Stella Tack — Ever & After: Der schlafende Prinz

29.Oktober 2023

“Ever & After: Der schla­fen­de Prinz” ist der neu­es­te fan­tas­ti­sche Mär­chen­ro­man der deut­schen Best­sel­ler­au­torin Stel­la Tack. Mit ihrer unver­glei­chen frech-humor­vol­len Art hat sie eine Welt erschaf­fen, in der legen­dä­re Mär­chen­fa­mi­li­en leben, die jedoch durch einen ver­fluch­ten Prin­zen all ihre Magie ver­lo­ren habe und seit jeher dar­auf war­ten, dass eine von ihnen den schla­fen­den Prin­zen mit einem Kuss weckt, damit sie sich sie­ben Prü­fun­gen stel­len und ihre Kräf­te zurück­er­lan­gen kön­nen. Als der jun­gen Rain, deren Fami­lie von Schnee­witt­chen abstammt, genau das gelingt, bricht plötz­lich Cha­os aus. Denn Mär­chen kön­nen auch dun­kel, blu­tig und bis­sig sein. Ein herr­li­ches Lese­ver­gnü­gen! Mit Esprit, Charme, Witz und jeder Men­ge Action, eini­gen Hor­ror­ele­men­ten und ein wenig Roman­tik. Sehr gelun­ge­ne Unter­hal­tung. Für taf­fe Jugend­li­che ab 14 Jah­re und Erwachsene.

Die jun­ge Rain ist etwas ganz Beson­de­res. “In unse­ren Adern fließt blau­es Blut, altes Blut, mäch­ti­ges Blut. Wir und die ande­ren Mär­chen­fa­mi­li­en sind die letz­ten Erben von ech­ter Magie.” (Zitat aus “Ever & After: Der schla­fen­de Prinz” S.11) Sie und ihre Fami­lie stam­men von Schnee­witt­chen ab, sind direk­te Nach­fah­ren jener berühm­ten Figur. Denn einst haben die Göt­ter “…beson­ders viel­ver­spre­chen­den Men­schen magi­sche Gaben geschenkt und ihnen schwe­re Prü­fun­gen auf­er­legt. Wer die­se Prü­fun­gen erfolg­reich bestan­den hat­te, bekam die Gunst der Göt­ter und wur­de neben Unsterb­lich­keit auch mit Land und Reich­tum geseg­net.” (Zitat S.11) Hier­un­ter sind nicht nur Schnee­witt­chen, son­dern zum Bei­spiel auch Dorn­rös­chen, Frosch­kö­nig, Rapun­zel, Aschen­put­tel und noch vie­le wei­te­re. Doch von der Magie ist nicht mehr viel übrig geblie­ben. Vie­le Mär­chen­fa­mi­li­en sind mitt­ler­wei­le aus­ge­stor­ben. “Es liegt an uns, das Erbe wei­ter­zu­füh­ren. Zu hof­fen, dass uns die Göt­ter erneut Prü­fun­gen auf­er­le­gen, damit wir uns bewei­sen und den alten Ruhm der Mär­chen­fa­mi­li­en wie­der­her­stel­len kön­nen.” (Zitat S.13) Frü­her gab es meh­re­re Tau­sen­de von ihnen, nun gibt es nur noch ein paar Hun­der­te. Magi­sche Kräf­te haben sie kei­ne mehr. Rain und ihre Fami­lie, ihre Eltern, ihre Groß­mutter, ihre Tan­te, ihr Onkel, ihr Cou­sin Avery besit­zen einen Adels­ti­tel und leben in einem alten, herr­schaft­li­chen Anwe­sen, sind aber so gut wie plei­te. Nur Rains Groß­mutter ver­sucht noch die Fas­sa­de zu bewah­ren. “Fas­sa­de war alles, und wenn sich jemand an eine alte Fas­sa­de klam­mer­te, dann Gran­ny. Wir waren Whites. Wir leb­ten von Stamm­bäu­men, gera­der Sitz­hal­tung, gepfleg­ten Nagel­häu­ten und waren auch noch stolz dar­auf. Wie sehr ich es hass­te, eine White zu sein.” (Zitat S.18) Doch es besteht noch eine gewis­se Hoff­nung für alle Mär­chen­fa­mi­li­en. Denn es gibt einen Flucht, der auf einem schla­fen­den Prin­zen las­tet. Und wenn die­ser Flucht gebro­chen wird — wenn der Prinz durch einen Kuss erweckt wird — dann haben die Mär­chen­fa­mi­li­en die Mög­lich­keit sie­ben Prü­fun­gen zu bestehen und die Magie zurück­zu­ho­len, zumin­dest eine Fami­lie, die am Ende gewin­nen wird. Des­halb dür­fen seit jeher alle Mäd­chen an ihrem 18.Geburtstag den Prin­zen küs­sen, in der Hoff­nung, dass er auf­wacht. So auch Rain, deren 18. Geburts­tag kurz bevor­steht. Mit Hol­ly, ihrer bes­ten Freun­din, spricht sie dar­über. “Zieh nicht so ein Gesicht, als wäre es das Ende der Welt. Ich hab den gan­zen Zir­kus auch über­lebt. Es wird nichts pas­sie­ren. Es pas­siert nie Kasimiraetwas. Es wird nur viel Wir­bel um eine blö­de Pro­phe­zei­ung gemacht, von der wir alle wis­sen, dass sie Bull­shit ist. Sie bringt ein­fach nur viel Pres­ti­ge, Geld und Spon­so­ren­gel­der, und irgend­et­was Beson­de­res müs­sen wir ja tun, sonst könn­te man ja glatt glau­ben, wir wären nor­mal.” (Zitat S.34) Doch Rain glaubt nicht an die Pro­phe­zei­ung. Sie will die­je­ni­ge aus all den Mär­chen­fa­mi­li­en sein, die sich wei­gern wird, den Prinz zu küs­sen. Das gefällt ihrer Groß­mutter jedoch gar nicht…

Das Cover ist ein Traum — dazu der schö­ne Farb­schnitt bei der Erst­auf­la­ge, ein wirk­li­cher Hin­gu­cker. Im Innen­teil der Klap­pen­bro­schur fin­det man zudem — sehr pas­send — die Wap­pen der jewei­li­gen Mär­chen­fa­mi­lie abge­bil­det. Der Roman wird durch­ge­hend aus Rains Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Ein­ge­lei­tet wird das Gan­ze mit einem äußerst mär­chen­haf­ten Pro­log: “Es war ein­mal vor sehr lan­ger Zeit, als sich der Anfang in das Ende ver­lieb­te. Man­che sagen auch, die Son­ne habe sich in den Mond ver­liebt, das Licht in die Dunk­le­heit, das Gute in das Böse, das Alles in das Nichts.” (Zitat S.7) Hier wer­den die Hin­ter­grün­de zur Ent­ste­hung der Mär­chen­fa­mi­li­en dar­ge­stellt, inte­griert in eine Unter­hal­tung von Rain, ihrer Schwes­ter Fio­na und ihrer Groß­mutter, die zusam­men in einem Mär­chen­buch lesen. “Kin­der, ich bit­te um Auf­merk­sam­keit!” Grand­ma ließ das Mär­chen­buch sin­ken und blick­te uns streng an. Sie saß auf der alten Bank unter dem alten Apfel­baum vor unse­rem Haus. Mit der lan­gen Nase und dem ste­chen­den Blick erin­ner­te sie mich immer an eine Krä­he. Nur Angst ein­flö­ßen­der.” (Zitat S.9) Die mär­chen­haf­te Atmo­sphö­re zieht sich durch den gan­zen Roman. Zunächst noch ganz fern und wenig magisch, wie eine Geschich­te, die man in einem Mär­chen­buch liest, und dann uner­war­tet real und auch recht düs­ter. Außer­dem wer­den die jewei­li­gen Kapi­tel durch Mär­chen­zi­ta­te ein­ge­lei­tet, auch aus teils unbe­kann­te­ren Mär­chen der Gebrü­der Grimm. Die Per­so­nen­be­schrei­bun­gen sind sehr tref­fend, wie zum Bei­spiel die der Groß­mutter, wel­che bril­lant (und fast mär­chen­haft) beschrie­ben wird: “Es hat­te Jah­re gebraucht,Kasimira bis ich ver­stan­den hat­te, wie mei­ne Groß­mutter tick­te. Dass sie Din­ge wie Lie­be und Zunei­gung nicht ein­fach so gab. Man muss­te sie sich ver­die­nen. Bei ihr gab es immer eine Bedin­gung, einen Preis, eine Leis­tung, die erbracht wer­den muss­te. […] Sie warf uns Zunei­gung wie klei­ne Bro­cken zu, um die wir uns balg­ten.” (Zitat S.40) Das Set­ting in “Ever & After: Der schla­fen­de Prinz” ist sehr gelun­gen: “Hin­ter uns thron­te die alt­ehr­wür­di­ge Vil­la Whites­tone. So wuch­tig und uralt, dass sie eigent­lich nur noch von dem über­wu­chern­den Efeu, etwas Stein und purer Wil­lens­kraft zusam­men­ge­hal­ten wur­de.” (Zitat S.16) Ein­ge­bet­tet in die rea­le Welt exis­tie­ren die Mär­chen­fa­mi­li­en. Es gibt sogar extra Ein­rich­tun­gen für sie: “Sofern der Stamm­baum ein­deu­tig mär­chen­haft war und man es sich leis­ten konn­te, bedeu­te­te das für uns eige­ne Kin­der­gär­ten, eige­ne Grund­schu­lenKasimira und in unse­rem Fall das Grimm’s Col­lege, auf das bereits unse­re Urur­ur­groß­el­tern gegan­gen waren, um ihre Exklu­si­vi­tät hoch­zu­hal­ten. Wir Nach­fah­ren waren für den Rest der Welt wahr­schein­lich so etwas wie eine schrä­ge Sek­te. Eine sehr berühm­te Sek­te, über die es haupt­säch­lich Gerüch­te und Fotos in den Klatsch­zeit­schrif­ten gab.” (Zitat S.18ff). Wäh­rend man als Leser*in gespannt in jene Welt ein­taucht, die für die sym­pa­thi­sche, rebel­li­sche Prot­ago­nis­tin Rain so gar nicht mär­chen­haft erscheint — sie glaubt an all das nicht wirk­lich und will sich nicht in eine Rol­le pres­sen las­sen — wird man von der Magie schließ­lich uner­war­tet über­rollt. Ab einem bestimm­ten Punkt ändert sich eini­ges in dem Roman. Dies geschieht stel­len­wei­se auch auf recht bru­ta­le, (bis­si­ge) Art, was nichts für Zart­be­sai­te­te ist. “Mär­chen — und damit unse­re Ver­gan­gen­heit — sind vol­ler KasimiraBlut, Dun­kel­heit und Gewalt. Der Prinz könn­te gefähr­lich sein und unse­re Welt ins Cha­os stür­zen, wenn er Magie zurück­bringt, die längst in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist.” (Zitat S.258) Dass der Prinz genau dies tut, zeigt Stel­la Tack recht ein­drucks­voll. Cha­os rich­tet sie jede Men­ge an. Der Span­nungs­bo­gen ist recht hoch. Stän­dig pas­siert etwas und lässt einen mühe­los über die Sei­ten des recht oppu­len­ten Romans flie­gen. Die Autorin ver­steht es ihre Leser*innen um den Fin­ger zu wickeln und zu fes­seln. Das Buch endet mit einem fie­sen Cliff­han­ger, der äußerst neu­gie­rig auf die Fort­set­zung macht, die im Herbst 2024 erschei­nen wird.

