Stepha Quitterer — Weltverbessern für Anfänger

Kasimira7.März 2020

Welt­ver­bes­sern für Anfän­ger” ist das ers­te Jugend­buch der deut­schen Autorin Ste­pha Quit­te­rer. Das Manu­skript wur­de 2019 für den Olden­bur­ger Kin­der- und Jugend­buch­preis nomi­niert. Eine Geschich­te über Jugend­li­che, die für ein Schul­pro­jekt und den mög­li­chen Gewinn einer Klas­sen­rei­se nach Tal­linn die Welt ver­bes­sern sol­len. Ein Alten­heim und eine eigent­lich zer­strit­te­ne Klas­se in den Haupt­rol­len. Ein locke­rer-flo­cki­ger Kla­mauk mit viel Iro­nie. Unter­halt­sam und zum Teil nach­denk­lich machend. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren.

Der Tag fängt für Min­na nicht gera­de ide­al an. Ihre ver­hass­te Latein­leh­re­rin Frau Grie­sin­ger bestraft die Klas­se nach einem ges­tern geschrie­be­nen, unan­ge­kün­dig­ten Test mit eben genau dem glei­chen Test noch ein­mal, weil die­ser so schlecht aus­ge­fal­len ist und sie dem Direk­tor “bewei­sen” will, dass die Klas­se ein­fach nur zu faul zum Ler­nen ist. Als Min­na und ein paar ande­re sich wei­gern die­sen ein zwei­tes Mal zu schrei­ben, erhal­ten sie einen Ver­weis, den sie auch noch von ihren Eltern unter­schrei­ben las­sen sol­len. Minnas Eltern sindKasimira geschie­den. Ihre Mut­ter ist Thea­ter­schau­spie­le­rin und ihr Vater Regis­seur. Letz­te­rer fing etwas mit einer Kol­le­gin an, der ihr Vater auch noch eine bes­se­re Rol­le ver­mit­tel­te, wes­halb sie nun getrenn­te Wege gehen. Dann erfährt Min­na auch noch, dass ihre Oma nach einem Hirn­ge­rinn­sel im Alten­heim gelan­det ist, weil ihr Vater sei­ne Mut­ter nicht zu sich neh­men will. Ein Besuch drei Auto­stun­den ent­fernt in jenem Heim las­sen sie und ihre Mut­ter völ­lig ent­setzt wie­der nach Hau­se fah­ren. “Ich fühl­te mich wie fern­ge­steu­ert. Ein biss­chen so, als wäre mir jede Fröh­lich­keit aus den Mus­kel­fa­sern gezu­zelt und von irgend­wem geschluckt wor­den. Von die­sem Pfle­ge­heim. Und von die­sem rie­si­gen Bett mit der schma­len Oma dar­in. Von die­sem wider­li­chen Geruch. Und von die­ser Dampf­wal­ze an Pfle­ge­rin.” (Zitat aus “Welt­ver­bes­sern für Anfän­ger” S.50) Minnas Oma liegt nur den gan­zen Tag im Bett, wird ab und zu mal von einer unmög­li­chen Pfle­ge­rin wie ein Stück Fleisch umge­dreht und die Schna­bel­ta­sche am Nacht­tisch Kasimiraist auch nahe­zu uner­reich­bar. Sich ver­ständ­lich machen kann die Oma nicht mehr. Als in der Schu­le ein beson­de­rer Wett­be­werb star­tet, hat Min­na plötz­lich eine Idee. “Der dies­jäh­ri­ge Wett­be­werb heißt >Welt­ver­bes­sern für Anfän­ger<, hat die Muh­balk wei­ter erzählt, “jeder, der mit­ma­chen will, enga­giert sich in einem klei­nen Bereich sei­nes all­täg­li­chen Lebens, den er für ver­bes­se­rungs­wür­dig hält […] dann begrün­det schrift­lich, war­um das pas­sie­ren muss, küm­mert euch dar­um, dass es pas­siert, doku­men­tiert die Umset­zung, am bes­ten mit Fotos, und reicht alles bis zum ers­ten Juni im Sekre­ta­ri­at ein.” (Zitat S.10) Mit ihrem bes­ten Freund Bas­ti und ihrem Schwarm Pawel beginnt sie dem Alten­heim in ihrem Wohn­ort regel­mä­ßig Besu­che abzu­stat­ten, um die Men­schen dort ein wenig aus ihrem all­täg­li­chen Trott her­aus­zu­ho­len. Doch als sie ver­su­chen auch den Rest ihrer kom­plett zer­strit­te­nen Klas­se ins Boot zu holen, sto­ßen sie an ers­te Gren­zen…

