Tobias Goldfarb — Niemandsstadt

Kasimira14.März 2020

Der deut­sche Autor, Regis­seur und Jour­na­list Tobi­as Gold­farb hat mit “Nie­man­ds­stadt” sein ers­tes Jugend­buch geschrie­ben. Ein fan­tas­ti­scher Roman über eine beson­de­re Par­al­lel­welt, in die ein jun­ges Mäd­chen immer wie­der abdrif­tet. Eine Geschich­te über Freund­schaft, über die Macht der Träu­me, der Magie und die der Maschi­nen. Geheim­nis­voll, anders und sprach­lich sehr schön erzählt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren, die mal etwas Abseits des Main­streams lesen wol­len und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Jose­fi­nes Eltern füh­ren eine eher erfolg­lo­se Buch­hand­lung, die anstatt von Büchern haupt­säch­lich Sou­ve­nirs ver­kauft. Manch­mal hilft Jose­fi­ne dort aus. In der Schu­le ist sie eine Außen­sei­te­rin, wird von ihren Klas­sen­ka­me­ra­den “Josef” genannt, weil sie eher wie ein Jun­ge aus­sieht. “Wenn es jeman­den gibt, den man mit viel gutem Wilen und sämt­li­chen Augen zudrü­ckend als Freund bezeich­nen könn­te, dann ist das Eli. Eli und ich kom­men uns nicht in die Que­re, weil ich mein Leben nach innen und sie ihres nach außen lebt.” (Zitat aus “Nie­man­ds­stadt” S.20). Eli stellt ihr gan­zes Leben auf der Online­platt­form “Magick” zur Schau. Pos­tet und teilt jeden ihrer Momen­te dort. Jose­fi­ne hin­ge­gen ver­kriecht sich ger­ne in der Nie­man­ds­stadt. Einer ande­ren Welt neben Kasimiraihrer: “Es ist mei­ne Stadt und es ist doch nicht mei­ne Stadt. Es ist die Stadt drü­ben, auf der ande­ren Sei­te. Die Stadt, die nir­gend­wo und über­all ist. Die Stadt, die ist und gleich­zei­tig nicht ist. Es ist die Nie­man­ds­stadt. (Zitat S.8) In die­ser Par­al­lel­welt, die sie durch das Träu­men im Schlaf oder auch durch eine beson­de­re Art zu schie­len, betre­ten kann, ist alles ein wenig anders. Da kön­nen schon mal Dra­chen am Fern­seh­turm vor­bei­flie­gen oder Sta­tu­en spre­chen. Han­dys funk­tio­nie­ren in Nie­man­ds­stadt nicht. Träu­men kann man dort auch nicht. Schal­tet man das Licht an, so geht es erst leicht zeit­ver­zö­gert an. Jose­fi­ne hat unter­schied­li­che Theo­ri­en wie die­se Welt ent­stan­den sein könn­te. Aber “Viel­leicht bin ich auch bloß ver­rückt. Viel­leicht gibt es kei­ne Nie­man­ds­stadt.” (Zitat S.65) Doch dann geschieht ein Unfall und sie lan­det im Koma. Aus­ge­rech­net Eli ist es, die beschließt Jose­fi­ne ins Leben zurück­zu­ho­len, in dem sie die “Nie­man­ds­stadt” sucht, in der sie ihre Freun­din ver­mu­tet. Doch auch ande­re suchen ver­zwei­felt nach die­ser Par­al­lel­welt und sind dabei die­se mehr und mehr zu zer­stö­ren…

KasimiraDas Cover wirkt geheim­nis­voll, die Dra­chen deu­ten bereits auf die fan­tas­ti­schen Ele­men­te der Geschich­te hin. Erst wenn man genau­er hin­guckt, erkennt man die vie­len Nul­ler und Ein­ser im Hin­ter­grund, Binär­codes eines Com­pu­ters — denn genau das sind die zwei Wel­ten, die in “Nie­man­ds­stadt” mit­ein­an­der kol­li­die­ren: die der Tech­nik und die der Magie. Im Grun­de hat der Autor eine schö­ne Para­bel geschrie­ben, die dazu auf­ruft, sei­ne Krea­ti­vi­tät, sei­ne Träu­me­rei­en, aber auch mal ein ent­spann­tes Fau­len­zen im All­tag von Tech­nik und digi­ta­len Wel­ten nicht zu ver­ges­sen. Dass dann wie­der die “Magie” in unse­ren All­tag Ein­zug hal­ten wür­de, die es vor der “Tech­nik” einst gege­ben hat. Der Roman wird aus zwei Sicht­wei­sen erzählt. Zuerst ist es Jose­fi­ne, die berich­tet, dann in einem ande­ren Schrift­bild folgt Elis Sicht­wei­se. Bei­de in der Ich-Per­spek­ti­ve. Vor allem die sprach­li­che Qua­li­tät des Buches hat mir am Anfang rich­tig gut gefal­len hat, was man bereits an den ers­ten Sät­ze merkt (lei­der nur zu Beginn, spä­ter wur­de es erzäh­le­risch dann eher hand­lungs­ori­en­tier­ter): “Manch­mal weiß ich nicht, ob ich gera­de drü­ben bin. Es gibt gewis­se Anzei­chen — ein leicht kleb­ri­ger Film, der über Kasimiraden Din­gen liegt, eine ande­re Qua­li­tät des Lichts, Regen, bei dem sich ab und zu ein Trop­fen vom Asphalt löst und zurück in den Him­mel fällt.” (Zitat S.6) Die­se “Nie­man­ds­stadt” all­mäh­lich zu ent­de­cken, ist höchst fas­zi­nie­rend und inter­es­sant. Auch das Abgren­zen der Rea­li­tät und der Par­al­lel­welt von­ein­an­der, was selbst für die Prot­ago­nis­tin nicht immer ein­fach ist. Und manch unter­schwel­li­ge Iro­nie fin­det sich zwi­schen den Zei­len. “Wenn ein Dra­che am Fern­seh­turm vor­bei­fliegt, ist es ein­fach. Dann bin ich drü­ben. Wenn die Stein­plat­ten der Geh­we­ge auf Lava schwim­men und sich in den Rit­zen klei­ne Dämo­nen tum­meln, bin ich drü­ben. Dämo­nen sind nicht so schlimm, wie alle den­ken. Frau Gra­nitz aus dem drit­ten Stock ist viel schlim­mer.” (Zitat S.6) Mit Elis Sicht­wei­se nimmt die Geschich­te eine ganz ande­re Wen­dung, mit der ich so zuerst nicht gerech­net hät­te. Lei­der konn­te ich zu bei­den Cha­rak­te­ren kei­ne wirk­li­che Ver­bin­dung auf­bau­en, da sie doch mit einer gewis­sen Distanz zum Leser im Raum ste­hen. Was mir gefiel, waren die kur­zen Kapi­tel, die teils schö­nen Über­gän­ge vom letz­ten The­ma des KKasimiraapi­tels zur neu­en Über­schrift des fol­gen­den. In der Mit­te des Buches erwar­tet den Leser ein psy­che­de­li­scher Cock­tail vol­ler Aben­teu­er, Magie und der Zer­stö­rung durch die Tech­nik. Manch­mal ein biss­chen abstru­se Fan­ta­sie­we­sen und deren Sprech- und Hand­lungs­wei­se. Auf so eine Geschich­te muss man sich ein­las­sen kön­nen. Wäh­rend es ab und zu mal etwas ruhi­ger und fast lang­wei­lig wird, glänzt das Ende mit ordent­lich Span­nung und einem nach­denk­lich machen­den Aus­gang.

Fazit: Die Geschich­te hat Stär­ken und Schwä­chen. Am bes­ten eine eige­ne Mei­nung bil­den und sel­ber lesen!

Eine ganzLesealternativen beson­de­re Par­al­lel­welt, die auch vor der Zer­stö­rung steht, fin­dest du natür­lich in dem zeit­lo­sen Klas­si­ker “Die unend­li­che Geschich­te” von Micha­el Ende. Was mir als Lese­al­ter­na­ti­ve sofort in den Sinn kam, obwohl mit ande­ren inhaltlichem/realistischen Hin­ter­grund, ist “Kom­pass ohne Nor­den” von Neal Shus­ter­man, das letz­tes Jahr mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net wur­de (Preis der Jugend­ju­ry) und eben­so das Abdrif­ten in eine beson­de­re Welt auf bezeich­nen­de Art und Wei­se dar­stellt. Oder greif zu “Mein schö­nes fal­sches Leben” von Hil­ary Free­man, hier erwacht die Prot­ago­nis­tin auch eines Tages in einer völ­lig ande­ren Welt. Hin­sicht­lich der Dra­chen muss­te ich fast ein wenig an “Das Mäd­chen mit dem Herz aus Gold” von Kel­ly Barn­hill den­ken.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20267-1
Erscheinungsdatum: 14.Februar 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Trailer zum Buch:

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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