Regina Dürig — 2 12 Gespenster

Regina Dürig 2 1/2 Gespenster30. Janu­ar 2017

Der Peter-Härt­ling-Preis 2015 ging an die deut­sche Auto­rin Regi­na Dürig und ihren anonym ein­ge­reich­ten Roman “2 12 Gespens­ter”, der bei Bel­tz & Gel­berg ver­öf­fent­licht wur­de. Nun neu als Taschen­buch erschie­nen. Ein geheim­nis­vol­ler Roman über einen Frem­den, der sich Ein­tritt in eine Fami­lie ver­schafft und die­se nicht mehr ver­las­sen möch­te. Für Jugend­li­che ab 14 und Erwach­se­ne, die tief­schich­ti­ge Lite­ra­tur mögen und auch bereit sind sich mit dem Gele­se­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Die 16-jäh­ri­ge Joan­na sitzt mit ihren Eltern in einem Café, als sie mit­be­kom­men, wie ein jun­ger Mann (viel­leicht zwei bis drei Jah­re älter als Joan­na) am Neben­tisch sei­ne drei Stü­cke Kuchen nicht bezah­len kann. Lilia­ne, die Bedie­nung, for­dert ihn auf zur Bank zu gehen, doch der Mann, der abge­se­hen von den Augen Heath Led­ger ähnelt, meint, dass dort auch nichts zu holen sei. “Willst du nicht noch mal in dei­nem Ruck­sack schau­en, ob du irgend­wo zehn Euro hast?”, fragt Lilia­ne. “Eigent­lich lie­ber nicht”, sagt er.” (Zitat aus “2 12 Gespens­ter”, S. 8). Und so begleicht Joan­nas Vater Domi­nik kur­zer­hand die Rech­nung des Frem­den, wofür er sofort Ärger mit Ines, sei­ner Frau, bekommt. Die­se for­dert den undank­ba­ren Mann, der sich Leo nennt, dazu auf, die 12,80€ für den Kuchen am nächs­ten Mon­tag in der Domi­niks Dru­cke­rei abzu­ar­bei­ten. Joan­na, die von Leo mit den roten Cow­boy­stie­feln und dem glatt­ge­stri­che­nen Haa­ren irgend­wie fas­zi­niert ist, ist über­rascht, dass er tat­säch­lich am Mon­tag bei Domi­nik in der Dru­cke­rei auf­taucht. Die ver­schie­dens­ten Über­le­gun­gen stellt sie über ihn an. Ob er einer Ver­bre­cher­ban­de ange­hört oder ob er Domi­niks unehe­li­cher Sohn ist. Bei der Arbeit in der Dru­cke­rei stellt Leo sich jedoch sehr geschickt an. Joan­nas Vater lässt ihn infol­ge schwarz bei sich arbei­ten. Manch­mal über­nach­tet Leo in dem Zim­mer über der Dru­cke­rei. Manch­mal flir­tet er mit Joan­na. Dann wirkt er wie­der unnah­bar, gibt ein­sil­bi­ge Ant­wor­ten oder gar kei­ne. “Ich möch­te lie­ber nicht.” oder “Eigent­lich nicht.”, das sagt er immer wie­der ger­ne. Als eines Tages ein wich­ti­ge Druck­auf­trag ansteht, und Joan­nas Fami­lie bei Oma Len­chen zu Besuch ist, küm­mert Leo sich um nichts. Er lässt Domi­nik hän­gen und bleibt ein­fach nur noch in dem Bett lie­gen…