Das Cover von “Welt­ver­bes­sern für Anfän­ger” ist auf­fäl­lig, aber gestal­te­risch doch sehr neu­tral gestal­tet. Aber der Titel macht auf jeden Fall neu­gie­rig. Der Plot klingt super und die Grund­idee des Welt­ver­bes­sern für ein Jugend­buch im All­tag von Umwelt­the­men und Kli­ma­wan­del ist sehr zeit­ge­mäß. Es gibt bis­her lei­der nochKasimira zu weni­ge Ver­la­ge, dies die­ses The­ma erzäh­le­risch in der Pro­sa auf­grei­fen. Geschrie­ben ist der Roman durch­ge­hend aus Minnas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Die Autorin hat eine sehr locke­re, leich­te, auch jugend­sprach­li­che Erzähl­art. Jedoch ver­wen­det sie kei­ne stu­pi­de, ein­fa­che Spra­che, son­dern schon ein aus­ge­wähl­tes Voka­bu­lar mit eini­gen Fremd­wör­tern und län­ge­ren ver­schach­tel­ten Sät­zen. Inter­es­sant sind vor allem ihre Wort­neu­schöp­fun­gen, die immer wie­der Ein­zug in den Text hal­ten, wie “nadel­fall­still” (S.5), “ohren­fet­zen­laut” (S.40) und “häkel­de­cken­ge­müt­lich” (S.42). Auch heißt es des Öfte­ren nicht “die Mut­ter von Bas­ti” son­dern ein­fach nur “Basti­mut­ter” (S.31). Der Unter­ton der Geschich­te ist durch­weg humor­voll, nur ab und zu etwas bemüht und anstren­gend wir­kend, gera­de durch das über­schwäng­li­che Wort­neu­schöp­fen. Inhalt­lich ist aus dem Buch eine Men­ge her­aus­zu­ho­len. Gera­de für eine Klas­sen­lek­tü­re eig­net es sich sehr gut. Was bedeu­tet es die Welt Kasimirazu ret­ten? Aller­lei höchst unter­schied­li­che, zum Teil recht unge­wöhn­li­che Schul­pro­jek­te ande­rer Mit­schü­ler regen hier zum Nach­den­ken an und auch die Dis­kus­sio­nen der Schü­ler unter­ein­an­der gehen in ver­schie­dens­te Rich­tun­gen: “Leu­te”, hab ich geschrien, “Welt­ver­bes­sern fängt im Kopf an” — aber dann hab ich einen Text­hän­ger gehabt, weil ich plötz­lich nicht mehr wuss­te, was der ange­fan­ge­ne Kopf über­haupt mit Pri­mark und den Mar­ken und dem Geben und Neh­men und dem Kapi­ta­lis­mus und der Glo­ba­li­sie­rung und der Kli­ma­kri­se und dem Kom­mu­nis­mus zu tun haben soll und was mein klei­ner Mini­kopf, wenn er die­se über­schau­ba­ren Winz­lings­ge­dan­ken einer durch­schnitt­li­chen Schul­pau­se schon nicht aus­ein­an­der­hal­ten kann denn bit­te­schön gegen den Krieg unter­neh­men will.” (Zitat S.112ff) Dass man jedoch gemein­sam wirk­lich etwas bewe­gen kann, zeigt das Ende von “Welt­ver­bes­sern für Anfän­ger” auf schö­ne Art und Wei­se, wenn sich alles in Wohl­ge­fal­len auf­löst.

Erzäh­le­risch wird das The­ma Umwelt­schutz nicht all­zu oft im Jugend­buch auf­ge­grif­fen, etwas älter schon sind zum Bei­spiel “2084 — Noras Welt” von Jostein Gaar­der (2015), “Mei­ne Öko­kri­se und ich” von IloLesealternativenna Ein­wohlt (2014) und “Euer schö­nes Leben kotzt mich an” von Saci Lloyd (2013). Eini­ge Umwelt­ro­ma­ne haben auch Carl Hiaa­sen geschrie­ben, zum Bei­spiel “Fet­te Fische” oder “Eulen” und Kat­ja Bran­dis, zum Bei­spiel “Schat­ten des Dschun­gels” oder “Floaters: Im Sog des Mee­res”. Zwei Neu­erschei­nun­gen von die­sem Jahr sind das gelun­ge­ne Es war die Nach­ti­gall” von Kat­rin Bon­gard und “Die drei !!! — Vol­ler Ein­satz für die Erde” von Kirs­ten Vogel. Sehr gut kann ich mir zudem “Wie ich die Welt in 65 Tagen bes­ser mach­te” von Miche­le Weber Hur­witz. Ein Schul­pro­jekt, das eini­ges ver­än­dert und durch­ein­an­der­bringt? Das erlebst du humor­vol­ler in “Ben Flet­chers total genia­le Maschen” von T.S.Easton und etwas span­nen­der in “A good girl’s gui­de to mur­der” von Hol­ly Jack­son und in “Staat X: Wir haben die Macht!” von Caro­lin Wahl. Von Jugend­li­chen, die bei einem beruf­li­chen Schul­pro­jekt auch mehr bewe­gen als gedacht, kannst du in “Liqui­da­tor” von Andy Mul­ligan, lesen. Humor­vol­len “Klas­sen­kla­mauk” fin­dest du in “Fünf auf Crash­kurs” von Hans-Jür­gen Feld­haus

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-6024-3 
Erscheinungsdatum: 1.Januar 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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