“Die Tiere der Nacht” ist ein neuer Roman der britischen Autorin Sarah Ann Juckes, der nun ins Deutsche übersetzt wurde. Die 10-jährige Nora kann plötzlich geisterhafte Tiere sehen. Denn da ist eine Füchsin in ihrem Zimmer, die nur sie wahrnehmen kann. Die regenbogenhaft schimmert. Bald tauchen noch andere Tiere auf, die besonderen Botschaften für das Mädchen bereithalten. Zusammen mit ihrem neuen besten Freund versucht Nora alldem auf den Grund zu gehen. Vielleicht kann sie mit Hilfe der Geistertiere auch ihre Mutter, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, von ihren ganz eigenen Geistern befreien? Eine Wohlfühlgeschichte über Freundschaft, Zusammenhalt und die Kraft der Fantasie. Mit der klugen Botschaft, dass es manchmal vollkommen in Ordnung ist, nicht alles mit sich alleine auszumachen, sondern um Hilfe zu bitten. Für Jugendliche ab 10 Jahren, die bereit sind sich mit ernsten Themen auseinanderzusetzen und interessierte Erwachsene.
Manchmal kommt die 10-jährige Nora nach Hause und es hängt ein Zettel an der Haustüre. Dass sie nicht hereinkommen, sondern lieber zu Freunden gehen soll. Dann hat ihre Mutter mal wieder einen schlechten Tag, liegt meist die ganze Zeit im Bett und erträgt keine lauten Geräusche. Sie hat eine posttraumatische Belastungsstörung. Oft braucht sie viel Ruhe. Und doch kommen die beiden
zurecht. “Und wir beide kämpfen zusammen gegen den Rest der Welt, stimmt’s, Große?” Ich nicke und wischen den letzten Rest Eigelb von meinem Teller. Mum und ich waren schon immer ein eingespieltes Team, und deshalb brauchen wir niemanden außer uns. Denn egal, was passiert — wir kommen alleine klar.” (Zitat aus “Die Nacht der Tiere” S.17) Aber dann taucht auf einmal, mitten in der Nacht, eine Füchsin in Noras Zimmer auf. “Doch dieses Wesen sitzt jetzt auf meiner Brust — in meinem Zimmer, in meinem Zuhause, mitten in der Nacht. Eine Füchsin. Oder besser gesagt: eine Geisterfüchsin. Mein Herz flattert wie ein gefangener Vogel.” (Zitat S.9) Ein regenbogenfarbener Schimmer umgibt die Füchsin. Nur Nora kann sie sehen. Niemand anders sonst. Und doch hat sie keine Angst. Denn sie hat schon einmal Tiere gesehen, die eigentlich nicht da waren. “Allerdings ist das schon länger her, und so nah sind sie mir auch noch nie gekommen. Manchmal konnte ich sie nur als
regenbogenfarbenen Dunst am Himmel erkennen, wenn ich mich verloren gefühlt habe; oder als Farbspritzer unter der Wasseroberfläche eines Schwimmbeckens, wenn ich mich nicht hineingetraut habe.” (Zitat S.8ff) Eigentlich möchte Nora herausfinden, was die Geisterfüchsin von ihr will. Dann schließt sich auch noch ihr Mitschüler Kwame ihr an. Mit ihm will sie gar nicht befreundet sein. Sie braucht doch niemanden. Und Freunde mit nach Hause bringen, kann sie wegen ihre Mutter ja sowieso nicht. Doch Kwame bleibt hartnäckig und an ihrer Seite. Als sie bei der Verfolgungsjagd versehentlich ihr Fahrrad im Kanal versenkt und Stress mit ihrer Mutter bekommt, beschleicht sie der Verdacht, dass die Geistertiere nichts als Ärger machen. Denn bald taucht noch ein Tier auf. Ein Hase. Oder wollen die Tiere ihr vielleicht irgendetwas mitteilen?
Das Cover ist schön gestaltet, zeigt Nora und die Geisterfüchsin und schimmert leuchtend blau, wenn man es bewegt. Der Roman wird in vier Teile eingeteilt und in jedem taucht passend zu den Überschriften ein neues Tier auf, mit welchem Nora sich auseinandersetzen muss: “Die Füchsin”, “Die Häsin”, “Der Rabe” und “Der Otter”. Auch innerhalb des Buches tauchen immer wieder Zeichnungen auf, illustriert von Sharon King-Chai, ebenso wie an jedem Kapitelanfang das jeweilige Tier, das darin eine Rolle spielt. Die Grundidee mit den Geistertieren, die einfach so auftauchen und Nora zum Nachdenken bringen, ist sehr gelungen. Der Hauch Mystik passt gut zur ernsten Thematik der Krankheit der Mutter: “Als ich nach unten zurückkomme, rechne ich damit, wieder allein zu sein, doch die Geisterfüchsin ist noch da. Und sie bleibt sogar bei mir, während ich meine Lasagne esse, obwohl sie ihre eigene nicht anrührt. Vielleicht liegt das daran, dass Geistertiere keine Nahrung brauchen. Als ich ins Bett
gehe, rollt die Füchsin sich auf meinem Teppich zusammen.” (Zitat S.34) Durch die Tiere ist Nora nicht allein, stellt sich ihren Herausforderungen. Schön sind hier manch kluge Weisheiten wie: “Einmal hat sie mich deshalb auf ihren Schoß gezogen und mir erklärt, dass >Seltsamsein< etwas Gutes ist. Und dass die besten Menschen auf der Welt alle irgendwie seltsam sind. Der Trick ist nur, unter all den Menschen diejenigen zu finden, die auf die gleiche Art seltsam sind wie man selbst.” (Zitat S.48) und “Geht das nicht ein bisschen schneller?”, frage ich ihn. Kwame lacht. “Manchmal ist Langsamkeit besser. Damit man nichts übersieht.” (Zitat S.52). Nur an sehr wenigen Stellen wirken die Botschaften etwas aufgesetzt. Was der Autorin jedoch sehr gut gelingt, ist Krankheiten kind-/jugendgerecht zu beschreiben. Die Tatsache, dass Noras Mutter unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, wird äußerst behutsam und sensibel in die
Geschichte miteingeflochten (allerdings fehlt eine Triggerwarnung). Sarah Ann Juckes zeigt welche Auswirkungen es auf den Alltag eines Kindes hat, wenn die Mutter krank ist: “Damals war ich noch mit allen anderen aus meiner Klasse befreundet, und wir haben in der Pause zusammen Fangen gespielt oder uns nach der Schule gegenseitig besucht. Doch jetzt kann ich niemanden mehr zu mir nach Hause einladen. Schließlich könnte eins der Kinder zu laut sein oder etwas Unüberlegtes sagen, wodurch sich Mums Symptome verschlimmern würden.” (Zitat S.19) Mittlerweile kann sich Nora auch ihr Abendessen alleine zu bereiten. Ist selbstständig geworden. Sie weiß auch, dass die Krankheit nichts mit ihr zu tun hat, dass ihre Mutter manchmal einfach wütend oder traurig wird und dass das nicht Noras Schuld ist. Dennoch wird nach und nach deutlich, dass — auch wenn Nora dies versteckt — die Krankheit eine große Belastung für sie darstellt. “Die Wahrheit über Mum zu sagen, fällt mir schwer. Denn ich liebe sie, und für mich ist sie der beste Mensch auf der Welt. Trotzdem bildet sich jedes Mal ein Knoten in mir, wenn ich an ihre PTBS denken muss; und daran, dass sie manchmal
