“Bis die Zeit verschwimmt” ist der erste Jugendroman der deutschen Autorin Svenja K. Buchner. Dass die Autorin zudem Psychologie studiert hat, das merkt man! Ein traurige, aber äußerst tiefgründige Geschichte über die Folgen eines Amoklaufs und den Tod der besten Freundin, der das Leben eines jungen Mädchens völlig aus den Fugen geraten lässt. Schmerzvoll, bewegend und sprachlich zudem brillant erzählt. Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene.
Sie sind beste Freundinnen und das schon seit Ewigkeiten. Helene und Cassie. Doch ein Amoklauf an ihrer Schule überschattet alles. “Und die ganze Zeit über warte ich auf ihr Gesicht, darauf, dass sie endlich rauskommt, darauf, dass ich sie in den Arm nehmen und nach Hause bringen darf. Doch sie kommt nicht, weder in die diesem Atemzug noch im nächsten, und das, obwohl jeder einzelne mich mehr schmerzt als alles Leid dieser Erde es je könnte.” (Zitat aus “Bis die Zeit verschwimmt” S.8ff) Denn Cassie wurde von dem Täter erschossen. Sie ist eine der
neun Toten. Acht Schüler und ein Lehrer. Warum der Täter, ein ehemaliger Schüler, das getan hat, ist nicht bekannt. “Und dann durchforste ich das Internet weiter nach Peter Damm. Nach allen Opfern. Allem, was von Bedeutung sein könnte. Drei Tage lang bleibe ich in meinem Zimmer. Und dann stehen da plötzlich meine Eltern, die ohne große Diskussion die Tür aufgebrochen haben, um mit mir zur Psychologin zu fahren.” (Zitat S.58) Helene vergräbt sich in ihrem Schmerz, will auch mit der Psychologin nicht viel sprechen. Wie kann Eric nur schon wieder zur Schule gehen? Eric, der beste Freund von Helene und Cassie. Mit ihm zusammen möchte Helene herausfinden, warum Cassie sterben musste. Doch jeder trauert auf seine Art und Weise. Und so möchte Eric, dass — wenn er ihr hilft — sie zumindest auf die Silvesterparty mit ihm gehen soll. Um irgendwie weiterzuleben. Aber kann und will Helene das wirklich? Oder lässt sie ihre beste Freundin damit im Stich? Und was ist das eigentlich zwischen ihr und Eric?
Das Cover wirkt blass und unscheinbar und wiederum absolut passend. “Bis die Zeit verschwimmt” ist ein Prozess. Ein Prozess der Trauer und des Schmerzes, den die Hauptfigur durchlaufen muss. “Und so schlägt er auch auf mich nieder, der Schmerz, von einer Sekunde auf die andere zerreißt es mein Inneres, meine Knie geben nach und ich sacke zusammen, bekomme keine Luft, kauere am Boden, strecke mein Gesicht zur Decke, als wolle ich aus einem tiefen Meer auftauchen, schluchze, als würde ich ertrinken, finde dann ganz plötzlich mich selbst und schreie.” (Zitat S.29) Die Gefühlswelt der Ich-Erzählerin in Worte zu fassen, das gelingt Svenja K. Buchner mühelos. Die ganze Tragweite des Verlusts, und all die Facetten der Trauer, das schildert sie so sensibel und gleichzeitig ausdrucksstark, dass man sich manche Sätze am liebsten unterstreichen möchte. Denn gerade ihre Sprache ist es, die an vielen Stellen so viel Atmosphäre und Tiefgang erzeugt: “Es fühlte sich komisch an, wie wir einander ansahen, fast wie Krieg, aber wirklich nur fast, denn ich wusste, dass es keiner war, kein echter Krieg zumindest. Denn Cassie und ich bekriegten einander nicht, niemals. Und trotzdem schaute sie an
diesem Tag nicht weg, sie verdrängte die Stille nicht, sondern ließ sie zu, genauso wie die Kälte und die Spannung und das Ziehen in meinem Magen, die mich auf einmal still und heimlich und eindringlich überrannten.” (Zitat S.21) Die Komplexität einer Freundschaft, die Höhen und Tiefen, das gemeinsame Erleben — immer wieder hat der Leser die Möglichkeit all dies in Rückblenden zu erfahren. Wie Helene und Cassie sich schon als Siebenjährige über das Leben nach dem Tod unterhalten, wie sie gemeinsam Cassies 15.Geburtstag feiern, wie sie die Ballettaufführung von Cassie besuchen und wie sie Eric kennenlernen. Dazwischen die Jetzt-Zeit, in der Cassie schon tot ist und in der Helene nun alleine klarkommen muss. Besonders Helene als Charakter hat mir sehr gut gefallen. Ein Mädchen, das sich nicht um Konventionen schert und auch einem Unbekannten mal Paroli bietet, als sie sich auf dem Bahnhof einfach auf den Boden legt: “Bringt man euch das heutzutage nicht bei, dass man sich auf Bänke setzt und sich nicht irgendwo hinlegt?” “Doch, das tut man. Aber man bringt uns auch bei, weniger engstirnig zu denken und die Kommentare anderer Menschen an passenden Stellen zu ignorieren. Letzteres war mir wichtiger.” (Zitat S.12) Sie sagt, was sie denkt. Allerdings auch auf Cassies Beerdigung. Schlägt hart um sich in ihrem Schmerz. Erst Eric fängt langsam an, sie aufzuwecken. Sie wieder ins Leben zurückzuholen. Liebesgeschichte inklusive. Das Ende ist ein bisschen soft, aber in Ordnung.
Fazit: Eine eindringlich erzählte Geschichte, die sich definitiv zu lesen lohnt!
Ein Leben, das na
ch dem Tod der besten Freundin nicht mehr so ist, wie es vorher einmal war? Das erlebst du in einigen Jugendbüchern, wie zum Beispiel in “Du bringst mein Leben so schön durcheinander” von Claire Christian, “Love you, hate you, miss you” von Elizabeth Scott oder “Ich werde immer da sein, wo du auch bist” von Nina LaCour. Gut könnte ich mir auch “Irgendwas von dir” von Gayle Forman oder noch besser “Nur in der Dunkelheit leuchten die Sterne” von Marieke Nijkamp vorstellen. Das Thema Amoklauf kannst du zudem in diesem Beitrag besser entdecken. Von der Intensität einer besonderen Freundschaft her musste ich auch an “Eden Summer” von Liz Flanagan denken.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann ISBN: 978-3-522-20269-5 Erscheinungsdatum: 18.Januar 2020 Einbandart: Hardcover Preis: 18,00€ Seitenzahl: 320 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20269-5
Erscheinungsdatum: 18.Januar 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -