Stefanie Höfler — Bis der Regen Feuer fängt

19.März 2026

Die viel­fach für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­nier­te, deut­sche Autorin Ste­fa­nie Höf­ler hat ein neu­es Buch ver­öf­fent­licht. “Bis der Regen Feu­er fängt” spielt im Jahr 2065. Eine Dys­to­pie, ein Selbst­fin­dungs­ro­man, aber zugleich auch die Geschich­te einer Fami­lie, einer ers­ten Lie­be und der Suche nach einer Wahr­heit, die alles auf den Kopf stel­len wird. Toni­as Bru­der ist ver­schwun­den. Dafür ist Sol in ihrem Leben auf­ge­taucht, in die sie sich ver­liebt hat. Doch ihre Lie­be ist non­kon­form, darf eigent­lich nicht sein, in einer Welt, in der die Men­schen mit­tels Kame­ras und einem Sen­sor am Hand­ge­lenk per­ma­nent über­wacht wer­den. Des­halb bricht Tonia eines Tages aus. Aus dem Sys­tem. Sie ver­schwin­det im Wald. In die Zone, in der eigent­lich nie­mand sein darf. Und trifft auf Leon­hard. War­um hat er die glei­chen Nar­ben an der Hand wie sein Bru­der? Bald erfährt Tonia von einer Stu­die, einem Expe­ri­ment, einer Wahr­heit, die so erschre­ckend ist, dass sie alles für immer ver­än­dern wird… Ein Roman, der unauf­ge­regt und ruhig star­tet und dann immer mehr in einen Lese­sog zieht! Ein­dring­lich, inten­siv und bril­lant. Mit einer sehr bild­rei­chen, inten­si­ven Spra­che. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Die 16-jäh­ri­ge Toni redet nie viel, ist oft sehr still. Noch stil­ler ist hin­ge­gen ihre Mut­ter gewor­den, seit ihr Bru­der Rudi ver­schwun­den ist. “Mei­ne Mut­ter geht seit Wochen kaum noch aus dem Haus. Meist liegt sie auf dem Sofa, in eine Decke gewi­ckelt, durch Bewe­gungs­lo­sig­keit getarnt, stumm. Ich weiß nicht genau, wann sie auf­ge­hört hat zu arbei­ten. Drei Wochen, vier Wochen nach Rudis Ver­schwin­den, fünf?” (Zitat aus “Bis der Regen Feu­er fängt” S.23) Es gab einen Streit mit ihren Eltern, danach ist Rudi ver­schwun­den. Unauf­find­bar. Er hat sich ver­än­dert zuvor. Er — der natur- und bio­lo­gie­fas­zi­nier­te Bru­der — den Toni über alles ver­misst. Zwei Tage nach Rudis Ver­schwin­den hat Toni Sol ken­nen­ge­lernt. Ein Mäd­chen, das sie dazu bringt, mehr aus sich her­aus­zu­kom­men. “Je weni­ger ich dir sage, des­to mehr musst du nach­den­ken. Und aus der Deckung kom­men” (Zitat S.15) Sol, in die Toni sich ver­liebt, bringt sie dazu, nach­zu­den­ken. Über das Sys­tem und die Welt, in der sie im Jahr 2065 leben. Ein Sen­sor zeich­net ihre Gesund­heits­da­ten auf, wohin sie sich bewe­gen, auch Geräu­sche wer­den auf­ge­zeich­net. Es soll das Leben ver­ein­fa­chen. “Ich hat­te mir nie Gedan­ken über die Sys­te­me gemacht, die wir alle frei­wil­lig nutz­ten, weil sie unser Leben beque­mer mach­ten, siche­rer.” (Zitat S.9) Und dann bricht Toni ein­fach aus, aus dem Sys­tem. Sie haut ab und ver­schwin­det im Wald. “Viel­leicht muss­te erst Sol auf­tau­chen, damit sich etwas ändern kann, damit ich mich ändern kann. Denn innen drin bin ich lau­ter gewor­den in die­sen Mona­ten ohne Rudi und mit Sol. Etwas ist gewach­sen, wort­los. Zum ers­ten Mal ver­ste­he ich, woher Rudi, schmal und blass geworden nach Mona­ten der Merk­wür­dig­keit, die Kraft hat­te, weg­zu­ge­hen. Denn die­sel­be Wut, die er gespürt haben muss, die füh­le jetzt auch ich.” (Zitat S.78) Eigent­lich dür­fen sie die äuße­re Zone des Wal­des nicht betre­ten, nur den Teil, der frei­ge­ge­ben wur­de. Als Kin­der wur­den sie bereits davor gewarnt, dass es hier kein Was­ser gäbe, das sie trin­ken kön­nen; dass es gif­ti­ge Pflan­zen und wil­de Tie­re gäbe. Der Wald war immer Rudis Welt. Für mich lag er eher wie eine dunk­le Scha­blo­ne im Hin­ter­grund, weil ich ande­re Orte hat­te. Jetzt, da ich hier oben ste­he und den Wald zum ers­ten Mal mit ande­ren Augen sehe, mit den Augen einer, die Zuflucht sucht und Aus­bruch wagt, den­ke ich, dass Rudi recht hat­te, wenn er den Wald als leben­dig beschrieb.” (Zitat S.58) Aber im Wald ist es gar nicht so furcht­bar, wie man es ihr beschrie­ben hat. Toni fin­det dort Unter­schlupf in einer Hüt­te. Und trifft auf Leon­hard, der noch weni­ger gesprä­chig ist, aber eben­falls abge­hau­en zu sein scheint. “Noch nie hat­te ich einen fried­li­che­ren Ort gese­hen. Lügen, den­ke ich. Man hat uns Lügen erzählt, in der Schu­le, zu Hau­se. Und wenn man uns Lügen erzählt hat über den äuße­ren Wald­gür­tel, woher weiß ich dann, dass nicht auch tau­send ande­re Din­ge gelo­gen sind, an die ich mein Leben lang geglaubt habe?” (Zitat S.73) Das Selt­sa­me an Leon­hard ist, dass er die glei­chen Nar­ben an den Hän­den hat wie Rudi. Außer­dem hat er einen Brief bei sich, der eini­ges ins rech­te Licht rückt. An was für einem Expe­ri­ment war Rudi betei­ligt? Und wo ist er jetzt? Toni beschließt ihn unbe­dingt zu fin­den und nach Hau­se zurückzuholen…