noch im Bett liegt, wenn ich aus der Schule komme.” (Zitat S:159) Gerade sich Hilfe von außen zu suchen und dass man nicht alles alleine bewältigen muss, sind die grundlegenden Botschaften des Romans. Die Sprache von Sarah Ann Juckes ist sehr angenehm und teils sehr atmosphärisch: “Mein Fenster ist geschlossen, sodass ich die Autos in der Ferne nicht hören kann, genauso wenig wie den Wind, der sich zwischen die Äste der Bäume schleicht.” (Zitat S.9) Wobei mir von der Wortgewalt und Sprachgewandheit her ihr Vorgängertitel “An meiner Wand ein leuchtend blauer Ozean” noch um einiges besser gefiel, die Sprache in “Die Tiere der Nacht” hätte noch viel mehr solche kunstvollen Stellen vertragen können, wie sie es in ihrem Jugendbuch (ab 14) bereits zeigte. Die Entwicklung mancher Personen wird zudem etwas holprig beschrieben. Die plötzliche Freundschaft mit Mobber Joel fand ich etwas unauthentisch. Auch Nora lernt zwischendurch
sich immer mehr zu öffnen und Hilfe anzunehmen und verschließt sich dann am Ende wieder total. Dennoch ist die Geschichte insgesamt gesamt gesehen sehr lohnenswert zu lesen, gerade um sich mit ernsteren Themen auseinanderzusetzen. Das Ende ist berührend und macht Hoffnung. In einem Nachwort geht Sarah Ann Juckes noch auf die Entstehungsgeschichte des Buches ein. Inspiriert wurde sie von ihrer Großtante, die selbst die unterschiedlichsten Tieren in ihrem Haus hielt. Sehr weise ist vor allem dieser Satz: “Wenn es eine Sache gibt, die ich beim Schreiben dieses Buches mit Nora gelernt habe, dann ist es die, Geister zu erkennen, wenn sie kommen. Denn egal, ob es sich um Erinnerungen, Gedanken oder Gefühle handelt — sie tauchen für gewöhnlich nicht ohne Grund in unserem Leben auf. Stattdessen können sie uns helfen, Teile von uns selbst zu sehen, die tief in unserem Innern vergraben sind.” (Zitat S.294)
Dir gefällt Sarah Ann Juckes Erzählstil? Dann lies unbedingt von ihr noch “An meiner Wand ein leuchtend blauer Ozean” (eines meiner Lieblingsbücher!). Im Englischen gibt es noc
h drei weitere Bücher, die leider noch nicht übersetzt wurden: “Outside”, “The Hunt for the Nightingale” und “Storm Seal”. Gut als Lesealternative könnte ich mir auch “Der Junge, der mit den Wölfen spricht” von Sam Thompson vorstellen, hier spielt ebenfalls ein Fuchs eine wichtige Rolle, um einen Jungen durch besondere Herausforderungen zu tragen. Zwei Tierfabeln, in denen Füchse eine Rolle spielen, sind außerdem die Reihen “White Fox” von Chen Jiatong und “Mein Freund Pax” von Sara Pennypacker. Die Mutter, die krank ist und ein Mädchen, das versucht zu helfen? Das findest du außerdem in dem brillanten “Julia und der Hai” von Kiran Millwood Hargrave und in “Silberregen glitzert nicht” von Christine Werner. Eine sensibel geschriebene Familiengeschichte, die zudem noch etwas neuer ist, ist zudem “Ein wunderschönes, blaues Chaos” von Ashley Herring Blake.
Bibliografische Angaben:Verlag: Woow Books ISBN: 978-3-03967-042-0 Erscheinungsdatum: 14.August 2024 Einbandart: Hardcover Preis: 17,00€ Seitenzahl: 270 Übersetzer*in: Meritxell Janina Piel Illustrator*in: Sharon King-Chai Originaltitel: "The Night Animals" Originalverlag: Simon & Schuster UK Britisches Originalcover:
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(4 von 5 möglichen Punkten)
----------------------------------------- Britisches Cover: Homepage von Simon & Schuster

Verlag: Woow Books
ISBN: 978-3-03967-042-0
Erscheinungsdatum: 14.August 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 270
Übersetzer*in: Meritxell Janina Piel
Illustrator*in: Sharon King-Chai
Originaltitel: "The Night Animals"
Originalverlag: Simon & Schuster UK
Britisches Originalcover:
