“Voll verkackt ist halb gewonnen” ist der zweite Roman des Kölner Autoren Tom Limes. Ein Roman über Schulversager und eine letzte rettende Qualifikationsmaßnahme, in die 4 Jugendliche gesteckt werden, die aufgehört haben an ihre Träume zu glauben und die Gründe dafür, warum ihr Leben so schwer geworden ist, in ein Video packen um mit allen abzurechnen. Und dann doch plötzlich wieder Hoffnung schöpfen. Flott erzählt und äußerst authentisch. Der Autor, der seit Jahrzehnten als Coach mit schulgeplagten Jugendlichen arbeitet, weiß genau, wovon er schreibt. Eine Geschichte, die Mut macht! Für Mathe-Muffel, Schulhasser, Träumeverlierer und für alle anderen Jugendliche ab 13 Jahren und interessierte Erwachsene. Nun neu als Taschenbuch erschienen.
Der 17-jährige Julian war mal im Gymnasium gewesen. Doch nun hat er nicht einmal mehr seinen Hauptschulabschluss geschafft. Vor allem mit Mathematik steht er auf dem Kriegsfuß. “Ab der Siebten buchte ich in Mathe ein stabiles Sechserabo und bei einem dermaßen niedrigen mathematischen Tiefflug konnte mein so oft gelobtes “sprachliches Talent” auf Dauer eben auch nichts mehr wettmachen.” (Zitat aus “Voll verkackt ist halb gewonnen” S.8) Egal wie oft er es versucht hat, auch mit Hilfe von Lehrern und Therapeuten, er versteht die Welt der
Zahlen einfach nicht. Und so befindet er sich wissenstechnisch immer noch auf dem Stand eines Drittklässlers. Vor allem sein steinreicher Vater ist schwer enttäuscht von ihm. “Als Time-is-Money-Karrierist war er nicht sonderlich amused vom dauerchillenden, nichtsnutzigen Sohn, der die letzte Schule nach zweimaligem Sitzenbleiben in Klasse acht verlassen hatte und von seiner lieben Mutti trotz allem viel zu sehr verwöhnt wurde.” (Zitat S.11) Julians Vater finanziert ihm zwar eine eigene Einliegerwohnung im Haus der Familie, macht ihm aber klar, dass sich dies recht bald ändern wird und er ausziehen muss, wenn er sich nicht endlich anstrengt und zumindest noch einen Hauptschulabschluss erreicht. Und während seine Freunde sich bereits an den Universitäten bewerben, muss Julian an einer letzten Q
ualifikationsmaßnahme teilnehmen: “Euch erwartet in den kommenden zwölf Monaten ein Mix aus Unterricht, speziellem Förderunterricht und Werkstatteinheiten von unseren Pädagogen hier im Maßnahmengebäude, dazu Unterricht im Kolleg nebenan und ein paar Praktika”, erklärte der Maßnahmenchef mit übertriebener Begeisterung. “Hier bekommt ihr die Chance, doch noch euren Hauptschulabschluss zu machen.” (Zitat S.8) Hier trifft der übelst gefrustete Julian, der täglich kifft und nur noch vergessen will, auch auf andere “Schulversager”. Zum Beispiel auf den gangstermäßigen, ständig Blödsinn plappernden Tariq; auf den Punk Max, der einfach mal gegen alles ist und über andere gerne herzieht. Und auf Liza. Sie ist ihm gleich in der ersten Schulstunde schon aufgefallen. Irgendwie positiv. Auch wenn sie natürlich aneckt, mit ihren Tics.
Mit ihrem Zucken, ihrem Stottern und ihrem gelegentlichen Bellen. Liza hat das Tourette-Syndrom. Zusammen sollen die Vier eine Projektarbeit über das Thema “Träume” anfertigen. Träume? Als ob sie die noch hätten… und genau das wollen die Vier mit einem Video auch verdeutlichen, das sie bald zu produzieren beginnen. Doch je mehr sie unternehmen und übereinander erfahren, desto mehr verändert sich auch ihr Denken. Haben sie gemeinsam vielleicht doch eine Chance?
