Tamara Bach — Honig mit Salz

 24.Februar 2023

Honig mit Salz” ist der neu­es­te Roman der deut­schen, viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten Autorin Tama­ra Bach. Eine Som­mer­ge­schich­te einer Fami­lie auf einer grie­chi­schen Insel. Ein Mäd­chen, das kei­ne Lust hat auf Urlaub mit ihren Eltern, das der Strei­tig­kei­ten über­drüs­sig ist und sich nach Frei­heit und Selbst­be­stim­mung sehnt und eine uner­war­te­te Bekannt­schaft macht. Ein bril­lant gezeich­ne­tes Fami­li­en­por­trät. Mit einem poin­tier­ten Erzähl­stil, an den man sich erst ein­mal gewöh­nen muss, aber mit einer Tief­grün­dig­keit, die sei­nes­glei­chen sucht. Für Leser*innen abseits des Main­streams. Ein außer­ge­wöhn­li­ches Lek­tü­re­er­leb­nis für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Ari fährt in den Urlaub. Mit ihren Eltern. Auf eine grie­chi­sche Insel. “Ari setzt sich auf. Wei­ße Häu­ser. Dahin­ter das Meer. Hal­lo, Meer, denkt Ari und lächelt.” (Zitat aus “Honig mit Salz” S.7) Ihre Eltern haben dort ein klei­nes Häus­chen gemie­tet. Am liebs­ten wäre Ari mit ihrer bes­ten Freun­din Elif ver­reist. Hät­te ihre Frei­heit genos­sen. Statt­des­sen ver­bringt sie Zeit mit ihren Eltern. Ihren Eltern, die öfters strei­ten: “Geht das jetzt so wei­ter?”, fragt Papa und hat bestimmt die Arme ver­schränkt. “Was meinst du?”, fragt Mama und weiß es doch eh, will es aber aus­buch­sta­biert bekom­men. “Wirst du jetzt die rest­li­chen Tage, die wir hier auf die­ser Insel ver­brin­gen und die wir unse­ren Urlaub nen­nen woll­ten, mit Arbeit ver­brin­gen?” (Zitat S.49) Weil eine Kol­le­gin aus­ge­fal­len ist, muss Aris Mut­ter auch im Urlaub arbei­ten. Ari geht mit ihrem Vater an den Strand. In den Super­markt. Erkun­det mit ihm die Gegend. Wird von einem Jun­gen mit einem Mofa ange­quatscht. Manch­mal hängt sie auch ein­fach nur auf der Dach­ter­ras­se ab, die sie mit einer Lei­ter erklimmt und beob­ach­tet die Kat­ze, die durch die Gegend streunt. Oder sie liegt in ihrem Zim­mer mit dem gel­ben Vor­hang und schreibt Elif. “Elif schreibt, dass Meer ein Muss ist. Meer muss sein. Ari stimmt zu. Elif sagt, dass sie kei­nen Sport machen will im Urlaub. Ari lacht. Ich auch nicht. Ari fragt sich, was sie im Urlaub machen will. Ari ist im Urlaub und liegt im gel­ben Zim­mer auf ihrem Bett und macht nichts.” (Zitat S.53) Doch dann über­schla­gen sich die Ereig­nis­se und plötz­lich ist nicht nur ihr Vater ver­schwun­den, son­dern auch Elif liest kei­ne ihre Nach­rich­ten mehr…

