Bücher von der vielfach ausgezeichneten, deutschen Autorin Tamara Bach zu lesen, ist einfach immer wieder ein Genuss! So auch ihr neuestes Werk “Jakob und Jelena”. Jelena vermisst ihre beste Freundin. Während diese auf das Gymnasium gewechselt ist und kaum mehr für sie Zeit hat, geht Jelena auf die Gesamtschule. Jakob hingegen ist schon seit jeher ein Außenseiter. Liest gerne und liebt Routinen. Jetzt sollen die beiden ein Referat zusammen vor der Klasse halten und müssen unweigerlich kleine Schritte aufeinander zu machen, um sich dafür besser kennenzulernen… Eine Freundschaftsgeschichte mit leisen Tönen und viel Alltäglichkeit. Behutsam, feinfühlig und mit einer klaren, präzisen Sprache, die Stimmungen perfekt einfängt! Ein Roman übers Anderssein und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über Familie, Freunde und das, was im Leben wichtig ist. Für Leser:innen abseits des Mainstreams ab 10 Jahren.
Die 10-jährige Jelena lebt zusammen mit ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung. Geld haben sie nicht wirklich viel, ihre Mutter bemüht sich einen richtigen Job zu finden, anstatt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Neue Kleidung erhält Jelena meist
gebraucht von Bekannten und wenn ihre Mutter arbeiten ist, passen die Nachbarn auf sie auf. Eigentlich hat Jelena eine beste Freudin. Lotte. “Wir haben immer alles zusammen gemacht. Wir waren zusammen in der Kindergruppe, wir haben zusammen schwimmen gelernt. Wir haben uns selbst Radschlagen und Pfeifen beigebracht. Ich weiß gar nicht, was wir noch alles zusammen gelernt haben. Aber das ist jetzt wohl auch anders. Weil sie auf dem Gymnasium bestimmt auch andere Sachen lernt als wir, oder?” (Zitat aus “Jakob und Jelena” S.30) Doch jetzt ist Lotte aufs Gymnasium gewechselt und Jelena ist auf die Gesamtschule gekommen. Plötzlich hat Lotte gar keine Zeit mehr für sie. Vertröstet sie immer wieder mit allerlei inner- und außerschulischen Aktivitäten. Das gefällt Jelena gar nicht. In der Schule sitzt sie in der Pause oft alleine herum. Der 10-jährige Jakob geht auch in ihre Klasse. Er liebt das Lesen. Lebt bei seinem Vater und ist ein Gewohnheitstier. Jetzt müssen Jelena und Jakob ein Referat zusammen in der Schule halten. “Wegen dem Vortrag”, sag ich. “Ja, klar. Lass uns doch einfach
Dinosaurier machen, da hab ich schon mal ein Projekt zu gemacht, okay?” Ich weiß nicht, warum mein Kopf einfach nickt, ich will gar nicht nicken und ich will auch keinen Vortrag über Dinosaurier machen, aber als Jakob mein Nicken sieht, nickt er auch und dann liest er einfach weiter. Erst schau ich mich um, dann geh ich. Ohne Tschüs zu sagen. Merkt der eh nicht.” (Zitat S.26ff) Doch Dinosaurier wählen auch andere Mitschüler:innen (in der Grundschule haben viele diesen Vortrag schon halten müssen) und bald fliegt die Schummelei auf und sie sollen sich ein anderes Thema suchen. Sollen einander besser kennenlernen und darüber referieren. Also müssen Jakob und Jelena, die nie groß etwas miteinander zu tun hatten, sich unweigerlich mit dem jeweils anderen auseinandersetzen. Jakob, der ein Außenseiter ist und Jelena, die gerade keine richtige Freundin mehr hat. Aber vielleicht ist das sich Anfreunden ja auch gar nicht so schlecht…
Das Cover verdeutlicht die wichtigsten Elemente der Geschichte, wirkt jedoch fast etwas bieder. Auch die Schriftfarbe des Buches ist zunächst ungewohnt, diese ist in
einem dunklen Blau gehalten. Abwechselnd folgen die Kapitel aufeinander. Sowohl Jelena, als auch Jakob erzählen in der Ich-Perspektive. Hierbei gibt es längere, aber auch mal ganz kurze Kapitel. Ergänzt werden die Texte mit gelegentlichen Illustrationen, die in rot-blau gehalten sind, von Barbara Yelin. Die Autorin verwendet eine sehr klare, präzise Sprache. Eine Sprache mit so viel Bedeutung und Sinn zwischen den Zeilen, unverblümt, direkt. Jedes Wort am richtigen Platz. Mit einer zum Teil bestechenden Logik. “In der Schule dürfen wir keine Kopfhörer tragen, also nicht auf dem Schulhof und auch nicht in den Pausen oder vor dem Unterricht. Aber das wäre so gut manchmal, die Ohren zuhaben zu können. Wenn die Ohren Türen hätten. Die Augen kann man ja auch einfach schließen.” (Zitat S.17) Die Charaktere sind genau ausgearbeitet, facettenreich und auch wenn sie sich für normal und langweilig halten, alles andere als das. “Hallo, ich bin Jakob, ich lese gerne und meine Lieblingsfarbe ist Blaugrün. Mehr gibt es da nicht zu erzählen. Das ist ja nicht wie in Kinderbüchern, wo die immer total viel erleben. Und dann noch Kriminalf
älle lösen und mit der Polizei zusammenarbeiten oder Schätze finden oder so. Ich hab ein ganz langweiliges Leben. Ist ja auch nicht schlimm.” (Zitat S.69) Die Geschichte hat nicht den größten Spannungsbogen, doch das braucht sie auch nicht, sie lebt vom Alltäglichen, von den kleinen Dingen, von den Momentaufnahmen. Und es sind die ganz einfach Leute, die Tamara Bach ins Visier nimmt: “Bei uns ist es immer ordentlich und sauber. Bei uns wird der Müll immer runtergetragen, bevor er stinkt oder suppt, hier steht kein Leergut und liegen keine Briefe rum. Alles hat seinen Platz. Nichts geht verloren. Vielleicht, weil wir eben so wenig Platz haben. Aber auch, weil wir nicht reich sind. Und weil Mama so eine junge Mutter ist. Bei uns schauen die Leute genauer hin, sagt sie.” (Zitat S.40) Auch Jakob verbirgt das ein oder andere. Spielt seinem Vater vor, zum Schwimmtraining zu gehen, obwohl er dieses jedes Mal schwänzt und seine Badekleidung in einem Brunnen nass macht, um den Schein zu wahren. Hat manchmal Ängste. Ist irritiert, wenn der Vater plötzlich laute Musik hört, oder wenn es montags statt Pellkartoffeln mit Quark plötzlich Falafel gibt. Erzählerisch gibt es oftmals interessa
nte Übergänge zwischen den Kapiteln von Jelena und Jakob, gleiche Themen (wie Pizza, Dinosaurierbücher oder Fenster), die erst in dem einen und dann in dem anderen Kapitel angeschnitten werden. Gemeinsamkeiten, die nicht nur literarisch vorkommen, sondern bald auch immer mehr werden. Freundschaft, die manchem Mobbing in der Schule zum Trotz, langsam entsteht. Manche kluge Weisheit findet sich hier im Text, manch inspirierende Worte aus dem Kindermund, die Vielfalt und Grenzenlosigkeit anpreist. “Ist mir egal, ob das was mit Blut oder Genen zu tun hat. Weil, wenn Mama heiraten würde, dann wäre die Person dann ja auch Familie, und das ohne Gene oder gleiches Blut, also ist das alles Quatsch. Familie sind die, die man am liebsten hat. Die um einen sind, wo man zu Hause ist und sicher. Dass wir uns umeinander kümmern.” (Zitat S.117) Das Ende ist passend, aber fast ein wenig zu schnell schon vorbei. Wenn man Lebwohl sagen muss, zu den Charakteren, die man irgendwie in sein Herz geschlossen hat.
Dir gefällt Tamara Bachs Erzählstil? Dann lies noch ihre anderen Bücher, chronologisch nach Erscheinungsdatum: “Marsmädchen” (2003, hierfür erhielt sie den Deutschen Jugend
literaturpreis), “Busfahrt mit Kuhn” (2004), “Jetzt ist hier” (2007), “Was vom Sommer übrig ist” (2012), “Marienbilder” (2014, herausragend!), “Vierzehn” (2016, ein einzigartiges Porträt eines einzelnen Tages), “Mausmeer” (2018), “Wörter mit L” (2019, Lesetipp!), “Sankt Irgendwas” (2020, toll!) und “Das Pferd ist ein Hund” (2021) und “Honig mit Salz” (2023, sehr zu empfehlen!) und “Von da weg” (2024) Eine Autorin, die eine sehr gute Alternative zu Tamara Bach ist, ist Susan Kreller, lies von ihr zum Beispiel “Hannas Regen” oder “Das Herz von Kamp-Cornell”. Ein wenig hat mich die Freundschaftsgeschichte in “Jakob und Jelena” auch an “Lisa mit einem Herz drum rum” von Kjersti Annesdatter Skomsvold erinnert. Freundschaft spielt auch in der Neuerscheinung “Mein größter Wunsch” von Barbara O’Connor eine Rolle und in dem gelungenen “Alpakas, Algate und mein neues Leben” von Erin Bow.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-55757-5 Erscheinungsdatum: 31.Juli 2025 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 256 Illustrator*in: Barbara Yelin
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-55757-5
Erscheinungsdatum: 31.Juli 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 256
Illustrator*in: Barbara Yelin
