Tamara Bach — Jakob und Jelena

8.August 2025

Bücher von der viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten, deut­schen Autorin Tama­ra Bach zu lesen, ist ein­fach immer wie­der ein Genuss! So auch ihr neu­es­tes Werk “Jakob und Jele­na”. Jele­na ver­misst ihre bes­te Freun­din. Wäh­rend die­se auf das Gym­na­si­um gewech­selt ist und kaum mehr für sie Zeit hat, geht Jele­na auf die Gesamt­schu­le. Jakob hin­ge­gen ist schon seit jeher ein Außen­sei­ter. Liest ger­ne und liebt Rou­ti­nen. Jetzt sol­len die bei­den ein Refe­rat zusam­men vor der Klas­se hal­ten und müs­sen unwei­ger­lich klei­ne Schrit­te auf­ein­an­der zu machen, um sich dafür bes­ser ken­nen­zu­ler­nen… Eine Freund­schafts­ge­schich­te mit lei­sen Tönen und viel All­täg­lich­keit. Behut­sam, fein­füh­lig und mit einer kla­ren, prä­zi­sen Spra­che, die Stim­mun­gen per­fekt ein­fängt! Ein Roman übers Anders­sein und über Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de, über Fami­lie, Freun­de und das, was im Leben wich­tig ist. Für Leser:innen abseits des Main­streams ab 10 Jahren.

Die 10-jäh­ri­ge Jele­na lebt zusam­men mit ihrer Mut­ter in einer klei­nen Woh­nung. Geld haben sie nicht wirk­lich viel, ihre Mut­ter bemüht sich einen rich­ti­gen Job zu fin­den, anstatt sich mit Gele­gen­heits­ar­bei­ten über Was­ser zu hal­ten. Neue Klei­dung erhält Jele­na meist Kasimiragebraucht von Bekann­ten und wenn ihre Mut­ter arbei­ten ist, pas­sen die Nach­barn auf sie auf. Eigent­lich hat Jele­na eine bes­te Freu­din. Lot­te. “Wir haben immer alles zusam­men gemacht. Wir waren zusam­men in der Kin­der­grup­pe, wir haben zusam­men schwim­men gelernt. Wir haben uns selbst Rad­schla­gen und Pfei­fen bei­gebracht. Ich weiß gar nicht, was wir noch alles zusam­men gelernt haben. Aber das ist jetzt wohl auch anders. Weil sie auf dem Gym­na­si­um bestimmt auch ande­re Sachen lernt als wir, oder?” (Zitat aus “Jakob und Jele­na” S.30) Doch jetzt ist Lot­te aufs Gym­na­si­um gewech­selt und Jele­na ist auf die Gesamt­schu­le gekom­men. Plötz­lich hat Lot­te gar kei­ne Zeit mehr für sie. Ver­trös­tet sie immer wie­der mit aller­lei inner- und außer­schu­li­schen Akti­vi­tä­ten. Das gefällt Jele­na gar nicht. In der Schu­le sitzt sie in der Pau­se oft allei­ne her­um. Der 10-jäh­ri­ge Jakob geht auch in ihre Klas­se. Er liebt das Lesen. Lebt bei sei­nem Vater und ist ein Gewohn­heits­tier. Jetzt müs­sen Jele­na und Jakob ein Refe­rat zusam­men in der Schu­le hal­ten. “Wegen dem Vor­trag”, sag ich. “Ja, klar. Lass uns doch ein­fach Dino­sau­ri­er machen, da hab ich schon mal ein Pro­jekt zu gemacht, okay?” Ich weiß nicht, war­um mein Kopf ein­fach nickt, ich will gar nicht nicken und ich will auch kei­nen Vor­trag über Dino­sau­ri­er machen, aber als Jakob mein Nicken sieht, nickt er auch und dann liest er ein­fach wei­ter. Erst schau ich mich um, dann geh ich. Ohne Tschüs zu sagen. Merkt der eh nicht.” (Zitat S.26ff) Doch Dino­sau­ri­er wäh­len auch ande­re Mitschüler:innen (in der Grund­schu­le haben vie­le die­sen Vor­trag schon hal­ten müs­sen) und bald fliegt die Schum­me­lei auf und sie sol­len sich ein ande­res The­ma suchen. Sol­len ein­an­der bes­ser ken­nen­ler­nen und dar­über refe­rie­ren. Also müs­sen Jakob und Jele­na, die nie groß etwas mit­ein­an­der zu tun hat­ten, sich unwei­ger­lich mit dem jeweils ande­ren aus­ein­an­der­set­zen. Jakob, der ein Außen­sei­ter ist und Jele­na, die gera­de kei­ne rich­ti­ge Freun­din mehr hat. Aber viel­leicht ist das sich Anfreun­den ja auch gar nicht so schlecht…

Das Cover ver­deut­licht die wich­tigs­ten Ele­men­te der Geschich­te, wirkt jedoch fast etwas bie­der. Auch die Schrift­far­be des Buches ist zunächst unge­wohnt, die­se ist in einem dunk­len Blau gehal­ten. Abwech­selnd fol­gen die Kapi­tel auf­ein­an­der. Sowohl Jele­na, als auch Jakob erzäh­len in der Ich-Per­spek­ti­ve. Hier­bei gibt es län­ge­re, aber auch mal ganz kur­ze Kapi­tel. Ergänzt wer­den die Tex­te mit gele­gent­li­chen Illus­tra­tio­nen, die in rot-blau gehal­ten sind, von Bar­ba­ra Yelin. Die Autorin ver­wen­det eine sehr kla­re, prä­zi­se Spra­che. Eine Spra­che mit so viel Bedeu­tung und Sinn zwi­schen den Zei­len, unver­blümt, direkt. Jedes Wort am rich­ti­gen Platz. Mit einer zum Teil bestechen­den Logik. “In der Schu­le dür­fen wir kei­ne Kopf­hö­rer tra­gen, also nicht auf dem Schul­hof und auch nicht in den Pau­sen oder vor dem Unter­richt. Aber das wäre so gut manch­mal, die Ohren zuha­ben zu kön­nen. Wenn die Ohren Türen hät­ten. Die Augen kann man ja auch ein­fach schlie­ßen.” (Zitat S.17) Die Cha­rak­te­re sind genau aus­ge­ar­bei­tet, facet­ten­reich und auch wenn sie sich für nor­mal und lang­wei­lig hal­ten, alles ande­re als das. “Hal­lo, ich bin Jakob, ich lese ger­ne und mei­ne Lieb­lings­far­be ist Blau­grün. Mehr gibt es da nicht zu erzäh­len. Das ist ja nicht wie in Kin­der­bü­chern, wo die immer total viel erle­ben. Und dann noch Kri­mi­nalfälle lösen und mit der Poli­zei zusam­men­ar­bei­ten oder Schät­ze fin­den oder so. Ich hab ein ganz lang­wei­li­ges Leben. Ist ja auch nicht schlimm.” (Zitat S.69) Die Geschich­te hat nicht den größ­ten Span­nungs­bo­gen, doch das braucht sie auch nicht, sie lebt vom All­täg­li­chen, von den klei­nen Din­gen, von den Moment­auf­nah­men. Und es sind die ganz ein­fach Leu­te, die Tama­ra Bach ins Visier nimmt: “Bei uns ist es immer ordent­lich und sau­ber. Bei uns wird der Müll immer run­ter­ge­tra­gen, bevor er stinkt oder sup­pt, hier steht kein Leer­gut und lie­gen kei­ne Brie­fe rum. Alles hat sei­nen Platz. Nichts geht ver­lo­ren. Viel­leicht, weil wir eben so wenig Platz haben. Aber auch, weil wir nicht reich sind. Und weil Mama so eine jun­ge Mut­ter ist. Bei uns schau­en die Leu­te genau­er hin, sagt sie.” (Zitat S.40) Auch Jakob ver­birgt das ein oder ande­re. Spielt sei­nem Vater vor, zum Schwimm­trai­ning zu gehen, obwohl er die­ses jedes Mal schwänzt und sei­ne Bade­klei­dung in einem Brun­nen nass macht, um den Schein zu wah­ren. Hat manch­mal Ängs­te. Ist irri­tiert, wenn der Vater plötz­lich lau­te Musik hört, oder wenn es mon­tags statt Pell­kar­tof­feln mit Quark plötz­lich Fal­a­fel gibt. Erzäh­le­risch gibt es oft­mals inter­es­sante Über­gän­ge zwi­schen den Kapi­teln von Jele­na und Jakob, glei­che The­men (wie Piz­za, Dino­sau­ri­er­bü­cher oder Fens­ter), die erst in dem einen und dann in dem ande­ren Kapi­tel ange­schnit­ten wer­den. Gemein­sam­kei­ten, die nicht nur lite­ra­risch vor­kom­men, son­dern bald auch immer mehr wer­den. Freund­schaft, die man­chem Mob­bing in der Schu­le zum Trotz, lang­sam ent­steht. Man­che klu­ge Weis­heit fin­det sich hier im Text, manch inspi­rie­ren­de Wor­te aus dem Kin­der­mund, die Viel­falt und Gren­zen­lo­sig­keit anpreist. “Ist mir egal, ob das was mit Blut oder Genen zu tun hat. Weil, wenn Mama hei­ra­ten wür­de, dann wäre die Per­son dann ja auch Fami­lie, und das ohne Gene oder glei­ches Blut, also ist das alles Quatsch. Fami­lie sind die, die man am liebs­ten hat. Die um einen sind, wo man zu Hau­se ist und sicher. Dass wir uns umein­an­der küm­mern.” (Zitat S.117) Das Ende ist pas­send, aber fast ein wenig zu schnell schon vor­bei. Wenn man Leb­wohl sagen muss, zu den Cha­rak­te­ren, die man irgend­wie in sein Herz geschlos­sen hat.

