Tom Limes — Voll verkackt ist halb gewonnen

Kasimira29.Juni 2019

Voll ver­kackt ist halb gewon­nen” ist der zwei­te Roman des Köl­ner Autoren Tom Limes. Ein Roman über Schul­ver­sa­ger und eine letz­te ret­ten­de Qua­li­fi­ka­ti­ons­maß­nah­me, in die 4 Jugend­li­che gesteckt wer­den, die auf­ge­hört haben an ihre Träu­me zu glau­ben und die Grün­de dafür, war­um ihr Leben so schwer gewor­den ist, in ein Video packen um mit allen abzu­rech­nen. Und dann doch plötz­lich wie­der Hoff­nung schöp­fen. Flott erzählt und äußerst authen­tisch. Der Autor, der seit Jahr­zehn­ten als Coach mit schul­ge­plag­ten Jugend­li­chen arbei­tet, weiß genau, wovon er schreibt. Eine Geschich­te, die Mut macht! Für Mathe-Muf­fel, Schul­has­ser, Träu­me­ver­lie­rer und für alle ande­ren Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Der 17-jäh­ri­ge Juli­an war mal im Gym­na­si­um gewe­sen. Doch nun hat er nicht ein­mal mehr sei­nen Haupt­schul­ab­schluss geschafft. Vor allem mit Mathe­ma­tik steht er auf dem Kriegs­fuß. “Ab der Sieb­ten buch­te ich in Mathe ein sta­bi­les Sech­ser­abo und bei einem der­ma­ßen nied­ri­gen mathe­ma­ti­schen Tief­flug konn­te mein so oft gelob­tes “sprach­li­ches Talent” auf Dau­er eben auch nichts mehr wett­ma­chen.” (Zitat aus “Voll ver­kackt ist halb gewon­nen” S.8) Egal wie oft er es ver­sucht hat, auch mit Hil­fe von Leh­rern und The­ra­peu­ten, er ver­steht die Welt derKasimira Zah­len ein­fach nicht. Und so befin­det er sich wis­sens­tech­nisch immer noch auf dem Stand eines Dritt­kläss­lers. Vor allem sein stein­rei­cher Vater ist schwer ent­täuscht von ihm. “Als Time-is-Money-Kar­rie­rist war er nicht son­der­lich amu­sed vom dau­er­chil­len­den, nichts­nut­zi­gen Sohn, der die letz­te Schu­le nach zwei­ma­li­gem Sit­zen­blei­ben in Klas­se acht ver­las­sen hat­te und von sei­ner lie­ben Mut­ti trotz allem viel zu sehr ver­wöhnt wur­de.” (Zitat S.11) Juli­ans Vater finan­ziert ihm zwar eine eige­ne Ein­lie­ger­woh­nung im Haus der Fami­lie, macht ihm aber klar, dass sich dies recht bald ändern wird und er aus­zie­hen muss, wenn er sich nicht end­lich anstrengt und zumin­dest noch einen Haupt­schul­ab­schluss erreicht. Und wäh­rend sei­ne Freun­de sich bereits an den Uni­ver­si­tä­ten bewer­ben, muss Juli­an an einer letz­ten QKasimirauali­fi­ka­ti­ons­maß­nah­me teil­neh­men: Euch erwar­tet in den kom­men­den zwölf Mona­ten ein Mix aus Unter­richt, spe­zi­el­lem För­der­un­ter­richt und Werk­statt­ein­hei­ten von unse­ren Päd­ago­gen hier im Maß­nah­men­ge­bäu­de, dazu Unter­richt im Kol­leg neben­an und ein paar Prak­ti­ka”, erklär­te der Maß­nah­men­chef mit über­trie­be­ner Begeis­te­rung. “Hier bekommt ihr die Chan­ce, doch noch euren Haupt­schul­ab­schluss zu machen.” (Zitat S.8) Hier trifft der übelst gefrus­te­te Juli­an, der täg­lich kifft und nur noch ver­ges­sen will, auch auf ande­re “Schul­ver­sa­ger”. Zum Bei­spiel auf den gangs­ter­mä­ßi­gen, stän­dig Blöd­sinn plap­pern­den Tariq; auf den Punk Max, der ein­fach mal gegen alles ist und über ande­re ger­ne her­zieht. Und auf Liza. Sie ist ihm gleich in der ers­ten Schul­stun­de schon auf­ge­fal­len. Irgend­wie posi­tiv. Auch wenn sie natür­lich aneckt, mit ihren Tics. KasimiraMit ihrem Zucken, ihrem Stot­tern und ihrem gele­gent­li­chen Bel­len. Liza hat das Touret­te-Syn­drom. Zusam­men sol­len die Vier eine Pro­jekt­ar­beit über das The­ma “Träu­me” anfer­ti­gen. Träu­me? Als ob sie die noch hät­ten… und genau das wol­len die Vier mit einem Video auch ver­deut­li­chen, das sie bald zu pro­du­zie­ren begin­nen. Doch je mehr sie unter­neh­men und über­ein­an­der erfah­ren, des­to mehr ver­än­dert sich auch ihr Den­ken. Haben sie gemein­sam viel­leicht doch eine Chan­ce?

