Sarah Ann Juckes — Die Tiere der Nacht

23.August 2024

“Die Tie­re der Nacht” ist ein neu­er Roman der bri­ti­schen Autorin Sarah Ann Juckes, der nun ins Deut­sche über­setzt wur­de. Die 10-jäh­ri­ge Nora kann plötz­lich geis­ter­haf­te Tie­re sehen. Denn da ist eine Füch­sin in ihrem Zim­mer, die nur sie wahr­neh­men kann. Die regen­bo­gen­haft schim­mert. Bald tau­chen noch ande­re Tie­re auf, die beson­de­ren Bot­schaf­ten für das Mäd­chen bereit­hal­ten. Zusam­men mit ihrem neu­en bes­ten Freund ver­sucht Nora all­dem auf den Grund zu gehen. Viel­leicht kann sie mit Hil­fe der Geis­ter­tie­re auch ihre Mut­ter, die unter einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung lei­det, von ihren ganz eige­nen Geis­tern befrei­en? Eine Wohl­fühl­ge­schich­te über Freund­schaft, Zusam­men­halt und die Kraft der Fan­ta­sie. Mit der klu­gen Bot­schaft, dass es manch­mal voll­kom­men in Ord­nung ist, nicht alles mit sich allei­ne aus­zu­ma­chen, son­dern um Hil­fe zu bit­ten. Für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren, die bereit sind sich mit erns­ten The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen und inter­es­sier­te Erwachsene.

Manch­mal kommt die 10-jäh­ri­ge Nora nach Hau­se und es hängt ein Zet­tel an der Haus­tü­re. Dass sie nicht her­ein­kom­men, son­dern lie­ber zu Freun­den gehen soll. Dann hat ihre Mut­ter mal wie­der einen schlech­ten Tag, liegt meist die gan­ze Zeit im Bett und erträgt kei­ne lau­ten Geräu­sche. Sie hat eine post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung. Oft braucht sie viel Ruhe. Und doch kom­men die bei­den zurecht. “Und wir bei­de kämp­fen zusam­men gegen den Rest der Welt, stimmt’s, Gro­ße?” Ich nicke und wischen den letz­ten Rest Eigelb von mei­nem Tel­ler. Mum und ich waren schon immer ein ein­ge­spiel­tes Team, und des­halb brau­chen wir nie­man­den außer uns. Denn egal, was pas­siert — wir kom­men allei­ne klar.” (Zitat aus “Die Nacht der Tie­re” S.17) Aber dann taucht auf ein­mal, mit­ten in der Nacht, eine Füch­sin in Noras Zim­mer auf. “Doch die­ses Wesen sitzt jetzt auf mei­ner Brust — in mei­nem Zim­mer, in mei­nem Zuhau­se, mit­ten in der Nacht. Eine Füch­sin. Oder bes­ser gesagt: eine Geis­ter­füch­sin. Mein Herz flat­tert wie ein gefan­ge­ner Vogel.” (Zitat S.9) Ein regen­bo­gen­far­be­ner Schim­mer umgibt die Füch­sin. Nur Nora kann sie sehen. Nie­mand anders sonst. Und doch hat sie kei­ne Angst. Denn sie hat schon ein­mal Tie­re gese­hen, die eigent­lich nicht da waren. “Aller­dings ist das schon län­ger her, und so nah sind sie mir auch noch nie gekom­men. Manch­mal konn­te ich sie nur als regen­bo­gen­far­be­nen Dunst am Him­mel erken­nen, wenn ich mich ver­lo­ren gefühlt habe; oder als Farb­sprit­zer unter der Was­ser­ober­flä­che eines Schwimm­be­ckens, wenn ich mich nicht hin­ein­ge­traut habe.” (Zitat S.8ff) Eigent­lich möch­te Nora her­aus­fin­den, was die Geis­ter­füch­sin von ihr will. Dann schließt sich auch noch ihr Mit­schü­ler Kwa­me ihr an. Mit ihm will sie gar nicht befreun­det sein. Sie braucht doch nie­man­den. Und Freun­de mit nach Hau­se brin­gen, kann sie wegen ihre Mut­ter ja sowie­so nicht. Doch Kwa­me bleibt hart­nä­ckig und an ihrer Sei­te. Als sie bei der Ver­fol­gungs­jagd ver­se­hent­lich ihr Fahr­rad im Kanal ver­senkt und Stress mit ihrer Mut­ter bekommt, beschleicht sie der Ver­dacht, dass die Geis­ter­tie­re nichts als Ärger machen. Denn bald taucht noch ein Tier auf. Ein Hase. Oder wol­len die Tie­re ihr viel­leicht irgend­et­was mitteilen?

KasimiraDas Cover ist schön gestal­tet, zeigt Nora und die Geis­ter­füch­sin und schim­mert leuch­tend blau, wenn man es bewegt. Der Roman wird in vier Tei­le ein­ge­teilt und in jedem taucht pas­send zu den Über­schrif­ten ein neu­es Tier auf, mit wel­chem Nora sich aus­ein­an­der­set­zen muss: “Die Füch­sin”, “Die Häsin”, “Der Rabe” und “Der Otter”. Auch inner­halb des Buches tau­chen immer wie­der Zeich­nun­gen auf, illus­triert von Sharon King-Chai, eben­so wie an jedem Kapi­tel­an­fang das jewei­li­ge Tier, das dar­in eine Rol­le spielt. Die Grund­idee mit den Geis­ter­tie­ren, die ein­fach so auf­tau­chen und Nora zum Nach­den­ken brin­gen, ist sehr gelun­gen. Der Hauch Mys­tik passt gut zur erns­ten The­ma­tik der Krank­heit der Mut­ter: “Als ich nach unten zurück­kom­me, rech­ne ich damit, wie­der allein zu sein, doch die Geis­ter­füch­sin ist noch da. Und sie bleibt sogar bei mir, wäh­rend ich mei­ne Lasa­gne esse, obwohl sie ihre eige­ne nicht anrührt. Viel­leicht liegt das dar­an, dass Geis­ter­tie­re kei­ne Nah­rung brau­chen. Als ich ins Bett Kasimiragehe, rollt die Füch­sin sich auf mei­nem Tep­pich zusam­men.” (Zitat S.34) Durch die Tie­re ist Nora nicht allein, stellt sich ihren Her­aus­for­de­run­gen. Schön sind hier manch klu­ge Weis­hei­ten wie: “Ein­mal hat sie mich des­halb auf ihren Schoß gezo­gen und mir erklärt, dass >Selt­sam­sein< etwas Gutes ist. Und dass die bes­ten Men­schen auf der Welt alle irgend­wie selt­sam sind. Der Trick ist nur, unter all den Men­schen die­je­ni­gen zu fin­den, die auf die glei­che Art selt­sam sind wie man selbst.” (Zitat S.48) und “Geht das nicht ein biss­chen schnel­ler?”, fra­ge ich ihn. Kwa­me lacht. “Manch­mal ist Lang­sam­keit bes­ser. Damit man nichts über­sieht.” (Zitat S.52). Nur an sehr weni­gen Stel­len wir­ken die Bot­schaf­ten etwas auf­ge­setzt. Was der Autorin jedoch sehr gut gelingt, ist Krank­hei­ten kind-/ju­gend­ge­recht zu beschrei­ben. Die Tat­sa­che, dass Noras Mut­ter unter einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung lei­det, wird äußerst behut­sam und sen­si­bel in die Geschich­te mit­ein­ge­floch­ten (aller­dings fehlt eine Trig­ger­war­nung). Sarah Ann Juckes zeigt wel­che Aus­wir­kun­gen es auf den All­tag eines Kin­des hat, wenn die Mut­ter krank ist: “Damals war ich noch mit allen ande­ren aus mei­ner Klas­se befreun­det, und wir haben in der Pau­se zusam­men Fan­gen gespielt oder uns nach der Schu­le gegen­sei­tig besucht. Doch jetzt kann ich nie­man­den mehr zu mir nach Hau­se ein­la­den. Schließ­lich könn­te eins der Kin­der zu laut sein oder etwas Unüber­leg­tes sagen, wodurch sich Mums Sym­pto­me ver­schlim­mern wür­den.” (Zitat S.19) Mitt­ler­wei­le kann sich Nora auch ihr Abend­essen allei­ne zu berei­ten. Ist selbst­stän­dig gewor­den. Sie weiß auch, dass die Krank­heit nichts mit ihr zu tun hat, dass ihre Mut­ter manch­mal ein­fach wütend oder trau­rig wird und dass das nicht Noras Schuld ist. Den­noch wird nach und nach deut­lich, dass — auch wenn Nora dies ver­steckt — die Krank­heit eine gro­ße Belas­tung für sie dar­stellt. “Die Wahr­heit über Mum zu sagen, fällt mir schwer. Denn ich lie­be sie, und für mich ist sie der bes­te Mensch auf der Welt. Trotz­dem bil­det sich jedes Mal ein Kno­ten in mir, wenn ich an ihre PTBS den­ken muss; und dar­an, dass sie manch­mal noch im Bett liegt, wenn ich aus der Schu­le kom­me.” (Zitat S:159) Gera­de sich Hil­fe von außen zu suchen und dass man nicht alles allei­ne bewäl­ti­gen muss, sind die grund­le­gen­den Bot­schaf­ten des Romans. Die Spra­che von Sarah Ann Juckes ist sehr ange­nehm und teils sehr atmo­sphä­risch: “Mein Fens­ter ist geschlos­sen, sodass ich die Autos in der Fer­ne nicht hören kann, genau­so wenig wie den Wind, der sich zwi­schen die Äste der Bäu­me schleicht.” (Zitat S.9) Wobei mir von der Wort­ge­walt und Sprach­ge­wand­heit her ihr Vor­gän­ger­ti­tel “An mei­ner Wand ein leuch­tend blau­er Oze­an” noch um eini­ges bes­ser gefiel, die Spra­che in “Die Tie­re der Nacht” hät­te noch viel mehr sol­che kunst­vol­len Stel­len ver­tra­gen kön­nen, wie sie es in ihrem Jugend­buch (ab 14) bereits zeig­te. Die Ent­wick­lung man­cher Per­so­nen wird zudem etwas holp­rig beschrie­ben. Die plötz­li­che Freund­schaft mit Mob­ber Joel fand ich etwas unau­then­tisch. Auch Nora lernt zwi­schen­durchKasimira sich immer mehr zu öff­nen und Hil­fe anzu­neh­men und ver­schließt sich dann am Ende wie­der total. Den­noch ist die Geschich­te ins­ge­samt gesamt gese­hen sehr loh­nens­wert zu lesen, gera­de um sich mit erns­te­ren The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das Ende ist berüh­rend und macht Hoff­nung. In einem Nach­wort geht Sarah Ann Juckes noch auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Buches ein. Inspi­riert wur­de sie von ihrer Groß­tan­te, die selbst die unter­schied­lichs­ten Tie­ren in ihrem Haus hielt. Sehr wei­se ist vor allem die­ser Satz: “Wenn es eine Sache gibt, die ich beim Schrei­ben die­ses Buches mit Nora gelernt habe, dann ist es die, Geis­ter zu erken­nen, wenn sie kom­men. Denn egal, ob es sich um Erin­ne­run­gen, Gedan­ken oder Gefüh­le han­delt — sie tau­chen für gewöhn­lich nicht ohne Grund in unse­rem Leben auf. Statt­des­sen kön­nen sie uns hel­fen, Tei­le von uns selbst zu sehen, die tief in unse­rem Innern ver­gra­ben sind.” (Zitat S.294)