Dir gefällt Tama­ra Bachs Erzähl­stil? Dann lies noch ihre ande­ren Bücher, chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: “Mars­mäd­chen” (2003, hier­für erhielt sie den Deut­schen JugendLesealternativenlite­ra­tur­preis), “Bus­fahrt mit Kuhn” (2004), “Jetzt ist hier” (2007), “Was vom Som­mer übrig ist” (2012), “Mari­en­bil­der” (2014, her­aus­ra­gend!), “Vier­zehn” (2016, ein ein­zig­ar­ti­ges Por­trät eines ein­zel­nen Tages), “Maus­meer” (2018), “Wör­ter mit L” (2019, Lese­tipp!), “Sankt Irgend­was” (2020, toll!) und “Das Pferd ist ein Hund” (2021) und “Honig mit Salz” (2023, sehr zu emp­feh­len!) und “Von da weg” (2024) Eine Autorin, die eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu Tama­ra Bach ist, ist Sus­an Krel­ler, lies von ihr zum Bei­spiel “Han­nas Regen” oder “Das Herz von Kamp-Cor­nell”. Ein wenig hat mich die Freund­schafts­ge­schich­te in “Jakob und Jele­na” auch an “Lisa mit einem Herz drum rum” von Kjer­s­ti Annes­dat­ter Skoms­vold erin­nert. Freund­schaft spielt auch in der Neu­erschei­nung “Mein größ­ter Wunsch” von Bar­ba­ra O’Con­nor eine Rol­le und in dem gelun­ge­nen “Alpa­kas, Alga­te und mein neu­es Leben” von Erin Bow.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-55757-5
Erscheinungsdatum: 31.Juli 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 256
Illustrator*in: Barbara Yelin

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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