“Honig mit Salz” ist der neueste Roman der deutschen, vielfach ausgezeichneten Autorin Tamara Bach. Eine Sommergeschichte einer Familie auf einer griechischen Insel. Ein Mädchen, das keine Lust hat auf Urlaub mit ihren Eltern, das der Streitigkeiten überdrüssig ist und sich nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnt und eine unerwartete Bekanntschaft macht. Ein brillant gezeichnetes Familienporträt. Mit einem pointierten Erzählstil, an den man sich erst einmal gewöhnen muss, aber mit einer Tiefgründigkeit, die seinesgleichen sucht. Für Leser*innen abseits des Mainstreams. Ein außergewöhnliches Lektüreerlebnis für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
Ari fährt in den Urlaub. Mit ihren Eltern. Auf eine griechische Insel. “Ari setzt sich auf. Weiße Häuser. Dahinter das Meer. Hallo, Meer, denkt Ari und lächelt.” (Zitat aus “Honig mit Salz” S.7) Ihre Eltern haben dort ein kleines Häuschen gemietet. Am liebsten wäre Ari mit ihrer besten Freundin Elif verreist. Hätte ihre Freiheit genossen. Stattdessen verbringt sie Zeit mit ihren Eltern. Ihren Eltern, die öfters streiten: “Geht das jetzt so weiter?”, fragt Papa und hat bestimmt die Arme verschränkt. “Was meinst du?”, fragt Mama und weiß es doch eh, will es aber ausbuchstabiert bekommen. “Wirst du jetzt die restlichen Tage, die wir hier auf dieser Insel verbringen und die wir unseren Urlaub nennen wollten, mit Arbeit verbringen?” (Zitat S.49) Weil eine Kollegin ausgefallen ist, muss
Aris Mutter auch im Urlaub arbeiten. Ari geht mit ihrem Vater an den Strand. In den Supermarkt. Erkundet mit ihm die Gegend. Wird von einem Jungen mit einem Mofa angequatscht. Manchmal hängt sie auch einfach nur auf der Dachterrasse ab, die sie mit einer Leiter erklimmt und beobachtet die Katze, die durch die Gegend streunt. Oder sie liegt in ihrem Zimmer mit dem gelben Vorhang und schreibt Elif. “Elif schreibt, dass Meer ein Muss ist. Meer muss sein. Ari stimmt zu. Elif sagt, dass sie keinen Sport machen will im Urlaub. Ari lacht. Ich auch nicht. Ari fragt sich, was sie im Urlaub machen will. Ari ist im Urlaub und liegt im gelben Zimmer auf ihrem Bett und macht nichts.” (Zitat S.53) Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und plötzlich ist nicht nur ihr Vater verschwunden, sondern auch Elif liest keine ihre Nachrichten mehr…
Das Cover wirkt ebenso faszinierend wie der Titel. Beides kann man sich zunächst nicht recht erkären. Beidem wird man in “Honig mit Salz” unweigerlich auf den Grund gehen. Der Roman ist in Wochentage unterteilt, beginnt mit einem Montag, endet mit einem Montag und ist durchgehend aus Aris Sicht in personaler Erzählweise geschrieben. Ich muss zugeben, dass ich den Erzählstil am Anfang fast ein wenig anstrengend fand. “Es ist hell. Zu Hause ist es nicht hell. Zu Hause ist es morgens erst hell, wenn Ari die Rollläden ratternd hochzieht. Ari ist nicht zu Hause. Es ist hell. Es ist Morgen. Ari blinzelt sich zurecht, lehnt sich auf die Unterarme und schaut durchs Fenster zum blauen, blauen Himmel.” (Zitat S.21) Die Autorin reiht sehr viele, kurze Sätze knapp aneinander. Dieser abgehackte Erzählstil, der genau auf den Punkt kommt, ist gewöhnungsbedürftig. “Magst du ein bisschen bummeln gehen?”, fragt Papa. Papa will
sitzen bleiben. Papa hat sich verbrannt und meidet jetzt die Sonne. Papa hat sich gerade ein neues Getränk bestellt. Ari hat kein Geld. Papa zieht sein Portemonnaie aus der Hosentasche und gibt Ari zwei Scheine. Ari merkt, dass die Frau sie beobachtet.” (Zitat S.30) Die Sprache ist sehr einfach und schlicht, bietet aber dennoch unglaublich viel Interpretationsspielraum. Dennoch schließt man die Charaktere dann doch irgendwie ins Herz, kann sich perfekt in Ari hineinversetzen und genau diese Urlaubsstimmung, die Tamara Bach wunderbar rüberbringt — die Hitze, die Langeweile, das Abkapselnwollen von den Eltern — nachempfinden. Viele Alltäglichkeiten werden in “Honig mit Salz” beschrieben. Restaurantbesuche, das Essenkochen im Ferienhaus, Strandaufenthalte, Einkaufen im Supermarkt und das Erkunden der Gegend. “Papa legt den Pfannenwender an die Lippen. Mama trinkt von ihrem Kaffee und schüttelt leicht den Kopf. Ihr Handy brummt, sie schaut drauf, runzelt die Stirn. Ari muss aufs Klo. Dann wäscht sie sich die Hände. Spritzt sich Wasser ins Gesicht. Schaut in den Spiegel über dem Waschbecken.” (Zitat S.22ff) Auch gibt es immer wiederkehrende Elemente, wie die Katze, die Farbe des Himmels oder der Honig, die eine Rolle spielen. In Bücher von
Tamara Bach verliebe ich mich meist irgendwie erst auf den zweiten Blick. Es sind Geschichten abseits des Mainstreams, auf die man sich einlassen muss. Doch der glasklare Blick der Autorin, die ausgeklügelte und absolut authentische Darstellung ihrer Charaktere lohnen am Ende immer wieder! Der Ausgang des Buches ist ein wenig ernüchternd und gleichzeitig in gewisser Weise gut getroffen (hier wird auch die Bedeutung des Titels schließlich erklärt).
Dir gefällt Tamara Bachs Erzählstil? Dann lies noch ihre anderen Bücher, chronologisch nach Erscheinungsdatum:
“Marsmädchen” (2003, hierfür erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis), “Busfahrt mit Kuhn” (2004), “Jetzt ist hier” (2007), “Was vom Sommer übrig ist” (2012), “Marienbilder” (2014, herausragend!), “Vierzehn” (2016, ein einzigartiges Porträt eines einzelnen Tages), “Mausmeer” (2018), “Wörter mit L” (2019, Lesetipp!), “Sankt Irgendwas” (2020) und “Das Pferd ist ein Hund” (2021). Eine Autorin, die eine sehr gute Alternative zu Tamara Bach ist, ist Susan Kreller, lies von ihr zum Beispiel “Hannas Regen”. Zwei literarische, sehr schön erzählte Sommergeschichten, in denen das Erwachsenwerden eine große Rolle spielt, sind “Sommernachtserwachen” von Meg Rosoff und “Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt” von Hilde Kvalvaag.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58499-1 Erscheinungsdatum: 27.Januar 2023 Einbandart: Hardcover Preis: 14,00€ Seitenzahl: 160 Übersetzer: Originaltitel: Originalverlag:
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58499-1
Erscheinungsdatum: 27.Januar 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 160
Übersetzer:
Originaltitel:
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