“Das Herz von Kamp-Cornell” ist der neue Roman der deutschen Autorin Suan Kreller, die vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Die Geschichte eines Briefes, der alles verändert. “Zu spät” steht darin und führt vier Schwestern mitsamt ihren Kindern zurück in das Elternhaus, wo der Vater im Krankenbett liegt. Eine Vergangenheit, die langsam ans Licht kommt. Warum haben sie das Haus ihrer Kindheit verlassen und nicht mehr gewagt es aufzusuchen? Was ist damals geschehen? Es sind die Cousinen und Cousins, die versuchen das Rätsel zu lösen. In einem Haus, das nachts seltsame Geräusche macht. In dem merkwürdige Zeichen angebracht sind und es ein Zimmer gibt, das nicht benutzt werden darf… Ein Roman, der in keine Schublade passt. Dessen Sprache meisterhaft schön und anspruchsvoll zugleich ist. Eine Geschichte, die manchmal schwer zu fassen ist, die spröde und anders, aber zugleich auch irgendwie faszinierend ist. Ein literarisches Kunstwerk, das kein Mainstream und definitiv höchst lesenswert ist. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Es ist ein Brief, der alles verändert. In dem nur “zu spät” steht. Ein Brief, der die Mutter des 14-jährigen Edin beinahe panisch werden lässt: “Wir müssen… alle anrufen. Jeden Einzelnen. Alle müssen sie herkommen. Schleunigst. Es ist Gefahr im Verzug.” (Zitat aus “Das Herz von Kamp-Cornell” S.10) Der Junge staunt nicht schlecht, als er plötzlich erfährt, dass er eine Familie hat, von der er nichts wusste. Dass seine Mutter drei Schwestern hat, die sie nie
erwähnt hat. “Ja”, sagte seine Mutter, ihre Stimme war jetzt wieder ein flirrendes Stück Meer, sie flirrte in trauriger Entschlossenheit. “Ja, Edin. Du hast zwei Tanten und eine Cousine und einen Cousin und zwei Cousinen und eine Tante und einen angeheirateten Onkel.” (Zitat S.12) Und dann ziehen sie auch schon um. Wie so oft in Edins Leben. Sie ziehen in das Elternhaus der Mutter. Und nicht nur sie, sondern auch alle anderen Schwestern samt Kinder. “Ann, Bernadette, Kalinka und dann noch Rosalie […] Sie standen vorm Haus und strahlten etwas ähnlich Unschlüssiges aus wie die Möbel, zerkratzte Stücke, die jetzt nach und nach aus dem Umzugswagen geholt wurden, viel zu neumodisch für das graugelbe Haus, für das sie gedacht waren, aber wenigsten ähnlich schäbig.” (Zitat S.27) Edin lernt seine neuen Cousinen und Cousins kennen, mit denen er zunächst nicht allzu viel anfangen kann. Lu, die als einzige einen anderen Nachnamen hat; die Schwestern Kalinka und Gabrielle, die eigentlich Drillinge sind und der 13-jährige Johnny, der unter einer Zwangsstörung leidet. “…dann konnte ihm und seiner Mutter nichts Schlimmes passieren. Krankheit, Tod, Katastr
ophe. Wenn er alles Weiße angefasst hatte, wenn er jedes weiß Teil siebenmal berührt hatte, waren sie in Sicherheit” (Zitat S.24) Das Haus muss erst einmal von der Horde Dorfbewohner befreit werden, die sich darin breit gemacht hat und den schwerkranken Vater, der nur teilnahmslos in seinem Bett liegt, versorgt. Es müssen zahlreiche Aufläufe, die gebracht wurden, gegessen oder entsorgt oder auch geschmissen werden, um jene Dorfbewohner zum Gehen zu bewegen. Doch was ist in jenem Haus geschehen? Warum haben die Schwestern keinen persönlichen Kontakt mehr zueinander gehabt? Warum hatten sie Angst zurückzukehren? Die fünf Jugendlichen machen sich gemeinsam auf Spurensuche. Denn es gibt seltsame Zeichen an den Wänden, merkwürdige Geräusche, die sich niemand erklären kann und ein Zimmer, das auf keinen Fall benutzt werden darf. Bald kommt die Wahrheit ans Licht…
Das Cover fällt auf und gefällt mir dennoch irgendwie nicht wirklich, wirkt ein bisschen bieder. Der Titel sagt nicht allzu viel aus. Doch der Roman beginnt gleich voller
Theatralik, was schon am ersten Satz erkennbar ist: “Die Briefmarke war nicht abgestempelt und hatte den Tod zwischen den Zähnen.” (Zitat S.7) Das Buch ist aus der Sicht eines allwissenden Erzählers geschrieben, der sich oft auf Edin, Lu und Johnny fokussiert, aber auch allerlei Nebenfiguren zu Wort kommen lässt. “Das Herz von Kamp-Cornell” ist kein einfaches Buch. Keines, das man mal eben so herunterlest. Es besteht aus vielen Momentaufnahmen und Beschreibungen. “Der Abendhimmel ächzte so leise, dass man schon sehr gut hinhören musste, um es später polizeilich bezeugen zu können. Der Himmel hatte zu tun, er fuhr eine alte Fracht, schüttelte sie ab und ab, vergebens. Das Gewitter, das sich irgendwo in ihm versteckt hatte, wurde er doch nicht los.” (Zitat S.13) Die Autorin spielt mit der Sprache, so dass es ein Vergnügen ist, diesen Sätzen zu folgen: “Andasch richtete seinen Körper gerade aus und hätte sehr würdevoll und wichtig ausgesehen, wäre er auf dem Weg nach draußen, wäre er, wäre er nicht, wäre er beim Verlassen des Hauses, wäre er nicht immer wieder, wäre er auf dem Weg nach draußen nicht ständig
