Ursula Poznanski — Canvas

13.August 2026

Can­vas” von der öster­rei­chi­schen Best­sel­ler­au­torin Ursu­la Pozn­an­ski ist die Fort­set­zung und der zwei­te Teil von “Cryp­tos”Ein Near-Future-Thril­ler mit dys­to­pi­schen Ele­men­ten, der in eine Welt in der Zukunft ent­führt, in wel­cher die Erde durch Natur­ka­ta­stro­phen so wenig lebens­wert gewor­den ist, dass die Men­schen haupt­säch­lich in vir­tu­el­len Wel­ten leben. Jana ist Desi­gne­rin von Mas­ter­mind und ent­wirft sol­che Fan­ta­sie­wel­ten. Doch dann ver­schwin­den plötz­lich immer mehr Men­schen. Tau­chen in den vir­tu­el­len Wel­ten ein­fach gar nicht mehr auf. Sind sie auch in Wirk­lich­keit gestor­ben? Auf ein­mal ist ihnen auch Bös­wicht Kurt Lau­ritz ent­wischt, der schon ein­mal den Plan gehabt hat­te, die Mensch­heit um 3 Mil­lio­nen zu redu­zie­ren. Steckt er hin­ter allem? Jana und ihr Team ver­su­chen ver­zwei­felt ihn zu fin­den… Fas­zi­nie­rend und sehr unter­halt­sam. Die Span­nung ist eher wel­len­för­mig, zieht aber gegen Ende dann ordent­lich an. Man kann “Can­vas” zwar rein theo­re­tisch ohne die Lek­tü­re von Band 1 lesen, aber die vie­len Anspie­lun­gen auf “Cryp­tos” gehen dann ver­lo­ren und eini­ge Zusam­men­hän­ge dürf­ten weni­ger ver­ständ­lich sein. Also am bes­ten Band 1 vor­her noch mal lesen! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Eine Welt in der Zukunft. Das Leben ist durch den Kli­ma­wan­del auf der Erde immer schwie­ri­ger gewor­den. Dür­re, Hit­ze. Kaum mehr lebens­wer­te Gegen­den. Die Men­schen flüch­ten daher in vir­tu­el­len Rea­li­tä­ten. “Sie ver­brin­gen ihr Leben in den vir­tu­el­len Wel­ten, lie­gen in ihren per­fekt tem­pe­rier­ten Kap­seln und ver­las­sen sie nur ein­mal täg­lich für ihren Rea­li­täts­stopp. Der besteht aus Auf­ste­hen, das gan­ze Kör­per­ge­wicht spü­ren, trotz­dem ein paar Schrit­te gehen, den Over­all ste­ri­li­sie­ren, duschen und viel­leicht einen kur­zen Blick hin­aus in die trost­los tro­cke­ne Land­schaft wer­fen, durchs Fens­ter des Wohn­de­pots. Dann zurück in Anzug und Kap­sel schlüp­fen, einen der Wel­ten­päs­se aus dem per­sön­li­chen Port­fo­lio aus­wäh­len und den Tag wahl­wei­se in der Kari­bik, im Welt­all, im zwölf­ten Jahr­hun­dert, in einer Dra­chen­zucht­sta­ti­on oder einer von Hun­der­ten ande­ren Wel­ten ver­brin­gen.” (Zitat aus “Can­vas” S.8) Hier lebt auch Desi­gne­rin Jana, die Talent dar­in hat, neue vir­tu­el­le Wel­ten zu erschaf­fen. Doch in letz­ter Zeit macht sie sich zuneh­mend Sor­gen. Denn eini­ge der Besucher:innen ver­schwin­den urplötz­lich und tau­chen hin­ter­her auch in kei­ner ande­ren Welt mehr auf. “In den letz­ten Wochen mache ich das mit grö­ße­rer Ner­vo­si­tät als in der Zeit davor, denn es ver­schwin­den unge­wöhn­lich vie­le Bewoh­ner. Nach allem, was vor einem Jahr pas­siert ist, lässt das