Sara Barnard — Die beste Zeit ist am Ende der Welt

Kasimira13.Oktober 2021

Die bes­te Zeit ist am Ende der Welt” ist ein Roman der bri­ti­schen Autorin Sara Bar­nard. Das Buch ent­führt sei­ne Leser auf einen Road­t­rip quer durch Kana­da. Ein jun­ges Mäd­chen, das aus ihrem bis­he­ri­gen Leben aus­steigt und neu anfan­gen will. Das auf der Suche nach sich selbst und nach Freund­schaf­ten und Zuge­hö­rig­keit ist, mit wel­cher sie es in der Ver­gan­gen­heit schwer hat­te. Eine aben­teu­er­li­che, unter­halt­sa­me und bewe­gend erzähl­te Geschich­te, in der vor allem Kana­da-Fans und Rei­se­lus­ti­ge auf ihre Kos­ten kom­men, aber auch Tief­gang und phi­lo­so­phi­sche Unter­tö­ne nicht feh­len. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 17-jäh­ri­ge Pey­ton hat die Kre­dit­kar­te ihres Vaters geklaut, einen Brief an ihre Eltern geschrie­ben und  sich in den nächs­ten Flie­ger von Lon­don nach Kana­da gesetzt. Sie will ihr altes Leben hin­ter sich las­sen. Neu anfan­gen. Denn sie hat eini­ges durch­ge­macht. “Fünf Jah­re lang habe ich sol­che Aktio­nen mit­ge­macht. Fünf, end­lo­se, schreck­li­che Jah­re, in denen igno­riert zu wer­den noch das Bes­te war, was mir pas­sie­ren konn­te. Und dabei hat­te ich nichts Schlim­mes getan, nicht mal irgend­et­was beson­ders Pein­li­ches. Ich hat­te bloß Pech.” (Zitat aus “Die bes­te Zeit ist am Ende der Welt” S.26) Sie wur­de lan­ge Zeit gemobbt, hat kei­nen ein­zi­gen Freund gefun­den und auch als sieKasimiraauf eine neue Schu­le ging — eine Wirt­schafts­schu­le, auf die sie eigent­lich gar nicht gehen woll­te, weil sie sich mehr für Kunst inter­es­sier­te — ent­wi­ckel­te sich nicht wirk­lich alles zum Posi­ti­ven für sie. Denn auch fal­sche, unehr­li­che Freun­de sind nicht die bes­ten Freun­de. Stän­dig bin ich ande­ren Leu­ten hin­ter­her­ge­rannt, um mich selbst zu fin­den. Viel­leicht muss ich ein­fach mal… na ja, ich sein. Her­aus­fin­den, wer ich eigent­lich bin, ohne mir am lau­fen­den Band Sor­gen zu machen, ob das genug ist.” (Zitat S.33). Und genau das hat sie in Kana­da nun vor, ein­mal quer durch das Land rei­sen, allein, unab­hän­gig und frei. Sie trifft in einem Hos­tel auf eine Grup­pe Jugend­li­cher, die gemein­sa­me Unter­neh­mun­gen pla­nen und auch Pey­ton dazu ein­la­den. Dar­un­ter ist auch Wil­liam, den alle Bea­sy nen­nen. Er schafft es hin­ter ihre Fas­sa­de zu bli­cken: “Du ver­schanzt dich hin­ter ganz schön dicken Mau­ern. Und hoch sind sie auch, mit Kasimirameh­re­re Schich­ten.” Er tut so, als wür­de er einen Stein auf den ande­ren set­zen. Sein Lächeln ist wis­send, aber vol­ler Wär­me, und der Aus­druck in sei­nen Augen ist freund­lich. […] Manch­mal hilft es ja, mit jeman­dem zu spre­chen, den man nicht beson­ders gut kennt. Weni­ger Druck.” (Zitat S.93) Doch ehe er ihr näher kom­men kann, haut Pey­ton auch schon wie­der ab. Die Ver­gan­gen­heit scheint sie ein­zu­ho­len. Muss sie sich dem, was am Ende in ihrer Hei­mat pas­siert ist, wirk­lich erst stel­len, um neu anzufangen?

Das Cover ist sehr schön gestal­tet. Mit der gezeich­ne­ten Art mal etwas ganz Ande­res. Es passt sowohl zu Pey­ton, die selbst ger­ne zeich­net, als auch von dem Moti­ven, die auf dem Cover abge­bil­det sind und die den Inhalt wider­spie­geln. Der Roman wird durch­ge­hend aus Pey­tons Sicht in Ich-KasimiraPer­spek­ti­ve erzählt. Er wech­selt jedoch immer wie­der zwi­schen der Jetzt­zeit — beti­telt mit “Hier & Jetzt” wäh­rend sie in Kana­da unter­wegs ist — und einem “Was zuvor geschah”, wel­ches nach und nach die Ereig­nis­se daheim auf­rollt. Das begin­nen­de Mob­bing, die feh­len­den Freund­schaf­ten, das star­ke Seh­nen nach Zuge­hö­rig­keit und die neue Wirt­schafts­schu­le, von der Pey­ton sich eine Ver­än­de­rung erhoff­te. Am Anfang dau­er­te es etwas, bis ich mich auf die Haupt­fi­gur ein­las­sen konn­te. Sie spricht den Leser in man­chen Sequen­zen direkt an, was etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig ist: “Okay, brin­gen wir es hin­ter uns. Ich weiß, was ihr wis­sen wollt. Ihr wollt wis­sen…[…] Ihr fragt euch, wie ich jah­re­lang…[…] Oder viel­leicht glaubt ihr…[…] Zuerst lasst mich euch eins sagen.…” (Zitat S.15) Doch die­se Anre­de lässt all­mäh­lich dann nach. Und je bes­ser man Pey­ton ken­nen­lernt, umso mehr schließt man sie letzt­end­lich ins Herz. Wünscht ihr, dass sie tat­säch­lich neu anfan­gen kann nach allem, was sie Kasimiraerlebt hat: “Ich war raus aus die­ser Höl­le, die die Cla­ridge Aca­de­my für mich gewe­sen war, weit weg von allen, die mich je gemobbt hat­ten, und von denen, die es zuge­las­sen hat­ten. Ich war frei und konn­te neu anfan­gen.” (Zitat S.12) Ahnt jedoch, dass es sowohl an der neu­en Schu­le schwie­rig gewor­den ist (die Ereig­nis­se dort wer­den erst nach und nach auf­ge­deckt), als auch im jet­zi­gen Leben. Denn eine Flucht ist eine Flucht und kei­ne Lösung. Das erkennt Pey­ton auch recht schnell: “War­um bin ich noch mal hier­her­ge­flo­gen? Um zu flie­hen. Aber das größ­te Pro­blem habe ich mit­ge­nom­men: Mich selbst. Ich ver­gra­be mein Gesicht noch tie­fer im Kis­sen. Es brennt vor Scham. Ich bin eine unrett­ba­re, wan­deln­de Kata­stro­phe.” (Zitat S.116) Wie sie aller­dings Stück für Stück aus sich her­aus­geht, in die­ser Grup­pe völ­lig neue Erfah­run­gen macht, das ist sehr berüh­rend mit­zu­er­le­ben. Wie sie Anschluss fin­det, Kasimiraobwohl sie das eigent­lich gar nicht geplant hat­te. “Jetzt lachen bei­de. Ich habe sie zum Lachen gebracht. Die­se coo­len schot­ti­schen Jungs, die schon die hal­be Welt bereist haben, habe ich zum Lachen gebracht.” (Zitat S.86) Es ist ein Auf und Ab der Emo­tio­nen, das den Leser in “Die bes­te Zeit ist am Ende der Welt” beglei­tet. Ein Vor und ein Zurück. Ein Erle­ben, ein Erin­nern und ein Neu­be­wer­ten. Denn letzt­end­lich ist Rück­zug nicht die bes­te aller Mög­lich­kei­ten. Allein­sein auch nicht die ulti­ma­ti­ve Lösung für den Mensch als sozia­les Wesen: “Die Sache ist nur die — wenn man allein reist, ist man… allein. So rich­tig allein. Und um ehr­lich zu sein, ist es auch ein biss­chen lang­wei­lig. Nach drei Tagen nur mit mir und mei­nen Gedan­ken, ohne irgend­wen zum Reden, erscheint mir die Idee, so ganz auf eige­ne Faust das Land bis zur ande­ren Küs­te zu durch­que­ren, gar nicht mehr so ver­lo­ckend.” (Zitat S.127) Die Autorin lässt sich viel Zeit für die Ent­wick­lung ihrer Cha­rak­te­re, allen vor­an Pey­ton. Auch zuwei­len in einem ruhi­ge­ren Erzähl­tem­po. Unauf­dring­lich lie­fert der Roman fast phi­lo­so­phisch ange­hauch­te Unter­tö­ne, stellt die Wich­tig­keit der Freund­schaft her­vor und was die­se bedeu­ten kann.

Dir gefLesealternativenällt Sara Bar­nards Erzähl­stil? Dann greif noch zu ihren ande­ren zwei Büchern, die bei­de unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen sind: “Wun­der, die wir tei­len” (The­ma: Freundschaft/Schizophrenie) und “Viel­leicht pas­siert ein Wun­der” (The­ma: Außenseiter/Gehörlosigkeit). Du magst Road­t­rips? Dann lies unbe­dingt “Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” von Jes­si Kir­by, “Unter dem Zelt der Ster­ne” von Jenn Ben­nett, “The distance from me to you” von Mari­na Gess­ner oder die zwei Neu­erschei­nun­gen “Mut. Machen. Lie­be” von Hans­jörg Nes­sen­sohn und “Lie­be sich, wer kann” von Annet­te Miers­wa. Emp­feh­lens­wer­te Roma­ne, in denen die Prot­ago­nis­ten über sich hin­aus­wach­sen, wären außer­dem “Acht Wochen Wüs­te” (toll!) von Wen­de­lin van Draa­nen und “Sie­ben: Spiel ohne Regeln” von M.A.Bennett.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arctis
ISBN: 978-3-03880-046-0
Erscheinungsdatum: 20.August 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Hanna Christine Fliedner
Originaltitel: "Destination anywhere"
Originalverlag: Simon & Schuster 

Britisches Originalcover:
Kasimira











Kasimira auf Inastagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Simon & Schuster

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