“Klippo: Der Junge, den es nicht geben durfte” ist der neueste Roman des deutschen Autoren Tobias Goldfarb. Eine Geschichte, die in einer nicht benannten, vergangenen Zeit spielt und einen Jungen namens Klippo in den Mittelpunkt stellt, der eines Tages von seinen Eltern geweckt wird und den Leuchtturm, in dem er aufgewachsen ist, fluchtartig verlassen muss. Sie werden gejagt von den “Salpetern”, einer Gruppe von Raubrittern, die seinen Eltern dicht auf den Fersen sind. Klippo erfährt, dass seine Eltern, die immer vorgegeben haben mit Konserven zu handeln, in Wirklichkeit Spione für den König sind! Auf der nebelumwobenen Insel Rok Narom versuchen sie Zuflucht zu finden. Doch dann sind seine Eltern plötzlich verschwunden und Klippo ist ganz auf sich allein gestellt… Eine wunderbar unterhaltsame und spannende Abenteuergeschichte über Freundschaft, die Suche nach der Wahrheit und der eigenen Identität. Geschrieben von einem Autoren, der für so einige erzählerische Überraschungen gut ist. Für Jugendliche ab 10 Jahren.
Klippo ist auf einem Leuchtturm aufgewachsen. Seine Eltern — Graf Damian und Gräfin Dorothea — die als Konservenhändler arbeiten, sind viel unterwegs und oft ist er allein. Drei Mal die Woche kommt ein Lehrer zu ihm, um ihm etwas beizubringen. Er liest Bücher ohne Ende und mag am liebsten Abenteuerbücher über die Salpeter, eine Gruppe von Raubrittern. Aber eines Tages wird er unsanft von seiner Mutter geweckt. “Klippo! Klippo, wach auf, wir müssen fliehen!” Der Junge zog die Decke über den Kopf. “Ich muss erst zu Ende träumen. Und dann noch frühstücken. Danach können wir von mir aus fliehen.” “Klippo, zieh dich an. Es geht um dein Leben.” (Zitat aus “Klippo: Der Junge, den es nicht geben durfte” S.8) Seine Eltern müssen flüchten. Mit einem Boot über das Meer. Und zwar ausgerechnet vor den
Salpetern, von denen Klippo schon so viel in seinen Büchern gelesen hat. “Die Salpeter”, rief die Mutter, “so nah sind sie schon.” Ein Funkeln schlich sich in Klippos Augen. “Salpeter! Ich habe alles über sie gelesen. Es sind furchtlose Krieger von der anderen Seite des Meeres, Beherrscher des Feuers, die Rüstungen von Ruß und Asche verschmiert. Gibt es sie wirklich?” “Ja, und sie sind hinter uns her.” (Zitat S.12ff) Denn wie Klippo nun erfährt, sind seine Eltern gar keine Konservenhändler, sondern Spione. Arbeiten im Auftrag des Königs und haben die Salpeter, die mit ihren merkwürdigen Erfindungen für Furore sorgen, ausspioniert. Leider ist bei ihrem letzten Auftrag die Tochter des Anführers der Salpeter, ums Leben gekommen und nun schwört Schiefbart Rache. “Er will dein Leben, Klippo. Die Tochter gegen den Sohn. Er will, dass deine Eltern leiden, so wie er leiden musste. Gegen dich selbst hat er nichts, nehme ich an. Trotzdem hat er sich in den Kopf gesetzt, dich umzubringen.” (Zitat S.67) Klippo jedoch ist im höchsten Freudentaumel. Endlich ein Abenteuer, endlich passiert etwas in seinem Leben. Seine Eltern schippern mit einem Kapitän auf die nebelumwobene Insel Narom Rok. “Narom Rok ist gefährlich genug. Es gibt Riffhaie, die bis in
