Susan Kreller — Hannas Regen

Kasimira21.Oktober 2022

Han­nas Regen” ist der neue Roman der viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten, deut­schen Autorin Sus­an Krel­ler. Sie erzählt die Geschich­te einer Freund­schaft zwei­er Mäd­chen. Eine Außen­sei­te­rin und eine neue Mit­schü­le­rin, wel­che sich äußerst son­der­bar ver­hält und offen­bar ein Geheim­nis ver­birgt. Ein Buch, auf das man sich ein­las­sen muss, das sprach­lich aus­ge­feilt und beson­ders, eigen­wil­lig und anders ist. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne, die ger­ne abseits des Main­streams lesen.

Jose­fin ist eine Außen­sei­te­rin. Freun­de hat sie nicht wirk­lich. Fin­det sich selbst lang­wei­lig. Nicht mal einen Spitz­na­men hat sie bei irgend­je­man­den. Doch dann begeg­net sie Han­na. Das ers­te Mal sieht sie das frem­de Mäd­chen, als es durch den Regen läuft. Ohne Schirm und ohne Jacke und ohne Eile. Han­na taucht nicht in mei­nem Leben auf. Sie taucht von Anfang an unter. Es stimmt auch nicht, dass sie so tut, als wäre die­ser Regen gar nicht vor­han­den. Der Regen, er scheint für sie viel mehr als nur Was­ser zu sein […] Han­na bewegt sich nicht gleich­gül­tig durch den Regen, das ist ja das Merk­wür­di­ge, in Wahr­heit beach­tet sie ihn mehr als jeder Ande­re, ver­steckt sich in ihm, hüllt sich in ihn ein wie einen Man­tel.” (Zitat S.8) Han­na ist die neue Mit­schü­le­rin in ihrer Klas­se. Und sie sitzt neben Jose­fin. Doch sie ist äußerst Kasimirazurück­hal­tend und wort­karg. Behan­delt Han­na wie Luft und ist selbst auch ganz unsicht­bar. Irgend­et­was ist selt­sam an ihr. Das fin­det auch Josefins Mut­ter, die Han­nas Mut­ter von der Arbeit her kennt. “Ich glau­be, die Kie­sows sind nicht, die für die sie sich aus­ge­ben.” (Zitat S.36) Josefins Mut­ter guckt regel­mä­ßig Kri­mi­se­ri­en und glaubt einen detek­ti­vi­schen Spür­sinn zu haben. Sie hat den Ver­dacht, dass die Fami­lie in einem Zeu­gen­schutz­pro­gramm sein könn­te. “Und so ver­rückt ich die Geschich­te mei­ner Mut­ter auch fin­de, kommt mir Han­na tat­säch­lich wie jemand vor, der die gan­ze Zeit ver­sucht, sich in Sicher­heit zu brin­gen. Der ver­schwin­det, direkt vor mei­nen Augen, neben mei­nen Augen, immer. Der noch nicht mal so tut, als wäre er da. Jemand, den es gar nicht rich­tig gibt.” (Zitat S.41) All­mäh­lich kommt Jose­fin dem Mäd­chen näher. Doch Han­na ist schwer zu durchschauen…

