“Wir Kinder von Auschwitz: Wie ich das Todeslager überlebte” von der polnischen Autorin und Holocaust-Überlebenden Tova Friedman erzählt deren Geschichte. 1938 in Polen geboren, kam sie bereits mit 4 Jahren in ein Arbeitslager und mit 5 Jahren dann zusammen mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager nach Auschwitz. Unter schlimmsten Bedingungen lebend, unter Hunger und Angst leidend, sollte Tola (sie nannte sich erst später um) schließlich in den Gaskammern sterben. Doch sie überlebte. Und sie spricht auch heute noch von ihren Erlebnissen während des Holocausts. Hört nicht damit auf, ihre Stimme zu erheben und gegen das Vergessen anzukämpfen. Ein äußerst bewegender, berührender, aber auch erschütternder Roman, der zwar jugendgerecht erzählt wird (dies ist die Jugendbuchversion ihres Buchs “Ich war das Mädchen aus Auschwitz”), aber dennoch nichts ausspart. Ein wichtiges Buch, das sehr gut in Schulen gelesen werden kann und sollte. Für Jugendliche ab 12 Jahren.
Ein Jahr bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Tola in Polen geboren. Ihre Familie ist jüdisch und hat bald sehr unter den sich verändernden Bedingungen zu leiden. Ihr Vater, ihre Mutter und sie werden in ein Ghetto gebracht, in dem sie auf engstem Raum zusammen mit anderen leben müssen. Kinder gibt es kaum dort, viele werden
getötet. “Ich war das einzige Kind, und es war so eng, dass ich unter dem Tisch schlafen, essen und spielen musste. Das erschien mir völlig normal, weil ich es ja nicht anders kannte.” (Zitat aus “Wir Kinder von Auschwitz” S.30) Eine richtige Kindheit, das hat Tola nicht, auch wenn ihre Eltern alles dafür tun, um sie zu beschützen. “Es ist schwer zu beschreiben, wie schwierig das Leben im Ghetto war. Niemand lachte, es gab nichts Erfreuliches oder Lustiges — nur Angst und ständigen Hunger. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, was ein normales Familienleben war, oder eine normale Kindheit.” (Zitat S.34) Der Tod wird bald Teil ihres Lebens. Der ständige Hunger ebenso. “Ich hatte bereits gelernt, dass Menschen, die plötzlich nicht mehr zu uns kamen, für immer verschwunden blieben. Sehr bald musste ich nicht mal mehr weinen, wenn ich solche Nachrichten hörte. Ich fühlte einfach gar nichts, nur Leere und eine Art Benommenheit.” (Zitat S.34) Schließlich kommen sie in ein Arbeitslager, da ist Tola gerade vier Jahre alt. Ihre Eltern müssen in einer Munitionsfabrik arbeiten, lassen sie tagsüber in ihrem Zimmer allein, wo sie lernt sich mucksmäuschenstill und unsichtbar zu
verhalten. Als sämtliche Kinder selektiert werden sollen, versteckt ihr Vater sie in einem Zwischenraum in der Decke. Obwohl deutsche Soldaten sogar nach oben schießen, überleben Tova und ihre Mutter, die sich dort verborgen haben. Aber dann werden sie nach Auschwitz gebracht. Tova und ihre Mutter. Ihr Vater wird in das Konzentrationslager nach Dachau gebracht. Die Situation spitzt sich immer mehr zu. Wird Tova dies auch überleben?
Das Cover ist passend und aussagekräftig. Der biografisch-historische Roman beginnt mit einem Prolog, der bereits fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg spielt. Tola ist gerade 12 Jahre alt geworden und lebt seit fünf Monaten mit ihren Eltern in New York. Man weiß zu Beginn also bereits, dass sowohl Tola, als auch ihre Eltern überlebt haben. Doch auch in Amerika sind die Umstände nicht gerade einfach. “Außerhalb unserer Wohnung war das Leben schwieriger. Alles in New York fühlte sich fremd an: die Kleidung, die Autos, das Essen, der Lärm, und am allermeisten die Sprache.” (Zitat S.13) Die Kinder auf der Straße starren Tola an wie eine Außerirdische. “Wenigstens nannte mich niemand mehr “dreckige
Jüdin” oder versuchte, meine Familie umzubringen.” (Zitat S.14) In der Schule wird sie gehänselt. Die Direktorin ihrer neuen Schule sagt ihr sogar, dass sie ihre Arme verbergen muss, damit niemand ihre Tattowierung aus Auschwitz sieht. “Niemand will an das da denken. Es verunsichert die Leute. Halte das bedeckt, versuch zu vergessen, was passiert ist, und erzähl niemandem davon, was du erlebt hast, okay?” (Zitat S.17) Schließlich findet Tola eine Freundin, die sie sogar zu ihrer Familie nach Hause zu Thanksgiving einlädt. Doch sie kann nicht schweigen. “Eigentlich bin ich stolz darauf, nie zu weinen — zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Aber heute kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. “Wir haben keine Familie.” Ich flüstere, weil ich Angst habe, dass uns jemand hört. “Sie sind alle tot. Ermordet.” (Zitat S.23) Und so erzählt Tola dieser Freundin ihre Geschichte. Hier beginnt der Hauptteil, der in Kapitel eingeteilt ist, die mit Überschriften und Vignetten versehen sind; aber auch während der Kapitel gibt es immer wieder Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Manuel Šumberac. Das Buch erschien schon 2023 für ein erwachsenes Publiku
m unter dem Titel “Ich war das Mädchen aus Auschwitz”, doch nun schrieb sie es in Zusammenarbeit mit Hilary Freeman für ein jüngeres Publikum. Vom Verlag wird es tatsächlich schon ab 10 Jahren empfohlen, was ich jedoch angesichts vieler doch sehr heftiger Szenen etwas früh angesetzt finde. Tola muss bei der Erschießung einer Frau beispielsweise zugucken, deren kleine Kinder danebenstehen. Sie wird bei einem Appell, bei dem sie nicht still steht, so oft ins Gesicht geschlagen, bis der Aufseherin die Kraft ausgeht. Sogar als sie Leichenteile in einem Raum entdeckt, erschreckt sie nicht mehr, ist bereits abgestumpft gegenüber dem täglichen Tod. Der Erzählton ist eher nüchtern gehalten und dennoch sehr flüssig und mitreißend. Vor allem die Liebe der Mutter zu ihrer Tochter steht stark im Vordergrund. Ihre Mutter, die ihr immer wieder neue Regeln einschärft, um zu überleben. “Wir standen nicht auf der Transportliste”, erklärte Mama und sprach dabei mit mir, als wäre ich eine Erwachsene. Sie wusste, dass ich keinerlei Überlebenschance hatte, wenn sie mich behandelte wie ein Kind. “Es ist wichtig, dass du alles verstehst”, sagte sie. “Es ist möglich, dass du bald allei
ne bist, und du musst lernen, wie du dich selbst schützen kannst.” (Zitat S.38ff) Ihre Mutter, die — um ein ein Stück Brot an Tolas Geburtstag ins Kinderlager zu schmuggeln — alles riskiert und sogar am Kopf geschlagen wird, worunter sie ihr Leben lang leiden wird. Die — als sie noch zusammen in Auschwitz sind — nur die Suppe isst und ihr Brot ihrer Tochter überlässt, obwohl sie selbst immer dünner wird. Immer wieder hat Tola großes Glück. Das größte wohl am Ende, als sie in die Gaskammer geführt werden soll und diese nicht funktioniert. In einem Epilog gibt Tova Friedman einen Ausblick auf das, was jetzt ist: “Heute bin ich eine alte Frau und habe acht Enkelkinder, die unsere jüdischen Traditionen weiterführen — Hitlers Versuch, das jüdische Volk auszulöschen, zum Trotz.” (Zitat S.189) Und sie stellt auch dar, wie sie heute damit umgeht: “Ich wurde in eine schreckliche Zeit hineingeboren, das unschuldige Opfer einer brutalen Gesellschaft, doch meinen Lebensfunken und meinen Überlebenswillen konnte man nie nehmen. So wie ich es seit vielen Jahren tue, werde ich auch weiterhin durch die USA und andere Teile der Welt reisen, um meine Geschichte zu erzählen” (Zitat S.190) Sogar auf Tiktok ist sie mit ihrem Enkel unterwegs. In einem Anhang findet man noch ein Interview mit ihr und einen Glossar für wichtige Begrifflichkeiten.
Du möchtest lieber die Erwachsenen-Variante des Buches lesen? Dann greif zu “Ich war das Mädchen aus Auschwitz”, welches sie zusammen mit Malcom Brabant schrieb. Es gibt im Jugendbuch sehr viele Romane
, die in Auschwitz spielen. Mich hat damals “Der Klang der Hoffnung” von Suzy Zail dazu gebracht, mich näher mit dem Thema Holocaust/Konzentrationslager zu befassen. Bücher, die ich ebenfalls sehr empfehlen kann, sind “Der Junge im gestreiften Pyjama” von Johne Bohne, “Ich habe den Todesengel überlebt” von Eva Mozes Kor und Lisa Rojany Buccieri, “28 Tage”von David Safier und “Das rote Band der Hoffnung” von Lucy Adlington. Sehr gut recherchiert und mit vielen wissenswerten Informationen aufbereitet sind auch die Bücher von Reiner Engelmann, lies zum Beispiel “Der Fotograf von Auschwitz: Das Leben des Wilhelm Brasse” und “Der Buchhalter von Auschwitz” von ihm. Sein neuestes Buch ist “Sie brachten uns Hoffnung: Die Gesichte von Edward Galinski und Mala Zimetbaum” und erzählt eine Liebes- und Lebensgeschichte Zweier, die sich in Auschwitz ineinander verliebten. Ein ebenfalls sehr bewegender Roman.
Bibliografische Angaben:Verlag: cbt ISBN: 978-3-570-31683-2 Erscheinungsdatum: 15.Januar 2025 Einbandart: Taschenbuch Preis: 11,00€ Seitenzahl: 208 Übersetzer*in: Roman Stadler Originaltitel: "The Daughter of Auschwitz: The Girl who Lived to Tell her Story" Originalverlag: Wren & Rook Amerikanisches Originalcover:
Ein Bericht über Tova Friedman mit ihrem Enkel:
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)
----------------------------------------------------------- Amerikanisches Cover: Homepage von Hachette Children's Group

Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31683-2
Erscheinungsdatum: 15.Januar 2025
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 11,00€
Seitenzahl: 208
Übersetzer*in: Roman Stadler
Originaltitel: "The Daughter of Auschwitz: The Girl who Lived to Tell her Story"
Originalverlag: Wren & Rook
Amerikanisches Originalcover:
Ein Bericht über Tova Friedman mit ihrem Enkel:
