Tobias Goldfarb — Klippo: Der Junge, den es nicht geben durfte

15.September 2024

“Klip­po: Der Jun­ge, den es nicht geben durf­te” ist der neu­es­te Roman des deut­schen Autoren Tobi­as Gold­farb. Eine Geschich­te, die in einer nicht benann­ten, ver­gan­ge­nen Zeit spielt und einen Jun­gen namens Klip­po in den Mit­tel­punkt stellt, der eines Tages von sei­nen Eltern geweckt wird und den Leucht­turm, in dem er auf­ge­wach­sen ist, flucht­ar­tig ver­las­sen muss. Sie wer­den gejagt von den “Sal­pe­tern”, einer Grup­pe von Raub­rit­tern, die sei­nen Eltern dicht auf den Fer­sen sind. Klip­po erfährt, dass sei­ne Eltern, die immer vor­ge­ge­ben haben mit Kon­ser­ven zu han­deln, in Wirk­lich­keit Spio­ne für den König sind! Auf der nebel­um­wo­be­nen Insel Rok Narom ver­su­chen sie Zuflucht zu fin­den. Doch dann sind sei­ne Eltern plötz­lich ver­schwun­den und Klip­po ist ganz auf sich allein gestellt… Eine wun­der­bar unter­halt­sa­me und span­nen­de Aben­teu­er­ge­schich­te über Freund­schaft, die Suche nach der Wahr­heit und der eige­nen Iden­ti­tät. Geschrie­ben von einem Autoren, der für so eini­ge erzäh­le­ri­sche Über­ra­schun­gen gut ist. Für Jugend­li­che ab 10 Jahren.

Klip­po ist auf einem Leucht­turm auf­ge­wach­sen. Sei­ne Eltern — Graf Dami­an und Grä­fin Doro­thea — die als Kon­ser­ven­händ­ler arbei­ten, sind viel unter­wegs und oft ist er allein. Drei Mal die Woche kommt ein Leh­rer zu ihm, um ihm etwas bei­zu­brin­gen. Er liest Bücher ohne Ende und mag am liebs­ten Aben­teu­er­bü­cher über die Sal­pe­ter, eine Grup­pe von Raub­rit­tern. Aber eines Tages wird er unsanft von sei­ner Mut­ter geweckt. “Klip­po! Klip­po, wach auf, wir müs­sen flie­hen!” Der Jun­ge zog die Decke über den Kopf. “Ich muss erst zu Ende träu­men. Und dann noch früh­stü­cken. Danach kön­nen wir von mir aus flie­hen.” “Klip­po, zieh dich an. Es geht um dein Leben.” (Zitat aus “Klip­po: Der Jun­ge, den es nicht geben durf­te” S.8) Sei­ne Eltern müs­sen flüch­ten. Mit einem Boot über das Meer. Und zwar aus­ge­rech­net vor den Sal­pe­tern, von denen Klip­po schon so viel in sei­nen Büchern gele­sen hat. “Die Sal­pe­ter”, rief die Mut­ter, “so nah sind sie schon.” Ein Fun­keln schlich sich in Klip­pos Augen. “Sal­pe­ter! Ich habe alles über sie gele­sen. Es sind furcht­lo­se Krie­ger von der ande­ren Sei­te des Mee­res, Beherr­scher des Feu­ers, die Rüs­tun­gen von Ruß und Asche ver­schmiert. Gibt es sie wirk­lich?” “Ja, und sie sind hin­ter uns her.” (Zitat S.12ff) Denn wie Klip­po nun erfährt, sind sei­ne Eltern gar kei­ne Kon­ser­ven­händ­ler, son­dern Spio­ne. Arbei­ten im Auf­trag des Königs und haben die Sal­pe­ter, die mit ihren merk­wür­di­gen Erfin­dun­gen für Furo­re sor­gen, aus­spio­niert. Lei­der ist bei ihrem letz­ten Auf­trag die Toch­ter des Anfüh­rers der Sal­pe­ter, ums Leben gekom­men und nun schwört Schief­bart Rache. “Er will dein Leben, Klip­po. Die Toch­ter gegen den Sohn. Er will, dass dei­ne Eltern lei­den, so wie er lei­den muss­te. Gegen dich selbst hat er nichts, neh­me ich an. Trotz­dem hat er sich in den Kopf gesetzt, dich umzu­brin­gen.” (Zitat S.67) Klip­po jedoch ist im höchs­ten Freu­den­tau­mel. End­lich ein Aben­teu­er, end­lich pas­siert etwas in sei­nem Leben. Sei­ne Eltern schip­pern mit einem Kapi­tän auf die nebel­um­wo­be­ne Insel Narom Rok. “Narom Rok ist gefähr­lich genug. Es gibt Riff­haie, die bis in Kasimiraknie­tie­fes Was­ser schwim­men. Die Klip­pen sind steil und vol­ler Vogel­kot, man kann dar­auf sehr leicht aus­rut­schen und sich den Kopf anschla­gen. Und wenn dir das nicht reicht, gibt es noch eine tie­fe Schlucht, die Teu­fels­schlucht. Wer sich auf die alte Brü­cke wagt, die sie über­spannt, fällt mit Sicher­heit hin­un­ter.” (Zitat S.30) Nach einem alten Kodex sind sie dort in Sicher­heit, denn auf der Insel darf nie­mand ange­grif­fen wer­den. Selbst Schief­bart hält sich an die­se Regel. Sie kom­men auf einer abge­le­ge­nen Burg unter, nahe der Teu­fels­schlucht, deren Brü­cke Klip­po sofort ins Auge sticht und die er unbe­dingt bege­hen möch­te. Doch dann taucht nicht nur ein frem­des Mäd­chen auf, das ihn zu jener Brü­cke beglei­tet, son­dern auch sei­ne Eltern ver­schwin­den plötz­lich spurlos.…