KasimiraDas Cover fällt auf. Und es passt her­vor­ra­gend zum Inhalt. Denn es gibt Ele­men­te, die in dem Roman immer wie­der eine Rol­le spie­len. Der Regen und das Buch, das Han­na stets mit sich her­um­trägt und das fol­gen­den Titel trägt: Goti­sche Kir­chen bei Lich­te bese­hen. Die Kir­chen schei­nen bequem zu sein, denn das Buch ist ein Kis­sen, auf das Han­na jetzt ihren trie­fend nas­sen Kopf legt, ihr Rücken schläft grau und krumm, das Regen­was­ser deckt sie zu.” (Zitat S.10) Die Geschich­te wird in der Ich-Per­spek­ti­ve und durch­gän­gig aus Josefins Sicht erzählt. Sus­an Krel­ler ver­wen­det eine sehr meta­phern­rei­che, kla­re, aber doch sehr kunst­vol­le Spra­che: “Sie schweigt in lan­gen Sät­zen, und ich ant­wor­te nicht dar­auf, alles ist wie immer. Still gehen wir durch den flüs­tern­den Regen” (Zitat S.45) “Han­nas Regen” ist kein Buch, das man mal eben schnell her­un­ter­liest. Es kon­zen­triert sich viel auf Stim­mun­gen, kleins­te Details und die Skiz­zie­rung der Figu­ren. Für mich war Han­na nicht immer greif­bar und ver­hielt sich in man­chenKasimira Din­gen schräg und nicht nach­voll­zieh­bar, wie zum Bei­spiel im Che­mie­un­ter­richt, als sie sich bei einem Knall erschreckt und sich dar­auf­hin völ­lig zusam­men­hangs­los auf Jose­fin stürzt: “Und als Han­nas hoher, gel­len­der, unend­lich lan­ger Schrei dann irgend­wann doch endet, reißt sie sich die Schutz­bril­le vom Kopf, knallt sie auf den Tisch und brüllt wütend in mei­ne Rich­tung: “Mann! Josef!” (Zitat S.44) Eine etwas anstren­gen­de Figur, der man wirk­lich Geduld ent­ge­gen­brin­gen muss. Die man manch­mal am liebs­ten schüt­teln möch­te und sie all ihrer Geheim­nis­se berau­ben möch­te, die sie ein­fach nicht ver­rät. Als Neben­cha­rak­te­re gefie­len mir vor allem Josefins Eltern. Der Vater, der immer vol­ler Begeis­te­rung an das Fest­netz­te­le­fon geht und sich mit erfun­de­nen Namen oder Insti­tu­tio­nen mel­det. Und die Mut­ter, die eine beson­de­re Koch­tra­di­ti­on zele­briert: “Die inter­na­tio­na­len Wochen hat sie vor ein paar Jah­ren ein­ge­führt, damit wir die Welt ken­nen­ler­nen, oder wenigs­tens ein­ne Kasimiraklei­nen Teil davon, den, den man schme­cken kann. Nie­mand außer unse­rer Mut­ter weiß, wann wie­der eine inter­na­tio­na­le Woche los­geht. Sie kommt jedes Mal ohne Vor­ankünd­gung, dafür aber mit einem läng­li­chen Ein­füh­rungs­vor­trag, der immer dann erwei­tert wird, wenn einer von uns nicht inter­es­siert genug kaut.” (Zitat S.15ff) Gera­de das Kochen und das Zusam­men­komm­men der Fami­lie spie­len immer wie­der eine wich­ti­ge Rol­le in dem Roman. Vie­le Ele­men­te sind in “Han­nas Regen” von Bedeut­sam­keit, da wird nichts dem Zufall über­las­sen und alles scheint wohl durch­dacht und cho­reo­gra­fiert zu sein. Eini­ge phi­lo­so­phisch anmu­ten­de Klän­ge durch­zie­hen zum Teil die Geschich­te: “Grüß die Eltern von mir.” […] Dann geht er wei­ter, sicher ahnt er, dass ich nie­man­den von ihm grü­ßen wer­de […] und ich fra­ge mich, wo die Mil­lio­nen von nicht aus­ge­rich­te­ten Grü­ßen, die sich jeden Tag auf der Welt ansam­meln, eigent­lich blei­ben und ob sie für immer in der Luft her­um­schwe­ben und ob man manch­mal, an beson­ders grau­en Tagen, ganz leicht mit der Nase dage­gen­stößt und das Gefühl hat, für ein paar Sekun­den nicht allein zu sein. (Zitat S.22) Zuwei­len fin­det man auch manch inter­es­san­ten, iro­ni­schen Unter­ton im Erzähl­text. Das Ende ist pas­send und bewe­gend, auch wenn nicht alle Geheim­nis­se auf­ge­klärt wer­den (Was war in dem Umschlag? War­um ver­hielt sich der Markt­lei­ter auf ein­mal so freundlich?).

LesealternativenDir gefällt der Erzähl­stil von Sus­an Krel­ler? Dann lies noch ihre ande­ren Jugend­bü­cher, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Ele­fan­ten sieht man nicht” (2012), “Schnee­rie­se” (2014), “Pira­sol” (2017, für Erwach­se­ne), “Elek­tri­sche Fische” (2019). Eine gute Alter­na­ti­ve wären auch die Roma­ne von Tama­ra Bach: zum Bei­spiel “Sankt Irgend­was” oder “Vier­zehn”. Gelun­ge­ne Roma­ne über Freund­schaft haben auch die Autoren Eli­sa­beth Stein­kell­ner mit “Raben­som­mer” und Micha­el Sie­ben mit “Pondero­sa” geschrie­ben. Sehr gut könn­te ich mir auch “Die Wahr­heit, wie Del­ly sie sieht” von Kathe­ri­ne Han­nig­an vorstellen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-158475-5
Erscheinungsdatum: 29.September 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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