bei uns natür­lich die Alarm­glo­cken läu­ten, aber dies­mal schei­nen die Men­schen nicht zu ster­ben, son­dern sich buch­stäb­lich in Luft auf­zu­lö­sen.” (Zitat S.11ff) Letz­tes Jahr hat Kurt Lau­ritz mit einem gehei­men Plan gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung in ihren Kap­seln umbrin­gen wol­len. Die­sen Plan konn­te Jana ver­ei­teln. Seit­dem sitzt Lau­ritz fest und wird bewacht. “Kurt Lau­ritz. Ehe­mals Sicher­heits­chef von Mas­ter­mind und Kopf hin­ter dem Pro­jekt Minus3, des­sen Ver­wirk­li­chung wir vor einem Jahr gera­de noch ver­hin­dern konn­ten. Des­sen Gelin­gen den Tod von unfass­bar vie­len Men­schen zur Fol­ge gehabt hät­te. Es war klar, dass wir Lau­ritz nicht ein­fach frei­las­sen konn­ten, brand­ge­fähr­lich wie er war. Wir muss­ten ihn im Blick behal­ten, also sitzt er seit­dem in Minus­Null fest, wo wir für ihn eine Vil­la model­liert haben, die eigent­lich viel zu gut für ihn ist.” (Zitat S.16) Eigent­lich kann er mit dem Ver­schwin­den nichts zu tun haben, oder? Doch dann ver­brei­tet sich die Neu­ig­keit, dass auch Lau­ritz ver­schwun­den ist. Jana will sich sofort an die Suche machen. Aber ihr neu­er Chef Theo erkennt den Ernst der Lage nicht. Auch als ein Mord geschieht, glaubt er nicht, dass dies mit Lau­ritz’ Flucht zu tun hat. Statt­des­sen gibt er Jana eine Lis­te vol­ler Feh­ler­mel­dun­gen in diver­sen Wel­ten, die sie behe­ben soll. Wider­wil­lig beginnt Jana mit den Repa­ra­tu­ren. Und stellt fest, dass dort merk­wür­di­ge Din­ge vor sich gehen. Immer wie­der taucht der Buch­sta­be “E” auf. Eine Mit­ar­bei­te­rin aus ihrem Team scheint eben­falls unauf­find­bar zu sein. All­mäh­lich gerät alles mehr und mehr außer Kontrolle…

Das Cover ähnelt der Auf­ma­chung von Band 1, auch wenn es ein wenig düs­te­rer wirkt. Seit “Cryp­tos” ist mitt­ler­wei­le ein Jahr ver­gan­gen. Die durch­gän­gi­ge Ich-Erzäh­le­rin Jana hat zwei wei­te­re neue Wel­ten erschaf­fen. Neben “Ker­ry­brook, Macan­dor und Creta­ce­ous bin ich jetzt auch für Jol­ly­Ro­ger und Can­vas zustän­dig.” (Zitat S.12) Der Titel bezieht sich auf die­se neue, beson­de­re Welt, die in dem dys­to­pi­schen Thril­ler immer wie­der eine zen­tra­le Rol­le spielt: “Can­vas hat eine ganz ande­re, sehr prak­ti­sche Funk­ti­on: Es dient gewis­ser­ma­ßen als Job­bör­se.” (Zitat S.12) Denn die Men­schen müs­sen zwar kein Geld mehr ver­die­nen, aber sie sam­meln Punk­te. Die­se kön­nen sie gegen neue Wel­ten­päs­se ein­tau­schen und dann neue vir­tu­el­le Wel­ten besu­chen. Punk­te erhal­tenKasimira sie ent­we­der durch Chal­lenges oder Jobs in der Real­welt, oder durch Auf­ga­ben in den vir­tu­el­len Rea­li­tä­ten. “Aber auch in den vir­tu­el­len Wel­ten wer­den stän­dig Per­so­nen gebraucht, die unan­ge­neh­me Rol­len über­neh­men. Dadurch erst wird die Erfah­rung für alle ande­ren