Tahereh Mafi — Wie du mich siehst

Kasimira7.Dezem­ber 2019

Die ame­ri­ka­ni­sche Autorin Taher­eh Mafi hat nach ihrer dys­to­pi­schen Erfolgs­rei­he “Ich fürch­te mich nicht” ein sehr per­sön­li­ches Buch her­aus­ge­bracht: “Wie du mich siehst” ist ein Roman, der ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt stellt, das eben­so wie sie ira­ni­scher Abstam­mung ist und in ihrem ame­ri­ka­ni­schen All­tag wegen des Tra­gen eines Kopf­tuchs unter Vor­ur­tei­len, Hass und Dis­kri­mi­nie­rung lei­det. Break­dance und eine ers­te Lie­be hel­fen ihr mit all dem bes­ser zurecht­zu­kom­men. Eine außer­or­dent­lich schön erzähl­te Geschich­te — ein wich­ti­ges Buch über Tole­ranz und Frem­den­feind­lich­keit. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Shirin ist Mus­li­ma. Ihre Fami­lie stammt aus dem Iran. Doch sie und ihr älte­rer Bru­der Navid wur­den in Ame­ri­ka gebo­ren. Aber weil sie ein Kopf­tuch trägt, wird Shirin in der Schu­le oft ange­gan­gen. Gera­de dass ihre Fami­lie häu­fig umzieht, führt nicht unbe­dingt dazu, dass es für sie im All­tag leich­ter wird. “Es mach­te mich wütend, weil ich wuss­te, wie lang mei­ne Mit­schü­ler brau­chen wür­den, bis sie end­lich ein­sa­hen, dass ich nicht gemein­ge­fähr­lich war und dass man vor mir kei­ne Angst haben muss­te. Es mach­te mich wütend, weil ich wuss­te, wie unfass­bar viel KasimiraMühe und Selbst­über­win­dung es mich kos­ten wür­de, bis ich end­lich eine ein­zi­ge Freun­din gefun­den hät­te, ein Mäd­chen, das mutig genug war, sich in der Öffent­lich­keit neben mich zu set­zen.” (Zitat aus “Wie du mich siehst” S.12) Tag­täg­lich wird sie beschimpft, belei­digt und mit aller­lei Vor­ur­tei­len kon­fron­tiert. Selbst die Leh­rer wis­sen manch­mal nicht wie sie sich ihr gegen­über ver­hal­ten sol­len oder glau­ben, sie kön­ne in einem fort­ge­schrit­te­nen Eng­lisch­kurs bei­spiels­wei­se nicht teil­neh­men, obwohl sie doch in Ame­ri­ka gebo­ren ist und die Spra­che von Geburt an gelernt hat. Am liebs­ten wäre Shirin unsicht­bar. Wür­de ein­mal ger­ne durch eine Men­schen­men­ge gehen ohne stän­dig ange­starrt zu wer­den. Beson­ders nach dem 11.September ist es für sie noch schwie­ri­ger gewor­den. Ein paar Tage danach haben zwei Jungs aus ihrer Schu­le auf dem Nach­hau­se­weg das Kopf­tuch her­un­ter­ge­ris­sen und sie damit gewürgt. “Ich Kasimiraver­stand nicht, war­um sie ihren Hass mit sol­cher Bru­ta­li­tät an mir abre­agiert hat­ten, ohne dass ich irgend­wem etwas getan hat­te. War­um sie geglaubt hat­ten, das Recht zu haben, mir am hell­lich­ten Tage Gewalt anzu­tun, obwohl ich doch ein­fach nur eine Stra­ße ent­lang­ge­gan­gen war.” (Zitat S.11) Jetzt muss Shirin für ein Bio­lo­gie­pro­jekt aus­ge­rech­net mit einem Jun­gen aus ihrer Klas­se, namens Oce­an, zusam­men­ar­bei­ten. Dabei möch­te sie sich doch von allen ger­ne fern­hal­ten um wei­te­ren Miss­ver­ständ­nis­sen und Kon­fron­ta­tio­nen aus dem Weg zu gehen. Aber Oce­an ist irgend­wie anders. Und all­mäh­lich kom­men sich die bei­den näher…