Das Cover von “Voll ver­kackt ist halb ver­lo­ren” ist ganz okay gestal­tet, aber der Titel, der ist defi­ni­tiv bril­lant und passt wie die Faust aufs Auge! Schön ist auch die Wid­mung des Buches, die ein Zitat aus einem Song­text von Swiss & Die Andern ist: Das ist für all die, die nicht von die­ser Welt sind. Die schlecht in Anpas­sen, Ell­bo­gen und Geld sind. Die nach den gan­zen har­ten Jah­ren noch sie selbst sind. Egal, was alle ande­ren sagen, ihr seid Hel­den.”Kasimira Eben­so macht Tom Limes bereits zu Beginn auf eine pas­sen­de Play­list zum Buch auf­merk­sam, die man sich auf sei­ner Web­site ansehen/anhören kann. Der Roman wird nicht nur aus Juli­ans Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben, son­dern lässt auch Liza zu Wort kom­men. Zwei, die sich lang­sam anein­an­der annä­hern (leich­ter Lie­bes­ge­schich­te inklu­si­ve). Ihre Cha­rak­te­re sind authen­tisch beschrie­ben und gehen in die Tie­fe. Liza, die das Touret­te-Syn­drom schon hat, seit sie 10 ist und höl­lisch dar­un­ter lei­det. Ihren unge­woll­ten Tics sogar den Namen Luzi­fer — den Teu­fel — gege­ben hat. Immer unan­ge­nehm auf­fal­len, vor allem in der Schu­le, das hat viel kaputt gemacht in ihrem Leben. In der 8.Klasse hat­te sie einen Zusam­men­bruch, geht auch nicht sehr häu­fig mehr aus dem Haus und hat sich sehr zurück­ge­zo­gen. Jetzt kämpft sie um ihren Haupt­schul­ab­schluss. Möch­te am liebs­ten Medi­en­ge­stal­te­rin wer­den. Juli­an ist resi­gniert vom Schul­le­benKasimira. Frü­her woll­te er mal Autor oder Jour­na­list wer­den. Hat sogar ein paar Schreib­wett­be­wer­be gewon­nen. Doch sein gro­ßes Mathe­pro­blem, sei­ne Dys­kal­ku­lie, hat ihm schon früh zu schaf­fen gemacht. Auch ein ande­res Pro­blem kam schnell zu sei­ner Rechen­schwä­che hin­zu: Juli­an… du bist so ein Ver­sa­ger! Wie aus dem Nichts hör­te ich plötz­lich die Stim­men von frü­he­ren Klas­sen­kol­le­gen, man­chen Leh­rern und allen vor­an: mei­nes lie­ben Vater. […] Und dann pas­sier­te es. Ich schrumpf­te, schrumpf­te, schrumpf­te und schien mei­nem Kör­per zu ent­wei­chen. […] Ich hat­te echt gedacht, die­se Zei­ten wären vor­bei. Die Zei­ten von Panik­at­ta­cken. Die Zei­ten, in denen die Mei­nung ande­rer mich so fer­tig­mach­te.” (Zitat S.28) Was Tom Limes sehr gut schafft, ist ein authen­ti­sches Erzäh­len. Er lässt Figu­ren leben­dig wer­den und zeigt wie Men­schen zu dem gewor­den sind, was sie heu­te sind. Beson­ders den Frust zu schil­dern, das Gefühl des Nicht-Genug-SeiKasimirans und zur “Aus­schuss­wa­re” gewor­den zu sein, schil­dert er äußerst rea­lis­tisch: “Wisst ihr, wie vie­le Men­schen in ihrem Leben kei­nen Sinn mehr sehen? Men­schen, die sich täg­lich die Bir­ne aus­knip­sen, um ertra­gen zu kön­nen, dass sie nutz­los sind und von kei­nem gebraucht wer­den? […] Das sind kei­ne dum­men Men­schen”, rief er fast ver­zwei­felt. “Das sind nur wel­che, die das Sys­tem als unbrauch­bar abge­stem­pelt hat. Die meis­ten haben doch auch schon in der Schu­le auf­ge­ge­ben, weil sie ein­fach kei­ne Chan­cen hat­ten mit­zu­kom­men.” (Zitat S.71ff) Vor allem Juli­an schießt sich regel­mä­ßig ab. Kifft und will ein­fach nur abtau­chen aus sei­ner Ver­sa­ger­welt. Die Qua­li­fi­ka­ti­ons­maß­nah­me — für ihn eine rei­ne Zeit­ver­schwen­dung. Hoff­nung auf sei­nen Abschluss macht er sich ohne­hin nicht. Gera­de sei­ne Ent­wick­lung mit­zu­ver­fol­gen, wie er es selbst schafft, mit dem Kif­fen auf­zu­hö­ren und mit Hil­fe sei­ner Freun­de doch so eini­ges ver­än­dern kann, liest sich sehr bewe­gend. Und was noch viel wiKasimirachti­ger ist: dies geschieht nicht mit hoch erho­be­nen Zei­ge­fin­ger des Autoren, son­dern mal eben so en pas­sant. Klar, es gibt auch eine Sze­ne, in der alle Vier mal — ange­sta­chelt durch Juli­an — das Kif­fen bzw Kon­su­mie­ren eines mit Dro­gen ver­setz­ten Kek­ses tes­ten (was zunächst nicht all­zu toll wirkt), aber sie zie­hen ihre Kon­se­quen­zen dar­aus. Rei­fen an ihren Ent­schei­dun­gen. Und man merkt als Leser, Tom Limes ver­ur­teilt nicht, er zeigt das Leben in all sei­nen Facet­ten und lässt auch sei­ne Prot­ago­nis­ten Feh­ler bege­hen, auf ihrem Weg erwach­sen zu wer­den. Toll sind auch die Maß­nah­men, die er sich für sei­ne Figu­ren hat ein­fal­len las­sen. Da merkt man ein­fach, dass er Lern­coach ist und völ­lig ande­re Ansät­ze hat und sei­ne Mathe­has­sen­den Schü­ler zum Bei­spiel ein­fach mal mit einem Stock, der genau die Län­ge von einem Meter hat und ein paar Kor­deln als zusätz­li­che Mess­in­stru­men­te auf einen Spiel­platz schickt und eine Zeit lang alles Mög­li­che aus­mes­sen lässt. Kasimira“Und auf ein­mal hat­te ich tat­säch­lich so den Hauch einer Ahnung, war­um es über­haupt ver­schie­de­ne Maße gab. Und wie­so ein Meter nicht in einen Qua­drat­me­ter umge­rech­net wer­den konn­te. Ja, ja, ich weiß schon… Leu­te, die mit sieb­zehn voll abge­hen, weil sie ver­stan­den haben, was ein Meter ist — die kön­nen sie nicht mehr alle haben. Aber scheiß drauf. Ich war total stolz auf mich.” (Zitat S.142) Die Spra­che ist locker und ein­fach, teils jugend­sprach­lich, aber nie bemüht. Und das Erzähl­tem­po per­fekt, die Geschich­te bleibt ein­fach mit­rei­ßend und garan­tiert flüs­si­ges Lesen.

Fazit: Eine Geschich­te, die Mut macht nicht den Glau­ben an sich zu ver­lie­ren und zeigt, wie wich­tig es ist gute Freun­de an sei­ner Sei­te zu haben!

Du magst Tom Limes Erzähl­stil? Dann lies noch sein (völ­lig unab­hän­gig zu lesen­des) ers­tes Buch: “Tick Tack Fuck. #Echt­har­te­zei­ten”. Ein Buch, an das ich inhalt­lich Lesealternativengese­hen sofort den­ken muss­te, ist “Befrei­ungs­schlag” von Ste­fan Gemmel & Uwe Zis­sener, das the­ma­tisch gese­hen zwar noch etwas hef­ti­ger ist, aber eine eben­so posi­ti­ve Ent­wick­lung und beson­de­re Maß­nah­men zur Ver­än­de­rung zeigt und sehr authen­tisch geschrie­ben ist. In einem Art Auf­fang­pro­gramm lan­den auch die drei Außen­sei­ter in “Kill all ene­mis” von Mel­vin Bur­gess, ein Buch, das wirk­lich berührt! Ansons­ten könn­ten außer­dem “Abso­lu­te Gewin­ner” von Chris­toph Scheu­ring, “Immer die­se Herz­schei­ße” von Nana Rade­ma­cher und “Schei­ße bau­en: sehr gut” von Tobi­as Stein­feld etwas für dich sein. Sich selbst für völ­lig unfä­hig hält sich zudem die Prot­ago­nis­tin in dem unheim­lich schön geschrie­be­nen “Wie ein Fisch im Baum” von Lyn­da Mulla­ly Hunt. Eine wei­te­re Lese­al­ter­na­ti­ve ist “Hal­be Hel­den” von Erin Jade Lan­ge, das mit viel Humor und Tief­gang erzählt wird und eine sich lang­sam ent­wi­ckeln­de Freund­schaft zwi­schen zwei Außen­sei­tern zeigt. Sel­bi­ges pas­siert in der gelun­ge­nen Novi­tät “Der Son­ne nach” von Gabrie­le Cli­ma.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60463-3
Erscheinungsdatum: 18.Juni 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 12,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Der Autor liest aus seinem Buch:

Kasimiras Bewertung:

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