Sera Milano — Nichts wird wie vorher sein

Kasimira10.Juli 2022

Nichts wird wie vor­her sein” ist das ers­te Jugend­buch der bri­ti­schen Autorin Sera Mila­no und erzählt die Geschich­te eines (fik­ti­ven) Ter­ror­an­schlags, der ein Fes­ti­val in einer Klein­stadt völ­lig auf den Kopf stellt. Berich­tet wird dies aus der Sicht von fünf Jugend­li­chen. Ein Kam­mer­spiel. Erschüt­ternd, bewe­gend, hef­tig und mit­rei­ßend. Mit rasch wech­seln­den Per­spek­ti­ven. Ein Thril­ler, der erschre­ckend aktu­ell ist, aber nichts für Zart­be­sai­te­te. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren, die bereit sind sich mit erns­ten The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen und inter­es­sier­te Erwachsene.

Ein klei­nes Städt­chen namens Amber­si­de. Im letz­ten Jahr wur­de das ört­li­che Fes­ti­val abge­sagt. Die­ses Jahr fin­det es wie­der statt. “Dar­um war es die­ses Jahr wie eine Befrei­ung, wie ein kol­lek­ti­ves Auf­at­men, als wir uns ver­sam­mel­ten, um los­zu­zie­hen. Wahr­schein­lich waren genau­so vie­le Leu­te dabei wie sonst auch, aber es fühl­te sich vol­ler an. Alle hin­gen irgend­wie dich­ter auf­ein­an­der. Es herrsch­te ein so kom­pak­tes Gedrän­ge, dass es mir vor­kam, als wür­den unse­re Her­zen im Gleich­takt schla­gen.” (Zitat aus “Nichts wird wie vor­her sein” S.13) Auf die­ses Fes­ti­val gehen auch fünf Jugend­li­che: Vio­let, die eher schüch­tern ist. “Ich mache mir nichts aus Tan­zen. Ich hal­te mich lie­ber am Rand auf, wo ich ande­re beob­ach­ten kann, ohne selbst ins Blick­feld zu gera­ten.” (Zitat S.11) Ellie. Eine Schön­heit, die vol­ler Selbst­be­wusst­sein ist. “Ellie tanzt, als wäre es ihr egal, wenn die gan­ze Welt zuguckt. Aber war­um auch nicht? Wenn sie tanzt, besteht die gan­ze Welt nur aus ihr. Ihr allein.” (Zitat S.11) Peaches, die eher eine Außen­sei­te­rin ist und die Tech­nik macht. Hoch über der Fes­ti­val­büh­ne soll sie die Schein­wer­fer aus­rich­ten und hat den bes­ten Über­blick, als plötz­lich etwas pas­siertKasimira: “Leu­te fie­len um. Sie ver­renk­ten sich plötz­lich und stürz­ten zu Boden. Ich ver­stand nicht, was los war. Direkt über mir explo­dier­te das Feu­er­werk. […] Zuerst hielt ich es für einen Scherz. Einen Flashmob, Irgend­was Geplan­tes.” (Zitat S.23) Doch es ist nichts Ein­stu­dier­tes. Es ist ein Ter­ror­an­schlag. Unbe­kann­te Mas­kier­te stür­men das umlie­gen­de Gelän­de und schie­ßen wild um sich. Auch Jo ist auf dem Fes­ti­val. “Dann stieß ich mit jeman­dem zusam­men, und es war wie­der sie. Kei­ne Ahnung, war­um schon wie­der sie, mit­ten in die­sem Getüm­mel. Viel­leicht Schick­sal.” (Zitat S.42) Jo stößt mit Vio­let zusam­men, die ihre Mut­ter und ihren Bru­der Ade ver­zwei­felt sucht. Peaches hin­ge­gen klet­tert von ihrem Gerüst her­un­ter, um sich schnell mög­lichst zu ver­ste­cken: “Zu dem Zeit­punkt hat­ten sie auf­ge­hörtKasimira, wahl­los rum­zu­bal­lern. Die Men­ge dünn­te an man­chen Stel­len aus und wur­de an ande­ren kom­pak­ter, und als ich Spros­se für Spros­se die Lei­ter am Gerüst run­ter­stieg, konn­te ich sehen, dass sie ihre Tak­tik änder­ten. Sie wähl­ten jetzt bestimm­te Zie­le aus. Ein­zel­ne Men­schen. Mach­ten Jagd auf sie. (Zitat S.29) Peaches ver­sucht — wie so vie­le ande­re  — unter der Kon­zert­büh­ne Unter­schlupf zu fin­den. Dort trifft sie auf einen Jun­gen aus ihrer Schu­le: “…es war ein­fach sei­ne Rol­le, der zu sein, der über­se­hen wur­de. Er war eh ziem­lich still und selt­sam, und zu brav, um jemals auf­zu­fal­len. Dar­um hat­te ich sei­nen Namen nicht mehr im Kopf. Aber er fiel mir wie­der ein. Er hieß Mai.” (Zitat S.37) Als sie auch unter der Büh­ne mit Schüs­sen ange­grif­fen wer­den, flüch­ten Mai und Peaches. Mai hin­ge­gen kehrt zurück, um wei­te­ren Men­schen bei der Flucht zu hel­fen. Peaches ver­sucht Kasimiradas ummau­er­te Gelän­de zu ver­las­sen. Doch der Aus­gang führt nur über eine ein­zi­ge, völ­lig über­füll­te, viel zu enge und wacke­li­ge Brü­cke. Wer­den die Jugend­li­che über­le­ben? Wer­den sie es schaf­fen zu ent­kom­men? Und was wird danach sein?

Das Cover ist auf­fal­lend. Auf die­se Geschich­te muss man sich ein­las­sen, eben­so wie auf den Titel, den man erst ein­mal erfas­sen muss. Die mas­kier­te Gestalt, das rot Geschrie­be­ne — im Gegen­satz zum etwas roman­ti­siert wir­ken­den eng­li­schen Ori­gi­nal­co­ver — wirkt das Deut­sche regel­recht bru­tal und ver­stö­rend. Doch “Nichts wird wie vor­her sein” ist wie ein Aus­nah­me­zu­stand. Es ist hef­tig und erbar­mungs­los in sei­nen Beschrei­bun­gen: “Ade hat­te einen Schuss in die Schul­ter und einen in die Wade abbe­kom­men. Aber das wuss­te icKasimirah damals noch nicht. Ich wuss­te nur, dass Blut aus den zer­fetz­ten Glie­dern mei­nes Bru­ders spritz­te. Und dass mei­ne Mut­ter ver­zwei­felt sei­nen Namen schrie, ihn pack­te und hoch­hob.” (Zitat S.27). Aber auch beklem­mend und nüch­tern: “Sie fiel nach vorn, in Dougs Arme. Sam guck­te ich mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen panisch an. Und ich hol­te mein Han­dy raus. Was man eben so acht, wenn man gera­de gese­hen hat, wie jemand stirbt. Man ruft Hil­fe.” (Zitat S.25) Ein Geflecht ver­schie­dens­ter Per­sön­lich­kei­ten, die uner­war­tet zu Opfern wer­den und eigent­lich nichts groß mit­ein­an­der zu tun haben, aber dann doch eine Gemein­sam­keit erlan­gen — sie wol­len alle­samt über­le­ben. Das Buch ist wie ein Bericht geschrie­ben, der stän­dig hin und her­springt und wahr­schein­lich Teil einer Befra­gung durch Beam­te: “Oh sor­ry — darf man bei so einer Unter­su­chung über­haupt flu­chen? Wenn nicht, muKasimirass ich Sie näm­lich war­nen, das pas­siert mir bestimmt noch öfter. Die­se gan­ze Geschich­te… was wir erlebt haben, kann man nicht auf net­te, höf­li­che Art beschrei­ben.” (Zitat S.36) Jeder Abschnitt ist mit dem Namen der jewei­li­gen Per­son, die gera­de erzählt, gekenn­zeich­net. Man­che Abschnit­te sind län­ger, man­che kür­zer. Teils sind es auch nur ein­zel­ne Sät­ze, bis die Ich-Per­spek­ti­ve wie­der wech­selt. Dadurch ent­steht schnell eine Dra­ma­tik und eine gehö­ri­ge Por­ti­on Span­nung: Ellie: Ich press­te mich dicht an die Mau­er und lief so zum Haus. Peaches: Ich rann­te zum Fluss. Vio­let: Ich muss­te mei­ne Mut­ter und Ade fin­den.” (Zitat S.52) Auch wenn es manch­mal schon ein wenig anstren­gend ist, den unter­schied­lichs­ten Sicht­wei­sen zu fol­gen und man teil­wei­se schon sehr kon­zen­triert lesen muss, um die Per­so­nen von­ein­an­der abzu­gren­zen und über­haupt eine Ver­bin­dung zu ihnen auf­zu­bau­en. KasimiraDas kam­mer­spiel­ar­ti­ge Set­ting ist der Autorin jeden­falls sehr gut gelun­gen: “Auf der Brü­cke herrsch­te unglaub­li­ches Gedrän­ge. Man erwar­te­te fast, dass sie unter so einer Last zusam­men­re­chen wür­de. […] Da hin­ten brach­te jemand Leu­te um, und hier muss­ten wir Schlan­ge ste­hen? Und Über­haupt, wer hat­te es eine gute Idee gefun­den, Hun­der­te Men­schen auf einem Gelän­de zu ver­sam­meln, auf dem es nur einen ein­zi­gen Aus­gang gab- der noch dazu eine wacke­li­ge alte Brü­cke war?” (Zitat S.56) Wo ver­steckt man sich am bes­ten? Denkt man an sich selbst oder hilft man auch ande­ren? Was zählt am Ende, wenn es jeden Moment zu Ende sein kann? Sera Mila­no lässt ihre Prot­ago­nis­ten ein­an­der näher kom­men. Zeigt Mensch­lich­keit in den Augen­bli­cken größ­ter Grau­sam­keit: “Ent­we­der sie wKasimiraaren wei­ter­ge­zo­gen oder sie luden nach. Ich drück­te mein Gesicht in Vio­lets Schul­ter, um ruhig zu blei­ben. Mei­ne Angst woll­te unbe­dingt raus­ge­schrien wer­den. Vio­let: Ich spür­te sei­nen Atem an mei­nem Hals. Sein Gesicht war feucht. Ich war einem Jun­gen bis dahin noch nie so nah gewe­sen” (Zitat S.45) Das Ende zeigt Aus­bli­cke auch noch dar­auf, wie es danach wei­ter­geht. Wie wich­tig vor allem Gemein­schaft und Zusam­men­halt, aber auch der Mut, wei­ter­zu­ma­chen, sind. Und das nichts mehr jemals so sein wird wir vor­her. Dass die Zer­brech­lich­keit des Lebens immer prä­sent ist und es jeder­zeit anders sein kann: “Aber wahr­schein­lich schaf­fen wir es nur so durchs Leben, ohne nerv­li­che Wracks zu wer­den. In dem wir glau­ben, uns könn­te so was nie pas­sie­ren. Die Din­ge, die ande­ren pas­sie­ren, füh­len sich nie rich­tig real an. Du bist immer in Sicher­heit, bis du es plötz­lich nicht mehr bist.” (Zitat S.308ff) In einem Nach­wort gibt die Autorin an, war­um sie dar­auf ver­zich­tet hat, auf die Grün­de der Täter ein­zu­ge­hen (ein sehr inter­es­san­ter Ansatz!) und endet mit einer klu­gen Bot­schaft: “Um sich dem Ter­ro­ris­mus zu wider­set­zen, müs­sen wir das bes­te Leben füh­ren, das wir haben kön­nen, und so vie­le Men­schen lie­ben, wie nur mög­lich. Das wün­sche ich uns allen.” (Zitat S.349)