Das Cover von “Wie du mich siehst” gibt bereits Auf­schluss auf den Inhalt der Geschich­te und ist sehr pas­send gestal­tet (bes­ser als das Eng­li­sche, sie­he unten). Der Roman ist durch­ge­hend aus Shirins Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Die Figur ist fik­tiv, aber in vie­lem inspi­riert von Taher­eh Mafis Lebens­lauf. So gibt die Autorin an, eben­falls im Musik­hö­ren und in Break­dance eine Flucht vor den Sor­gen des All­tags gefun­den zu haben. Von die­sem All­tag zu lesen, ist höchst ergrei­fend. Was Shirin in ihrem Schul­all­tag und in der Öffent­lich­keit all­ge­mein erle­ben muss. Wie sie von Frem­den oder Mit­schü­lern ohne Grund ange­grif­fen oder ver­ur­teilt wird. Wie sehr sie dies in ihrem Leben beein­träch­tigt. “Auf dem KasimiraNach­hau­se­weg spür­te ich Erleich­te­rung, war aber zugleich auch gedrück­ter Stim­mung. Es kos­te­te Kraft, den Schutz­schild hoch­zu­hal­ten, der mich vor Ver­let­zun­gen schütz­te, und am Ende des Tages war ich oft so aus­ge­laugt, dass ich am gan­zen Kör­per zit­ter­te.” (Zitat S.16) Mit ihren Eltern kann sie nicht über die stän­di­gen ver­ba­len Angrif­fe spre­chen. Die­se haben Schlim­me­res im Krieg erlebt und kei­ner­lei Ver­ständ­nis für Shirins Sor­gen. Dafür ver­steht sich Shirin mit ihrem Bru­der Navid sehr gut, der ihre Lie­be zum Break­dance teilt. Gemein­sam mit ein paar Freun­den von Navid grün­den sie eine Break­dance-AG. Fas­zi­nie­rend ist es auch mehr über die per­si­sche Kul­tur und das Leben in Shirins Fami­lie zu erfah­ren: Die gemein­sa­men Mahl­zei­ten spiel­ten in unse­rem täg­li­chen Leben eine zen­tra­le Rol­le — und das war nicht nur bei uns so, son­dern in der per­si­schen Kul­tur im All­ge­mei­nen. Essen brach­te die Men­schen zusam­men und reg­te dazu an, bis spät in den Abend hin­ein über das LebeKasimiran, die Lie­be und die Poli­tik zu spre­chen. Die gan­ze Fami­lie traf sich am Tisch, und mei­ne Eltern hät­te nie­mals zuge­las­sen, dass wir mit die­ser Tra­di­ti­on bra­chen, ganz egal, wie drin­gend wir Fern­se­hen schau­en oder viel­leicht woan­ders sein woll­ten.” (Zitat S.42) Als Oce­an in Shirins Leben auf­taucht, ändert sich für sie alles. Wäh­rend sie ihn zu Beginn noch abblockt und nicht glau­ben kann, dass sich jemand aus­ge­rech­net für sie inter­es­siert, merkt sie irgend­wann doch, dass er sie in einem ganz ande­ren Licht sieht. Und ab die­sem Zeit­punkt nimmt der Roman eine ganz beson­de­re Wen­dung. Denn wäh­rend Shirin ande­re Men­schen wegen ihrer Vor­ur­tei­le ihr gegen­über ver­ur­teilt, so hat sie gegen­über ande­ren selbst Vor­ur­tei­le, weil sie alle über einen Kamm schert und kei­nen mehr an sich her­an­lässt, da es im Grun­de alle böse mit ihr mei­nen könn­ten. Im Grun­de hat sie sich eine Art Rüs­tung zuge­legt, so wie sie es beim Tra­gen ihres Kopf­tuchs beschreibt. “Die Leu­te Kasimira- größ­ten­teils Män­ner — behaup­te­ten gern, mus­li­mi­sche Frau­en wür­den das Kopf­tuch tra­gen, um “sitt­sam” aus­zu­se­hen. Wahr­schein­lich gab es Frau­en und Mäd­chen, denen es tat­säch­lich genau dar­um ging. […] aber ich konn­te ganz klar sagen, dass das auf mich nicht zutraf. […] Ich trug es nicht, weil ich eine Non­ne sein woll­te, son­dern weil ich mich damit gebor­gen fühl­te — weni­ger ver­wund­bar. Für mich war es eine Art Rüs­tung.” (Zitat S.55) Dass nun jemand in ihre Schutz­zo­ne vor­dringt und sie wirk­lich ken­nen­ler­nen möch­te, die­ses fein­füh­li­ge Annä­hern und Ver­trau­en auf­bau­en, schil­dert Taher­eh Mafi auf äußerst sen­si­ble Art und Wei­se. Eine sehr behut­sam erzähl­te Lie­bes­ge­schich­te steckt in dem Roman, der defi­ni­tiv nach­denk­lich macht und über Frem­den­hass, Vor­ur­tei­le und das Über­win­den von Gren­zen berich­tet. Sprach­lich außer­or­dent­lich schön geschrie­ben und mit einem ganz ande­ren, aber sehr pas­sen­den Erzähl­stil im Gegen­satz zu der “Ich fürch­te mich nicht”-Rei­he.

