Svenja K. Buchner — Bis die Zeit verschwimmt

Kasimira28.Februar 2020

Bis die Zeit ver­schwimmt” ist der ers­te Jugend­ro­man der deut­schen Autorin Sven­ja K. Buch­ner. Dass die Autorin zudem Psy­cho­lo­gie stu­diert hat, das merkt man! Ein trau­ri­ge, aber äußerst tief­grün­di­ge Geschich­te über die Fol­gen eines Amok­laufs und den Tod der bes­ten Freun­din, der das Leben eines jun­gen Mäd­chens völ­lig aus den Fugen gera­ten lässt. Schmerz­voll, bewe­gend und sprach­lich zudem bril­lant erzählt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Sie sind bes­te Freun­din­nen und das schon seit Ewig­kei­ten. Hele­ne und Cas­sie. Doch ein Amok­lauf an ihrer Schu­le über­schat­tet alles. “Und die gan­ze Zeit über war­te ich auf ihr Gesicht, dar­auf, dass sie end­lich raus­kommt, dar­auf, dass ich sie in den Arm neh­men und nach Hau­se brin­gen darf. Doch sie kommt nicht, weder in die die­sem Atem­zug noch im nächs­ten, und das, obwohl jeder ein­zel­ne mich mehr schmerzt als alles Leid die­ser Erde es je könn­te.” (Zitat aus “Bis die Zeit ver­schwimmt” S.8ff) Denn Cas­sie wur­de von dem Täter erschos­sen. Sie ist eine der Kasimiraneun Toten. Acht Schü­ler und ein Leh­rer. War­um der Täter, ein ehe­ma­li­ger Schü­ler, das getan hat, ist nicht bekannt. “Und dann durch­fors­te ich das Inter­net wei­ter nach Peter Damm. Nach allen Opfern. Allem, was von Bedeu­tung sein könn­te. Drei Tage lang blei­be ich in mei­nem Zim­mer. Und dann ste­hen da plötz­lich mei­ne Eltern, die ohne gro­ße Dis­kus­si­on die Tür auf­ge­bro­chen haben, um mit mir zur Psy­cho­lo­gin zu fah­ren.” (Zitat S.58) Hele­ne ver­gräbt sich in ihrem Schmerz, will auch mit der Psy­cho­lo­gin nicht viel spre­chen. Wie kann Eric nur schon wie­der zur Schu­le gehen? Eric, der bes­te Freund von Hele­ne und Cas­sie. Mit ihm zusam­men möch­te Hele­ne her­aus­fin­den, war­um Cas­sie ster­ben muss­te. Doch jeder trau­ert auf sei­ne Art und Wei­se. Und so möch­te Eric, dass — wenn er ihr hilft — sie zumin­dest auf die Sil­ves­ter­par­ty mit ihm gehen soll. Um irgend­wie wei­ter­zu­le­ben. Aber kann und will Hele­ne das wirk­lich? Oder lässt sie ihre bes­te Freun­din damit im Stich? Und was ist das eigent­lich zwi­schen ihr und Eric?