Fazit: Eine ver­stö­ren­de, hef­ti­ge, aber wich­ti­ge Geschichte!

Ein Buch, an das icLesealternativenh hin­sicht­lich der Per­spek­ti­ve unter­schied­li­cher Jugend­li­che sofort den­ken muss­te, ist “54 Minu­ten: Jeder hat Angst vor dem Jun­ge mit der Waf­fe” von Marie­ke Nij­kamp, wel­ches eben­falls sehr hef­tig zu lesen ist. Oder greif zu dem hef­ti­gen “Die Schü­ler von Win­nen­den“von Dani­el O.Bachmann, das auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beruht. Sehr zu emp­feh­len ist eben­so “19 Minu­ten” von Jodi Picoult (für Erwach­se­ne). Sehr gut gefiel mir auch “Was wir dach­ten, was wir taten” von Lea-Lina Oppel­mann. Ande­re gelun­ge­ne Bücher zum The­ma Amok­lauf sind: “Klas­sen­ziel” von T.A. Weg­berg“Böser Bru­der, toter Bru­der“von Narin­der Dha­mi (mit einem kras­sen Ende!) und “Es wird kei­ne Hel­den geben” von Anna Seidl (von einer sehr jun­gen Autorin). Oder lies “Ales­sas Schuld” von Bri­git­te Blo­bel und “Nach dem Amok“ von Myri­am Keil

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58429-8
Erscheinungsdatum: 29.Juni 2022
Einbandart: Broschur
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: Birgit Schmitz
Originaltitel: "This can never not be real"
Originalverlag: Electric Monkey (Farshore) 

Britisches Originalcover:
Kasimira







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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Originalcover: Homepage von Farshore

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