Fazit: Eine sehr lesens­wer­te Geschich­te! Ide­al auch als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung.

Wenn dir “Wie du mich siehst” gefal­len hat, lies auf jeden Fall noch Taher­eh Mafis äußerst gelun­ge­ne dys­to­pi­sche Rei­he: “Ich fürch­te mich nicht” (Band 1), “Ret­te mich vor dir” (Band 2) und “Ich bren­ne für dich” (Band 3). Dann gibt es noch zwei Zwi­schen-Kurz­ge­schich­ten zur Rei­he: “Zer­stö­re mich” (Zwi­schen BanLesealternativend 1 und 2) und “Ver­nich­te mich” (zwi­schen Band 2 und 3). Du suchst inhalt­li­che Alter­na­ti­ven? Kopf­tuch­tra­gen und die Lie­be? Das fin­dest du in Kom­bi­na­ti­on in den schon etwas älte­ren Titeln “Kopf­ge­fühl und Bauch­zer­bre­chen” von Colet­te Vic­tor, “Und mei­ne Welt steht kopf” von Ran­da Abdel-Fattah, “Aischa oder Die Son­ne des Lebens” von Fre­de­ri­ca de Ces­co und “Aber Aisha ist doch nicht euer Eigen­tum!” von Ben Fari­di (K.L.A.R.-Reihe, ver­ein­fach­te Lese­tex­te). Ein Roman über das The­ma Kopf­tuch­tra­gen “Ja oder nein?” ist zudem “Sei­den­haar” von Aygen-Sibel Celik. Inter­es­sant ist hier­zu sicher­lich auch “Anders frei als du” von Chris­ti­ne Fehér. Zwei wich­ti­ge neue­re Titel sind außer­dem “Wenn Wor­te mei­ne Waf­fe wären” von Kris­ti­na Aamand und “Scham­los” von Ami­na Bile, Sofia Nes­ri­ne Srour und Nan­cy Herz — drei Blog­ge­rin­nen und Mus­li­mas, die Stel­len bezie­hen, eine Art Rat­ge­ber und Erfah­rungs­be­richt. Du magst behut­sam erzähl­te Lie­bes­ge­schich­ten? Dann greif unbe­dingt zu fol­gen­den Büchern: “Elea­nor & Park” von Rain­bow Rowell, “Mein Herz in allen Ein­zel­tei­len” von Julie Bux­baum und “Du neben mir und zwi­schen uns die gan­ze Welt” von Nico­la Yoon. Zwei sehr bewe­gen­de Roma­ne über Mäd­chen, die ler­nen müs­sen sich auf ande­re neu ein­zu­las­sen, sind auch “Soli­taire” von Ali­ce Ose­man und “Über den Dächern wir Zwei” von Ange­la Kirch­ner.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-5696-1
Erscheinungsdatum: 27.November 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Originaltitel: "A very large expanse of sea"
Originalverlag: HarperCollins

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira











Tahereh Mafi erzählt von ihrem Buch (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Tahereh Mafi

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