Swantje Oppermann — Saligia: Spiel der Todsünden

Kasimira13.Februrar 2019

Sali­gia: Spiel der Tod­sün­den” von der deut­schen Autorin Swant­je Opper­mann befasst sich mit einem beson­de­ren The­ma: den 7 Tod­sün­den. Man neh­me ein Mäd­chen, das den Zorn in sich trägt; ein Inter­nat, wel­ches sich auf Schü­ler mit solch außer­ge­wöhn­li­chen Kräf­ten spe­zia­li­siert hat und einen Mord­fall dazu — und erhält eine wun­der­bar unter­halt­sa­me Mischung aus Com­ing-of-Age-Roman und Mys­te­ry­thril­ler. Tol­les Set­ting — und sehr span­nend! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 16-jäh­ri­ge Kie­ra ist eine Außen­sei­te­rin. Sie hat kei­ne Freun­de. In der Schu­le wird sie geär­gert und aus­ge­schlos­sen. Zuhau­se bei ihrer Mut­ter erwar­tet sie die­sel­be Käl­te wie in der Schu­le. Es macht kei­nen Unter­schied, wo sie sich auf­hält. Denn Kie­ra ist anders als alle ande­ren. Sie fühlt unheim­lich viel Wut und Ärger in sich. Flippt schon bei Klei­nig­kei­ten aus und schäumt über vor Zorn. “Aber sie konn­te nicht anders. Als hät­te man ihr Kasimiranach der Geburt einen Chip ein­ge­pflanzt und sie dar­auf pro­gram­miert, immer schlecht drauf zu sein. Die ande­ren waren nicht das Pro­blem. Sie war es. Und das mach­te Kie­ra umso wüten­der.” (Zitat aus “Sali­gia: Spiel der Tod­sün­den” S.17) Manch­mal möch­te sie am liebs­ten etwas kaputt­ma­chen. Zer­schla­gen. Mehr als eine blö­de Was­ser­fla­sche. Sie hass­te die­se Stadt. Sie hass­te ihre Kräf­te. Sie hass­te ihr Leben. Has­sen, has­sen, has­sen. Das war alles, was Kie­ra konn­te.” (Zitat S.13) Denn Kie­ra hat beson­de­re Kräf­te: sie kann ihre Wut auf ande­re Men­schen über­tra­gen! Ihre Mut­ter leug­net die­se Din­ge, stem­pelt sie als Hirn­ge­spins­te ab und nimmt Kie­ra nicht für voll. Dabei hat sie die­se Fähig­keit sehr wohl. Als sie im Park sitzt und sich über ein paar Jungs auf­regt, die stän­dig mit ihrem Ball um sie her­um­wu­seln, gera­ten ihre Gefüh­le mal wie­der außer Kon­trol­le: “Kie­ras schma­ler Kie­fer trat kräf­tig her­vor, als sie die Wut tief in ihrem Inne­ren sam­mel­te und alles um sich her­um aus­blen­de­te. […] Das Blut rausch­te in ihren Ohren in ihrem Magen bro­del­te es. […] Die Druck­wel­le der Wut erreich­te den klei­nen Dicken zuerst. Er explo­dier­te. Sprich­wört­lich. “Arsch­loch!”, schrie er und walz­te wie ein Bull­do­zer auf sei­nen blon­den Kum­pel zu, um ihn mit einer hef­ti­gen Grät­sche von den Füßen zu mähen.” (Zitat S.10) Und plötz­lich — wie aus hei­te­rem Him­mel — ent­steht eine gro­ße Schlä­ge­rei in dem Park, in die auch ande­re Unbe­tei­lig­te mit ein­stei­gen. “Kie­ra saß nur weni­ge Meter ent­fernt, und doch ahn­te nie­mand, dass sie für die­sen Streit ver­ant­wort­lich war. Von ihrer Decke aus steu­er­te sie die Jun­gen und deren Emo­tio­nen wie Spiel­figuren in einem Video­spiel.” (Zitat S.11). Doch dann taucht auf ein­mal ein frem­der Mann in Kie­ras Leben auf, der behaup­tet zu wis­sen, was mit ihr loKasimiras ist. Der ihre über­na­tür­li­chen Fähig­kei­ten zu ken­nen glaubt. “Kie­ra, du ver­kör­perst eine der Tod­sün­den. Eines der sie­ben Haupt­las­ter, um die rich­ti­ge Ter­mi­no­lo­gie zu ver­wen­den. […] Du bist der Zorn. Und ich kann dir hel­fen, ihn unter Kon­trol­le zu brin­gen.” (Zitat S.20) “Du bist eine Sali­gia, Kie­ra. Und du bist nicht allei­ne mit dei­nen Fähig­kei­ten.” (Zitat S.21) Elli­ot, so heißt der Frem­de, for­dert sie auf mit ihm zu kom­men. Abschied von ihrem bis­he­ri­gen Leben zu neh­men und auf die renom­mier­te Can­ter­bu­ry School zu gehen. Und so lässt sich Kie­ra schließ­lich dar­auf ein auf die­ses beson­de­re Inter­nat zu gehen, in dem stren­ge Regeln und vol­le Stun­den­plä­ne herr­schen und vor allem Mit­schü­ler, die eben­falls eine der sie­ben Tod­sün­den ver­kör­pern. Nie hät­te Kie­ra gedacht, dass sie sich irgend­wo hei­misch füh­len könn­te. Zuge­hö­rig. Auch wenn sie noch nicht wirk­lich weiß, wie sie mit der Wut in ihr umge­hen soll. Aber zumin­dest schöpft sie Hoff­nung. Aber dann pas­siert ein Mord an der Schu­le, den die Schul­lei­te­rin unter den Tep­pich zu keh­ren ver­sucht und Kie­ra merkt, dass auch ande­re ihrer Mit­schü­ler nicht mit offe­nen Kar­ten spie­len…

KasimiraSali­gia: Spiel der Tod­sün­den” beginnt mit einem unheil­vol­len Pro­log — den ein­zu­ord­nen man wäh­rend des Haupt­teils noch am Über­le­gen ist — wel­cher einen Unbe­kann­ten in den Mit­tel­punkt stellt, der in sei­nem Auto ein Haus und eine namen­lo­se, weib­li­che Per­son obser­viert. Und er endet mit einer schau­ri­gen Andeu­tung: “Fun­ken erhell­ten sei­ne dunk­len Augen, bevor sie sich in den schwar­zen Tie­fen sei­ner Pupil­len ver­lo­ren. […] In sei­nen Augen gab es nichts zu erfor­schen, nichts zu ent­de­cken. Wer ihm begeg­ne­te, war ver­lo­ren.” (Zitat S.8) Das Buch selbst ist in meh­re­re Tei­le ein­ge­teilt: “Die Ankunft”, Das Ritu­al”“Geheim­nis­se” und “Die Wahr­heit”. Berich­tet wird haupt­säch­lich in per­so­na­ler Erzähl­wei­se aus Kie­ras Sicht, doch in man­chen Kapi­teln erzählt auch Elli­ot, der Sucher, von sei­nen Erleb­nis­sen. Wie er ver­sucht hin­ter das Geheim­nis von Kie­ras Fami­lie zu kom­men. “Für Kie­ra gab es nur einen Geist und den wür­de sie nie­mals los­wer­den. Ihren Vater. Die lan­ge Nar­be am Hals ihrer Mut­ter. Als Kie­ra drei gewe­sen war, hat­te er die bei­den beim Abend­essen mit einem Mes­ser bedroht und ihre Mut­ter schwer ver­letzt. Ms Venin war kei­ne ande­re Wahl geblie­ben, als sich und ihre Toch­ter zu beschüt­zen. Es war Not­wehr gewe­sen. […] Kie­ra erin­ner­te sich nur noch bruck­stück­haft an den KasimiraVor­fall, aber sie wur­de den Gedan­ken nicht los, dass es ihre Schuld war. Sie war über­zeugt, dass sie ihren Vater mit ihren Kräf­ten zu dem Angriff getrie­ben hat­te.” (Zitat S.32) Was ist damals wirk­lich pas­siert? Die­se