Sam Thompson — Der Junge, der mit den Wölfen spricht

Kasimira6.März 2022

Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” ist das ers­te Kin­der­buch des bri­ti­schen Autoren Sam Thomp­son und wur­de für den Boo­ker Pri­ze — den wich­tigs­ten bri­ti­schen Lite­ra­tur­preis — nomi­niert. Eine Geschich­te über einen Jun­gen, der wegen sei­nes Stot­terns gemobbt wird und durch Zufall in einer Par­al­lel­welt lan­det, in der er einem spre­chen­den Wolf hilft, der von ein paar beson­ders tyran­ni­schen Füch­sen unter­drückt wird. Er lernt sei­ne Stim­me zu erhe­ben, mutig zu sein und für Frei­heit zu kämp­fen. Ein Roman wie eine Fabel, klug und vol­ler Weis­heit erzählt. Mit einer schö­nen Spra­che und einer tol­len Bot­schaft. Für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Als Silas auf sei­nem Weg von der Schu­le nach Hau­se einem Wolf begeg­net, staunt er nicht schlecht. “Der Wolf stand mit­ten auf dem Weg und beob­ach­te­te ihn. Sein Kopf war auf Höhe von Silas’ Brust. Noch nie war er einem wil­den Tier so nahe gekom­men.” (Zitat aus “Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” S.6) Der Wolf scheint ver­letzt zu sein, er hat etwas Spit­zes in sei­ner Pfo­te ste­cken. Silas hilft ihm und wird kurz nach­dem der Wolf in ein angren­zen­des Wald­grund­stück ver­schwun­den ist, plötz­lich von meh­re­ren Füch­sen bela­gert. Füch­sen, die spre­chen kön­nen! Sie sind auf der Suche nach dem angeb­lich Kasimirawil­den Wolf, der gefähr­lich sei und den sie unbe­dingt fan­gen wol­len. Doch Silas ver­rät ihn nicht. In Anwe­sen­heit von Frem­den kann er ohne­hin kaum spre­chen: “Silas woll­te ant­wor­ten, doch er brach­te kein Wort her­aus. Das pas­sier­te ihm oft, vor allem in der Schu­le. Leu­te spra­chen ihn an und war­te­ten auf eine Ant­wort, doch die Wör­ter, die er sagen woll­te, steck­ten fest.” (Zitat S.10) So wen­den sich die Füch­se erbit­tert von ihm ab und eine Füch­sin erdreis­tet sich sogar ihn zum Schluss noch in den Fuß zu bei­ßen. Ein Biss, der höl­lisch weh tut. Doch dann taucht der Wolf wie­der auf und nimmt Silas mit in eine Art Par­al­lel­welt: “Die Land­schaft, die sich unter ihnen aus­brei­te­te, war ein unge­heu­rer Wald, der bis zum Hori­zont reich­te. Das Grün wur­de von Fels­za­cken hier und dort oder einem glit­zern­den Was­ser­lauf unter­bro­chen. Silas hat­te nur einen Gedan­ken: Sie waren in eine ande­re Welt gelangt.” (Zitat S.18) Der Wolf, der eben­falls spre­chen kann, heißt Isen­grim und er bringt Silas zu sei­ner Gefähr­tin Her­sentKasimira, die ihm hilft sei­ne Wun­de zu ver­arz­ten. Die bei­den Wöl­fe erwar­ten in Kür­ze Nach­wuchs und sind vor den Füch­sen auf der Flucht. Ver­ste­cken sich immer­zu von ihnen. “Füch­se ver­ges­sen nicht, wer ihnen in die Que­re gekom­men ist. Sie wer­den dich nicht mehr in Ruhe las­sen, dar­um sind unse­re Schick­sa­le nun ver­knüpft. Du brauchst unse­re Hil­fe und wir brau­chen dei­ne.” (Zitat S.46) Und so hilft Silas den bei­den und lässt sie auf sei­nem Dach­bo­den woh­nen. Doch die Füch­se geben kei­ne Ruhe und las­sen sich immer neue­re Metho­den ein­fal­len, um die bei­den zu stellen…

Das Cover wirkt fast etwas alt­mo­disch, ver­strömt einen Hauch von Klas­si­ker und Aben­teu­er­ge­schich­te. Doch Sam Thomp­son hat in sei­nem viel­schich­ten Roman eine fas­zi­nie­ren­de Par­al­lel­welt geschaf­fen: “Sein Kopf war vol­ler trop­fen­der Blät­ter und tie­fer Täler und fer­ner Ber­ge. Er fühl­te, wie die Wöl­fe sich laut­los durch die Land­schaft beweg­teKasimiran. Isen­grim hat­te ihm erklärt, dass der WALD über­all war und dass man an jedem Ort einen Weg hin­ein­fin­den konn­te, wenn man nur danach such­te.” (Zitat S.25) Das Buch ist durch­ge­hend in per­so­na­ler Erzähl­wei­se und aus Silas Sicht geschrie­ben. Der Jun­ge wirkt zunächst noch etwas wenig greif­bar, man erfährt kaum etwas über sei­ne Lebens­um­stän­de, nur das Pro­blem mit dem Spre­chen und dem Mob­bing in der Schu­le. Selbst sei­nen Eltern ist nicht bekannt, wel­che Pro­ble­me ihn dort beschäf­ti­gen: “Sie glaub­ten, er sei nur ein wenig schüch­tern und lang­sam, und das war schon schlimm genug. Er woll­te sich gar nicht vor­stel­len, wie ent­täuscht sie wären, wenn sie merk­ten, dass er fern von ihnen nicht mal spre­chen konn­te.” (Zitat S.28) Den­noch ist die Stot­ter-The­ma­tik gut getrof­fen und umge­setzt wor­den, auch wenn der Jun­ge zu Beginn — für mein Emp­fin­den — fast zu schnell wie­der spre­chen konn­te. Wie­viel Macht Wor­te haben kön­nen, das macht Sam ThoKasimirampson beson­ders am Anfang der Geschich­te sehr deut­lich, als Isen­grim Silas aus einer miss­li­chen Lage befrei­en will und von den Füch­sen in Grund und Boden gere­det wird. Dass er zu nichts mehr nüt­ze sei und nur “müde, aus­ge­zehrt und schwach” (Zitat S.32). Denn hier — in die­ser Par­al­lel­welt — setzt sich Silas das ers­te Mal zur Wehr, erhebt sei­ne Stim­me und schafft es die Lage zu ver­än­dern. Die Füch­se — die ein­deu­ti­gen Böse­wich­te der Geschich­te — und die Rah­men­hand­lung mit den Wöl­fen ist in dem Roman beson­ders fas­zi­nie­rend, weil sie viel Dop­pel­deu­tig­keit und Tie­fe besitzt, um auch mit ande­ren Gescheh­nis­sen ver­gli­chen zu wer­den. Denn einst konn­ten die Wöl­fe nicht spre­chen. Erst die schlau­en Füch­se haben ihnen sie die Spra­che gelehrt. Wor­auf es den Wöl­fen immer schlech­ter ging, weil sie immer mehr um sich her­um in Wor­te fas­sen konn­ten, aber den­noch nicht ver­stan­den: “Bit­te helft uns”, sag­ten sie. “Ihr habt uns Wor­te gege­ben, doch jetzt sind wir trau­rig und ängst­lich unKasimirad wis­sen nicht, war­um. Bit­te sagt uns, was wir tun sol­len.” (Zitat S.42) Die Füch­se schlu­gen ihnen also einen Deal vor. Die Wöl­fe soll­ten ihnen unter dem WALD eine unter­ir­di­sche Stadt bau­en, dafür bekä­men sie Nah­rung und eine Unter­kunft. “Und das Bes­te war: Sie wür­den den Wöl­fen sagen, was sie tun soll­ten, sodass sie nie wie­der selbst ent­schei­den müss­ten.” (Zitat S.42ff) Also bau­ten die Wöl­fe die­se Stadt. Unter größ­ten Kraft­an­stren­gun­gen und wur­den von den Füch­sen immer wie­der gezüch­tigt, wenn sie nicht schnell genug waren. Die Wöl­fe arbei­te­ten also für die Füch­se und bei die­ser Arbeit star­ben sie. Sie star­ben, weil die Arbeit zu hart war und ihre Ernäh­rung zu schlecht und weil ihnen kein Grund ein­fiel, nicht zu ster­ben. Bis nur noch zwei Wöl­fe übrig waren.” (Zitat S.45) Die­se zwei Wöl­fe sind Isen­grim und Her­sent. Die letz­ten Über­le­ben­den sozu­sa­gen. Wer­den sie sich gegen die Füch­se behaup­ten kön­nen? Wird ihre Art aus­ster­ben oder wer­den sie mit ihrem Nach­wuchs wie­der für die nächs­ten Genera­tio­nen an KasimiraWöl­fen sor­gen kön­nen? Es ist eine lei­se, unter­schwel­li­ge Span­nung, die sich in “Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” auf­baut. Ein Hin- und Her­wech­seln zwi­schen WALD und der ech­ten Welt. In der ech­ten Welt, in der der Jun­ge, der Silas das Leben schwer macht, tat­säch­lich gewis­se (Farb-)Ähnlichkeit mit einem Fuchs hat: “Richie Long war ein gro­ßer, kräf­ti­ger Jun­ge mit oran­ge­ro­tem Haar und brei­ten, flei­schi­gen Lip­pen.” (Zitat S.25) Was mir beson­ders gut gefal­len hat, ist die Spra­che des Autors. Lei­der ist der Fließ­text meist sehr klar und schnör­kel­los, dann aber an man­chen weni­gen Stel­len wie­der auf­fal­lend kraft­voll und poe­tisch: “Schwan­ken­de Blät­ter lie­ßen Son­nen­licht her­ein­tröp­feln und sorg­ten für ein end­lo­ses Flüs­tern, das sich mit dem Zwit­schern der Vögel zu einem mäch­ti­gen Säu­seln ver­band, einem Klang, grö­ßer und tie­fer als Stil­le. Die rei­ne und fri­sche Luft war wie ein Ver­spre­chen, dass gleich etwas gesche­hen wür­de; und die­seKasimiras Etwas wür­de all­um­fas­send sein.” (Zitat S.17ff) und “Es war egal, wohin er ging. Das Allein­sein umschloss ihn, kühl und beru­hi­gend” (Zitat S.27). Bereits das Vor­wort — ein Anein­an­der­rei­hen vol­ler rund erzähl­ter Sät­ze — muss­te ich mehr­mals lesen, um des­sen sprach­li­che Schön­heit zu begrei­fen. Dass die­ser Roman für den Boo­ker Pri­ze nomi­niert wur­de, kann ich mir gut vor­stel­len, auch wenn er letzt­end­lich nicht gewon­nen hat. Im hin­te­ren Teil des Buches gleicht das Gan­ze mehr einer Aben­teu­er­ge­schich­te, die aber noch mit ein paar klei­nen, über­ra­schen­den Wen­dun­gen auf­war­tet. Vom Ende her war ich ehr­lich gesagt eher etwas ent­täuscht. Das war mir zu offen gestal­tet. Gera­de ein inter­es­san­tes­te Aspekt der Geschich­te wur­de lei­der etwas unzu­rei­chend behandelt.

Ein wenig hat mich “Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” an den Roman “Das Nest” des kana­di­schen Autoren Ken­neth Oppel den­ken lasLesealternativensen. Hier ver­su­chen auch ein paar Tie­re (in dem Fall Bie­nen) einen Jun­gen aus­zu­trick­sen, um an ihr Ziel zu gelan­gen. Die­ser ist jedoch mit etwas mehr Hor­ror­ele­men­ten gespickt. Eine Par­al­lel­welt, in die jemand abtaucht und wor­an ein Tier betei­ligt ist? Das erlebst du zudem in dem span­nen­den Buch “Die fan­tas­ti­schen Aben­teu­er der Chris­mas Com­pa­ny” von Corin­na Gie­se­ler. Du magst Bücher, in denen ein Wolf eine Rol­le spielt? Dann lies unbe­dingt “Ise­grim — Eine Lie­be in Wolfs­näch­ten” von Ant­je Baben­der­er­de oder “Als der Wolf den Wald ver­ließ” von Rosan­ne Per­ry. Etwas älter, aber den Kampf um Frei­heit und das Über­le­ben und Wöl­fe the­ma­ti­sie­rend, sind “Shana, das Wolfs­mäd­chen” von Fre­de­ri­ca de Ces­co und “Julie von den Wöl­fen” von Jean Crai­ghead Geor­ge. Zwei Tier­fa­beln, in denen Füch­se eine Rol­le spie­len, sind die Rei­hen “White Fox” von Chen Jia­tong und “Mein Freund Pax” von Sara Pen­ny­pa­cker.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann Esslinger
ISBN: 978-3-522-18589-9
Erscheinungsdatum: 24.Februar 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: Ingo Herzke
Originaltitel: "Wolfstongue"
Originalverlag: Little Island Books

Britisches Originalcover:
Kasimira







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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Sam Thompson

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