Susan Kreller — Das Herz von Kamp-Cornell

15.Februar 2025

Das Herz von Kamp-Cor­nell” ist der neue Roman der deut­schen Autorin Suan Krel­ler, die viel­fach mit Lite­ra­tur­prei­sen aus­ge­zeich­net wur­de. Die Geschich­te eines Brie­fes, der alles ver­än­dert. “Zu spät” steht dar­in und führt vier Schwes­tern mit­samt ihren Kin­dern zurück in das Eltern­haus, wo der Vater im Kran­ken­bett liegt. Eine Ver­gan­gen­heit, die lang­sam ans Licht kommt. War­um haben sie das Haus ihrer Kind­heit ver­las­sen und nicht mehr gewagt es auf­zu­su­chen? Was ist damals gesche­hen? Es sind die Cou­si­nen und Cou­sins, die ver­su­chen das Rät­sel zu lösen. In einem Haus, das nachts selt­sa­me Geräu­sche macht. In dem merk­wür­di­ge Zei­chen ange­bracht sind und es ein Zim­mer gibt, das nicht benutzt wer­den darf… Ein Roman, der in kei­ne Schub­la­de passt. Des­sen Spra­che meis­ter­haft schön und anspruchs­voll zugleich ist. Eine Geschich­te, die manch­mal schwer zu fas­sen ist, die sprö­de und anders, aber zugleich auch irgend­wie fas­zi­nie­rend ist. Ein lite­ra­ri­sches Kunst­werk, das kein Main­stream und defi­ni­tiv höchst lesens­wert ist. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Es ist ein Brief, der alles ver­än­dert. In dem nur “zu spät” steht. Ein Brief, der die Mut­ter des 14-jäh­ri­gen Edin bei­na­he panisch wer­den lässt: “Wir müs­sen… alle anru­fen. Jeden Ein­zel­nen. Alle müs­sen sie her­kom­men. Schleu­nigst. Es ist Gefahr im Ver­zug.” (Zitat aus “Das Herz von Kamp-Cor­nell” S.10) Der Jun­ge staunt nicht schlecht, als er plötz­lich erfährt, dass er eine Fami­lie hat, von der er nichts wuss­te. Dass sei­ne Mut­ter drei Schwes­tern hat, die sie nie erwähnt hat. “Ja”, sag­te sei­ne Mut­ter, ihre Stim­me war jetzt wie­der ein flir­ren­des Stück Meer, sie flirr­te in trau­ri­ger Ent­schlos­sen­heit. “Ja, Edin. Du hast zwei Tan­ten und eine Cou­si­ne und einen Cou­sin und zwei Cou­si­nen und eine Tan­te und einen ange­hei­ra­te­ten Onkel.” (Zitat S.12) Und dann zie­hen sie auch schon um. Wie so oft in Edins Leben. Sie zie­hen in das Eltern­haus der Mut­ter. Und nicht nur sie, son­dern auch alle ande­ren Schwes­tern samt Kin­der. “Ann, Ber­na­dette, Kalin­ka und dann noch Rosa­lie […] Sie stan­den vorm Haus und strahl­ten etwas ähn­lich Unschlüs­si­ges aus wie die Möbel, zer­kratz­te Stü­cke, die jetzt nach und nach aus dem Umzugs­wa­gen geholt wur­den, viel zu neu­mo­disch für das grau­gel­be Haus, für das sie gedacht waren, aber wenigs­ten ähn­lich schä­big.” (Zitat S.27) Edin lernt sei­ne neu­en Cou­si­nen und Cou­sins ken­nen, mit denen er zunächst nicht all­zu viel anfan­gen kann. Lu, die als ein­zi­ge einen ande­ren Nach­na­men hat; die Schwes­tern Kalin­ka und Gabri­el­le, die eigent­lich Dril­lin­ge sind und der 13-jäh­ri­ge John­ny, der unter einer Zwangs­stö­rung lei­det. “…dann konn­te ihm und sei­ner Mut­ter nichts Schlim­mes pas­sie­ren. Krank­heit, Tod, Kata­strKasimiraophe. Wenn er alles Wei­ße ange­fasst hat­te, wenn er jedes weiß Teil sie­ben­mal berührt hat­te, waren sie in Sicher­heit” (Zitat S.24) Das Haus muss erst ein­mal von der Hor­de Dorf­be­woh­ner befreit wer­den, die sich dar­in breit gemacht hat und den schwer­kran­ken Vater, der nur teil­nahms­los in sei­nem Bett liegt, ver­sorgt. Es müs­sen zahl­rei­che Auf­läu­fe, die gebracht wur­den, geges­sen oder ent­sorgt oder auch geschmis­sen wer­den, um jene Dorf­be­woh­ner zum Gehen zu bewe­gen. Doch was ist in jenem Haus gesche­hen? War­um haben die Schwes­tern kei­nen per­sön­li­chen Kon­takt mehr zuein­an­der gehabt? War­um hat­ten sie Angst zurück­zu­keh­ren? Die fünf Jugend­li­chen machen sich gemein­sam auf Spu­ren­su­che. Denn es gibt selt­sa­me Zei­chen an den Wän­den, merk­wür­di­ge Geräu­sche, die sich nie­mand erklä­ren kann und ein Zim­mer, das auf kei­nen Fall benutzt wer­den darf. Bald kommt die Wahr­heit ans Licht…

Das Cover fällt auf und gefällt mir den­noch irgend­wie nicht wirk­lich, wirkt ein biss­chen bie­der. Der Titel sagt nicht all­zu viel aus. Doch der Roman beginnt gleich vol­ler Thea­tra­lik, was schon am ers­ten Satz erkenn­bar ist: “Die Brief­mar­ke war nicht abge­stem­pelt und hat­te den Tod zwi­schen den Zäh­nen.” (Zitat S.7) Das Buch ist aus der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers geschrie­ben, der sich oft auf Edin, Lu und John­ny fokus­siert, aber auch aller­lei Neben­fi­gu­ren zu Wort kom­men lässt. “Das Herz von Kamp-Cor­nell” ist kein ein­fa­ches Buch. Kei­nes, das man mal eben so her­un­ter­lest. Es besteht aus vie­len Moment­auf­nah­men und Beschrei­bun­gen. “Der Abend­him­mel ächz­te so lei­se, dass man schon sehr gut hin­hö­ren muss­te, um es spä­ter poli­zei­lich bezeu­gen zu kön­nen. Der Him­mel hat­te zu tun, er fuhr eine alte Fracht, schüt­tel­te sie ab und ab, ver­ge­bens. Das Gewit­ter, das sich irgend­wo in ihm ver­steckt hat­te, wur­de er doch nicht los.” (Zitat S.13) Die Autorin spielt mit der Spra­che, so dass es ein Ver­gnü­gen ist, die­sen Sät­zen zu fol­gen: “Andasch rich­te­te sei­nen Kör­per gera­de aus und hät­te sehr wür­de­voll und wich­tig aus­ge­se­hen, wäre er auf dem Weg nach drau­ßen, wäre er, wäre er nicht, wäre er beim Ver­las­sen des Hau­ses, wäre er nicht immer wie­der, wäre er auf dem Weg nach drau­ßen nicht stän­dig gestol­pert.” (Zitat S.87) Erzäh­le­risch ist die Geschich­te rund, Sus­an Krel­ler ach­tet auf kleins­te Din­ge und Ele­men­te. Und sie erschafft zahl­rei­che gelun­ge­ne Bil­der und Ver­glei­che wie: “Es war, als konn­te sie vor lau­ter Nach­den­ken ihre Hirn­haut spü­ren und als wür­de die­se straff über ihren Gedan­ken lie­gen wie die geblüm­te Gum­mi­ba­de­kap­pe auf dem Kopf einer alten Frau.” (Zitat S.85) und “Die Nacht war in die Stun­den gekom­men. Sie war tief und schon alt, als ein gewal­ti­ger Knall das Haus erschüt­ter­te.” (Zitat S.88) Auch wenn es manch­mal Zeit­sprün­ge gibt und auch nicht alle Fra­gen gleich beant­wor­tet wer­den, schafft die Autorin es eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on auf­zu­bau­en, einen Span­nungs­bo­gen zu zeich­nen. “Kamp-Cor­nell war das blan­ke Grau­en. Der Ort, an dem Ann Melitz­ky ihre Angst gelas­sen hat­te. Ihre alten, schep­pern­den Geis­ter.” (Zitat S.19) Was ist damals in dem Haus pas­siert? War­um haben die Schwes­tern die­ses ver­las­sen und sind nicht mehr zurück­ge­kehrt? Wer hat den Brief abge­schickt? Und was sind das für merk­wür­di­ge nächt­li­che Geräu­sche? All die­se Fra­gen zie­hen sich wie ein roter Faden durch den Roman. Manch­mal hat “Das Herz von Kamp-Cornell” fast etwas von einem länd­li­chen Thea­ter­stück. Mit Dorf­be­woh­nern, die das Haus bevöl­kern, dar­un­ter der Arzt, die Apo­the­ke­rin, der ehe­ma­li­ge Orts­vor­ste­her, der Dorf­f­lei­scher und auch der Klemp­ner, der immer mal wie­der sei­nen Auf­tritt hat. Die meis­ten von ihnen wer­den sogar des Hau­ses ver­wie­sen, müs­sen ihre Schüs­sel abge­ben und dür­fen fort­an nur noch 3x täg­lich kom­men. Die Cha­rak­te­re sind sehr unter­schied­lich und indi­vi­du­ell. Man­che bekommt man näher zu fas­sen, als ande­re. Atmo­sphä­risch und tief­grün­dig ist die Geschich­te jedoch alle­mal: “Hier drau­ßen war alles still. Ruhig war es nicht. Das Gewit­ter hat­te Ann ver­setzt und war trotz­dem nicht vor­bei­ge­zo­gen, die Luft hat­te immer noch etwas blü­ten­zart Elek­tri­sches. Am Him­mel ran­gen zwei Sor­ten Dun­kel­heit mit­ein­an­der, die Dun­kel­heit der Nacht und die des aus­blei­ben­den Gewit­ters. Kei­ne ließ die ande­re gewin­nen.” (Zitat S.18) Gera­de das Wet­ter wird oft beschrie­ben und sehr vor­stell­bar dar­ge­stellt: “Von drau­ßen konn­te man das ers­te Räus­pern des Gewit­ters hören, noch weit ent­fernt. Es herrsch­te eine Unru­he, als wür­de jemand uner­müd­lich Bio­ton­nen vors Haus rol­len.” (Zitat S.236) Mir gefiel vor allem die süf­fi­sant fei­ne, humor­vol­le Note, die in den Roman mit ein­ge­wo­ben ist. Die tol­le Art von Humor, die zuwei­len auch recht bis­sig sein kann: “Sti­wa Oblon­ski saß im Ein­gangs­be­reich und bell­te bei jedem Don­ner, also bei­na­he durch­ge­hend. Es war, als woll­te der Hund die Geräu­sche des Gewit­ters gleich ganz über­neh­men und als hät­te es der Don­ner nur noch nicht kapiert.” (Zitat S.243ff) Das Ende des Buches lässt zum Teil hin­sicht­lich der Auf­lö­sung ungläu­big stau­nen, wirkt irgend­wie unbe­frie­di­gend und zu abrupt, aber viel­leicht auch ganz pas­send, weil es noch zu eige­nen Gedan­ken­gän­gen und Über­le­gun­gen anre­gen möchte.

LesealternativenDir gefällt die Erzähl­art von Sus­an Krel­ler? Dann lies noch ihre ande­ren Bücher, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Ele­fan­ten sieht man nicht” (2012), “Der bes­te Tag aller Zei­ten” (2012), “Schnee­rie­se” (2015), “Schlin­ke­pütz, das Mons­ter mit Ver­spä­tung” (2016), “Pira­sol” (2017, für Erwach­se­ne), “Elek­tri­sche Fische” (2019), “Han­nas Regen” (2022, gefiel mir sehr gut!), “Salz­ruh” (2023, für Erwach­se­ne). Eine gute Lese­al­ter­na­ti­ve zu den Roma­nen von Sus­an Krel­ler sind auch die von Tama­ra Bach. Lies hier zum Bei­spiel “Honig mit Salz”, “Vier­zehn” oder “Sankt Irgend­was”. Schön und eben­so kei­ne 0–8‑15-Geschichten sind außer­dem die Bücher von Meg Rosoffwie bei­spiels­wei­se “Som­mer­nachts­er­wa­chen”, “Was wäre wenn” und “Was ich von dir weiß”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58546-2
Erscheinungsdatum: 31.Januar 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 288

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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