“Point of view: Wenn du nicht wegschauen kannst” ist ein Roman des vielfach ausgezeichneten, französischen Autoren Patrick Bard, der sich mit dem Thema Internetpornosucht bei Jugendlichen beschäftigt und das Leben eines Teenager porträtiert, der nicht mehr davon loskommt und immer weiter abstürzt. Das erste Jugendbuch, das sich mit diesem absoluten Tabuthema auseinandersetzt! Heftig und schonungslos. Hier wird nicht weggeschaut. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Für Jugendliche ab 14 Jahren und interessierte Erwachsene.
Seinen ersten Porno hat Lucas mit 11 Jahren angesehen. Zusammen mit Freunden. Und dabei so getan, als wäre das nichts Neues. Ein bisschen erregt war er dabei und vor allem neugierig. Aber als er Anfang der sechsten Klasse einen eigenen Laptop und ein eigenes Handy von seinen Eltern bekommt, kommt er nicht auf die Idee sich erneut so etwas anzusehen. Er interessiert sich für Superhelden. Doch eine aufploppende Werbung und plötzlich bleibt er hängen an diesen Filmchen. Ist völlig fasziniert. Und bald ist er mittendrin in dieser Welt. Hängt nächtelangvor dem Computer. “Lucas ist sechszehn und hat noch nie ein Mädchen zärtlich berührt oder gar geküsst. Und schon gar nicht mit einem Mädche
n geschlafen. Aber er hat Zehntausenden Menschen aus aller Welt dabei zugesehen, wie sie es in allen möglichen Stellungen und allen möglichen Kombinationen miteinander tun.” (Zitat aus “Point of view: Wenn du nicht wegschauen kannst” S.27) Bald schaut er die Pornos nicht nur nachts, sondern auch tagsüber in jedem freien Moment, den er findet. In der Schule schläft er oft ein, seine Noten sinken in den Keller. Lucas nimmt an Gewicht zu, schwänzt immer öfters die Schule oder seine Tennisstunden. “Er hat sehr schnell festgestellt, dass sich auch Bilder abnutzen. Dass ihre Wirkung nachlässt, wenn man sie sich zu oft ansieht.” (Zitat S.38) Immer krassere Videos muss er sich ansehen. Sucht den immer stärkeren Kick. Ein Mädchen “in Echt” aufreißen, das hat er mal versucht, indem er ihr ein Nacktfoto von sich schickte, d
och das ging nach hinten los. Sie und ihre Freundinnen haben sich über ihn lustig gemacht, aber das Bild zum Glück nicht weiterverbreitet. “Nie wieder würde er versuchen, ein Mädchen aufzureißen. Wenn es sich vermeiden ließ, würde er nicht mal mehr mit einem Mädchen reden. Vor seinem Bildschirm hatte er die Situation wenigstens unter Kontrolle.” (Zitat S.47) Lucas zieht sich vom gesellschaftlichen Leben völlig zurück. Hat keine Freunde mehr, ist meist nur noch daheim. Beim gelegentlichen Tennis nennen die anderen ihn bereits den “Dicken” und er kommt schnell außer Puste. “Zum Glück beruhigen ihn die Pornobilder. Sie sind wie ein Zufluchtsort — wenigstens eine Sache, bei der er sich wirklich auskennt. Sie erlauben ihm, der wirklichen Welt, der Mittelmäßigkeit seiner Noten, seines Aussehens und letztendlich auch seines Lebens zu entkommen.” (Zitat S.57) Aber dann
funktionieren sowohl sein Handy, als auch sein Laptop eines Tages nicht mehr. Er hat sich irgendeinen Virus eingefangen. Leider kann Lucas nicht verhindern, dass sein Vater, der in einer Computerfirma arbeitet, sich dem Ganzen annimmt. Ein Arbeitskollege versucht seinen Laptop neu zu starten und sieht genau, welche Seiten Lucas zuvor besucht hat: “Schau, hier, die vierundzwanzig Stunden, kurz bevor das ganze System abgeschmiert ist. Er wechselt alle zwei bis drei Minuten die Website. Manchmal bleibt er etwas länger, aber nie mehr als fünf Minuten. Von zehn Uhr abends, wenn er nach dem Abendessen hoch in sein Zimmer geht, nehmen ich an, bis fünf Uhr morgens hat er sich in dieser Nacht hundertvierzig Pornos angesehen. Hundertvierzig.” (Zitat S.49) Das hat ungeahnte Folgen für den Jungen…
Das Cover wirkt grell und auffällig, auch wenn es nicht sehr offensichtlich zeigt, um was es in dem Buch eigentlich geht. Die Bedeutung des Titels wird jedoch zu Beginn relativ schnell erklärt: “Der Sex war aus der Sicht des Mannes gefilmt, der auf die Frau heruntersah. […] Damals wusste er noch nicht, dass man diese Videos POV, point of view, nannte, der englische Begriff für “subjektive Kamera”. Genauso wenig war ihm klar, dass der Mann beim Sex selbst mit der Kamera in der Hand filmte.” (Zitat S.31) Der Roman ist in zwei Teile unterteilt, die den Titel “Verschwinden” und “Das Herz höher schlagen lassen” tragen. Der zweite Teil spielt hauptsächlich in einer Klinik, der erste noch zu Hause bei Lucas. Der Hauptteil endet mit einem Epilog und startet mit einem Prolog, in dem äußerst eindringlich beschrieben wird, wie Lucas eines Tages feststellen muss, dass seine technische Ausrüstung nicht mehr funktionieren: “Kalter Schweiß läuft ihm den Rücken hinunter. Nein, das darf nicht wahr sein. Das kann nicht wahr sein! Er drückt noch einmal auf den Knopf und der Laptop fährt h
erunter. Dann schaltet er ihn wieder ein — mit genau demselben Ergebnis: ein blinkendes Fragezeichen.” (Zitat S.8) Man ist als Leser sofort mittendrin in der Geschichte und kann Lucas Entsetzen genau mitverfolgen: “Er ist außer Atem. Ihm ist ganz schummrig, weil er nicht genug geschlafen hat, und er fühlt sich, als wäre er, wie das Betriebssystem seines Laptops, kurz vor dem kompletten Absturz.” (Zitat S.9) Patrick Bard verwendet eine sehr klare, schnörkellose,mitreißende Sprache. Kaum möglich sich dem Lesesog zu entziehen. Der Autor hat die Perspektive eines allwissenden Erzählers gewählt, schafft dadurch eine gewisse Distanz zum Erlebten, schildert die prägenden Ereignisse von Lucas Leben sehr deutlich, fast sachlich und sehr biografisch wirkend, auch wenn es sich wohl um eine fiktive Person handelt. Er blendet nichts aus, nimmt die jugendlichen Leser ernst und beschre
ibt vieles sehr offen und direkt: “In der darauffolgenden Nacht hat er wieder von Neuem angefangen. Und in der Nacht darauf und in der darauf ebenfalls, wobei er bis zu fünfmal hintereinander onaniert hat und das so heftig, dass er schließlich ganz wund war.” (Zitat S.33) Vor allem die Sucht zu beschreiben und die Bedeutung, die diese für Lucas hat, liest sich sehr authentisch: “Nur die Flucht in die Pornowelt lässt ihn zur Ruhe kommen. Dabei kann er loslassen und alles vergessen. Die Anspannung, die Angst, die Scham, die Schuld, die Sucht, sein Übergewicht, sein schulisches Versagen, alles. Und jedes Mal, wenn er befriedigt den Bildschirm ausschaltet, schwört er sich, dass es das letzte Mal war.” (Zitat S.88ff) Ebenso die Folgen für seine Entwicklung und sein verzerrtes Bild von Sexualität (auch in Bezug auf die Rolle der Frau)
werden glaubhaft dargestellt. Zusätzlich schafft Patrick Bard noch einen gewissen Erzählrahmen, indem er bereits Andeutungen auf etwas, das kommen wird, macht. Eine Gerichtsverhandlung. Warum? Was wird passieren? — Das erzeugt bereits einiges an Spannung. Auch die Rolle der Eltern wird dabei besonders thematisiert: “Als der Richter ihn später fragt, warum er nicht mit Lucas zu einem Kinderpsychologen gehen wollte, wird Sébastian sich ausschweigen. Und selbst als der Richter die Frage zweimal wiederholt, kann er ihm noch immer keinen Grund dafür nennen.” (Zitat S.76) Das Ende des Buches ist passend und authentisch. Allerdings wäre ein Anhang mit näheren Informationen und Hilfsangeboten für Jugendliche ganz sinnvoll gewesen.
Im Deutschen ist ” Point of View: Wenn du nicht wegschauen kannst” bisher der einzige Roman des französischen Schrift
stellers, der übersetzt wurde. Auch zum Thema Pornografiesucht ist mir im Jugendbuch bisher keine Alternative bekannt. Ein Junge, der sich beim Befriedigen selbst filmt und dessen Leben von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt wird, als dieses Video in falsche Hände gerät und veröffentlicht wird, das findest du in dem Roman “Homevideo” von Karin Kaçi, Jan Braren. Die deutliche Auslebung von Sexualität kannst zudem in diesen Romanen entdecken: “Doktorspiele” von Jaromir Konecny und “Turn me on!” von Olaug Nilssen. Internet(spiel)süchte werden zudem in “Wie viele Level hat dein Leben?” von Werner Färber und in “Killyou!” von Daniel Höra thematisiert. Zwei beeindruckende Bücher zum Thema Sucht (Drogen) sind außerdem “Keine halben Sachen” von Antje Herden und “Bis einer stirbt: Drogenszene Internet — Die Geschichte von Leyla & Josh” von Isabell Beer.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-1477-4 Erscheinungsdatum: Einbandart: Taschenbuch Preis: 9,95€ Seitenzahl: 224 Übersetzer: Ann Lecker, Bettina Arlt Originaltitel: "P.O.V., Point of view" Originalverlag: Syros Jeunesse Französisches Originalcover:
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(5 von 5 möglichen Punkten)
---------------------------------- Französisches Cover: Homepage von Syros Jeunesse

Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1477-4
Erscheinungsdatum:
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,95€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: Ann Lecker, Bettina Arlt
Originaltitel: "P.O.V., Point of view"
Originalverlag: Syros Jeunesse
Französisches Originalcover:
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