Der deutsche Autor, Regisseur und Journalist Tobias Goldfarb hat mit “Niemandsstadt” sein erstes Jugendbuch geschrieben. Ein fantastischer Roman über eine besondere Parallelwelt, in die ein junges Mädchen immer wieder abdriftet. Eine Geschichte über Freundschaft, über die Macht der Träume, der Magie und die der Maschinen. Geheimnisvoll, anders und sprachlich sehr schön erzählt. Für Jugendliche ab 13 Jahren, die mal etwas Abseits des Mainstreams lesen wollen und interessierte Erwachsene.
Josefines Eltern führen eine eher erfolglose Buchhandlung, die anstatt von Büchern hauptsächlich Souvenirs verkauft. Manchmal hilft Josefine dort aus. In der Schule ist sie eine Außenseiterin, wird von ihren Klassenkameraden “Josef” genannt, weil sie eher wie ein Junge aussieht. “Wenn es jemanden gibt, den man mit viel gutem Wilen und sämtlichen Augen zudrückend als Freund bezeichnen könnte, dann ist das Eli. Eli und ich kommen uns nicht in die Quere, weil ich mein Leben nach innen und sie ihres nach außen lebt.” (Zitat aus “Niemandsstadt” S.20). Eli stellt ihr ganzes Leben auf der Onlineplattform “Magick” zur Schau. Postet und teilt jeden ihrer Momente dort. Josefine hingegen verkriecht sich gerne in der Niemandsstadt. Einer anderen Welt neben
ihrer: “Es ist meine Stadt und es ist doch nicht meine Stadt. Es ist die Stadt drüben, auf der anderen Seite. Die Stadt, die nirgendwo und überall ist. Die Stadt, die ist und gleichzeitig nicht ist. Es ist die Niemandsstadt.” (Zitat S.8) In dieser Parallelwelt, die sie durch das Träumen im Schlaf oder auch durch eine besondere Art zu schielen, betreten kann, ist alles ein wenig anders. Da können schon mal Drachen am Fernsehturm vorbeifliegen oder Statuen sprechen. Handys funktionieren in Niemandsstadt nicht. Träumen kann man dort auch nicht. Schaltet man das Licht an, so geht es erst leicht zeitverzögert an. Josefine hat unterschiedliche Theorien wie diese Welt entstanden sein könnte. Aber “Vielleicht bin ich auch bloß verrückt. Vielleicht gibt es keine Niemandsstadt.” (Zitat S.65) Doch dann geschieht ein Unfall und sie landet im Koma. Ausgerechnet Eli ist es, die beschließt Josefine ins Leben zurückzuholen, in dem sie die “Niemandsstadt” sucht, in der sie ihre Freundin vermutet. Doch auch andere suchen verzweifelt nach dieser Parallelwelt und sind dabei diese mehr und mehr zu zerstören…
Das Cover wirkt geheimnisvoll, die Drachen deuten bereits auf die fantastischen Elemente der Geschichte hin. Erst wenn man genauer hinguckt, erkennt man die vielen Nuller und Einser im Hintergrund, Binärcodes eines Computers — denn genau das sind die zwei Welten, die in “Niemandsstadt” miteinander kollidieren: die der Technik und die der Magie. Im Grunde hat der Autor eine schöne Parabel geschrieben, die dazu aufruft, seine Kreativität, seine Träumereien, aber auch mal ein entspanntes Faulenzen im Alltag von Technik und digitalen Welten nicht zu vergessen. Dass dann wieder die “Magie” in unseren Alltag Einzug halten würde, die es vor der “Technik” einst gegeben hat. Der Roman wird aus zwei Sichtweisen erzählt. Zuerst ist es Josefine, die berichtet, dann in einem anderen Schriftbild folgt Elis Sichtweise. Beide in der Ich-Perspektive. Vor allem die sprachliche Qualität des Buches hat mir am Anfang richtig gut gefallen hat, was man bereits an den ersten Sätze merkt (leider nur zu Beginn, später wurde es erzählerisch dann eher handlungsorientierter): “Manchmal weiß ich nicht, ob ich gerade drüben bin. Es gibt gewisse Anzeichen — ein leicht klebriger Film, der über
den Dingen liegt, eine andere Qualität des Lichts, Regen, bei dem sich ab und zu ein Tropfen vom Asphalt löst und zurück in den Himmel fällt.” (Zitat S.6) Diese “Niemandsstadt” allmählich zu entdecken, ist höchst faszinierend und interessant. Auch das Abgrenzen der Realität und der Parallelwelt voneinander, was selbst für die Protagonistin nicht immer einfach ist. Und manch unterschwellige Ironie findet sich zwischen den Zeilen. “Wenn ein Drache am Fernsehturm vorbeifliegt, ist es einfach. Dann bin ich drüben. Wenn die Steinplatten der Gehwege auf Lava schwimmen und sich in den Ritzen kleine Dämonen tummeln, bin ich drüben. Dämonen sind nicht so schlimm, wie alle denken. Frau Granitz aus dem dritten Stock ist viel schlimmer.” (Zitat S.6) Mit Elis Sichtweise nimmt die Geschichte eine ganz andere Wendung, mit der ich so zuerst nicht gerechnet hätte. Leider konnte ich zu beiden Charakteren keine wirkliche Verbindung aufbauen, da sie doch mit einer gewissen Distanz zum Leser im Raum stehen. Was mir gefiel, waren die kurzen Kapitel, die teils schönen Übergänge vom letzten Thema des K
apitels zur neuen Überschrift des folgenden. In der Mitte des Buches erwartet den Leser ein psychedelischer Cocktail voller Abenteuer, Magie und der Zerstörung durch die Technik. Manchmal ein bisschen abstruse Fantasiewesen und deren Sprech- und Handlungsweise. Auf so eine Geschichte muss man sich einlassen können. Während es ab und zu mal etwas ruhiger und fast langweilig wird, glänzt das Ende mit ordentlich Spannung und einem nachdenklich machenden Ausgang.
Fazit: Die Geschichte hat Stärken und Schwächen. Am besten eine eigene Meinung bilden und selber lesen!
Eine ganz
besondere Parallelwelt, die auch vor der Zerstörung steht, findest du natürlich in dem zeitlosen Klassiker “Die unendliche Geschichte” von Michael Ende. Was mir als Lesealternative sofort in den Sinn kam, obwohl mit anderen inhaltlichem/realistischen Hintergrund, ist “Kompass ohne Norden” von Neal Shusterman, das letztes Jahr mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde (Preis der Jugendjury) und ebenso das Abdriften in eine besondere Welt auf bezeichnende Art und Weise darstellt. Oder greif zu “Mein schönes falsches Leben” von Hilary Freeman, hier erwacht die Protagonistin auch eines Tages in einer völlig anderen Welt. Hinsichtlich der Drachen musste ich fast ein wenig an “Das Mädchen mit dem Herz aus Gold” von Kelly Barnhill denken.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann ISBN: 978-3-522-20267-1 Erscheinungsdatum: 14.Februar 2020 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 368 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Trailer zum Buch:
Kasimiras Bewertung:
(3,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20267-1
Erscheinungsdatum: 14.Februar 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Trailer zum Buch: