Der amerikanische Autor Tom Leveen hat mit “Ich hätte es wissen müssen” einen Roman geschrieben, der sich mit den Themen Schuld, Mobbing und Suizid auseinandersetzt. Ein aufwühlendes, packendes Buch, das auf jeden Fall nachdenklich machen wird! Für Jugendliche ab 14 Jahren und interessierte Erwachsene.
Im Leben der 16-jährigen Victoria, die von allen Tori genannt wird, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Das Auto ihrer Mutter wurde mit einem Ziegelstein beschädigt, die Presse lungert vor dem Haus der Familie herum, ihr Bruder Jack spricht kaum ein Wort mehr mit ihr und ihre Eltern haben ihr den Laptop und das Smartphone weggenommen. Tori soll nicht mitbekommen, was man Schlimmes im Internet über sie schreibt. Über sie und die sechs anderen Jugendlichen, die einen Jungen durch (Cyber-)Mobbing in den Suizid getrieben haben. Jetzt hat Tori nur noch ein altes, klappbares Handy. Doch auf genau diesem ruft sie am Abend vor der Gerichtsverhandlung ein Junge, namens Andrew an, der behauptet diese Nummer ganz zufällig gewählt zu haben und sich umbringen will. Ausgerechnet bei Tori! Das kann nur ein schlechter Scherz sein. Sie legt auf. Doch kurz darauf
meldet Andrew sich wieder. ““Du hast diese Nummer ganz zufällig gewählt”, unterbreche ich ihn, “Und das soll ich dir glauben? Das ist doch eine miese Lüge.” Er sagt nichts. Aber er beschimpft mich auch nicht. “Du hast recht”, sagt Andrew und räuspert sich. “Ich hätte dich nicht belästigen sollen. Dumme Idee. Sorry, dass ich dich gestört habe.” Stille. Er hat aufgelegt. “Gut”, sage ich. Nur, dass ich mich gar nicht gut fühle.” (Zitat aus “Ich hätte es wissen müssen” S.38/39). Was, wenn Andrew tatsächlich keinen Scherz macht? Wenn er die Wahrheit sagt und sie ihn retten könnte? Tori ruft die Nummer auf ihrem Display zurück und fängt an sich mit Andrew zu unterhalten. Sie erfährt, warum er sterben will und dass seine Freundin ebenfalls durch Mobbing in den Suizid gedrängt wurde. Andrew scheint nicht wirklich zu wissen, wer Tori ist. Mit wem er da telefoniert. Doch auch Andrew stellt unbequeme Fragen. “Mein Leben liegt in deinen Händen, Tori”, sagt er schließlich. “Vielleicht solltest du dich momentan lieber nicht weigern, über das zu reden, worüber ich sprechen möchte.” […] “Warte mal. Willst du mich irgendwie mit deinem Leben erpressen?” “Ich denke schon. Ja.” (Zitat S.124). Und Tori muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, ob sie will oder nicht…
“Ich hätte es wissen müssen” wird durchgehend aus Toris Sicht geschrieben. Zu Beginn wirkt der Erzählstil noch etwas flapsig und zum Teil jugendsprachlich, doch dann zieht die Geschichte einen förmlich in ihren Bann. Das Gespräch zwischen Andrew und Tori wird immer wieder von grafisch aufbereiteten Facebook-Auszügen unterbrochen. Diese Auszüge zeigen Gespräche zwischen Tori und einem Jungen namens Kevin, die gut miteinander befreundet waren. Dann tauchen neue Freunde in der Facebook-Ansicht auf, die über Kevin lästern. Tori verharmlost das, steht nicht wirklich auf seiner Seite. Als Leser weiß man bereits: Kevin ist der Junge, der sich das Leben genommen hat. Der Junge, den Tori sogar das erste Mal geküsst hat. Was ist seitdem geschehen? Die Chatauszüge füllen diese Lücken allmählich, auch wenn nicht explizit auf die Ursache des beginnenden Mobbings eingegangen wird.
Und dann ist da noch die große Frage der Schuld, die über dem Roman schwebt wie ein Damoklesschwert: “Ich meine, nimm’s mir nicht übel”, sage ich, während mir die Wut brennend heiß ins Gesicht steigt, “Aber viele Leute haben ein beschissenes Leben und bringen sich trotzdem nicht um. Es ist nicht die Schuld von jemand anderem, es ist ihre eigene Schuld. Oder? Findest du nicht? Oder willst du wirklich sagen, dass es meine Schuld ist, wenn du heute Nacht über die Klippe fährst?” (Zitat S.111) Ist es Toris Schuld gewesen? Die der anderen, d
ie angeblich gemeinere Sachen getan oder gesagt haben? Hätte sie Kevins Selbstmord verhindern können? Hätte Tori es wissen müssen? Der Titel des Romans “Ich hätte es wissen müssen” ist daher genial gewählt, bereits auf Seite 30 taucht dieser Satz auf, als das Mädchen den Hörer auflegt, in der Annahme es mit einem Spinner zu tun zu haben. Doch kann er auch auf den ganzen Roman und die Schuldfrage bezogen werden. Das englische Cover (siehe unten) muss ich sagen, gefällt mir noch einen Tick besser, als das deutsche. Faszinierenderweise zeigt Tom Leveen auf seiner Homepage noch ein ganz anderes Cover, das wohl ursprünglich geplant war. Er verrät seinen Lesern ebenso zwei interessante Dinge: 1.die eigene Erfahrung eines nächtlichen Telefonats hat ihn dazu veranlasst diese Geschichte zu erzählen 2. anfänglich war Tori als eine männliche Figur und Andrew als eine weibliche gedacht gewesen;-)
Die wohl beste Alternative zu “Ich hätte es wissen müssen” ist “Das wirst du bereuen” von Amanda Maciel. Hier wird die Hauptperson ebenfalls von einer Mobberin zu einer Gemobbten und muss sich mit anderen Jugendlichen vor Gericht stellen, weil sie ein Mädchen in den Tod getrieben haben sollen. “Umgekehrtes” Mobbing findest du auch in der Neuerscheinung “Denkzettel: Wenn dein Albtraum wahr wird” von Daniëlle Bakhuis, in der eine Täterin zum Opfer wird. Ein nachdenklich machender Roman zum Thema Schuld ist “Das haben wir nicht gewollt” von Paul Zindel, einem modernen Klassiker in der amerikanischen Jugendliteratur. Oder lies “Speechless” von Hannah Harrington, das ist ebenso eine echt gute Alternative!
Bibliografische Angaben:Verlag: Hanser ISBN: 978-3-446-24931-8 Erscheinungsdatum: 27.Juli 2015 Einbandart: Broschur Preis: 15,90€ Seitenzahl: 208 Übersetzer: Anja Hansen-Schmidt Originaltitel: "Random" Originalverlag: Simon Pulse Amerikanisches Originalcover:
Ursprünglich geplantes Cover:
Interview mit Leonie Landa (Sprecherin des Hörbuchs):
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)
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Amerikanisches Cover: Homepage von Tom Leveen


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24931-8
Erscheinungsdatum: 27.Juli 2015
Einbandart: Broschur
Preis: 15,90€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: Anja Hansen-Schmidt
Originaltitel: "Random"
Originalverlag: Simon Pulse
Amerikanisches Originalcover:
Ursprünglich geplantes Cover:
Interview mit Leonie Landa (Sprecherin des Hörbuchs):