gestolpert.” (Zitat S.87) Erzählerisch ist die Geschichte rund, Susan Kreller achtet auf kleinste Dinge und Elemente. Und sie erschafft zahlreiche gelungene Bilder und Vergleiche wie: “Es war, als konnte sie vor lauter Nachdenken ihre Hirnhaut spüren und als würde diese straff über ihren Gedanken liegen wie die geblümte Gummibadekappe auf dem Kopf einer alten Frau.” (Zitat S.85) und “Die Nacht war in die Stunden gekommen. Sie war tief und schon alt, als ein gewaltiger Knall das Haus erschütterte.” (Zitat S.88) Auch wenn es manchmal Zeitsprünge gibt und auch nicht alle Fragen gleich beantwortet werden, schafft die Autorin es eine gewisse Faszination aufzubauen, einen Spannungsbogen zu zeichnen. “Kamp-Cornell war das blanke Grauen. Der Ort, an dem Ann Melitzky ihre Angst gelassen hatte. Ihre alten, scheppernden Geister.” (Zitat S.19) Was ist damals in dem Haus passiert? Warum haben die Schwestern dieses verlassen und sind nicht mehr zurückgekehrt? Wer hat den Brief abgeschickt? Und was sind das für merkwürdige nächtliche Geräusche? All diese Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman. Manchmal hat “Das Herz von Kamp-Co
rnell” fast etwas von einem ländlichen Theaterstück. Mit Dorfbewohnern, die das Haus bevölkern, darunter der Arzt, die Apothekerin, der ehemalige Ortsvorsteher, der Dorffleischer und auch der Klempner, der immer mal wieder seinen Auftritt hat. Die meisten von ihnen werden sogar des Hauses verwiesen, müssen ihre Schüssel abgeben und dürfen fortan nur noch 3x täglich kommen. Die Charaktere sind sehr unterschiedlich und individuell. Manche bekommt man näher zu fassen, als andere. Atmosphärisch und tiefgründig ist die Geschichte jedoch allemal: “Hier draußen war alles still. Ruhig war es nicht. Das Gewitter hatte Ann versetzt und war trotzdem nicht vorbeigezogen, die Luft hatte immer noch etwas blütenzart Elektrisches. Am Himmel rangen zwei Sorten Dunkelheit miteinander, die Dunkelheit der Nacht und die des ausbleibenden Gewitters. Keine ließ die andere gewinnen.” (Zitat S.18) Gerade das Wetter wird oft beschrieben und sehr vorstellbar dargestellt: “Von draußen konnte man das erste Räuspern des Gewitters hören, noch weit entfernt. Es herrschte eine Unruhe, als würde jemand unermüdlich Biotonnen vors Haus rollen.” (Zitat S.236) Mir gefiel vor allem die süffisant feine, humorvolle
Note, die in den Roman mit eingewoben ist. Die tolle Art von Humor, die zuweilen auch recht bissig sein kann: “Stiwa Oblonski saß im Eingangsbereich und bellte bei jedem Donner, also beinahe durchgehend. Es war, als wollte der Hund die Geräusche des Gewitters gleich ganz übernehmen und als hätte es der Donner nur noch nicht kapiert.” (Zitat S.243ff) Das Ende des Buches lässt zum Teil hinsichtlich der Auflösung ungläubig staunen, wirkt irgendwie unbefriedigend und zu abrupt, aber vielleicht auch ganz passend, weil es noch zu eigenen Gedankengängen und Überlegungen anregen möchte.
Dir gefällt die Erzählart von Susan Kreller? Dann lies noch ihre anderen Bücher, hier chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert: “Elefanten sieht man nicht” (2012), “Der beste Tag aller Zeiten” (2012), “Schneeriese” (2015), “Schlinkepütz, das Monster mit Verspätung” (2016), “Pirasol” (2017, für Erwachsene), “Elektrische Fische” (2019), “Hannas Regen” (2022, gefiel mir sehr gut!), “Salzruh” (2023, für Erwachsene). Eine gute Lesealternative zu den Romanen von Susan Kreller sind auch die von Tamara Bach. Lies hier zum Beispiel “Honig mit Salz”, “Vierzehn” oder “Sankt Irgendwas”. Schön und ebenso keine 0–8‑15-Geschichten sind außerdem die Bücher von Meg Rosoff, wie beispielsweise “Sommernachtserwachen”, “Was wäre wenn” und “Was ich von dir weiß”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58546-2 Erscheinungsdatum: 31.Januar 2025 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 288
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58546-2
Erscheinungsdatum: 31.Januar 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 288
