook reist, stellt sie fest, dass dort eine Frau ermor­det wur­de. Etwas, was dort eigent­lich gar nicht mög­lich sein soll­te: “Wer sich für Ker­ry­brook qua­li­fi­ziert, dürf­te vom Per­sön­lich­keits­pro­fil her eigent­lich nicht gewalt­tä­tig sein und mord­lüs­tern schon gar nicht. […] Das Sys­tem, das aus­rech­net, für wel­che Welt man einen Pass bekom­men kann, macht nur sel­ten Feh­ler. Ich per­sön­lich kann mich an kei­nen ein­zi­gen erin­nern.” (Zitat S.16) Und was viel schlim­mer ist, die Frau ist nicht nur vir­tu­ell gestor­ben, son­dern auch in ihrer Kap­sel. Jana muss unbe­dingt her­aus­fin­den, was pas­siert ist und bringt sich bald in gro­ße Gefahr…

KasimiraDas Cover passt inhalt­lich genau und zeigt eine Welt, die Ker­ry­brook dar­stel­len könn­te. Dazu der grün schil­lern­de Schrift­zug — das macht optisch ordent­lich was her. Ursu­la Pozn­an­ski scheint in “Cryp­tos” an ihren Erfolg von “Ere­bos”, für das sie 2011 den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis und vie­le ande­re Aus­zeich­nun­gen erhal­ten hat, anknüp­fen zu wol­len. Wäh­rend in “Ere­bos” die vir­tu­el­le Welt sich auf eine Aus­wahl zocken­der Jugend­li­cher beschränk­te, betrifft dies in “Cryp­tos” mal eben die gan­ze übrig geblie­be­ne Welt­be­völ­ke­rung. Ein inter­es­san­tes Set­ting nicht nur für Jugend­li­che, son­dern vor allem für Erwach­se­ne. Denn was wäre, wenn die Welt durch “Tor­na­dos, Dür­ren und Über­schwem­mun­gen” (Zitat S.13) so zer­stört wäre, dass das Leben in der Rea­li­tät nicht mehr erträg­lich ist? Dass die Flucht vor den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels die Bevöl­ke­rung lie­ber in Online-Wel­ten abdrif­ten lässt? Die­sen Plot hat die Autorin wun­der­bar gezeich­net und Kasimiraman ist beim Lesen äußerst gespannt über jedes Detail, das man erfährt: “..ein tota­les Abtau­chen ist nicht vor­ge­se­hen. Auch des­halb, weil es Vor­schrif­ten gibt, die ein­zu­hal­ten sind. Regel­mä­ßi­ges Duschen zum Bei­spiel, auch wenn der Over­all ein eige­nes Hygie­ne­sys­tem auf­weist. Außer­dem soll der Kör­per die Bewe­gung in der wirk­li­chen Welt nicht ver­ler­nen. Sie nen­nen das den täg­li­chen Rea­li­täts­stopp, er dau­ert etwa vier­zig Minu­ten. Für vie­le sind das die unan­ge­nehms­ten vier­zig Minu­ten des Tages” (Zitat S.20) Ster­ben kann man in den vir­tu­el­len Wel­ten nicht. Wird man ver­se­hent­lich von einem Dino­sau­ri­er gefres­sen, auf einem Schlacht­feld erschos­sen oder von einem Fabel­we­sen atta­ckiert, erwacht man ein­fach wie­der in sei­ner Kap­sel und kann sich an einen neu­en Ort trans­fe­rie­ren. Vor allem die­se Wel­ten zu ent­de­cken, liest sich höchst ereig­nis­reich und fas­zi­nie­rend. Und nichts ist unmög­lich: eine Welt, in der manKasimira den gan­zen Tag nur Blu­men­bee­te anlegt; oder Musik­in­stru­men­te spielt, oder in einer Welt vol­ler Spie­gel mit stän­di­gen Model­wett­be­wer­ben oder in der Zeit von Jane Aus­ten zu leben mit förm­li­cher Eti­ket­te und anste­hen­den Kos­tüm­bäl­len — alles ist wähl­bar und oft ver­knüpft mit vie­len Aben­teu­ern, die zu bestehen sind: “Als mit den alter­na­ti­ven Wel­ten begon­nen wur­de, hat sich schnell her­aus­ge­stellt, dass ein­fach nur rum­hän­gen den Men­schen nicht genügt, so schön kann die Umge­bung gar nicht sein. Sie wol­len her­aus­ge­for­dert wer­den, sich mit ande­ren mes­sen. […] Also ver­sor­gen wir sie mit Auf­ga­ben und Geheim­nis­sen, ver­ste­cken Schät­ze und las­sen sie Gefah­ren meis­tern.” (Zitat S.13) Wäh­rend man über die vir­tu­el­len Wel­ten eine Hül­le an Infor­ma­tio­nen erhält, muss man sich die wirk­li­che Welt erst nach und nach erschlie­ßen, wie ein Spie­ler, der sich eine vir­tu­el­le Welt immer mehr erschließt. Zeit­lich wird ein­mal der Begriff des Regen­cy erwähnt, eine Epo­che in Groß­bri­tan­ni­en, die von 1811 bis 1820 Kasimirageht. “Cryp­tos” spielt 350 Jah­re spä­ter, also zwi­schen 2161 und 2170 irgend­wann. Es gibt kei­ne Staats­chefs mehr, nur die Besit­zer der mul­ti­me­dia­len Kon­zer­ne regie­ren die Welt. Vene­dig, die Fidschi-Inseln sind schon längst unter­ge­gan­gen. In Madrid ist es tags­über so heiß, dass man es drau­ßen kaum mehr aus­hält. Der Near-Future-Thril­ler wird durch­ge­hend aus Janas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Spra­che von Ursu­la Pozn­an­ski ist wie gewohnt sehr flüs­sig und mit­rei­ßend. Das Ende lässt win­zig klei­ne Fra­gen offen, aber den­noch ist das Buch in sich abge­schlos­sen.

