“Canvas” von der österreichischen Bestsellerautorin Ursula Poznanski ist die Fortsetzung und der zweite Teil von “Cryptos”. Ein Near-Future-Thriller mit dystopischen Elementen, der in eine Welt in der Zukunft entführt, in welcher die Erde durch Naturkatastrophen so wenig lebenswert geworden ist, dass die Menschen hauptsächlich in virtuellen Welten leben. Jana ist Designerin von Mastermind und entwirft solche Fantasiewelten. Doch dann verschwinden plötzlich immer mehr Menschen. Tauchen in den virtuellen Welten einfach gar nicht mehr auf. Sind sie auch in Wirklichkeit gestorben? Auf einmal ist ihnen auch Böswicht Kurt Lauritz entwischt, der schon einmal den Plan gehabt hatte, die Menschheit um 3 Millionen zu reduzieren. Steckt er hinter allem? Jana und ihr Team versuchen verzweifelt ihn zu finden… Faszinierend und sehr unterhaltsam. Die Spannung ist eher wellenförmig, zieht aber gegen Ende dann ordentlich an. Man kann “Canvas” zwar rein theoretisch ohne die Lektüre von Band 1 lesen, aber die vielen Anspielungen auf “Cryptos” gehen dann verloren und einige Zusammenhänge dürften weniger verständlich sein. Also am besten Band 1 vorher noch mal lesen! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Eine Welt in der Zukunft. Das Leben ist durch den Klimawandel auf der Erde immer schwieriger geworden. Dürre, Hitze. Kaum mehr lebenswerte Gegenden. Die Menschen flüchten daher in
virtuellen Realitäten. “Sie verbringen ihr Leben in den virtuellen Welten, liegen in ihren perfekt temperierten Kapseln und verlassen sie nur einmal täglich für ihren Realitätsstopp. Der besteht aus Aufstehen, das ganze Körpergewicht spüren, trotzdem ein paar Schritte gehen, den Overall sterilisieren, duschen und vielleicht einen kurzen Blick hinaus in die trostlos trockene Landschaft werfen, durchs Fenster des Wohndepots. Dann zurück in Anzug und Kapsel schlüpfen, einen der Weltenpässe aus dem persönlichen Portfolio auswählen und den Tag wahlweise in der Karibik, im Weltall, im zwölften Jahrhundert, in einer Drachenzuchtstation oder einer von Hunderten anderen Welten verbringen.” (Zitat aus “Canvas” S.8) Hier lebt auch Designerin Jana, die Talent darin hat, neue virtuelle Welten zu erschaffen. Doch in letzter Zeit macht sie sich zunehmend Sorgen. Denn einige der Besucher:innen verschwinden urplötzlich und tauchen hinterher auch in keiner anderen Welt mehr auf. “In den letzten Wochen mache ich das mit größerer Nervosität als in der Zeit davor, denn es verschwinden ungewöhnlich viele Bewohner. Nach allem, was vor einem Jahr passiert ist, lässt das bei uns natürlich die Alarmglocken läuten, aber diesmal scheinen die
Menschen nicht zu sterben, sondern sich buchstäblich in Luft aufzulösen.” (Zitat S.11ff) Letztes Jahr hat Kurt Lauritz mit einem geheimen Plan große Teile der Bevölkerung in ihren Kapseln umbringen wollen. Diesen Plan konnte Jana vereiteln. Seitdem sitzt Lauritz fest und wird bewacht. “Kurt Lauritz. Ehemals Sicherheitschef von Mastermind und Kopf hinter dem Projekt Minus3, dessen Verwirklichung wir vor einem Jahr gerade noch verhindern konnten. Dessen Gelingen den Tod von unfassbar vielen Menschen zur Folge gehabt hätte. Es war klar, dass wir Lauritz nicht einfach freilassen konnten, brandgefährlich wie er war. Wir mussten ihn im Blick behalten, also sitzt er seitdem in MinusNull fest, wo wir für ihn eine Villa modelliert haben, die eigentlich viel zu gut für ihn ist.” (Zitat S.16) Eigentlich kann er mit dem Verschwinden nichts zu tun haben, oder? Doch dann verbreitet sich die Neuigkeit, dass auch Lauritz verschwunden ist. Jana will sich sofort an die Suche machen. Aber ihr neuer Chef Theo erkennt den Ernst der Lage nicht. Auch als ein Mord geschieht, glaubt er nicht, dass dies mit Lauritz’ Flucht zu tun hat. Stattdessen gibt er Jana eine Liste voller Fehlermeldungen in diversen Welten, die sie beheben
soll. Widerwillig beginnt Jana mit den Reparaturen. Und stellt fest, dass dort merkwürdige Dinge vor sich gehen. Immer wieder taucht der Buchstabe “E” auf. Eine Mitarbeiterin aus ihrem Team scheint ebenfalls unauffindbar zu sein. Allmählich gerät alles mehr und mehr außer Kontrolle…
Das Cover ähnelt der Aufmachung von Band 1, auch wenn es ein wenig düsterer wirkt. Seit “Cryptos” ist mittlerweile ein Jahr vergangen. Die durchgängige Ich-Erzählerin Jana hat zwei weitere neue Welten erschaffen. Neben “Kerrybrook, Macandor und Cretaceous bin ich jetzt auch für JollyRoger und Canvas zuständig.” (Zitat S.12) Der Titel bezieht sich auf diese neue, besondere Welt, die in dem dystopischen Thriller immer wieder eine zentrale Rolle spielt: “Canvas hat eine ganz andere, sehr praktische Funktion: Es dient gewissermaßen als Jobbörse.” (Zitat S.12) Denn die Menschen müssen zwar kein Geld mehr verdienen, aber sie sammeln Punkte. Diese können sie gegen neue Weltenpässe eintauschen und dann neue virtuelle Welten besuchen. Punkte erhalten
sie entweder durch Challenges oder Jobs in der Realwelt, oder durch Aufgaben in den virtuellen Realitäten. “Aber auch in den virtuellen Welten werden ständig Personen gebraucht, die unangenehme Rollen übernehmen. Dadurch erst wird die Erfahrung für alle anderen wirklich perfekt, das Ambiente stimmig — deshalb werden diese Personen in Designerkreisen Ambients genannt.” (Zitat S.13) Man darf sich in historischen Welten zum Beispiel den Kopf abschlagen lassen, betteln oder mehrere Stunden lang an einer Stelle Wache stehen. “Ambients werden immer häufiger gebraucht, und damit die Stellenanzeigen sich nicht quer über sämtliche Welten verteilen, habe ich Canvas ins Leben gerufen. Übersetzt heißt das Wort so viel wie “Leinwand”, angelehnt an das Gewebe, auf das früher mit Ölfarbe Gemälde gepinselt wurden. So, wie auf eine leere Leinwand buchstäblich alles gemalt werden konnte, kann ein Ambient jede Form und Funktion übernehmen, egal wer die Person ist, die sich die Rolle ausgesucht hat.” (Zitat S.13) Die Ambients sind dann über ihren Personalcode so schnell nicht mehr zu finden, können also für mehrere Stunden — bis ihr Job erledigt ist -
anonym und mit anderem Aussehen abtauchen. Dies wird Jana und ihrem Team vor allem bei der Verfolgungsjagd von Lauritz zum Verhängnis. Wieder in die Welt von “Cryptos” und “Canvas” einzutauchen, ist faszierend. Man erfährt immer wieder neue, interessante Details: “Sollten die Kapseln überhaupt aufhören zu funktionieren, würde auch das Ernährungssystem zusammenbrechen, denn jegliche Nahrung wird ja über den Schlauch in der Maske zugeführt. Millionen von Menschen würden in die Hitze hinaustaumeln, hungrig, durstig und voller Angst. Selbst die Ältesten hätten kaum Erinnerungen daran, wie es ist, sich in der realen Welt zurechtzufinden. Die Jüngeren haben es nie gelernt.” (Zitat S.130) Tivon versucht sogar das Kochen wieder zu erlernen, probiert beispielsweise Nudeln zu kochen. “Es ist sein neuestes Projekt: Kochen wie früher. Was sich als ziemlich schwierig erweist, weil es kaum noch jemanden gibt, der weiß wie das geht.” (Zitat S.178) Natürlich begegnen den Leser:innen wieder viele Charaktere aus Band 1. Auch wenn “Canvas” rein theoretisch unanhängig zu lesen ist, gibt es doch zahlreiche Erwähnungen der Vorgeschichte und auch immer wieder Anspielunge
n darauf, die nicht ausführlich erklärt werden. Daher empfiehlt sich auf jeden Fall Band 1 vorher zu lesen. Die Spannung ist zuweilen ein wenig wellenförmig. Stellenweise packte mich die Geschichte nicht so ganz, auch wenn sie unterhaltsam geschrieben ist. Man muss sich vor allem ständig auf neue Welten einlassen, die Jana nacheinander besucht, sich immer wieder mit neuen Situationen auseinandersetzen, die jedoch mitunter sehr einfallsreich gestaltet sind. “Tröste mich damit, dass eine der defekten Welten Chocolat heißt, und ich dort Süßigkeiten essen werde, bis mir schlecht wird. […] In NoLimits reißen regelmäßig die Bungee-Seile und Leute stürzen in den Tod. In Borabora ist die Sonne defekt. In Gartenglück hat jemand eine Pflanze gezüchtet, die sich so schnell ausbreitet, dass sie alle anderen erstickt und die Häuser überwuchert.” (Zitat S.82) Es gibt viele Rätsel und Ungereimtheiten, die Ursula Poznanski ihren Leser:innen nach und nach präsentiert und die dafür sorgen, dass man immer wieder eigene Theorien entwickelt und die Wahrheit hinter den Ereignissen sucht. Ebenso wie Weltendesignerin Jana: “Wer macht sich an meinen Welten zu schaffen? Das Horoskop in Kerrybrook, dieser Aufruf in Macandor — fehlt nur noch, dass jemand eine neue
Saurierart in Cretaceous ausgesetzt hat. Es wird mit jeder Stunde deutlicher: Jemand hier bricht die Regeln auf mehr als nur eine einzige Art. Jemand mit umfassender Design-Erfahrung, der die Tricks und Schlupflöcher bei Mastermind kennt. Mir fällt dazu nur Lauritz ein, auch wenn das eigentlich nicht möglich ist, nachdem ihm alle Rechte und Pässe enzogen worden sind.” (Zitat S.105ff) Am Ende spitzt sich alles immer weiter zu, bis die Geschichte in einem packenden Finale mündet.
Wenn dir “Canvas” gefallen hat und du auch “Cryptos” schon kennst, dann lies doch noch die anderen Thriller von Ursula Poznanski, hier chronologisch nach Erscheinungsdatum aufgelistet: “Erebos”, “Saeculum”, “Layers”, “Elanus”,
“Aquila”, “Thalamus”, “Erebos 2”, “Oracle”, “Shelter”, “Scandor” und “Erebos 3”. Außerdem hat sie die dystopische “Eleria”-Trilogie geschrieben: “Die Verraten” (Band 1), “Die Verschworenen” (Band 2) und “Die Vernichteten” (Band 3) Eine sehr gute Lesealternative zu “Cryptos” ist “Ready Player One” von Ernest Cline, “White Maze: Du bist längst mittendrin” von June Perry oder “Mind Games” von Teri Terry. Gut könnte ich mir auch die “Cronos Cube”-Reihe von Thekla Kraußeneck und Dörte Dosse vorstellen oder “Das letzte Level” und “Der letzte Player” von Chris Bradford. Über virtuelle Welten schreibt ebenfalls Karl Olsberg viel, zum Beispiel “Boy in a white room”, “Girl in a strange land” oder “Das Freu: Wahres Glück findest du nur in der Wirklichkeit”. In eine besondere Parallelwelt reist die Protagonistin in der “Soul Beach”-Reihe von Kate Harrison. Oder lies “Die Scanner” und “Die Gescannten” von Robert M. Sonntag (alias Martin Schäuble).
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-2620-3 Erscheinungsdatum: 13.August 2026 Einbandart: Hardcover Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt Preis: 24,00€ Seitenzahl: 480 Trailer zum Buch:
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Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-2620-3
Erscheinungsdatum: 13.August 2026
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 24,00€
Seitenzahl: 480
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