Die vielfach für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte, deutsche Autorin Stefanie Höfler hat ein neues Buch veröffentlicht. “Bis der Regen Feuer fängt” spielt im Jahr 2065. Eine Dystopie, ein Selbstfindungsroman, aber zugleich auch die Geschichte einer Familie, einer ersten Liebe und der Suche nach einer Wahrheit, die alles auf den Kopf stellen wird. Tonias Bruder ist verschwunden. Dafür ist Sol in ihrem Leben aufgetaucht, in die sie sich verliebt hat. Doch ihre Liebe ist nonkonform, darf eigentlich nicht sein, in einer Welt, in der die Menschen mittels Kameras und einem Sensor am Handgelenk permanent überwacht werden. Deshalb bricht Tonia eines Tages aus. Aus dem System. Sie verschwindet im Wald. In die Zone, in der eigentlich niemand sein darf. Und trifft auf Leonhard. Warum hat er die gleichen Narben an der Hand wie sein Bruder? Bald erfährt Tonia von einer Studie, einem Experiment, einer Wahrheit, die so erschreckend ist, dass sie alles für immer verändern wird… Ein Roman, der unaufgeregt und ruhig startet und dann immer mehr in einen Lesesog zieht! Eindringlich, intensiv und brillant. Mit einer sehr bildreichen, intensiven Sprache. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Die 16-jährige Toni redet nie viel, ist oft sehr still. Noch stiller ist hingegen ihre Mutter geworden, seit ihr Bruder Rudi verschwunden ist. “Meine Mutter geht seit Wochen kaum noch aus dem Haus. Meist liegt sie auf dem Sofa, in eine Decke gewickelt, durch Bewegungslosigkeit getarnt, stumm. Ich weiß nicht genau, wann sie aufgehört hat zu arbeiten. Drei Wochen, vier Wochen nach Rudis Verschwinden, fünf?” (Zitat aus “Bis der Regen Feuer fängt” S.23) Es gab einen Streit mit
ihren Eltern, danach ist Rudi verschwunden. Unauffindbar. Er hat sich verändert zuvor. Er — der natur- und biologiefaszinierte Bruder — den Toni über alles vermisst. Zwei Tage nach Rudis Verschwinden hat Toni Sol kennengelernt. Ein Mädchen, das sie dazu bringt, mehr aus sich herauszukommen. “Je weniger ich dir sage, desto mehr musst du nachdenken. Und aus der Deckung kommen” (Zitat S.15) Sol, in die Toni sich verliebt, bringt sie dazu, nachzudenken. Über das System und die Welt, in der sie im Jahr 2065 leben. Ein Sensor zeichnet ihre Gesundheitsdaten auf, wohin sie sich bewegen, auch Geräusche werden aufgezeichnet. Es soll das Leben vereinfachen. “Ich hatte mir nie Gedanken über die Systeme gemacht, die wir alle freiwillig nutzten, weil sie unser Leben bequemer machten, sicherer.” (Zitat S.9) Und dann bricht Toni einfach aus, aus dem System. Sie haut ab und verschwindet im Wald. “Vielleicht musste erst Sol auftauchen, damit sich etwas ändern kann, damit ich mich ändern kann. Denn innen drin bin ich lauter geworden in diesen Monaten ohne Rudi und mit Sol. Etwas ist gewachsen, wortlos. Zum ersten Mal verstehe ich, woher Rudi, schmal und blass gew
orden nach Monaten der Merkwürdigkeit, die Kraft hatte, wegzugehen. Denn dieselbe Wut, die er gespürt haben muss, die fühle jetzt auch ich.” (Zitat S.78) Eigentlich dürfen sie die äußere Zone des Waldes nicht betreten, nur den Teil, der freigegeben wurde. Als Kinder wurden sie bereits davor gewarnt, dass es hier kein Wasser gäbe, das sie trinken können; dass es giftige Pflanzen und wilde Tiere gäbe. “Der Wald war immer Rudis Welt. Für mich lag er eher wie eine dunkle Schablone im Hintergrund, weil ich andere Orte hatte. Jetzt, da ich hier oben stehe und den Wald zum ersten Mal mit anderen Augen sehe, mit den Augen einer, die Zuflucht sucht und Ausbruch wagt, denke ich, dass Rudi recht hatte, wenn er den Wald als lebendig beschrieb.” (Zitat S.58) Aber im Wald ist es gar nicht so furchtbar, wie man es ihr beschrieben hat. Toni findet dort Unterschlupf in einer Hütte. Und trifft auf Leonhard, der noch weniger gesprächig ist, aber ebenfalls abgehauen zu sein scheint. “Noch nie hatte ich einen friedlicheren Ort gesehen. Lügen, denke ich. Man hat uns Lügen erzählt, in der Schule, zu Hause. Und wenn man uns Lügen erzählt
hat über den äußeren Waldgürtel, woher weiß ich dann, dass nicht auch tausend andere Dinge gelogen sind, an die ich mein Leben lang geglaubt habe?” (Zitat S.73) Das Seltsame an Leonhard ist, dass er die gleichen Narben an den Händen hat wie Rudi. Außerdem hat er einen Brief bei sich, der einiges ins rechte Licht rückt. An was für einem Experiment war Rudi beteiligt? Und wo ist er jetzt? Toni beschließt ihn unbedingt zu finden und nach Hause zurückzuholen…
Die Farbkombination des Covers wirkt faszinierend. Anders. Besonders. Ebenso wie es die Geschichte innerhalb des Buchdeckels ist. Der Roman startet mit einem Prolog und einem wichtigen ersten Satz, den Sol ausspricht: “Stell dir vor, wir würden einfach ausbrechen” (Zitat S.7) Nach dem ersten Kennenlernen der beiden folgt der Hauptteil mit einem Zeitsprung von 3 Monaten. Toni und Sol sind bereits zusammen, haben eine erste Nacht miteinander verbracht. Kurz danach flüchtet sie in
den Wald. Will nachdenken, zu sich finden, aber auch ihren Bruder finden. Die Welt, in die Stefanie Höfler in “Bis der Regen Feuer fängt” entführt, ist eine Welt in der Zukunft, im Jahr 2065. Die Menschen schreiben nicht mehr auf Papier, viel zu umständlich. Sie tragen Sensoren, halten sich an staatliche Empfehlungen und werden überwacht, ohne sich daran zu stören. Es regnet seit Jahren kaum mehr. Dürren sind große, einnehmende Probleme. Wenn es dann wirklich mal regnet, ist es etwas Außergewöhnliches für die Menschen: “Aus einigen Häusern treten Menschen vor die Tür und sehen, wie ich, ungläubig zum Himmel. Eine Frau, ungefähr so alt wie meine Mutter, klammert sich an ihren Türgriff, schaut ängstlich nach oben, ein greiser Mann steht barfuß auf der Straße und lacht übers ganze Gesicht, an seiner Hand hat er ein kleines Kind, vermutlich noch zu klein für die Kindergruppe, dem er gestikulierend etwas erklärt. Bestimmt spricht er über den Regen, wie er früher war.” (Zitat S.33) Im Wald regnet es dann viel zu oft plötzlich und man merkt, dieser titelgebende Regen des Romans spielt eine wichtige Rolle.
Auch die viel erwähnten Farben sind zentrale Merkmale der Geschichte, denn Toni liebt es alles um sie herum genau zu beschreiben. “Manchmal hielt er eines seiner Fundstücke hoch und ließ mich eine Farbe zuordnen: ein Kiesel: graphitgrau, eine Feder: graubraun, am Rand ein Streifen veilchenviolett, ein Herbstblatt: rostrot. Rudi nannte mich farbbesessen, und so, wie er es sagte, klang es nach einem Kompliment.” (Zitat S.34) Die Sprache von Stefanie Höfler ist sehr präzise und zugleich atmosphärisch. “lausche dabei dem Wind, dessen leises Wimmern nur von hier oben zwischen den tropfenden, sommergrünen Baumspitzen zu hören ist, und den Vögeln, die ihren lauten Abendgesang anstimmen, der urplötzlich verstummt, als die Dunkelheit sich auf den Wald herabsenkt wie ein Tuch.” (Zitat S.79) Man stolpert sowohl über besondere Wortneuschöpfungen wie “Waldwachsamkeit” (Zitat S.122), als auch immer wieder beeindruckende, lautmalerische, intensive Sprachmomente: “Auf Socken schleiche ich zittrig die drei Stockwerke hinunter und durch die schwere Haustüre bis auf den Gehsteig, taumele noch einige Schritte weiter die hellgraue Hauswand entlang, die unten von schwarzen Sprengeln übersät ist, städtische Drecksprenkel, so
dicht, dass sie aussehen wie Absicht.” (Zitat S.21) “Bis der Regen Feuer fängt” ist ein zunächst noch ruhiger, unaufgeregter, aber eindringlich erzählter Roman über eine Wahrheit, die sich erst langsam entblättert, zieht seine Leser:innen dann aber unaufhaltsam in den Bann. Faszinierend sind vor allem die vielen Einschübe wie Briefe, offizielle Dokumente von Wissenschaftlern und anderen Personen, die das Buch wie ein Puzzle immer mehr zu einem ganzen Bild ergänzen. Tonis Jetzt-Erlebnisse werden auch regelmäßig durch Rückblenden unterbrochen. Rückblenden, die von ihrer Beziehung zu Sol und von ihrem Bruder erzählen und immer mehr verstehen lassen. “Ich glaube, das war der Augenblick, in dem ich begriff, dass ich dabei war, meinen Bruder zu verlieren. Dass irgendetwas in Rudi kaputtgegangen war, was man nicht einfach reparieren konnte.” (Zitat S.61ff) Vor allem Ton als Figur macht eine äußerst glaubhafte Entwicklung durch. Das stille, ruhige Mädchen — “Tonia Ohneworte” hatten sie mich schon in der ersten Klasse getauft. Weil meine Zunge mir meistens am Gaumen klebte, ich stumm blieb, ob aus Langsamkeit oder Schüchternheit, war unklar.” (Zitat S.9) — kommt langsa
m aus sich heraus und fängt an kritisch zu reflektieren. “zum allerersten Mal stelle ich mir die Fragen, die Sol sich schon so lange stellt: Wer sieht uns dabei zu, wie wir leben? Wer wertet all die Daten aus, die über jeden Einzelnen von uns gesammelt werden? Ist es ein Mensch oder ein Algorithmus? Und was geschieht überhaupt damit? Geschieht überhaupt irgendetwas? Was ist, wenn man sich nicht einfügt in unser System der freiwilligen Konformität, in die Mehrheit der Gleichen und Gleichsein-Wollenden?” (Zitat S.36) Ein leises Mädchen, das plötzlich laut wird und bereit ist um die Dinge zu kämpfen, die ihr wichtig sind. Gegen Ende steuert die Autorin auf ein großes, explosives Finale zu, das passend und gewaltig ausklingt.
Du möchtest noch weitere Bücher von Stefanie Höfler lesen? Hier chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert: “Mein Sommer mit Mucks” (2015, ab 11, nominiert fü
r den Deutschen Jugendliteraturpreis), “Tanz der Tiefseequalle” (2017, nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis), “Der große schwarze Vogel” (2018, nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis), “Helsin Apelsin und der Spinner” (2020, ab 8), “Waldtage!” (2020, Bilderbuch ab 4), “Die Eroberung der Villa Herbstgold” (2022, Bilderbuch, ab 4), “Feuerwanzen lügen nicht” (2022, nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis, ab 11), “Ameisen in Adas Bauch. Ein Kinderbuch über laut und leise Gefühle” (2024, ab 6), “Nachtspaziergang! Die schönste Kita-Übernachtung” (2025, Bilderbuch, ab 4). Du willst noch ein paar andere schöne, dystopische Romane lesen? Lies zum Beispiel das etwas neuere “Soulmates and other ways to die” von Melissa Welliver, “Evermind: Sie kennt dich” von Melissa C.Hill oder “Tomorrow Land” von Antonia Michaelis und Peer Martin. Klasse sind auch “The Hive: Wenn die Königin fällt” von Anna February oder “The things we leave behind” von Clare Furniss.
Bibliografische Angaben:Verlag: Beltz & Gelberg ISBN: 978-3-407-79041-5 Erscheinungsdatum: 19.März 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 18,00€ Seitenzahl: 320
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Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-79041-5
Erscheinungsdatum: 19.März 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 320