Die Farb­kom­bi­na­ti­on des Covers wirkt fas­zi­nie­rend. Anders. Beson­ders. Eben­so wie es die Geschich­te inner­halb des Buch­de­ckels ist. Der Roman star­tet mit einem Pro­log und einem wich­ti­gen ers­ten Satz, den Sol aus­spricht: “Stell dir vor, wir wür­den ein­fach aus­bre­chen” (Zitat S.7) Nach dem ers­ten Ken­nen­ler­nen der bei­den folgt der Haupt­teil mit einem Zeit­sprung von 3 Mona­ten. Toni und Sol sind bereits zusam­men, haben eine ers­te Nacht mit­ein­an­der ver­bracht. Kurz danach flüch­tet sie in den Wald. Will nach­den­ken, zu sich fin­den, aber auch ihren Bru­der fin­den. Die Welt, in die Ste­fa­nie Höf­ler in “Bis der Regen Feu­er fängt” ent­führt, ist eine Welt in der Zukunft, im Jahr 2065. Die Men­schen schrei­ben nicht mehr auf Papier, viel zu umständ­lich. Sie tra­gen Sen­so­ren, hal­ten sich an staat­li­che Emp­feh­lun­gen und wer­den über­wacht, ohne sich dar­an zu stö­ren. Es reg­net seit Jah­ren kaum mehr. Dür­ren sind gro­ße, ein­neh­men­de Pro­ble­me. Wenn es dann wirk­lich mal reg­net, ist es etwas Außer­ge­wöhn­li­ches für die Men­schen: Aus eini­gen Häu­sern tre­ten Men­schen vor die Tür und sehen, wie ich, ungläu­big zum Him­mel. Eine Frau, unge­fähr so alt wie mei­ne Mut­ter, klam­mert sich an ihren Tür­griff, schaut ängst­lich nach oben, ein grei­ser Mann steht bar­fuß auf der Stra­ße und lacht übers gan­ze Gesicht, an sei­ner Hand hat er ein klei­nes Kind, ver­mut­lich noch zu klein für die Kin­der­grup­pe, dem er ges­ti­ku­lie­rend etwas erklärt. Bestimmt spricht er über den Regen, wie er frü­her war.” (Zitat S.33) Im Wald reg­net es dann viel zu oft plötz­lich und man merkt, die­ser titel­ge­ben­de Regen des Romans spielt eine wich­ti­ge Rol­le. Auch die viel erwähn­ten Far­ben sind zen­tra­le Merk­ma­le der Geschich­te, denn Toni liebt es alles um sie her­um genau zu beschrei­ben. “Manch­mal hielt er eines sei­ner Fund­stü­cke hoch und ließ mich eine Far­be zuord­nen: ein Kie­sel: gra­phit­grau, eine Feder: grau­braun, am Rand ein Strei­fen veil­chen­vio­lett, ein Herbst­blatt: rost­rot. Rudi nann­te mich farb­be­ses­sen, und so, wie er es sag­te, klang es nach einem Kom­pli­ment.” (Zitat S.34) Die Spra­che von Ste­fa­nie Höf­ler ist sehr prä­zi­se und zugleich atmo­sphä­risch. “lau­sche dabei dem Wind, des­sen lei­ses Wim­mern nur von hier oben zwi­schen den trop­fen­den, som­mer­grü­nen Baum­spit­zen zu hören ist, und den Vögeln, die ihren lau­ten Abend­ge­sang anstim­men, der urplötz­lich ver­stummt, als die Dun­kel­heit sich auf den Wald her­ab­senkt wie ein Tuch.” (Zitat S.79) Man stol­pert sowohl über beson­de­re Wort­neu­schöp­fun­gen wie “Wald­wach­sam­keit” (Zitat S.122), als auch immer wie­der beein­dru­cken­de, laut­ma­le­ri­sche, inten­si­ve Sprach­mo­men­te: “Auf Socken schlei­che ich zitt­rig die drei Stock­wer­ke hin­un­ter und durch die schwe­re Haus­tü­re bis auf den Geh­steig, tau­me­le noch eini­ge Schrit­te wei­ter die hell­graue Haus­wand ent­lang, die unten von schwar­zen Spren­geln über­sät ist, städ­ti­sche Dreck­spren­kel, so dicht, dass sie aus­se­hen wie Absicht.” (Zitat S.21) “Bis der Regen Feu­er fängt” ist ein zunächst noch ruhi­ger, unauf­ge­reg­ter, aber ein­dring­lich erzähl­ter Roman über eine Wahr­heit, die sich erst lang­sam ent­blät­tert, zieht sei­ne Leser:innen dann aber unauf­halt­sam in den Bann. Fas­zi­nie­rend sind vor allem die vie­len Ein­schü­be wie Brie­fe, offi­zi­el­le Doku­men­te von Wis­sen­schaft­lern und ande­ren Per­so­nen, die das Buch wie ein Puz­zle immer mehr zu einem gan­zen Bild ergän­zen. Tonis Jetzt-Erleb­nis­se wer­den auch regel­mä­ßig durch Rück­blen­den unter­bro­chen. Rück­blen­den, die von ihrer Bezie­hung zu Sol und von ihrem Bru­der erzäh­len und immer mehr ver­ste­hen las­sen. “Ich glau­be, das war der Augen­blick, in dem ich begriff, dass ich dabei war, mei­nen Bru­der zu ver­lie­ren. Dass irgend­et­was in Rudi kaputt­ge­gan­gen war, was man nicht ein­fach repa­rie­ren konn­te.” (Zitat S.61ff) Vor allem Ton als Figur macht eine äußerst glaub­haf­te Ent­wick­lung durch. Das stil­le, ruhi­ge Mäd­chen — “Tonia Ohne­wor­te” hat­ten sie mich schon in der ers­ten Klas­se getauft. Weil mei­ne Zun­ge mir meis­tens am Gau­men kleb­te, ich stumm blieb, ob aus Lang­sam­keit oder Schüch­tern­heit, war unklar.” (Zitat S.9) — kommt lang­sam aus sich her­aus und fängt an kri­tisch zu reflek­tie­ren. “zum aller­ers­ten Mal stel­le ich mir die Fra­gen, die Sol sich schon so lan­ge stellt: Wer sieht uns dabei zu, wie wir leben? Wer wer­tet all die Daten aus, die über jeden Ein­zel­nen von uns gesam­melt wer­den? Ist es ein Mensch oder ein Algo­rith­mus? Und was geschieht über­haupt damit? Geschieht über­haupt irgend­et­was? Was ist, wenn man sich nicht ein­fügt in unser Sys­tem der frei­wil­li­gen Kon­for­mi­tät, in die Mehr­heit der Glei­chen und Gleich­sein-Wol­len­den?” (Zitat S.36) Ein lei­ses Mäd­chen, das plötz­lich laut wird und bereit ist um die Din­ge zu kämp­fen, die ihr wich­tig sind. Gegen Ende steu­ert die Autorin auf ein gro­ßes, explo­si­ves Fina­le zu, das pas­send und gewal­tig ausklingt.