KasimiraDas Cover wirkt blass und unschein­bar und wie­der­um abso­lut pas­send. “Bis die Zeit ver­schwimmt” ist ein Pro­zess. Ein Pro­zess der Trau­er und des Schmer­zes, den die Haupt­fi­gur durch­lau­fen muss. “Und so schlägt er auch auf mich nie­der, der Schmerz, von einer Sekun­de auf die ande­re zer­reißt es mein Inne­res, mei­ne Knie geben nach und ich sacke zusam­men, bekom­me kei­ne Luft, kaue­re am Boden, stre­cke mein Gesicht zur Decke, als wol­le ich aus einem tie­fen Meer auf­tau­chen, schluch­ze, als wür­de ich ertrin­ken, fin­de dann ganz plötz­lich mich selbst und schreie.” (Zitat S.29) Die Gefühls­welt der Ich-Erzäh­le­rin in Wor­te zu fas­sen, das gelingt Sven­ja K. Buch­ner mühe­los. Die gan­ze Trag­wei­te des Ver­lusts, und all die Facet­ten der Trau­er, das schil­dert sie so sen­si­bel und gleich­zei­tig aus­drucks­stark, dass man sich man­che Sät­ze am liebs­ten unter­strei­chen möch­te. Denn gera­de ihre Spra­che ist es, die an vie­len Stel­len so viel Atmo­sphä­re und Tief­gang erzeugt: Es fühl­te sich komisch an, wie wir ein­an­der ansa­hen, fast wie Krieg, aber wirk­lich nur fast, denn ich wuss­te, dass es kei­ner war, kein ech­ter Krieg zumin­dest. Denn Cas­sie und ich bekrieg­ten ein­an­der nicht, nie­mals. Und trotz­dem schau­te sie an Kasimiradie­sem Tag nicht weg, sie ver­dräng­te die Stil­le nicht, son­dern ließ sie zu, genau­so wie die Käl­te und die Span­nung und das Zie­hen in mei­nem Magen, die mich auf ein­mal still und heim­lich und ein­dring­lich über­rann­ten.” (Zitat S.21) Die Kom­ple­xi­tät einer Freund­schaft, die Höhen und Tie­fen, das gemein­sa­me Erle­ben — immer wie­der hat der Leser die Mög­lich­keit all dies in Rück­blen­den zu erfah­ren. Wie Hele­ne und Cas­sie sich schon als Sie­ben­jäh­ri­ge über das Leben nach dem Tod unter­hal­ten, wie sie gemein­sam Cas­sies 15.Geburtstag fei­ern, wie sie die Bal­lett­auf­füh­rung von Cas­sie besu­chen und wie sie Eric ken­nen­ler­nen. Dazwi­schen die Jetzt-Zeit, in der Cas­sie schon tot ist und in der Hele­ne nun allei­ne klar­kom­men muss. Beson­ders Hele­ne als Cha­rak­ter hat mir sehr gut gefal­len. Ein Mäd­chen, das sich nicht um Kon­ven­tio­nen schert und auch einem Unbe­kann­ten mal Paro­li bie­tet, als sie sich auf dem Bahn­hof ein­fach auf den Boden legt: “Bringt man euch das heut­zu­ta­ge nicht bei, dass man sich auf Bän­ke setzt und sich nicht irgend­wo hin­legt?” “Doch, das tut man. Aber man bringt uns auch bei, weni­ger eng­stir­nig zu den­ken und die Kom­men­ta­re ande­rer Men­schen an pas­sen­den Stel­len zu igno­rie­ren. Letz­te­res war mir wich­ti­ger.” (Zitat S.12) Sie sagt, was sie denkt. Aller­dings auch auf Cas­sies Beer­di­gung. Schlägt hart um sich in ihrem Schmerz. Erst Eric fängt lang­sam an, sie auf­zu­we­cken. Sie wie­der ins Leben zurück­zu­ho­len. Lie­bes­ge­schich­te inklu­si­ve. Das Ende ist ein biss­chen soft, aber in Ord­nung.

Fazit: Eine ein­dring­lich erzähl­te Geschich­te, die sich defi­ni­tiv zu lesen lohnt!

Ein Leben, das naLesealternativench dem Tod der bes­ten Freun­din nicht mehr so ist, wie es vor­her ein­mal war? Das erlebst du in eini­gen Jugend­bü­chern, wie zum Bei­spiel in “Du bringst mein Leben so schön durch­ein­an­der” von Clai­re Chris­ti­an, “Love you, hate you, miss you” von Eliza­beth Scott oder “Ich wer­de immer da sein, wo du auch bist” von Nina LaCour. Gut könn­te ich mir auch “Irgend­was von dir” von Gayle For­man oder noch bes­ser “Nur in der Dun­kel­heit leuch­ten die Ster­ne” von Marie­ke Nij­kamp vor­stel­len. Das The­ma Amok­lauf kannst du zudem in die­sem Bei­trag bes­ser ent­de­cken. Von der Inten­si­tät einer beson­de­ren Freund­schaft her muss­te ich auch an “Eden Sum­mer” von Liz Flana­gan den­ken.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20269-5
Erscheinungsdatum: 18.Januar 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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