wirk­lich per­fekt, das Ambi­en­te stim­mig — des­halb wer­den die­se Per­so­nen in Desi­gner­krei­sen Ambi­ents genannt.” (Zitat S.13) Man darf sich in his­to­ri­schen Wel­ten zum Bei­spiel den Kopf abschla­gen las­sen, bet­teln oder meh­re­re Stun­den lang an einer Stel­le Wache ste­hen. “Ambi­ents wer­den immer häu­fi­ger gebraucht, und damit die Stel­len­an­zei­gen sich nicht quer über sämt­li­che Wel­ten ver­tei­len, habe ich Can­vas ins Leben geru­fen. Über­setzt heißt das Wort so viel wie “Lein­wand”, ange­lehnt an das Gewe­be, auf das frü­her mit Ölfar­be Gemäl­de gepin­selt wur­den. So, wie auf eine lee­re Lein­wand buch­stäb­lich alles gemalt wer­den konn­te, kann ein Ambi­ent jede Form und Funk­ti­on über­neh­men, egal wer die Per­son ist, die sich die Rol­le aus­ge­sucht hat.” (Zitat S.13) Die Ambi­ents sind dann über ihren Per­so­nal­code so schnell nicht mehr zu fin­den, kön­nen also für meh­re­re Stun­den — bis ihr Job erle­digt ist - anonym und mit ande­rem Aus­se­hen abtau­chen. Dies wird Jana und ihrem Team vor allem bei der Ver­fol­gungs­jagd von Lau­ritz zum Ver­häng­nis. Wie­der in die Welt von “Cryp­tos” und “Can­vas” ein­zu­tau­chen, ist fas­zie­rend. Man erfährt immer wie­der neue, inter­es­san­te Details: Soll­ten die Kap­seln über­haupt auf­hö­ren zu funk­tio­nie­ren, wür­de auch das Ernäh­rungs­sys­tem zusam­men­bre­chen, denn jeg­li­che Nah­rung wird ja über den Schlauch in der Mas­ke zuge­führt. Mil­lio­nen von Men­schen wür­den in die Hit­ze hin­aus­tau­meln, hung­rig, durs­tig und vol­ler Angst. Selbst die Ältes­ten hät­ten kaum Erin­ne­run­gen dar­an, wie es ist, sich in der rea­len Welt zurecht­zu­fin­den. Die Jün­ge­ren haben es nie gelernt.” (Zitat S.130) Tivon ver­sucht sogar das Kochen wie­der zu erler­nen, pro­biert bei­spiels­wei­se Nudeln zu kochen. “Es ist sein neu­es­tes Pro­jekt: Kochen wie frü­her. Was sich als ziem­lich schwie­rig erweist, weil es kaum noch jeman­den gibt, der weiß wie das geht.” (Zitat S.178) Natür­lich begeg­nen den Leser:innen wie­der vie­le Cha­rak­te­re aus Band 1. Auch wenn “Can­vas” rein theo­re­tisch unan­hän­gig zu lesen ist, gibt es doch zahl­rei­che Erwäh­nun­gen der Vor­ge­schich­te und auch immer wie­der Anspie­lun­gen dar­auf, die nicht aus­führ­lich erklärt wer­den. Daher emp­fiehlt sich auf jeden Fall Band 1 vor­her zu lesen. Die Span­nung ist zuwei­len ein wenig wel­len­för­mig. Stel­len­wei­se pack­te mich die Geschich­te nicht so ganz, auch wenn sie unter­halt­sam geschrie­ben ist. Man muss sich vor allem stän­dig auf neue Wel­ten ein­las­sen, die Jana nach­ein­an­der besucht, sich immer wie­der mit neu­en Situa­tio­nen aus­ein­an­der­set­zen, die jedoch mit­un­ter sehr ein­falls­reich gestal­tet sind. Trös­te mich damit, dass eine der defek­ten Wel­ten Cho­co­lat heißt, und ich dort Süßig­kei­ten essen wer­de, bis