Du möch­test noch wei­te­re Bücher von Ste­fa­nie Höf­ler lesen? Hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Mein Som­mer mit Mucks” (2015, ab 11, nomi­niert füLesealternativenr den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis), “Tanz der Tief­see­qual­le” (2017, nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis), “Der gro­ße schwar­ze Vogel”  (2018, nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis), “Hel­sin Apel­sin und der Spin­ner” (2020, ab 8), “Wald­ta­ge!” (2020, Bil­der­buch ab 4), “Die Erobe­rung der Vil­la Herbst­gold” (2022, Bil­der­buch, ab 4), “Feu­er­wan­zen lügen nicht” (2022, nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis, ab 11), “Amei­sen in Adas Bauch. Ein Kin­der­buch über laut und lei­se Gefüh­le” (2024, ab 6), “Nacht­spa­zier­gang! Die schöns­te Kita-Über­nach­tung” (2025, Bil­der­buch, ab 4). Du willst noch ein paar ande­re schö­ne, dys­to­pi­sche Roma­ne lesen? Lies zum Bei­spiel das etwas neue­re “Soul­ma­tes and other ways to die” von Melis­sa Wel­li­ver, “Ever­mind: Sie kennt dich” von Melis­sa C.Hill oder “Tomor­row Land” von Anto­nia Michae­lis und Peer Mar­tin. Klas­se sind auch “The Hive: Wenn die Köni­gin fällt” von Anna Febru­ary oder “The things we lea­ve behind” von Cla­re Furniss.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-79041-5
Erscheinungsdatum: 19.März 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 320

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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