Dir gefällt Sarah Ann Juckes Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt von ihr noch “An mei­ner Wand ein leuch­tend blau­er Oze­an” (eines mei­ner Lieb­lings­bü­cher!). Im Eng­li­schen gibt es nocLesealternativenh drei wei­te­re Bücher, die lei­der noch nicht über­setzt wur­den: “Out­side”, “The Hunt for the Night­in­gale” und “Storm Seal”. Gut als Lese­al­ter­na­ti­ve könn­te ich mir auch “Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” von Sam Thomp­son vor­stel­len, hier spielt eben­falls ein Fuchs eine wich­ti­ge Rol­le, um einen Jun­gen durch beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen zu tra­gen. Zwei Tier­fa­beln, in denen Füch­se eine Rol­le spie­len, sind außer­dem die Rei­hen “White Fox” von Chen Jia­tong und “Mein Freund Pax” von Sara Pen­ny­pa­cker. Die Mut­ter, die krank ist und ein Mäd­chen, das ver­sucht zu hel­fen? Das fin­dest du außer­dem in dem bril­lan­ten “Julia und der Hai” von Kiran Mill­wood Har­gra­ve und in “Sil­ber­re­gen glit­zert nicht” von Chris­ti­ne Wer­ner. Eine sen­si­bel geschrie­be­ne Fami­li­en­ge­schich­te, die zudem noch etwas neu­er ist, ist zudem “Ein wun­der­schö­nes, blau­es Cha­os” von Ash­ley Her­ring Blake.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Woow Books
ISBN: 978-3-03967-042-0
Erscheinungsdatum: 14.August 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 270
Übersetzer*in: Meritxell Janina Piel
Illustrator*in: Sharon King-Chai
Originaltitel: "The Night Animals"
Originalverlag: Simon & Schuster UK

Britisches Originalcover:

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Simon & Schuster

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