Reiner Engelmann — “Alodia, du bist jetzt Alice!”

20.Oktober 2019

Alo­dia, du bist jetzt Ali­ce!” ist das neu­es­te Buch des deut­schen Autoren Rei­ner Engel­mann. Ein auto­bio­gra­fi­scher Roman über den Holo­caust, über Kin­der­raub und Zwangs­ad­ap­ti­on im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Eine sehr gut recher­chier­te Geschich­te mit vie­len zusätz­li­chen Erläu­te­run­gen und Foto­gra­fi­en. Ein Lebens­zeug­nis, das ergrei­fend, erschre­ckend und doch so wahr ist. Ein Buch gegen das Ver­ges­sen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Polen wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs. Hier lebt die pol­ni­sche Fami­lie Witas­zek. Der Vater, Fran­cis­zek Witas­zek — ein ange­se­he­ner Arzt und Wis­sen­schaft­ler — jedoch im Gehei­men Teil einer Wider­stands­grup­pe, wird eines Tages fest­ge­nom­men und schließ­lich umge­bracht. Die Mut­ter — Hali­na Witas­zek, wird auch ver­haf­tet und wie­der frei gelas­sen und dann wie­der ver­haf­tet. Lan­det letzt­end­lich in Aus­schwitz. Ihre fünf gemein­sa­men Kin­der wer­den auf ver­schie­de­ne Ver­wand­ten ver­teilt. Die Schwes­tern Alo­dia und Daria lan­den Kasimirabei einem Onkel und einer Tan­te. Bis sie im “Ras­se­amt” der Gesta­po vor­stel­lig wer­den müs­sen und schließ­lich auf­grund ihrer blon­den Haa­re und der blau­en Augen den Ver­wand­ten ent­ris­sen wer­den. Sie sol­len zur nor­di­schen Ras­se gehö­ren, nur die fal­sche Spra­che erlernt haben und nun “ein­ge­deutscht” wer­den. Ein lan­ger Lei­dens­weg steht den Kin­dern bevor, der sie zunächst in das Kin­der- und Jugend-Ver­wahr­la­ger Litz­mann­stadt führt, das auch Klein-Ausch­witz genannt wird und dann in ein Kin­der­heim, in dem sie “ger­ma­ni­siert” wer­den. Doch ihre Fami­lie gibt nicht auf, die bei­den wie­der­zu­fin­den…

Bereits in einem Vor­wort warnt Rei­ner Engel­mann ein­dring­lich vor dem, was den Leser wäh­rend des Buches erwar­ten wird: “Es gehört zu den schlimms­ten Ver­bre­chen, die Men­schen ande­ren Men­schen antun kön­nen, wenn sie ihnen die Kin­der rau­ben. Wäh­rend der NS-Zeit ist das viel­tau­send­fach gesche­hen. Der Raub von Kin­dern war gewollt und hat­te Sys­tem.” (Zitat KasimiraS.9) Der Roman, der einen sehr sach­buch­ähn­li­chen und doku­men­ta­ri­schen Cha­rak­ter hat, wird in fünf Tei­len erzählt und aus einer all­wis­sen­den Per­spek­ti­ve. Manch­mal springt Rei­ner Engel­mann ein wenig in den Zei­ten, kon­zen­triert sich mehr auf die eine, dann wie­der auf die ande­re Per­son. Beleuch­tet auch gewis­se Aspek­te in ein­zel­nen Kapi­teln etwas genau­er, wie­der­holt sich an weni­gen Stel­len ein wenig. Wäh­rend der Beginn sich fast wie in einem Schul­buch liest — da mit vie­len Fak­ten unter­mau­ert — beginnt die Geschich­te dann mit dem berüh­ren­den Schick­sal der Kin­der erzäh­le­risch flüs­si­ger zu wer­den. Was mit Alo­dia und ihrer Schwes­ter in dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und spä­ter im Kin­der­heim pas­siert, aber auch mit der Mut­ter, die nie die Hoff­nung ver­liert, ihre Kin­der eines Tages wie­der­zu­se­hen, liest sich höchst erschre­ckend. “Alo­dia, du heißt jetzt Ali­ce!”, sag­te ihr eine SS-Frau in stren­gem Ton­fall. Kasimira“Merk dir das!” Alo­dia schau­te die Frau mit gro­ßen Augen an. “Du bist jetzt Ali­ce! Wenn dich jemand mit die­sem Namen ruft, musst du sofort kom­men, ver­stan­den?” (Zitat S.73) Gera­de dass ihre Namen geän­dert, ihre Bio­gra­fie umge­wan­delt wird, macht es für Ange­hö­ri­ge äußerst schwie­rig ihre Spu­ren zu ver­fol­gen. Ob es Hali­na Witas­zek am Ende gelingt ihre bei­den Kin­der wie­der­zu­fin­den und was das Leben aus ihnen gemacht hat, zeigt der Roman erst ganz am Ende. Dar­auf­hin fol­gen noch ein Epi­log, ein Nach­wort und ein sehr aus­führ­li­cher Glos­sar mit wich­ti­gen Begrif­fen und kur­zen Lebens­läu­fen bedeu­ten­der Per­so­nen (immer mit einem Stern­chen im Fließ­text gekenn­zeich­net). “Alo­dia, du bist jetzt Ali­ce!” ist ein wich­ti­ges Buch, das jedoch auch Grau­sa­mes deut­lich beschreibt und daher nichts für Zart­be­sai­te­te ist.

Wenn du noch mehr Bücher von Rei­ner Engel­mann über den Holo­caust lesen möch­test, grLesealternativeneif zu “Wir haben das KZ über­lebt: Zeit­zeu­gen berich­ten” und “Der Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben des Wil­helm Bras­se” oder “Der Buch­hal­ter von Ausch­witz: Die Schuld des Oskar Grö­ning”. Ande­re Jugend­bü­cher von ihm sind: “Anschlag von rechts” oder schon etwas älter: “Zivil­cou­ra­ge jetzt”, “Frei und gleich gebo­ren: Ein Men­schen­rech­te-Lese­buch”, “Dass wir heu­te frei sind: Ein Amnes­ty-Inter­na­tio­nal-Lese­buch” und “Kei­ner hat was gese­hen: Tex­te über Gewalt an der Schu­le”. Dich inter­es­siert das The­ma Holo­caust? In die­sem Spe­cial fin­dest du vie­le Bücher dar­über! Sehr emp­feh­len kann ich “28 Tage lang” von David Safier, “Der Klang der Hoff­nung” von Suzy Zail, “Der Jun­ge auf dem Berg” von John Boyle und “Ich habe den Todes­en­gel über­lebt” von Eva Mozes Kor/Lisa Roja­ny.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31268-2
Erscheinungsdatum: 9.September 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,00€ 
Seitenzahl: 240 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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