knietiefes Wasser schwimmen. Die Klippen sind steil und voller Vogelkot, man kann darauf sehr leicht ausrutschen und sich den Kopf anschlagen. Und wenn dir das nicht reicht, gibt es noch eine tiefe Schlucht, die Teufelsschlucht. Wer sich auf die alte Brücke wagt, die sie überspannt, fällt mit Sicherheit hinunter.” (Zitat S.30) Nach einem alten Kodex sind sie dort in Sicherheit, denn auf der Insel darf niemand angegriffen werden. Selbst Schiefbart hält sich an diese Regel. Sie kommen auf einer abgelegenen Burg unter, nahe der Teufelsschlucht, deren Brücke Klippo sofort ins Auge sticht und die er unbedingt begehen möchte. Doch dann taucht nicht nur ein fremdes Mädchen auf, das ihn zu jener Brücke begleitet, sondern auch seine Eltern verschwinden plötzlich spurlos.…
Das Cover ist sehr passend zum Inhalt des Buches gestaltet, man kann darauf nicht nur das fremde Mädchen erkennen, sondern auch die verfallene Burg in die Klippo mit seinen Eltern flüchtet und im Hintergrund die Teufelsschlucht mit Hängebrücke, die in der Geschichte noch eine Rolle spielt. Und wenn man sich nun fragt, warum die Hauptfigur — Klippo — auf dem Umschlag nicht abgebildet ist, sie ist es! Dies fällt tatsächlich erst auf den zweiten Blick auf, ein seitenfüllender Umriss, der Kopf in den Wolken, der Körper in der Schlucht — sehr faszinierend gemacht. Der Untertitel des Romans wird schon recht früh erklärt: “Weil es dich eigentlich gar nicht
geben dürfte. Die Spione des Königs dürfen keine Kinder haben. Ein Kind ist eine Schwachstelle. Wer ein Kind hat, ist erpressbar. Was, wenn dich jemand entführt? Deine Eltern würden alle Geheimnisse preisgeben, um dich zu schützen.” (Zitat S.44) Der Roman ist in drei Teile eingeteilt und zusätzlich sind die Buchseiten noch mit einem Daumenkino am Rand versehen, dass den Hermelin Red zeigt, der Klippo auf Schritt und Tritt folgt. Letzterer ist ein äußerst liebenswürdiger Charakter, der durchgängig aus seiner Sicht erzählt und den man mit seiner neuklugen und wissbegierigen Art schnell ins Herz schließt. “Klippo murmelte dabei die Namen sämtlicher Knoten, die er aus seinen Büchern kannte: “Palstek, Stopperstek, Kreuzknoten, Achter, noch ein Achter, anderthalbfacher Rundtörn mit zwei halben Schlägen…” “Könntest du bitte damit aufhören?”, sagte Graf Damian. “Das macht mich ein wenig nervös.” “Aber du hast mir das große Knotenbuch geschenkt”, protestierte Klippo. “Das hätte ich wohl lieber gelassen.” (Zitat S.29) Er ist äußerst interessiert an seiner Umgebung, weiß das meiste allerdings nur aus Büchern, mit denen er sein ganzes Zimmer gefüllt hat. Dass er mitunter schon mehr Wissen als sein Lehrer hat, wundert nicht. Klippo auf seiner
Reise auf die geheimnisvolle Insel Narom Rok zu begleiten, liest sich sehr unterhaltsam. “Hierhin hatte er sich geträumt, wenn er mit einem Buch in seinem Bett im Leuchtturm von Kap Gwenn lag. Jetzt war er wirklich hier. Er würde diese Insel zu seiner Insel machen, und sein neues Leben, das nun begann, zu einem Abenteuer. Er würde sich nicht mehr einsperren lassen, und Bücher hatten sie sowieso keine mitgenommen. Diese Insel hatte sicherlich viele Geheimnisse und er schwor sich, sie alle zu entdecken.” (Zitat S.72) “Klippo: Der Junge, den es nicht geben durfte” klingt von der Inhaltsangabe her fast ein wenig fantastisch, ist es aber tatsächlich nicht. Es spielt in einer nicht benannten vergangenen Zeit, wirkt fast etwas historisch und ist vor allem eine Freundschaftsgeschichte und ein Abenteuerroman. Ein Leuchtturm, eine gefährliche Überfahrt mit einem Boot, ein Kaptiän, eine einsame Insel, ein Haiangriff, ein Luftschiff, jede Menge Seefahrer und eine Teufelsbrücke — in diesem Buch darf man mit einigen aufregenden Details rechnen. Auch die wilde
