Sarah Crossan — Apple und Rain

Sarah Crossan Apple und Rain13.November 2016

Die iri­sche Autorin Sarah Crossan hat mit “Apple und Rain” eine Geschich­te geschrie­ben, die ans Herz geht! Ein Roman über ein Mäd­chen, deren Mut­ter — von der sie als 3-Jäh­ri­ge ver­las­sen wur­de — auf ein­mal wie­der auf der Bild­flä­che auf­taucht und ihr gan­zes Leben auf den Kopf stellt. Gefühl­voll, authen­tisch und sehr unter­halt­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 14-jäh­ri­ge Apol­li­nia, die von allen aber nur Apple genannt wird, lebt allein bei ihrer manch­mal etwas stren­gen, über­für­sorg­li­chen Groß­mutter. Schon seit elf Jah­ren, als ihre Mut­ter sie im Alter von drei Jah­ren Hals über Kopf ver­ließ. An Weih­nach­ten. “Zurück blieb die Stil­le. Kein Geschrei mehr. Und auch kein Don­ner. “Mum­my”, flüs­ter­te ich. “Mum­my ist gegan­gen, Herz­chen”, sag­te Nana. Sie kam die Trep­pe rauf, öff­ne­te das wei­ße Git­ter und nahm mich auf den Arm. Sie zit­ter­te. Ihre Augen waren feucht. “Jetzt sind nur noch wir bei­de hier. Du und ich. Okay?” “Mum­my”, wie­der­hol­te ich.” (Zitat S.11) Apple ver­misst ihre Mut­ter. An jedem Weih­nach­ten hofft sie erneut, dass sie zurück­keh­ren wird. Wo immer sie jetzt auch ist. Dass ihr Wunsch tat­säch­lich in Erfül­lung gehen soll­te, dar­an hat Apple fast nicht mehr geglaubt, bis ihre Mut­ter eines Tages plötz­lich Sarah Crossan Apple und Rainvor ihr steht: “Doch dann dreht sich die Frau um und ich kann ihr gan­zes Gesicht sehen. Wie­der lächelt sie. Sie hat strah­lend wei­ße, total gleich­mä­ßi­ge Zäh­ne. “Ich bin es, Apple”, sagt sie sanft. Mein Mund ist tro­cken. Das kann nicht wahr sein! Aber doch es ist wahr. Das ist die­sel­be Frau wie auf den Fotos, die Nana aus Ame­ri­ka gemailt bekom­men hat. “Mum?” (Zitat S.54) Apple ist über­glück­lich! Auch als sie schließ­lich zu ihrer Mut­ter zieht, weil sie sich bei ihrer Groß­mutter nicht mehr wohl­fühlt. Bis sie auf Rain trifft. Rain ist 10 Jah­re alt und behan­delt ihre Pup­pe wie ein klei­nes Baby. Und sie ist App­les Halb­schwes­ter! Doch das Zusam­men­le­ben mit ihrer Mut­ter weist bald auch sei­ne ers­ten Schat­ten­sei­ten auf…

Der Roman wird durch­ge­hend aus App­les Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Spra­che ist ange­nehm und ein­fach und der Text sehr flüs­sig zu lesen. Ein­ge­teilt ist das Buch in sechs Tei­le, die mit den The­men beti­telt sind, über wel­che Apple und ihre Klas­se im Lau­fe der Geschich­te einen kur­zen Text oder ein Gedicht ver­fas­sen sol­len: “Ein­sam­keit”, “Angst”, “Krieg”, “Lie­be”, “Ent­täu­schung” und “Poe­sie”. Das Schrei­ben stellt für die Prot­ago­nis­tin hier eine selbst reflek­tie­ren­de Mög­lich­keit dar, sich über ihre Gedan­ken und Gefüh­le klar zu wer­den. “Apple und Rain” ist eine bewe­gen­de, hoff­nungs­vol­le, aber auch trau­ri­ge Geschich­te, die sei­ne Leser ergrei­fen wird. Neben dem Sich-aus­ge­schlos­sen-füh­len (App­les bes­te Freun­din Pinar, die auf ein­mal eine ande­re bes­te Freun­din gefun­den hat) wird der Sarah Crossan Apple und RainSchwer­punkt vor allem auf das The­ma Ver­wahr­lo­sung durch eine Erzie­hungs­be­rech­tig­te gelegt. App­les Mut­ter, die zeit­wei­se lie­ber ihrer Schau­spiel­kar­rie­re nach­geht und ver­sucht neue Rol­len an Land zu zie­hen, als sich um ihre Töch­ter zu küm­mern. Die Par­tys in der Woh­nung fei­ert, Apple Alko­hol zu trin­ken gibt oder sie dar­um bit­tet die Schu­le zu schwän­zen, um auf Rain auf­zu­pas­sen. Vor allem deren Ver­hal­ten, in ihrer Pup­pe ein ech­tes Baby zu sehen, um das sie sich inten­siv küm­mern und das sie sogar zur Schu­le mit­neh­men muss, macht klar: hier stimmt etwas ganz gewal­tig nicht. Dass das Erwach­sen­wer­den nicht immer ein­fach ist und man manch­mal auch Hil­fe anneh­men und sich Feh­ler ein­ge­ste­hen muss, lernt Apple auf sehr behut­sa­me Wei­se. Scha­de fand ich, dass auf die Hin­ter­grün­de zum Abtau­chen der Mut­ter nicht ganz so genau ein­ge­gan­gen wur­de. Da hät­te ich mir noch ein paar mehr Infor­ma­tio­nen gewünscht. Auch dass Apple die Exis­tenz ihrer neu­en Schwes­ter bei der Mut­ter gar nicht expli­zit hin­ter­fragt, hat mir ein wenig gefehlt. Das Ende des Buches ist sehr dra­ma­tisch und span­nend geschrie­ben, so dass man es kaum aus den Hän­den legen möch­te! Eben­so eine klit­ze­klei­ne Lie­bes­ge­schich­te ist in den Roman mit ein­ge­floch­ten mit einem erfri­schen­den, dia­log­star­ken Cha­rak­ter.

Fazit: Emo­tio­nal und tief­grün­dig mit lie­be­voll gezeich­ne­ten Figu­ren!

Sarah Crossan hat noch eini­ge ande­re Jugend­bü­cher geschrie­ben, zwei davon sogar in einer Art Vers­form: “Die Spra­che von Was­ser”, für das sie 2014 für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de und “Eins”. Eine dys­to­pi­sche Rei­he, die zwei Bücher umfasst, hat sie eben­falls geschrie­ben: “Brea­the: Gefan­gen unter Glas” (Band 1) und “Brea­the: Flucht nach Sequoia” (Band 2). Zum The­ma Ver­nach­läs­si­gung gibt es eini­ge Roma­ne im Jugend­buch: “Der Mär­chen­er­zäh­ler” von Anto­nia Michae­lis (sprach­ge­wal­tig, geni­al! Hier küm­mert sich ein Jun­ge um sei­ne klei­ne Schwes­ter), “For­bid­den” von Tab­i­tha Suzu­ma (seLesealternativenhr bewe­gend! Hier küm­mern sich Jun­ge und Mäd­chen um ihre jün­ge­ren Geschwis­ter), “8 Tage im Juni” von Bri­git­te Gla­ser (Mäd­chen küm­mert sich um klei­nen Bru­der) und “Abge­mel­det” von Bir­git Schlie­per (Mäd­chen küm­mert sich um Geschwis­ter). Die Mut­ter ist auch in fol­gen­den Roma­nen abge­taucht: “Der Som­mer der Eulen­fal­ter” von Sara Pen­ny­pa­cker (bereits ab 11 Jah­ren, toll!), Fünf­zehn kopf­lo­se Tage” von Dave Cou­sins und “About Ruby” von Sarah Des­sen. Sehr bewe­gend ist auch “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” von Estel­le Lau­re. Es gibt auch Bücher, die an die Gren­ze von Ver­nach­läs­si­gung sto­ßen, weil Kinder/Jugendliche von ihren Eltern beson­ders hart oder kalt behan­delt wer­den, wie zum Bei­spiel in “Back to blue” von Rusal­ka Reh und “Drei Songs spä­ter” von Lola Renn. Beson­ders berüh­ren­de, aber auch hef­ti­ge Mut­ter-Toch­ter-Geschich­ten fin­dest du in “Jeden Tag ein biss­chen mehr” von Loui­sa Reid und “Du neben mir und zwi­schen uns die gan­ze Welt” von Nico­la Yoon. Oben erwähn­te Schreib­auf­ga­ben, die ein Leh­rer der Prot­ago­nis­tin stellt und die sie in dem Roman auf gewis­se Wei­se vor­an­brin­gen, sind in fol­gen­den Büchern zu ent­de­cken: “Das Blub­bern von Glück” von Bar­ry Jons­berg (toll!), “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” von Kate Gor­don (klas­se!), “Dein eines, wil­des, kost­ba­res Leben” von Jes­si Kir­by (her­aus­ra­gend!) und “Mei­ne wah­re, erfun­de­nen Welt” von Kaat Vrancken.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-16400-6
Erscheinungsdatum: 22.August 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: Birgit Niehaus
Originaltitel: "Apple und Rain" 
Originalverlag: Bloomsbury

Irisches Originalcover: 
Sarah Crossan Apple und Rain











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Irisches Cover: Homepage von Bloomsbury

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