Fazit: Gelun­ge­ne Unter­hal­tung!

Wenn dir “Cryp­tos” gefal­len hat, dann lies doch noch die ande­ren Thril­ler von Ursu­la Pozn­an­ski, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum auf­ge­lis­tet: “Ere­bos”, “Sae­cu­lum”, “Lay­ers”, “Ela­nus”, “Aqui­la”, “Tha­la­mus” und “Ere­bos 2”. Außer­deLesealternativenm hat sie die dys­to­pi­sche “Ele­ria”-Tri­lo­gie geschrie­ben: “Die Ver­ra­ten” (Band 1), Die Ver­schwo­re­nen” (Band 2) und “Die Ver­nich­te­ten” (Band 3) Eine sehr gute Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Cryp­tos” ist “Rea­dy Play­er One” von Ernest Cli­ne oder “Mind Games” von Teri Ter­ry. Gut könn­te ich mir auch die “Cro­nos Cube”-Rei­he von Thek­la Krau­ßen­eck und Dör­te Dos­se vor­stel­len oder “Das letz­te Level” und “Der letz­te Play­er” von Chris Brad­ford. Über vir­tu­el­le Wel­ten schreibt eben­falls Karl Ols­berg viel, zum Bei­spiel “Boy in a white room”, “Girl in a stran­ge land” oder “Das Freu: Wah­res Glück fin­dest du nur in der Wirk­lich­keit”. In eine beson­de­re Par­al­lel­welt reist die Prot­ago­nis­tin in der “Soul Beach”-Rei­he von Kate Har­ri­son. Oder lies “Die Scan­ner” und “Die Gescann­ten” von Robert M. Sonn­tag (ali­as Mar­tin Schäub­le). 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0050-0
Erscheinungsdatum: 12.August 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,95€
Seitenzahl: 448
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.