“Der Junge, der mit den Wölfen spricht” ist das erste Kinderbuch des britischen Autoren Sam Thompson und wurde für den Booker Prize — den wichtigsten britischen Literaturpreis — nominiert. Eine Geschichte über einen Jungen, der wegen seines Stotterns gemobbt wird und durch Zufall in einer Parallelwelt landet, in der er einem sprechenden Wolf hilft, der von ein paar besonders tyrannischen Füchsen unterdrückt wird. Er lernt seine Stimme zu erheben, mutig zu sein und für Freiheit zu kämpfen. Ein Roman wie eine Fabel, klug und voller Weisheit erzählt. Mit einer schönen Sprache und einer tollen Botschaft. Für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
Als Silas auf seinem Weg von der Schule nach Hause einem Wolf begegnet, staunt er nicht schlecht. “Der Wolf stand mitten auf dem Weg und beobachtete ihn. Sein Kopf war auf Höhe von Silas’ Brust. Noch nie war er einem wilden Tier so nahe gekommen.” (Zitat aus “Der Junge, der mit den Wölfen spricht” S.6) Der Wolf scheint verletzt zu sein, er hat etwas Spitzes in seiner Pfote stecken. Silas hilft ihm und wird kurz nachdem der Wolf in ein angrenzendes Waldgrundstück verschwunden ist, plötzlich von mehreren Füchsen belagert. Füchsen, die sprechen können! Sie sind auf der Suche nach dem angeblich
wilden Wolf, der gefährlich sei und den sie unbedingt fangen wollen. Doch Silas verrät ihn nicht. In Anwesenheit von Fremden kann er ohnehin kaum sprechen: “Silas wollte antworten, doch er brachte kein Wort heraus. Das passierte ihm oft, vor allem in der Schule. Leute sprachen ihn an und warteten auf eine Antwort, doch die Wörter, die er sagen wollte, steckten fest.” (Zitat S.10) So wenden sich die Füchse erbittert von ihm ab und eine Füchsin erdreistet sich sogar ihn zum Schluss noch in den Fuß zu beißen. Ein Biss, der höllisch weh tut. Doch dann taucht der Wolf wieder auf und nimmt Silas mit in eine Art Parallelwelt: “Die Landschaft, die sich unter ihnen ausbreitete, war ein ungeheurer Wald, der bis zum Horizont reichte. Das Grün wurde von Felszacken hier und dort oder einem glitzernden Wasserlauf unterbrochen. Silas hatte nur einen Gedanken: Sie waren in eine andere Welt gelangt.” (Zitat S.18) Der Wolf, der ebenfalls sprechen kann, heißt Isengrim und er bringt Silas zu seiner Gefährtin Hersent
, die ihm hilft seine Wunde zu verarzten. Die beiden Wölfe erwarten in Kürze Nachwuchs und sind vor den Füchsen auf der Flucht. Verstecken sich immerzu von ihnen. “Füchse vergessen nicht, wer ihnen in die Quere gekommen ist. Sie werden dich nicht mehr in Ruhe lassen, darum sind unsere Schicksale nun verknüpft. Du brauchst unsere Hilfe und wir brauchen deine.” (Zitat S.46) Und so hilft Silas den beiden und lässt sie auf seinem Dachboden wohnen. Doch die Füchse geben keine Ruhe und lassen sich immer neuere Methoden einfallen, um die beiden zu stellen…
Das Cover wirkt fast etwas altmodisch, verströmt einen Hauch von Klassiker und Abenteuergeschichte. Doch Sam Thompson hat in seinem vielschichten Roman eine faszinierende Parallelwelt geschaffen: “Sein Kopf war voller tropfender Blätter und tiefer Täler und ferner Berge. Er fühlte, wie die Wölfe sich lautlos durch die Landschaft bewegte
n. Isengrim hatte ihm erklärt, dass der WALD überall war und dass man an jedem Ort einen Weg hineinfinden konnte, wenn man nur danach suchte.” (Zitat S.25) Das Buch ist durchgehend in personaler Erzählweise und aus Silas Sicht geschrieben. Der Junge wirkt zunächst noch etwas wenig greifbar, man erfährt kaum etwas über seine Lebensumstände, nur das Problem mit dem Sprechen und dem Mobbing in der Schule. Selbst seinen Eltern ist nicht bekannt, welche Probleme ihn dort beschäftigen: “Sie glaubten, er sei nur ein wenig schüchtern und langsam, und das war schon schlimm genug. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie enttäuscht sie wären, wenn sie merkten, dass er fern von ihnen nicht mal sprechen konnte.” (Zitat S.28) Dennoch ist die Stotter-Thematik gut getroffen und umgesetzt worden, auch wenn der Junge zu Beginn — für mein Empfinden — fast zu schnell wieder sprechen konnte. Wieviel Macht Worte haben können, das macht Sam Tho
mpson besonders am Anfang der Geschichte sehr deutlich, als Isengrim Silas aus einer misslichen Lage befreien will und von den Füchsen in Grund und Boden geredet wird. Dass er zu nichts mehr nütze sei und nur “müde, ausgezehrt und schwach” (Zitat S.32). Denn hier — in dieser Parallelwelt — setzt sich Silas das erste Mal zur Wehr, erhebt seine Stimme und schafft es die Lage zu verändern. Die Füchse — die eindeutigen Bösewichte der Geschichte — und die Rahmenhandlung mit den Wölfen ist in dem Roman besonders faszinierend, weil sie viel Doppeldeutigkeit und Tiefe besitzt, um auch mit anderen Geschehnissen verglichen zu werden. Denn einst konnten die Wölfe nicht sprechen. Erst die schlauen Füchse haben ihnen sie die Sprache gelehrt. Worauf es den Wölfen immer schlechter ging, weil sie immer mehr um sich herum in Worte fassen konnten, aber dennoch nicht verstanden: “Bitte helft uns”, sagten sie. “Ihr habt uns Worte gegeben, doch jetzt sind wir traurig und ängstlich un
d wissen nicht, warum. Bitte sagt uns, was wir tun sollen.” (Zitat S.42) Die Füchse schlugen ihnen also einen Deal vor. Die Wölfe sollten ihnen unter dem WALD eine unterirdische Stadt bauen, dafür bekämen sie Nahrung und eine Unterkunft. “Und das Beste war: Sie würden den Wölfen sagen, was sie tun sollten, sodass sie nie wieder selbst entscheiden müssten.” (Zitat S.42ff) Also bauten die Wölfe diese Stadt. Unter größten Kraftanstrengungen und wurden von den Füchsen immer wieder gezüchtigt, wenn sie nicht schnell genug waren. “Die Wölfe arbeiteten also für die Füchse und bei dieser Arbeit starben sie. Sie starben, weil die Arbeit zu hart war und ihre Ernährung zu schlecht und weil ihnen kein Grund einfiel, nicht zu sterben. Bis nur noch zwei Wölfe übrig waren.” (Zitat S.45) Diese zwei Wölfe sind Isengrim und Hersent. Die letzten Überlebenden sozusagen. Werden sie sich gegen die Füchse behaupten können? Wird ihre Art aussterben oder werden sie mit ihrem Nachwuchs wieder für die nächsten Generationen an
Wölfen sorgen können? Es ist eine leise, unterschwellige Spannung, die sich in “Der Junge, der mit den Wölfen spricht” aufbaut. Ein Hin- und Herwechseln zwischen WALD und der echten Welt. In der echten Welt, in der der Junge, der Silas das Leben schwer macht, tatsächlich gewisse (Farb-)Ähnlichkeit mit einem Fuchs hat: “Richie Long war ein großer, kräftiger Junge mit orangerotem Haar und breiten, fleischigen Lippen.” (Zitat S.25) Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Sprache des Autors. Leider ist der Fließtext meist sehr klar und schnörkellos, dann aber an manchen wenigen Stellen wieder auffallend kraftvoll und poetisch: “Schwankende Blätter ließen Sonnenlicht hereintröpfeln und sorgten für ein endloses Flüstern, das sich mit dem Zwitschern der Vögel zu einem mächtigen Säuseln verband, einem Klang, größer und tiefer als Stille. Die reine und frische Luft war wie ein Versprechen, dass gleich etwas geschehen würde; und diese
s Etwas würde allumfassend sein.” (Zitat S.17ff) und “Es war egal, wohin er ging. Das Alleinsein umschloss ihn, kühl und beruhigend” (Zitat S.27). Bereits das Vorwort — ein Aneinanderreihen voller rund erzählter Sätze — musste ich mehrmals lesen, um dessen sprachliche Schönheit zu begreifen. Dass dieser Roman für den Booker Prize nominiert wurde, kann ich mir gut vorstellen, auch wenn er letztendlich nicht gewonnen hat. Im hinteren Teil des Buches gleicht das Ganze mehr einer Abenteuergeschichte, die aber noch mit ein paar kleinen, überraschenden Wendungen aufwartet. Vom Ende her war ich ehrlich gesagt eher etwas enttäuscht. Das war mir zu offen gestaltet. Gerade ein interessanteste Aspekt der Geschichte wurde leider etwas unzureichend behandelt.
Ein wenig hat mich “Der Junge, der mit den Wölfen spricht” an den Roman “Das Nest” des kanadischen Autoren Kenneth Oppel denken las
sen. Hier versuchen auch ein paar Tiere (in dem Fall Bienen) einen Jungen auszutricksen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dieser ist jedoch mit etwas mehr Horrorelementen gespickt. Eine Parallelwelt, in die jemand abtaucht und woran ein Tier beteiligt ist? Das erlebst du zudem in dem spannenden Buch “Die fantastischen Abenteuer der Chrismas Company” von Corinna Gieseler. Du magst Bücher, in denen ein Wolf eine Rolle spielt? Dann lies unbedingt “Isegrim — Eine Liebe in Wolfsnächten” von Antje Babendererde oder “Als der Wolf den Wald verließ” von Rosanne Perry. Etwas älter, aber den Kampf um Freiheit und das Überleben und Wölfe thematisierend, sind “Shana, das Wolfsmädchen” von Frederica de Cesco und “Julie von den Wölfen” von Jean Craighead George. Zwei Tierfabeln, in denen Füchse eine Rolle spielen, sind die Reihen “White Fox” von Chen Jiatong und “Mein Freund Pax” von Sara Pennypacker.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann Esslinger ISBN: 978-3-522-18589-9 Erscheinungsdatum: 24.Februar 2022 Einbandart: Hardcover Preis: 14,99€ Seitenzahl: 208 Übersetzer: Ingo Herzke Originaltitel: "Wolfstongue" Originalverlag: Little Island Books Britisches Originalcover:
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------------------------------------- Britisches Cover: Homepage von Sam Thompson

Verlag: Thienemann Esslinger
ISBN: 978-3-522-18589-9
Erscheinungsdatum: 24.Februar 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: Ingo Herzke
Originaltitel: "Wolfstongue"
Originalverlag: Little Island Books
Britisches Originalcover:
