“In unserem Universum sind wir unendlich” ist das erste Jugendbuch der deutschen Autorin Sarah Sprinz, die vor allem mit ihrer “Dunbridge Academy”-Reihe große Erfolge feierte. In dem jetzigen Werk erzählt sie die Geschichte von zwei Jungs, die sich in einem Krankenhaus auf einer Intensivstation kennenlernen und einander unerwartet näher kommen. Während einer von ihnen dort nur ein befristetes Praktikum macht, ist der andere jedoch sterbenskrank. Eine Roadtrip nach Schottland als letzter Wunsch lässt sie gemeinsam eine besondere Reise antreten. Ein höchst emotionales Buch, eindringlich und intensiv geschrieben. Traurig, aber auch nachdenklich machend. Unvergesslich. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Ansel wollte eigentlich ein Medizinstudium beginnen. Doch nun ist er in einem Krankenhaus auf der Intensivstation gelandet. Er macht dort ein Praktikum als Pfleger. “Weil es mit dem Medizinstudium nicht geklappt hatte wie geplant. Es war ernüchternd, wenn man begriff, dass es dort draußen niemanden interessierte, wie sehr man etwas wollte. Da warst du keine Person, sondern nur eine Abiturnote, entweder sie war gut genug oder eben nicht.” (Zitat aus “In unserem Universum sind wir unendlich” S.6) Die Arbeit gefällt ihm eigentlich ganz gut. Er mag es, etwas Sinnvolles zu tun. Auch wenn er nicht allzu viel von
den medizinischen Fachbegriffen versteht. Aber Ansel ist sehr engagiert und macht sich die Mühe alles hinterher auf dem Computer nachzuschlagen. Auf der Intensivstation ist immer jede Menge zu tun. “Ich machte meine Morgenrunde mit dem Fieberthermometer, brachte das Blut ins Labor, verteilte das Frühstück. Die Ärzte kamen zur Visite vorbei, Brigitte schickte mich mit, damit ich etwas lernte, was ich in der Regel nur tat, wenn Doktor Meller, die Oberärztin der Neurochirurgie, Dienst hatte. Vermutlich hatte sie Mitleid mit mir, denn sie war immer nett und ignorierte mich nicht. Manchmal bot sie mir sogar an, später mit in den OP zu kommen, um zuzusehen.” (Zitat S.10) Eines Tages ist Doktor Meller nicht besonders gut drauf, und bald darauf versteht Ansel auch warum. Ihr Sohn Emil ist in das Krankenhaus eingeliefert worden. Er ist soeben operiert worden. Er hat einen Gehirntumor. “Er war wirklich kaum älter als ich, braune Haare, die Augen geschlossen und Haut, so pergamentpapierblass, dass ich die bläulich schimmernden Venen daru
nter selbst auf die Entfernung erkennen konnte. Mein Herz stolperte. Während der letzten Wochen auf dieser Intensivstation hatte ich alles Mögliche gesehen, doch noch nie jemand Junges wie Emil Meller. Und es gab keine Hoffnung für ihn.” (Zitat S.15) Irgendetwas fasziniert Ansel, der auf Jungs steht, an ihm. Er steht Emil bei einer Untersuchung bei und als dieser von der Intensivstation auf die normale Station verlegt wird, schleicht Ansel sich heimlich auf die andere Etage, um nach ihm zu sehen. Doch er kennt auch Teile seiner Krankengeschichte, eine Mitarbeiterin hat ihm Aufnahmen von Emils Gehirns gezeigt: “Ich starrte wortlos auf das Bild, diesen großen grellweißen Fleck mitten in einem Gehirn, der alles um sich herum verdrängte, einfach auffraß und zerstörte. Es sah böse aus, ohne Zweifel, und es würde ihn das Leben kosten[…]. Meller, Emil, stand in der linken oberen Ecke, 22.01.2003, hatte eine tickende Zeitbombe
im Kopf und es war nur eine Frage von Wochen, bis sie hochgehen und alles um ihn herum mit sich in die Luft jagen würde. Besser also, ich hielt mich möglichst fern.” (Zitat S.18) Aber das mit dem Fernhalten ist gar nicht so einfach. Denn plötzlich kann Ansel an gar niemanden anderen mehr denken, als an Emil…
Sowohl der Titel als auch das Cover von “In unserem Universum sind wir unendlich” sind wunderschön gewählt und äußerst passend. Der Roman wird durchgehend aus Ansels Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Ein sehr schüchterner Charakter, der noch Schwierigkeiten hat für sich selbst einzustehen, mutig zu sein und von anderen sogar als “verschreckt” wahrgenommen wird. Von seinen Begegnungen mit Emil zu lesen, ist daher sehr berührend. Ganz sanft und feinfühlig schildert Sarah Sprinz deren Annäherung: “Du kannst gerne herkommen, wenn du mal deine Ruhe brauchst.” Ich konnte nicht wegsehen. Sein Blick hielt fest. Wie mac
hte er das? “Also, nicht nur während deiner Mittagspause. Ich bin eigentlich immer hier, falls du es dir noch nicht gedacht hast.” Ich musste lächeln. In meinem Bauch entstand ein seltsames Gefühl.” (Zitat S.68) Natürlich ist “In unserem Universum sind wir unendlich” eine traurige Geschichte, man weiß zu Beginn bereits, dass Emil sterben wird, dass es keine Rettung für ihn geben kann. Dass er nur noch eine gewisse Zeit zu leben hat. Dies schildert die Autorin mit einer gekonnten, stillen, leisen Dramatik, mit einer Eindringlichkeit in ihrer Erzählstimme, die einfach absolut passend ist: “Er hatte mich nur einen kurzen Moment lang angesehen, aber seitdem wollte ich so viele Dinge wissen. […] Sich Namen von Patienten zu merken, um sie im Internet zu stalken, eigentlich ziemlich daneben, doch ich konnte nicht anders. Emil Meller, dachte ich, würde sterben, offenbar konnte das keiner verhindern und plötzlich kam es mir vor wie die größte Ungerechtigkeit auf dieser ganzen verfluchten Welt.”
(Zitat S.20) Es werden zum Teil auch einige medizinische Dinge in dem Buch angesprochen, jedoch nur sehr am Rande. Hier merkt man, dass die Autorin auch Medizin studiert. Beispielsweise ist Ansel bei einer Lumbalpunktion mit dabei und versucht Emil beizustehen. “Ich musste wegsehen, weil es so intensiv war, ich konnte nicht anders, dann zuckte mein Blick zu ihm zurück. Er sah noch immer her. Dunkelbraun, bitterer Kaffee. Ich erkannte nichts in seinen Augen und irgendwie alles. Emils Miene war hart geworden, so als wappnete er sich für einen kleinen Kampf, doch ich spürte auch seine Angst. Die hilflose Erwartung, das Wissen, dass es wehtun würde, auch mit Anästhesie. Das Flehen, das Bitte nicht noch mal. Und das Wissen, dass man ihn nicht hören würde.” (Zitat S.37) Schön fand ich auch die Idee mit dem Paralleluniversum. Als Ansel von einer Krankenschwester etwas getriezt wird, gibt Emil ihm einen Tipp: “Paralleluniverstum
.” […] “Bitte?” brachte ich heraus. Er zögerte, ich kam automatisch näher. Bis zu seiner Zimmertür. “Ich stelle mir dann immer vor, ich wäre woanders.” Emils dunkle Augen hielten mich fest. “In einem Paralleluniversum, irgendwo, wo keiner dumme Sachen zu mir sagt. […] Dann geht es mir besser.” (Zitat S.33) Dieses Paralleluniversum schaffen sich die beiden immer wieder durch besondere Momente, durch Auszeiten vom Alltag, bevor das echte Leben sie einzuholen droht. Dann beginnt der Roadtrip in Richtung Schottland für die beiden. Eine Reise, die unweigerlich auf ein Ende zusteuern wird, großartige Augenblicke, aber auch Tiefen für die beiden bereit hält. Sarah Sprinz’ Sprache ist einfach und klar, aber Gefühle zu transportieren, das schafft sie auf den Punkt genau: “Es muss unfassbar hart sein für dich.” Er klang gefasst. “Wenn man euch beide sieht, erkennt man sfoort, wie viel ihr euch bedeutet. So viel Liebe. Das ist selten. Und
wunderschön.” “Es ist nicht hart.” Das Schlucken fiel mir schwer. “Es ist die Hölle auf Erden”, hörte ich mich sagen. “Und das Schönste, was ich je erleben durfte.” (Zitat S.291) Während Tod, Krankheit, aber auch die Sehnsucht, das Leben in vollen Zügen auszukosten, den Hauptteil der Geschichte einnehmen, werden aber auch die Themen Homosexualität, die Suche nach der eigenen Identität und die Frage nach dem Wert einer Freundschaft behandelt. Ansel macht eine glaubwürdige Wandlung durch und lernt zudem zu sich selbst zu stehen. Das Ende ist hochgradig emotional und bewegend. Taschentuchalarm! Aber zugleich auch hoffnungsvoll und lebensbejahend.
Dir gefällt der Erzählsti
l von Sarah Sprinz? Dann lies noch ihre anderen Bücher für junge Erwachsene: die “University of British Columbia”-Reihe: “What if we drown” (Band 1), “What if we stay” (Band 2) und “What if we trust” (Band 3). Danach folgte die “Dunbridge Academy”-Reihe: “Anywhere” (Band 1), “Anyone” (Band 2) und “Anytime” (Band 3, erscheint im September 2022). Unter dem Pseudonym Sarah Heine veröffentlichte sie zuvor noch die “Feel-like”-Reihe: “Feels like love” (Band 1), “Feels like loss” (Band 2) und “Feels like forever” (Band 3). Lesealternativen zu “In unserem Universum sind wir unendlich” sind zum Beispiel “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green, “Club der roten Bänder” von Albert Espinosa, “Alles dreht sich” von Rosemarie Eichinger oder “Drei Schritte zu dir” von Rachel Lippincott. Um einen Hirntumor und einen Roadtrip geht es auch in dem berührenden “Bevor wir alles verlieren” von Heike Abidi.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann-Esslinger ISBN: 978-3-522-20278-7 Erscheinungsdatum: 27.Juli 2022 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 432 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Hörprobe:
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Verlag: Thienemann-Esslinger
ISBN: 978-3-522-20278-7
Erscheinungsdatum: 27.Juli 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 432
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