“Die Mutsammlerin” ist ein Roman der deutschen Autorin Stefanie Taschinski. Die 12-jährige Emmi lebt mit ihrer jüngeren Schwester Lieke und ihren Eltern in den Niederlanden. Die Sommerferien verbringen die beiden Mädchen jedoch bei den Großeltern in Deutschland. Dort auf dem Dachboden, der renoviert werden soll, macht Emmi einen erstaunlichen Fund: Sie stößt auf das Tagebuch ihrer Ururgroßmutter Elsa. Dieses beginnt in den 1930er-Jahren und reicht bis hin zu den Ereignissen während des Nationalsozialismus, als sie mit ihrer Familie Widerstand leistete und gehörigen Mut beweisen musste. Diese Erlebnisse bringen auch Emmi dazu, mutig zu sein, als ein Mädchen und ihr jüngerer Bruder, die beide Sinti und Roma sind, immer wieder rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind… Ein Buch, das auf wahren Begebenheiten beruht und die bewegende Geschichte der Hamburger Familie Esser, die während des Nationalsozialismus den Mut fand, sich gegen das Regime zu stellen, mit Emmis Erlebnissen in der Gegenwart verbindet. Bewegend, berührend und wichtig! Ideal auch als Klassenlektüre oder für eine Buchvorstellung. Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
Die 12-jährige Emmi, die mit ihrer kleinen Schwester Lieke und ihren Eltern in den Niederlanden wohnt, hätte die Ferien mit ihrer besten Freundin in Schweden verbringen können, traute sich aber nicht so recht. Deshalb hat sie
die Renovierungsarbeiten ihrer Großeltern, die in Deutschland leben, vorgeschoben. Diese besuchen Emmi und Lieke nun in den Sommerferien. Renoviert wird bei den Großeltern tatsächlich. Der Dachboden soll entrümpelt und auch das Dach repariert werden. Weil auch die Treppe, die dort hochführt, eingebrochen ist, verbieten die Großeltern den Kindern nach oben zu gehen. Doch als Emmi immer wieder Geräusche vom Dachboden hört, kann sie nicht anders. Sie schleicht sich heimlich nach oben. Und macht eine ganz besondere Entdeckung. Es hat sich nicht nur ein Siebenschläfer dort in dem alten Ofen eingenistet, sondern sie findet auch ein altes Tagebuch, das im Ofen versteckt wurde. “Elsa”, las Emmi den Namen, der in verblasster Tinte daraufgeschrieben war. Elsa. Emmi fühlte sich, als wäre sie durch ein Kaninchenloch in eine andere Welt gefallen. Aber hier saß sie — auf dem Dachboden ihrer Großeltern — und hatte etwas gefunden. Etwas Kostbares, Geheimnisvolles.” (Zitat aus “Die Mutsammlerin” S.38) Emmi — die das Tagebuch
niemandem zeigt, sondern jede Nacht nach oben schleicht, um weiterzulesen — erfährt, dass Elsa die Oma ihres Großvaters war. Elsas Geschichte zu erfahren, fasziniert sie. “Das Mädchen… das Mädchen in dem alten Heft war kaum älter als sie! Nur zwei, drei Jahre älter — und sie musste schon arbeiten. Diese Elsa stand früh auf, schleppte Kohlen, putzte von früh bis spät. Und trotzdem beschwerte sie sich nicht.” (Zitat S.42) Und je mehr Emmi von Elsa und von ihrem Mut in vergangenen Zeiten erfährt, desto mehr Mut entwickelt sie selbst plötzlich. Denn zu Beginn der Ferien hat sie im Park Bianca und ihren Bruder Ginaro kennengelernt, die beide Sinti und Roma sind. Als Emmi mitbekommt, wie Ginaro von anderen Kindern schikaniert wird, möchte sie ihm eigentlich helfen, doch ihre Angst hält sie davon ab. “Emmis Kehle schnürte sich zusammen. Sie war wie gelähmt. Sand spritzte auf. “Hey, du Opfer, hau ab!”, brüllte der große, blonde Junge und fuhr so dicht an dem K
leinen vorbei, dass dieser hinfiel. Keiner der Spaziergänger schien die Szene mitzubekommen. Ich muss ihm helfen!, durchfuhr es Emmi. Aber sie rührte sich nicht. Wie eingefroren blieb sie stehen und schaute zu, wie der zweite Scooter angefahren kam.” (Zitat S.21) Doch wird Emmi es tatsächlich schaffen, beim nächsten Mal nicht wegzusehen? Mutig zu sein, so wie Elsa? Und welche Geheimnisse hält das Tagebuch ihrer Ururgroßmutter noch für sie bereit? Doch dann geschieht etwas Schreckliches, das Emmis neu gewonnenen Mut auf eine Weise herausfordert, mit der sie niemals gerechnet hätte…
Das Cover ist faszinierend gestaltet und deutet mit der Spiegelung der Libellen auf dem Wasser und den Flugzeugen bereits auf die zweite, geschichtliche Ebene des Romans während der Zeit des Nationalsozialismus hin. Der Roman ist durchgängig
aus Emmis Sicht in personaler Erzählweise geschrieben. Stefanie Taschinski hat eine sehr angenehme Sprache und Erzählart. Stimmig und unterhaltsam. “Emmi lag wach, während die Nacht draußen auf dem Schornstein Kopfstand übte. Eine dunkle Akrobatin, die mit den Sternen spielte.” (Zitat S.6) Teilweise verwendet sie viele Metaphern, die die Vorstellungskraft der Leser:innen anregen. Vor allem Bilder mit Vögeln kreiert sie: “Sie lauschte, wartete — aber der Schlaf kam nicht. Immer wieder huschte er an ihr vorbei, leise und scheu wie ein Vogel, der sich nicht einfangen ließ.” (Zitat S.5) oder “Als Emmi sich wieder aufrichtete, fühlte sie sich wie ein Vogel, der gegen eine Fensterscheibe geflogen war.” (Zitat S.21) Die Sprache ist sehr atmosphärisch und umfasst zum Teil einige ausführliche Beschreibungen, aber auch interessante Wortneuschöpfungen. “Draußen war der Tisch bereits gedeckt. Die karierte Wachstuch-Tischdecke. Ein Strauß Gartenblumen. Die rote Teekanne. Alles war ferienschön,
wie immer.” (Zitat S.10) Ergänzt wird das Ganze durch großflächige Zeichnungen zu den Kapitelanfängen von Bea Davies, die die Geschichte sehr schön untermalen. Leider wird zu Beginn nicht auf das anschließende, wichtige Glossar am Ende hingewiesen. Dies hätte man durch * oder eine Fettmarkierung besser lösen können, damit die Leser:innen bereits während der Lektüre wissen, dass sie manche Begriffe nachschlagen können. Sehr passend gemacht sind vor allem die Tagebucheinschübe in kursivem Schriftbild, die zudem Elsas Perspektive zeigen. “Emmi hielt inne. Hatte sie sich verlesen? Zur Sicherheit las sie die Zeile noch einmal. Da stand es: Sechzehn Stunden, jeden Tag. Sechszehn Stunden arbeiten! Emmi konnte sich überhaupt nicht ausmalen, wie hart Elsas Leben gewesen sein musste.” (Zitat S.59) In die Vergangenheit der 1930-er Jahre abzutauchen, liest sich sehr fesselnd. Was Elsa alles erlebt hat, wie sie aufgewachsen und eine Familie gegründet hat. Bis hin zur Zeit des Nationalso
zialismus, die für Elsa nicht leicht war. Der Mut, den sie beweist, bezieht sich allerdings nicht auf ein konkretes Ereignis, wie man vielleicht erwarten könnte, sondern auf viele einzelne. Eine Stelle fand ich etwas heftig für ein Jugendbuch ab 10 Jahren (vom Verlag empfohlen) und würde die Altersempfehlung daher eher auf ab 12 setzen: “Sie haben sich meinen Jungen geschnappt und immer wieder auf seinen Kopf geprügelt. Mit den Fäusten und zusammengedrehten Handtüchern. Die Schläger wechselten dauernd. Die anderen, auch Rudi, wurden in die Zellen gesperrt. Nur Alwin haben sie draußen behalten. In der Nacht vom 10. auf den 11. November haben sie ihn totgeschlagen.” (Zitat S.126) Es ist schön mitanzusehen, wie Emmi sich durch Elsas Mut weiterentwickelt, wie sie auch in der Gegenwart mit Fremdenfeindlichkeit, beispielsweise gegenüber Bianca und ihrem Bruder, besser umzugehen lernt und in entscheidenden Situationen selbst Mut be
weist. “Sie presste den Rucksack mit dem Tagebuch fest an ihre Brust. Wenn Elsa nicht aufgegeben hat, darf ich es auch nicht. Dann stieg sie hinunter — Schritt für Schritt, auf einen neuen Tag zu.” (Zitat S. 130). Das Ende der Geschichte wird besonders dramatisch und nervenaufreibend. Jedoch löst sich alles wieder harmonisch und zum Guten hin auf. Anschließend folgt ein Nachwort von Bernhard Esser, dem “Opa” von Emmi, der auf die Hintergründe seiner Familiengeschichte und die Arbeit mit Stefanie Taschinski eingeht und auf das, was er erreichen möchte. “Heute mit meinen 82 Jahren gehe ich an Schulen und in die Öffentlichkeit, um meine Familiengeschichte zu erzählen. Ich kämpfe gegen menschenfeindliches Denken und Rechtsextremismus. Deshalb werbe ich für ein friedliches Zusammenleben, Respekt und Demokratie.” (Zitat S.199ff) Seine Oma Elsa sei sein großes Vorbild und er hoffe, dass ihre Geschichte auch andere Menschen mutiger mache. Drei Fotografien werden ebenfalls abgebildet: eine von Elsa und ihrem Enkel, eine von Elsa als junges Mädchen und eine von Bernhard Esser heute. Nach einer Danksagung von Stefanie Taschinski folgt das bereits erwähnte Glossar.
Du möchtest noch andere Bücher von Stefanie Taschinski lesen? Bekannt wurde sie vor allem durch ihre “Die kleine Dame”-Reihe, die bisher fünf Bände umfasst (“Die kleine Dame” (Band 1), “Die kleine Dame und der rote Prinz” (Band 2), “Die kleine Dame auf Safari” (Band 3), “Die kl
eine Dame melodiert ganz wunderbar” (Band 4), “Die kleine Dame in den Blauen Bergen (Band 5)) und außerdem eine Weihnachtsgeschichte (“Die kleine Dame feiert Weihnachen”) und ein Entdeckerbuch “Die kleine Dame und Du — Ein Salafari-Buch zum Entdecken, Staunen & Mitmachen). Neben zahlreichen Büchern für jüngere Leser:innen schrieb sie für 10-jährige außerdem noch “Die POPkörner”-Reihe: “Ein Stern für Lou” (Band 1), “Ein Feuerwerk für Motte” (Band 2) und “Eine Bühne für Billie” (Band 3) und den Einzelband “Caspar und der Meister des Vergessens”. Du suchst Lesealternativen zu “Die Mutsammlerin”? Dann greif unbedingt zu “Die verborgenen Bilder” von Maja Ilisch und der Neuerscheinung “Wann werden wir uns wiedersehen?” von Contanze Neumann. Gut könnte ich mir auch “Flügel aus Papier” von Marcin Szczygielski, “White Bird: Wie ein Vogel” von Raquel J. Palacio, Erica S.Perl und “Der Pfad: Die Geschichte einer Flucht in die Freheit” von Rüdiger Bertram vorstellen.
Bibliografische Angaben:
Verlag: Fischer Sauerländer ISBN: 978-3-7373-7648-8 Erscheinungsdatum: 26.August 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 208 Illustrator*in: Bea Davies
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-7648-8
Erscheinungsdatum: 26.August 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 208
Illustrator*in: Bea Davies