mir schlecht wird. […] In NoLi­mits rei­ßen regel­mä­ßig die Bun­gee-Sei­le und Leu­te stür­zen in den Tod. In Borabo­ra ist die Son­ne defekt. In Gar­ten­glück hat jemand eine Pflan­ze gezüch­tet, die sich so schnell aus­brei­tet, dass sie alle ande­ren erstickt und die Häu­ser über­wu­chert.” (Zitat S.82) Es gibt vie­le Rät­sel und Unge­reimt­hei­ten, die Ursu­la Pozn­an­ski ihren Leser:innen nach und nach prä­sen­tiert und die dafür sor­gen, dass man immer wie­der eige­ne Theo­rien ent­wi­ckelt und die Wahr­heit hin­ter den Ereig­nis­sen sucht. Eben­so wie Welt­endesi­gne­rin Jana: “Wer macht sich an mei­nen Wel­ten zu schaf­fen? Das Horo­skop in Ker­ry­brook, die­ser Auf­ruf in Macan­dor — fehlt nur noch, dass jemand eine neue Sau­ri­er­art in Creta­ce­ous aus­ge­setzt hat. Es wird mit jeder Stun­de deut­li­cher: Jemand hier bricht die Regeln auf mehr als nur eine ein­zi­ge Art. Jemand mit umfas­sen­der Design-Erfah­rung, der die Tricks und Schlupf­lö­cher bei Mas­ter­mind kennt. Mir fällt dazu nur Lau­ritz ein, auch wenn das eigent­lich nicht mög­lich ist, nach­dem ihm alle Rech­te und Päs­se enzo­gen wor­den sind.” (Zitat S.105ff) Am Ende spitzt sich alles immer wei­ter zu, bis die Geschich­te in einem packen­den Fina­le mündet.

Wenn dir “Can­vas” gefal­len hat und du auch “Cryp­tos” schon kennst, dann lies doch noch die ande­ren Thril­ler von Ursu­la Pozn­an­ski, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum auf­ge­lis­tet: “Ere­bos”, “Sae­cu­lum”, “Lay­ers”, “Ela­nus”,Lesealternativen “Aqui­la”, “Tha­la­mus”, “Ere­bos 2”, “Ora­cle”, “Shel­ter”, “Scan­dor” und “Ere­bos 3”. Außer­dem hat sie die dys­to­pi­sche “Ele­ria”-Tri­lo­gie geschrie­ben: “Die Ver­ra­ten” (Band 1), Die Ver­schwo­re­nen” (Band 2) und “Die Ver­nich­te­ten” (Band 3) Eine sehr gute Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Cryp­tos” ist “Rea­dy Play­er One” von Ernest Cli­ne, “White Maze: Du bist längst mit­ten­drin” von June Per­ry oder “Mind Games” von Teri Ter­ry. Gut könn­te ich mir auch die “Cro­nos Cube”-Rei­he von Thek­la Krau­ßen­eck und Dör­te Dos­se vor­stel­len oder “Das letz­te Level” und “Der letz­te Play­er” von Chris Brad­ford. Über vir­tu­el­le Wel­ten schreibt eben­falls Karl Ols­berg viel, zum Bei­spiel “Boy in a white room”, “Girl in a stran­ge land” oder “Das Freu: Wah­res Glück fin­dest du nur in der Wirk­lich­keit”. In eine beson­de­re Par­al­lel­welt reist die Prot­ago­nis­tin in der “Soul Beach”-Rei­he von Kate Har­ri­son. Oder lies “Die Scan­ner” und “Die Gescann­ten” von Robert M. Sonn­tag (ali­as Mar­tin Schäub­le). 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-2620-3
Erscheinungsdatum: 13.August 2026
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 24,00€
Seitenzahl: 480



Trailer zum Buch:
 

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