Regina Dürig 2 1/2 Gespenster2 12 Gespens­ter” wird durch­ge­hend aus Joan­nas Per­spek­ti­ve in der Ich-Form erzählt und durch ein Zitat von Her­mann Mel­vil­le ein­ge­lei­tet (“Ich möch­te lie­ber nicht”, sag­te er. aus dem Roman “Bart­le­by der Schrei­ber”), das sehr pas­send zu Leos Ver­hal­tens­wei­se ist. Die Spra­che ist ein­fach und doch sehr beson­ders: “Die Son­ne geht auf und das Bil­der­buch ist gedruckt. Da ist Domi­nik, da ist Leo und da bin ich. Zwi­schen uns ein Rie­sen­sta­pel Papier, Erleich­te­rung und Müdig­keit.” (S. 27). Der Erzähl­text ist flüs­sig und gewinnt durch die Tie­fe und den Sinn hin­ter den schlich­ten Wor­ten an Mehr­di­men­sio­na­li­tät. Per­fekt geeig­net für Leser, die sich mit dem Ober­fläch­li­chen nicht zufrie­den geben, die das Agie­ren der Prot­ago­nis­ten nicht ein­fach nur beob­ach­ten, son­dern auch ver­ste­hen möch­ten. Allen vor­an Leo, den Fremd­kör­per in dem Roman, das geheim­nis­vol­le Wesen, das es schafft durch sei­ne hart­nä­cki­ge Pas­si­vi­tät eine gan­ze Fami­lie in Akti­vi­tät zu ver­set­zen. Wer ist Leo? Wo kommt er tat­säch­lich her? Was will er? Und war­um will er nicht?
Inter­es­sant fand ich auch den Titel des Romans und sei­ne außer­ge­wöhn­li­chen Kapi­tel­über­schrif­ten. Es gibt nicht nur Kapi­tel 1, 2, 3, son­dern auch 5 14, 5 12 und 5 34 oder 4 13 und 4 23. Und Über­schrif­ten wie “Ein Reh mit Roll­schu­hen”, “Über­roll­te Del­fi­ne” und “Stil­le­ben mit Wand­uhr und Para­gra­fen”. Es ist die Anders­ar­tig­keit, die “2 12 Gespens­ter” zu etwas Beson­de­rem macht. Die Mög­lich­kei­ten der Inter­pre­ta­ti­on, die die Auto­rin den Lesern offen lässt, sie durch ihre wer­tungs­lo­se Erzähl­wei­se gera­de­zu dazu auf­for­dert. Ide­al als Schul­lek­tü­re.

Scha­de fand ich, dass der Titel “Eigent­lich lie­ber nicht”, der im Netz kusiert und wahr­schein­lich der Manu­skript­ti­tel war, nicht für die Buch­ver­öf­fent­li­chung über­nom­men wur­de. Der wäre viel aus­sa­ge­kräf­ti­ger und pas­sen­der gewe­sen als “2 12 Gespens­ter”, für wel­chen man schon sehr viel Inter­pre­ta­ti­ons­ar­beit leis­ten muss.

LesealternativenWenn dir der Erzähl­stil von Regi­na Dürig gefal­len hat, dann kannst du auch noch “Kater­tag: Oder: Was sagt der Knopf bei Nacht?” von ihr lesen, das 2012 für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de (von den Jugend­li­chen selbst gewählt). Eben­falls den Peter-Härt­ling-Preis bekom­men haben 2013 Nata­ly Savina für “Love Ali­ce” (toll!) und 2009 Gabi Kres­leh­ner für “Char­lot­tes Traum” (berüh­rend, The­ma Schei­dung). Roma­ne, die mit kla­rer Spra­che und mit viel Tie­fe und Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten ver­se­hen sind, sind auch Nichts: Was im Leben wich­tig ist” von Jan­ne Tel­ler (ab 16, her­aus­ra­gend!), “Mari­en­bild” von Tama­ra Bach (eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu “2 12 Gespens­ter”) und Wie ein flam­men­der Schrei” von Mats Wahl. Mög­lich wäre auch “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” von Hil­de Kval­va­ag und “Und plötz­lich war der Wald so still” von Moa Eriks­son Sand­berg.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74804-1
Erscheinungsdatum: 30.Januar 2017
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,95€
Seitenzahl: 139
Übersetzer: -
Originaltitel: "Eigentlich lieber nicht"
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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