Fra­ge zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, wel­ches durch­gän­gig total span­nend und unter­halt­sam geschrie­ben ist. Vor allem das Set­ting des Inter­nats und deren Bewoh­ner machen einen beson­de­ren Reiz der Geschich­te aus. Die Idee mit den sie­ben Tod­sün­den, die ein jeder Mit­schü­ler ver­kör­pert, fand ich sehr gelun­gen und — mit all den Details, die man dar­über erfährt — sehr fas­zi­nie­rend. Es wer­den latei­ni­sche Begrif­fe für die ein­zel­nen Sün­den gebraucht und auch die Schü­ler damit in Ver­bin­dung gebracht: Kie­ra ist eine “Ira”, das steht für “Zorn”. Ihr wird auch eine eige­ne (Kleider-)Farbe und ein Tier­sym­bol zuge­ord­net, so wie allen ande­ren Tod­sün­den. Durch die Anein­an­der­rei­hung der Anfangs­buch­sta­ben der latei­ni­schen Über­set­zun­gen erklärt sich im Übri­gen auch das Wort Sali­gia: Suber­bia (Hoch­mut); Avari­ta (Hab­gier); Luxu­ria (Lust); Ira (Zorn); Gula (Völ­le­rei); Invi­dia (Neid); Acedia (Träg­heit). Die Spra­che ist in dem Roman zuwei­len auch sehr schön und lie­fert beson­de­re Meta­phern wie: “Vier Hoch­bet­ten rag­ten ins den brei­ten Raum wie Boots­ste­ge ins Was­ser.” (Zitat S.46) oder “Sie war an die­se Schu­le gekom­men, um ihre Emo­tio­nen in den Griff zu bekom­men. Statt­des­sen gerie­ten sie immer mehr durch­ein­an­der. Als hät­te jemand all ihre Gefüh­le in einem Mixer gewor­fen und auf “Tur­bostart” gedrückt.” (Zitat S.206) Das Ende lässt noch eini­ge Aspek­te offen und macht deut­lich — das hier wird eine Rei­he wer­den!

Im Erwach­se­nen­be­reich gibt es eini­ge Bücher über die sie­ben Tod­sün­den, wie zum Bei­spiel die “Sie­ben Näch­te” von Simon Strauß, “Wäch­ter des Kreu­zes” von MatildLesealternativene Asen­si, “Die sie­ben Tod­sün­den” von Wolf Ser­no oder die “7 Tod­sün­den”-Rei­he von Marc und Inga Bold. Im Jugend­buch fällt mir nur “Die 7 Tod­sün­den” von Ste­phan Sigg ein, eine Samm­lung von 7 Kurz­ge­schich­ten über die Tod­sün­den — ein sehr lesens­wer­tes Buch. Das Fas­zi­nie­ren­de dar­an, ist dass man beim Lesen der Über­schrif­ten nicht ver­ra­ten bekommt, wel­che Geschich­te sich auf wel­che Tod­sün­de bezieht. Der Leser ist selbst dazu ange­hal­ten sich dar­über Gedan­ken zu machen. Eine “Auf­lö­sung” gibt es am Ende des Buches. Dazu aus­führ­li­che­re Erklä­run­gen zu jeder Geschich­te. Zum The­ma Wut könn­te ich mir auch sehr gut “Kill all enemies” vor­stel­lenin dem ein 15-jäh­ri­ges Mäd­chen eine Rol­le spielt, die immer wie­der vor Wut aus­ras­tet. Oder lies fol­gen­de Titel: “So vol­ler Wut” von Pete Smith, “Noahs Wut” von Bri­git­te Blo­bel oder “Die Wut” von Pro­se Fran­ci­ne.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74960-4
Erscheinungsdatum: 13.Februar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 13,95€ 
Seitenzahl: 343 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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