Du willst wis­sen wie es wei­ter­geht? Dann freu dich schon auf die Fort­set­zung: “Ever & After: Die dunk­le Hoch­zeit”, die im Okto­ber 2024 erschei­nen wird. Bekannt wur­de Stel­la Tack vor allem mit der “Kiss me”-Rei­he: “Kiss me once” (Band 1, Geschich­te von Ivy & Ryan) und “Kiss me twice” (Band 2, LesealternativenGeschich­te von Pres­cot & Sil­ver) und “Kiss me now” (Band 3, Geschich­te von Eve und King­s­ley, inklu­si­ve Bonus­ge­schich­te “Kiss me Alex”). Span­nend, mit­rei­ßend und gefühl­voll ist auch der ers­te Teil ihres Fan­ta­sy-Zwei­tei­lers “Night of Crowns: Spiel um dein Schick­sal”, das mit “Kämpf um dein Herz” fort­ge­setzt wird. Ande­re Fan­ta­sy­ti­tel von Stel­la Tack sind “Luzi­fer: Des Teu­fels Sün­de”, “War­ri­or Peace: Gött­li­ches Blut”  und “War­ri­or Peace: Gött­li­cher Zorn”. Außer­dem schrieb sie noch die “Stars and Lovers”-Rei­he: “Beat it up” (Band 1), “Light it up” (Band 2) und “Love it up” (Band 3). Danach schrieb sie noch die “Black­bird Aca­de­my”-Rei­he: “Töte die Dun­kel­heit” (Band 1), “Fürch­te das Licht” (Band 2, erscheint April 2024) und “Lie­be den Tod” (Band 3, erscheint 2025). Du magst mär­chen­haf­te Roma­ne? Sehr emp­feh­len kann ich “Hazel Wood: Wo alles beginnt” von Melis­sa Albert oder das lite­ra­ri­sche “Das Mäd­chen mit den glä­ser­nen Füßen” von Ali Shaw. Oder lies die bekann­te “School for Good and Evil”- Rei­he von Soman Chaina­ni oder die “Reck­less”-Rei­he von Cor­ne­lia Funke.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-58613-4
Erscheinungsdatum: 27.September 2023
Einbandart: Broschur
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 576


Trailer zum Buch:
 

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Kasimiras Bewertung:

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