Das Cover wirkt eben­so fas­zi­nie­rend wie der Titel. Bei­des kann man sich zunächst nicht recht erkä­ren. Bei­dem wird man in “Honig mit Salz” unwei­ger­lich auf den Grund gehen. Der Roman ist in Wochen­ta­ge unter­teilt, beginnt mit einem Mon­tag, endet mit einem Mon­tag und ist durch­ge­hend aus Aris Sicht in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben. Ich muss zuge­ben, dass ich den Erzähl­stil am Anfang fast ein wenig anstren­gend fand. “Es ist hell. Zu Hau­se ist es nicht hell. Zu Hau­se ist es mor­gens erst hell, wenn Ari die Roll­lä­den rat­ternd hoch­zieht. Ari ist nicht zu Hau­se. Es ist hell. Es ist Mor­gen. Ari blin­zelt sich zurecht, lehnt sich auf die Unter­ar­me und schaut durchs Fens­ter zum blau­en, blau­en Him­mel.” (Zitat S.21) Die Autorin reiht sehr vie­le, kur­ze Sät­ze knapp anein­an­der. Die­ser abge­hack­te Erzähl­stil, der genau auf den Punkt kommt, ist gewöh­nungs­be­dürf­tig. “Magst du ein biss­chen bum­meln gehen?”, fragt Papa. Papa will sit­zen blei­ben. Papa hat sich ver­brannt und mei­det jetzt die Son­ne. Papa hat sich gera­de ein neu­es Getränk bestellt. Ari hat kein Geld. Papa zieht sein Porte­mon­naie aus der Hosen­ta­sche und gibt Ari zwei Schei­ne. Ari merkt, dass die Frau sie beob­ach­tet.” (Zitat S.30) Die Spra­che ist sehr ein­fach und schlicht, bie­tet aber den­noch unglaub­lich viel Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum. Den­noch schließt man die Cha­rak­te­re dann doch irgend­wie ins Herz, kann sich per­fekt in Ari hin­ein­ver­set­zen und genau die­se Urlaubs­stim­mung, die Tama­ra Bach wun­der­bar rüber­bringt — die Hit­ze, die Lan­ge­wei­le, das Abkap­seln­wol­len von den Eltern — nach­emp­fin­den. Vie­le All­täg­lich­kei­ten wer­den in “Honig mit Salz” beschrie­ben. Restau­rant­be­su­che, das Essen­ko­chen im Feri­en­haus, Strand­auf­ent­hal­te, Ein­kau­fen im Super­markt und das Erkun­den der Gegend. “Papa legt den Pfan­nen­wen­der an die Lip­pen. Mama trinkt von ihrem Kaf­fee und schüt­telt leicht den Kopf. Ihr Han­dy brummt, sie schaut drauf, run­zelt die Stirn. Ari muss aufs Klo. Dann wäscht sie sich die Hän­de. Spritzt sich Was­ser ins Gesicht. Schaut in den Spie­gel über dem Wasch­be­cken.” (Zitat S.22ff) Auch gibt es immer wie­der­keh­ren­de Ele­men­te, wie die Kat­ze, die Far­be des Him­mels oder der Honig, die eine Rol­le spie­len. In Bücher von Tama­ra Bach ver­lie­be ich mich meist irgend­wie erst auf den zwei­ten Blick. Es sind Geschich­ten abseits des Main­streams, auf die man sich ein­las­sen muss. Doch der glas­kla­re Blick der Autorin, die aus­ge­klü­gel­te und abso­lut authen­ti­sche Dar­stel­lung ihrer Cha­rak­te­re loh­nen am Ende immer wie­der! Der Aus­gang des Buches ist ein wenig ernüch­ternd und gleich­zei­tig in gewis­ser Wei­se gut getrof­fen (hier wird auch die Bedeu­tung des Titels schließ­lich erklärt).

Dir gefällt Tama­ra Bachs Erzähl­stil? Dann lies noch ihre ande­ren Bücher, chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: Lesealternativen“Mars­mäd­chen” (2003, hier­für erhielt sie den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis), “Bus­fahrt mit Kuhn” (2004), “Jetzt ist hier” (2007), “Was vom Som­mer übrig ist” (2012), “Mari­en­bil­der” (2014, her­aus­ra­gend!), “Vier­zehn” (2016, ein ein­zig­ar­ti­ges Por­trät eines ein­zel­nen Tages), “Maus­meer” (2018), “Wör­ter mit L” (2019, Lese­tipp!), “Sankt Irgend­was” (2020) und “Das Pferd ist ein Hund” (2021). Eine Autorin, die eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu Tama­ra Bach ist, ist Sus­an Krel­ler, lies von ihr zum Bei­spiel “Han­nas Regen”. Zwei lite­ra­ri­sche, sehr schön erzähl­te Som­mer­ge­schich­ten, in denen das Erwach­sen­wer­den eine gro­ße Rol­le spielt, sind “Som­mer­nachts­er­wa­chen” von Meg Rosoff und “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” von Hil­de Kval­vaag.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58499-1
Erscheinungsdatum: 27.Januar 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 160
Übersetzer: 
Originaltitel: 
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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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