Schönheit, die Rauheit der Insel hat Tobias Goldfarb sehr gut eingefangen: “Krähen oder Raben kreisten über der Festung, die sich wie ein steinernes Biest in den Felsen krallte. Ein Teil der Burgmauer war eingerissen, helle Steine lagen wir Brotkrümel herum. Burg Noxon stand am Rand einer steilen Schlucht, durch deren Grund ein breiter Fluss toste. Einzelne Felsnadeln in der Schlucht ragten aus dem Wasser wie Finger eines Skeletts.” (Zitat S.74) Der Autor verwendet insgesamt eine sehr einfache, klare Sprache mit viel unterschwelligem Humor. Schreibt aber auch sehr atmosphärisch zum Teil und verwendet einige interessante Metaphern: “Der Sturm war ein gewaltiger Wirbel aus Wasser und Wind, das Fischerboot rollte und taumelte über den Ozean, sank tief hinunter in Wellentäler, wurde im nächsten Moment angehoben, nur um wieder nach unten zu sacken. Es war nichts weiter als ein hilfloses Spielzeug in der Hand eines zornigen Riesen.” (Zitat S.34) und “Selbst nachdem sie die Küste hinter sich gelassen und bereits eine Stunde lang durch einen duftenden Wald mit hohen Kiefern und knorrigen Eichen gegangen waren, konnten sie das Meer noch hören, das wie ein aufgebrachter Drache in der Ferne fauchte.” (Zitat S.73). Wobei ich seinen ersten Roman
“Niemandsstadt” sprachlich noch etwas herausragender fand (wobei sich dieser auch an ein älteres Publikum richtete). Jedoch hat mich Tobias Goldfarb bei einer inhaltichen Wendung eiskalt erwischt — diese kommt höchst überraschend und unerwartet und stellt noch einmal alles auf den Kopf. Und auch wenn man das weitere Voranschreiten der Handlung dann doch wieder erahnen kann, ist diese überaus raffiniert und sehr fesselnd gemacht. Raffiniert sind auch die Wortspielereien, die der Autor in seine Geschichte einbaut, die Wiederholung mancher Sätze und die Palindrome. Auch Formulierungen wie “Nebel sei dies Leben”, die immer mal wieder erwähnt werden, haben einen ganz eigenen Charme. Das Ende ist ein bisschen sehr schöngemalt, aber man verzeiht dies mit einem zugedrückten Auge.
Dir gefällt der Erzählstil von Tobias Goldfarb? Dann lies noch seine anderen Jugendbücher
: “Niemandsstadt” (2020, ab 13 Jahren), das vor allem sprachlich sehr herausragend geschrieben ist. 2022 veröffentlichte er “Octavia, Tochter Roms: Gefahr in Germanien” (ab 10 Jahren), 2023 erschien “Waraka” (ab 12 Jahren). Für jüngere Leser:innen schrieb er noch die “Spekulatius der Weihnachtsdrache”-Reihe (ab 6 Jahren), “Hilda Hasenherz” (ab 6), “Das Weihnachtsgespenst” (ab 8) und die “Fonk”-Reihe (ab 8 Jahren). Eine Lesealternative für ältere Jugendliche (ab 14 Jahren), an die ich bei der Lektüre zu “Klippo: Der Junge, den es nicht geben durfte” — hinsichtlich einer besonderen Wendung — sofort denken musste, ist “Kompass ohne Norden” von Neal Shusterman. Eine außergewöhnliche und sehr gelungene Abenteuer- und Freundschaftsgeschichte ist außerdem “Pony: Wenn die Reise deines Lebens lockt, mach dich auf den Weg” von Raquel J. Palacio.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann-Esslinger ISBN: 978-3-522-18665-0 Erscheinungsdatum: 29.August 2024 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 272 Illustrator: Maximilian Meinzold
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Verlag: Thienemann-Esslinger
ISBN: 978-3-522-18665-0
Erscheinungsdatum: 29.August 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 272
Illustrator: Maximilian Meinzold