Das Cover ist sehr pas­send zum Inhalt des Buches gestal­tet, man kann dar­auf nicht nur das frem­de Mäd­chen erken­nen, son­dern auch die ver­fal­le­ne Burg in die Klip­po mit sei­nen Eltern flüch­tet und im Hin­ter­grund die Teu­fels­schlucht mit Hän­ge­brü­cke, die in der Geschich­te noch eine Rol­le spielt. Und wenn man sich nun fragt, war­um die Haupt­fi­gur — Klip­po — auf dem Umschlag nicht abge­bil­det ist, sie ist es! Dies fällt tat­säch­lich erst auf den zwei­ten Blick auf, ein sei­ten­fül­len­der Umriss, der Kopf in den Wol­ken, der Kör­per in der Schlucht — sehr fas­zi­nie­rend gemacht. Der Unter­ti­tel des Romans wird schon recht früh erklärt: “Weil es dich eigent­lich gar nicht Kasimirageben dürf­te. Die Spio­ne des Königs dür­fen kei­ne Kin­der haben. Ein Kind ist eine Schwach­stel­le. Wer ein Kind hat, ist erpress­bar. Was, wenn dich jemand ent­führt? Dei­ne Eltern wür­den alle Geheim­nis­se preis­ge­ben, um dich zu schüt­zen.” (Zitat S.44) Der Roman ist in drei Tei­le ein­ge­teilt und zusätz­lich sind die Buch­sei­ten noch mit einem Dau­men­ki­no am Rand ver­se­hen, dass den Her­me­lin Red zeigt, der Klip­po auf Schritt und Tritt folgt. Letz­te­rer ist ein äußerst lie­bens­wür­di­ger Cha­rak­ter, der durch­gän­gig aus sei­ner Sicht erzählt und den man mit sei­ner neu­klu­gen und wiss­be­gie­ri­gen Art schnell ins Herz schließt. “Klip­po mur­mel­te dabei die Namen sämt­li­cher Kno­ten, die er aus sei­nen Büchern kann­te: “Pals­tek, Stop­pers­tek, Kreuz­kno­ten, Ach­ter, noch ein Ach­ter, andert­halb­fa­cher Rund­törn mit zwei hal­ben Schlä­gen…” “Könn­test du bit­te damit auf­hö­ren?”, sag­te Graf Dami­an. “Das macht mich ein wenig ner­vös.” “Aber du hast mir das gro­ße Kno­ten­buch geschenkt”, pro­tes­tier­te Klip­po. “Das hät­te ich wohl lie­ber gelas­sen.” (Zitat S.29) Er ist äußerst inter­es­siert an sei­ner Umge­bung, weiß das meis­te aller­dings nur aus Büchern, mit denen er sein gan­zes Zim­mer gefüllt hat. Dass er mit­un­ter schon mehr Wis­sen als sein Leh­rer hat, wun­dert nicht. Klip­po auf sei­ner Rei­se auf die geheim­nis­vol­le Insel Narom Rok zu beglei­ten, liest sich sehr unter­halt­sam. “Hier­hin hat­te er sich geträumt, wenn er mit einem Buch in sei­nem Bett im Leucht­turm von Kap Gwenn lag. Jetzt war er wirk­lich hier. Er wür­de die­se Insel zu sei­ner Insel machen, und sein neu­es Leben, das nun begann, zu einem Aben­teu­er. Er wür­de sich nicht mehr ein­sper­ren las­sen, und Bücher hat­ten sie sowie­so kei­ne mit­ge­nom­men. Die­se Insel hat­te sicher­lich vie­le Geheim­nis­se und er schwor sich, sie alle zu ent­de­cken.” (Zitat S.72) “Klip­po: Der Jun­ge, den es nicht geben durf­te” klingt von der Inhalts­an­ga­be her fast ein wenig fan­tas­tisch, ist es aber tat­säch­lich nicht. Es spielt in einer nicht benann­ten ver­gan­ge­nen Zeit, wirkt fast etwas his­to­risch und ist vor allem eine Freund­schafts­ge­schich­te und ein Aben­teu­er­ro­man. Ein Leucht­turm, eine gefähr­li­che Über­fahrt mit einem Boot, ein Kap­tiän, eine ein­sa­me Insel, ein Hai­an­griff, ein Luft­schiff, jede Men­ge See­fah­rer und eine Teu­fels­brü­cke — in die­sem Buch darf man mit eini­gen auf­re­gen­den Details rech­nen. Auch die wil­de Schön­heit, die Rau­heit der Insel hat Tobi­as Gold­farb sehr gut ein­ge­fan­gen: “Krä­hen oder Raben kreis­ten über der Fes­tung, die sich wie ein stei­ner­nes Biest in den Fel­sen krall­te. Ein Teil der Burg­mau­er war ein­ge­ris­sen, hel­le Stei­ne lagen wir Brot­krü­mel her­um. Burg Noxon stand am Rand einer stei­len Schlucht, durch deren Grund ein brei­ter Fluss tos­te. Ein­zel­ne Fels­na­deln in der Schlucht rag­ten aus dem Was­ser wie Fin­ger eines Ske­letts.” (Zitat S.74) Der Autor ver­wen­det ins­ge­samt eine sehr ein­fa­che, kla­re Spra­che mit viel unter­schwel­li­gem Humor. Schreibt aber auch sehr atmo­sphä­risch zum Teil und ver­wen­det eini­ge inter­es­san­te Meta­phern: “Der Sturm war ein gewal­ti­ger Wir­bel aus Was­ser und Wind, das Fischer­boot roll­te und tau­mel­te über den Oze­an, sank tief hin­un­ter in Wel­len­tä­ler, wur­de im nächs­ten Moment ange­ho­ben, nur um wie­der nach unten zu sacken. Es war nichts wei­ter als ein hilf­lo­ses Spiel­zeug in der Hand eines zor­ni­gen Rie­sen.” (Zitat S.34) und “Selbst nach­dem sie die Küs­te hin­ter sich gelas­sen und bereits eine Stun­de lang durch einen duf­ten­den Wald mit hohen Kie­fern und knor­ri­gen Eichen gegan­gen waren, konn­ten sie das Meer noch hören, das wie ein auf­ge­brach­ter Dra­che in der Fer­ne fauch­te.” (Zitat S.73). Wobei ich sei­nen ers­ten Roman “Nie­mands­stadt” sprach­lich noch etwas her­aus­ra­gen­der fand (wobei sich die­ser auch an ein älte­res Publi­kum rich­te­te). Jedoch hat mich Tobi­as Gold­farb bei einer inhal­ti­chen Wen­dung eis­kalt erwischt — die­se kommt höchst über­ra­schend und uner­war­tet und stellt noch ein­mal alles auf den Kopf. Und auch wenn man das wei­te­re Vor­an­schrei­ten der Hand­lung dann doch wie­der erah­nen kann, ist die­se über­aus raf­fi­niert und sehr fes­selnd gemacht. Raf­fi­niert sind auch die Wort­spie­le­rei­en, die der Autor in sei­ne Geschich­te ein­baut, die Wie­der­ho­lung man­cher Sät­ze und die Palin­dro­me. Auch For­mu­lie­run­gen wie “Nebel sei dies Leben”, die immer mal wie­der erwähnt wer­den, haben einen ganz eige­nen Charme. Das Ende ist ein biss­chen sehr schön­ge­malt, aber man ver­zeiht dies mit einem zuge­drück­ten Auge.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Tobi­as Gold­farb? Dann lies noch sei­ne ande­ren Jugend­bü­cherLesealternativen: “Nie­mands­stadt” (2020, ab 13 Jah­ren), das vor allem sprach­lich sehr her­aus­ra­gend geschrie­ben ist. 2022 ver­öf­fent­lich­te er “Octa­via, Toch­ter Roms: Gefahr in Ger­ma­ni­en” (ab 10 Jah­ren), 2023 erschien “Wara­ka” (ab 12 Jah­ren). Für jün­ge­re Leser:innen schrieb er noch die “Spe­ku­la­ti­us der Weih­nachts­dra­che”-Rei­he (ab 6 Jah­ren), “Hil­da Hasen­herz” (ab 6), “Das Weih­nachts­ge­spenst” (ab 8) und die “Fonk”-Rei­he (ab 8 Jah­ren). Eine Lese­al­ter­na­ti­ve für älte­re Jugend­li­che (ab 14 Jah­ren), an die ich bei der Lek­tü­re zu “Klip­po: Der Jun­ge, den es nicht geben durf­te” — hin­sicht­lich einer beson­de­ren Wen­dung — sofort den­ken muss­te, ist “Kom­pass ohne Nor­den” von Neal Shus­ter­man. Eine außer­ge­wöhn­li­che und sehr gelun­ge­ne Aben­teu­er- und Freund­schafts­ge­schich­te ist außer­dem “Pony: Wenn die Rei­se dei­nes Lebens lockt, mach dich auf den Weg” von Raquel J. Palacio.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann-Esslinger
ISBN: 978-3-522-18665-0
Erscheinungsdatum: 29.August 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 272
Illustrator: Maximilian Meinzold

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Kasimiras Bewertung:

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