Das Cover von “Voll verkackt ist halb verloren” ist ganz okay gestaltet, aber der Titel, der ist definitiv brillant und passt wie die Faust aufs Auge! Schön ist auch die Widmung des Buches, die ein Zitat aus einem Songtext von Swiss & Die Andern ist: “Das ist für all die, die nicht von dieser Welt sind. Die schlecht in Anpassen, Ellbogen und Geld sind. Die nach den ganzen harten Jahren noch sie selbst sind. Egal, was alle anderen sagen, ihr seid Helden.”
Ebenso macht Tom Limes bereits zu Beginn auf eine passende Playlist zum Buch aufmerksam, die man sich auf seiner Website ansehen/anhören kann. Der Roman wird nicht nur aus Julians Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben, sondern lässt auch Liza zu Wort kommen. Zwei, die sich langsam aneinander annähern (leichter Liebesgeschichte inklusive). Ihre Charaktere sind authentisch beschrieben und gehen in die Tiefe. Liza, die das Tourette-Syndrom schon hat, seit sie 10 ist und höllisch darunter leidet. Ihren ungewollten Tics sogar den Namen Luzifer — den Teufel — gegeben hat. Immer unangenehm auffallen, vor allem in der Schule, das hat viel kaputt gemacht in ihrem Leben. In der 8.Klasse hatte sie einen Zusammenbruch, geht auch nicht sehr häufig mehr aus dem Haus und hat sich sehr zurückgezogen. Jetzt kämpft sie um ihren Hauptschulabschluss. Möchte am liebsten Mediengestalterin werden. Julian ist resigniert vom Schulleben
. Früher wollte er mal Autor oder Journalist werden. Hat sogar ein paar Schreibwettbewerbe gewonnen. Doch sein großes Matheproblem, seine Dyskalkulie, hat ihm schon früh zu schaffen gemacht. Auch ein anderes Problem kam schnell zu seiner Rechenschwäche hinzu: “Julian… du bist so ein Versager! Wie aus dem Nichts hörte ich plötzlich die Stimmen von früheren Klassenkollegen, manchen Lehrern und allen voran: meines lieben Vater. […] Und dann passierte es. Ich schrumpfte, schrumpfte, schrumpfte und schien meinem Körper zu entweichen. […] Ich hatte echt gedacht, diese Zeiten wären vorbei. Die Zeiten von Panikattacken. Die Zeiten, in denen die Meinung anderer mich so fertigmachte.” (Zitat S.28) Was Tom Limes sehr gut schafft, ist ein authentisches Erzählen. Er lässt Figuren lebendig werden und zeigt wie Menschen zu dem geworden sind, was sie heute sind. Besonders den Frust zu schildern, das Gefühl des Nicht-Genug-Sei
ns und zur “Ausschussware” geworden zu sein, schildert er äußerst realistisch: “Wisst ihr, wie viele Menschen in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen? Menschen, die sich täglich die Birne ausknipsen, um ertragen zu können, dass sie nutzlos sind und von keinem gebraucht werden? […] Das sind keine dummen Menschen”, rief er fast verzweifelt. “Das sind nur welche, die das System als unbrauchbar abgestempelt hat. Die meisten haben doch auch schon in der Schule aufgegeben, weil sie einfach keine Chancen hatten mitzukommen.” (Zitat S.71ff) Vor allem Julian schießt sich regelmäßig ab. Kifft und will einfach nur abtauchen aus seiner Versagerwelt. Die Qualifikationsmaßnahme — für ihn eine reine Zeitverschwendung. Hoffnung auf seinen Abschluss macht er sich ohnehin nicht. Gerade seine Entwicklung mitzuverfolgen, wie er es selbst schafft, mit dem Kiffen aufzuhören und mit Hilfe seiner Freunde doch so einiges verändern kann, liest sich sehr bewegend. Und was noch viel wi
chtiger ist: dies geschieht nicht mit hoch erhobenen Zeigefinger des Autoren, sondern mal eben so en passant. Klar, es gibt auch eine Szene, in der alle Vier mal — angestachelt durch Julian — das Kiffen bzw Konsumieren eines mit Drogen versetzten Kekses testen (was zunächst nicht allzu toll wirkt), aber sie ziehen ihre Konsequenzen daraus. Reifen an ihren Entscheidungen. Und man merkt als Leser, Tom Limes verurteilt nicht, er zeigt das Leben in all seinen Facetten und lässt auch seine Protagonisten Fehler begehen, auf ihrem Weg erwachsen zu werden. Toll sind auch die Maßnahmen, die er sich für seine Figuren hat einfallen lassen. Da merkt man einfach, dass er Lerncoach ist und völlig andere Ansätze hat und seine Mathehassenden Schüler zum Beispiel einfach mal mit einem Stock, der genau die Länge von einem Meter hat und ein paar Kordeln als zusätzliche Messinstrumente auf einen Spielplatz schickt und eine Zeit lang alles Mögliche ausmessen lässt.
“Und auf einmal hatte ich tatsächlich so den Hauch einer Ahnung, warum es überhaupt verschiedene Maße gab. Und wieso ein Meter nicht in einen Quadratmeter umgerechnet werden konnte. Ja, ja, ich weiß schon… Leute, die mit siebzehn voll abgehen, weil sie verstanden haben, was ein Meter ist — die können sie nicht mehr alle haben. Aber scheiß drauf. Ich war total stolz auf mich.” (Zitat S.142) Die Sprache ist locker und einfach, teils jugendsprachlich, aber nie bemüht. Und das Erzähltempo perfekt, die Geschichte bleibt einfach mitreißend und garantiert flüssiges Lesen.
Fazit: Eine Geschichte, die Mut macht nicht den Glauben an sich zu verlieren und zeigt, wie wichtig es ist gute Freunde an seiner Seite zu haben!
Du magst Tom Limes Erzählstil? Dann lies noch sein (völlig unabhängig zu lesendes) erstes Buch: “Tick Tack Fuck. #Echthartezeiten”. Ein Buch, an das ich inhaltlich
gesehen sofort denken musste, ist “Befreiungsschlag” von Stefan Gemmel & Uwe Zissener, das thematisch gesehen zwar noch etwas heftiger ist, aber eine ebenso positive Entwicklung und besondere Maßnahmen zur Veränderung zeigt und sehr authentisch geschrieben ist. In einem Art Auffangprogramm landen auch die drei Außenseiter in “Kill all enemis” von Melvin Burgess, ein Buch, das wirklich berührt! Ansonsten könnten außerdem “Absolute Gewinner” von Christoph Scheuring, “Immer diese Herzscheiße” von Nana Rademacher und “Scheiße bauen: sehr gut” von Tobias Steinfeld etwas für dich sein. Sich selbst für völlig unfähig hält sich zudem die Protagonistin in dem unheimlich schön geschriebenen “Wie ein Fisch im Baum” von Lynda Mullaly Hunt. Eine weitere Lesealternative ist “Halbe Helden” von Erin Jade Lange, das mit viel Humor und Tiefgang erzählt wird und eine sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen zwei Außenseitern zeigt. Selbiges passiert in der gelungenen Novität “Der Sonne nach” von Gabriele Clima.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arena ISBN: 978-3-401-51204-4 Erscheinungsdatum: 13.Februar 2020 Einbandart: Taschenbuch Preis: 8,00€ Seitenzahl: 256 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Der Autor liest aus seinem Buch:
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Arena
ISBN: 978-3-401-51204-4
Erscheinungsdatum: 13.Februar 2020
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 8,00€
Seitenzahl: 256
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Originaltitel: -
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