Patrick Bard — Point of view: Wenn du nicht wegschauen kannst

Kasimira13.September 2022

Point of view: Wenn du nicht weg­schau­en kannst” ist ein Roman des viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten, fran­zö­si­schen Autoren Patrick Bard, der sich mit dem The­ma Inter­net­por­no­sucht bei Jugend­li­chen beschäf­tigt und das Leben eines Teen­ager por­trä­tiert, der nicht mehr davon los­kommt und immer wei­ter abstürzt. Das ers­te Jugend­buch, das sich mit die­sem abso­lu­ten Tabu­the­ma aus­ein­an­der­setzt! Hef­tig und scho­nungs­los. Hier wird nicht weg­ge­schaut. Eine Geschich­te, die unter die Haut geht. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Sei­nen ers­ten Por­no hat Lucas mit 11 Jah­ren ange­se­hen. Zusam­men mit Freun­den. Und dabei so getan, als wäre das nichts Neu­es. Ein biss­chen erregt war er dabei und vor allem neu­gie­rig. Aber als er Anfang der sechs­ten Klas­se einen eige­nen Lap­top und ein eige­nes Han­dy von sei­nen Eltern bekommt, kommt er nicht auf die Idee sich erneut so etwas anzu­se­hen. Er inter­es­siert sich für Super­hel­den. Doch eine auf­plop­pen­de Wer­bung und plötz­lich bleibt er hän­gen an die­sen Film­chen. Ist völ­lig fas­zi­niert. Und bald ist er mit­ten­drin in die­ser Welt. Hängt näch­te­langvor dem Com­pu­ter. “Lucas ist sechs­zehn und hat noch nie ein Mäd­chen zärt­lich berührt oder gar geküsst. Und schon gar nicht mit einem Mäd­cheKasimiran geschla­fen. Aber er hat Zehn­tau­sen­den Men­schen aus aller Welt dabei zuge­se­hen, wie sie es in allen mög­li­chen Stel­lun­gen und allen mög­li­chen Kom­bi­na­tio­nen mit­ein­an­der tun.” (Zitat aus “Point of view: Wenn du nicht weg­schau­en kannst” S.27) Bald schaut er die Por­nos nicht nur nachts, son­dern auch tags­über in jedem frei­en Moment, den er fin­det. In der Schu­le schläft er oft ein, sei­ne Noten sin­ken in den Kel­ler. Lucas nimmt an Gewicht zu, schwänzt immer öfters die Schu­le oder sei­ne Ten­nis­stun­den. “Er hat sehr schnell fest­ge­stellt, dass sich auch Bil­der abnut­zen. Dass ihre Wir­kung nach­lässt, wenn man sie sich zu oft ansieht.” (Zitat S.38) Immer kras­se­re Vide­os muss er sich anse­hen. Sucht den immer stär­ke­ren Kick. Ein Mäd­chen “in Echt” auf­rei­ßen, das hat er mal ver­sucht, indem er ihr ein Nackt­fo­to von sich schick­te, dKasimiraoch das ging nach hin­ten los. Sie und ihre Freun­din­nen haben sich über ihn lus­tig gemacht, aber das Bild zum Glück nicht wei­ter­ver­brei­tet. “Nie wie­der wür­de er ver­su­chen, ein Mäd­chen aufzu­rei­ßen. Wenn es sich ver­mei­den ließ, wür­de er nicht mal mehr mit einem Mäd­chen reden. Vor sei­nem Bild­schirm hat­te er die Situa­ti­on wenigs­tens unter Kon­trol­le.” (Zitat S.47) Lucas zieht sich vom gesell­schaft­li­chen Leben völ­lig zurück. Hat kei­ne Freun­de mehr, ist meist nur noch daheim. Beim gele­gent­li­chen Ten­nis nen­nen die ande­ren ihn bereits den “Dicken” und er kommt schnell außer Pus­te. Zum Glück beru­hi­gen ihn die Por­no­bil­der. Sie sind wie ein Zufluchts­ort — wenigs­tens eine Sache, bei der er sich wirk­lich aus­kennt. Sie erlau­ben ihm, der wirk­li­chen Welt, der Mit­tel­mä­ßig­keit sei­ner Noten, sei­nes Aus­se­hens und letzt­end­lich auch sei­nes Lebens zu ent­kom­men.” (Zitat S.57) Aber dannKasimira funk­tio­nie­ren sowohl sein Han­dy, als auch sein Lap­top eines Tages nicht mehr. Er hat sich irgend­ei­nen Virus ein­ge­fan­gen. Lei­der kann Lucas nicht ver­hin­dern, dass sein Vater, der in einer Com­pu­ter­fir­ma arbei­tet, sich dem Gan­zen annimmt. Ein Arbeits­kol­le­ge ver­sucht sei­nen Lap­top neu zu star­ten und sieht genau, wel­che Sei­ten Lucas zuvor besucht hat: “Schau, hier, die vier­und­zwan­zig Stun­den, kurz bevor das gan­ze Sys­tem abge­schmiert ist. Er wech­selt alle zwei bis drei Minu­ten die Web­site. Manch­mal bleibt er etwas län­ger, aber nie mehr als fünf Minu­ten. Von zehn Uhr abends, wenn er nach dem Abend­essen hoch in sein Zim­mer geht, neh­men ich an, bis fünf Uhr mor­gens hat er sich in die­ser Nacht hun­dert­vier­zig Por­nos ange­se­hen. Hun­dert­vier­zig.” (Zitat S.49) Das hat unge­ahn­te Fol­gen für den Jungen…

KasimiraDas Cover wirkt grell und auf­fäl­lig, auch wenn es nicht sehr offen­sicht­lich zeigt, um was es in dem Buch eigent­lich geht. Die Bedeu­tung des Titels wird jedoch zu Beginn rela­tiv schnell erklärt: “Der Sex war aus der Sicht des Man­nes gefilmt, der auf die Frau her­un­ter­sah. […] Damals wuss­te er noch nicht, dass man die­se Vide­os POV, point of view, nann­te, der eng­li­sche Begriff für “sub­jek­ti­ve Kame­ra”. Genau­so wenig war ihm klar, dass der Mann beim Sex selbst mit der Kame­ra in der Hand film­te.” (Zitat S.31) Der Roman ist in zwei Tei­le unter­teilt, die den Titel Ver­schwin­den” und “Das Herz höher schla­gen las­sen” tra­gen. Der zwei­te Teil spielt haupt­säch­lich in einer Kli­nik, der ers­te noch zu Hau­se bei Lucas. Der Haupt­teil endet mit einem Epi­log und star­tet mit einem Pro­log, in dem äußerst ein­dring­lich beschrie­ben wird, wie Lucas eines Tages fest­stel­len muss, dass sei­ne tech­ni­sche Aus­rüs­tung nicht mehr funk­tio­nie­ren: “Kal­ter Schweiß läuft ihm den Rücken hin­un­ter. Nein, das darf nicht wahr sein. Das kann nicht wahr sein! Er drückt noch ein­mal auf den Knopf und der Lap­top fährt hKasimiraerun­ter. Dann schal­tet er ihn wie­der ein — mit genau dem­sel­ben Ergeb­nis: ein blin­ken­des Fra­ge­zei­chen.” (Zitat S.8) Man ist als Leser sofort mit­ten­drin in der Geschich­te und kann Lucas Ent­set­zen genau mit­ver­fol­gen: “Er ist außer Atem. Ihm ist ganz schumm­rig, weil er nicht genug geschla­fen hat, und er fühlt sich, als wäre er, wie das Betriebs­sys­tem sei­nes Lap­tops, kurz vor dem kom­plet­ten Absturz.” (Zitat S.9) Patrick Bard ver­wen­det eine sehr kla­re, schnörkellose,mitreißende Spra­che. Kaum mög­lich sich dem Lese­sog zu ent­zie­hen. Der Autor hat die Per­spek­ti­ve eines all­wis­sen­den Erzäh­lers gewählt, schafft dadurch eine gewis­se Distanz zum Erleb­ten, schil­dert die prä­gen­den Ereig­nis­se von Lucas Leben sehr deut­lich, fast sach­lich und sehr bio­gra­fisch wir­kend, auch wenn es sich wohl um eine fik­ti­ve Per­son han­delt. Er blen­det nichts aus, nimmt die jugend­li­chen Leser ernst und beschreKasimiraibt vie­les sehr offen und direkt: “In der dar­auf­fol­gen­den Nacht hat er wie­der von Neu­em ange­fan­gen. Und in der Nacht dar­auf und in der dar­auf eben­falls, wobei er bis zu fünf­mal hin­ter­ein­an­der ona­niert hat und das so hef­tig, dass er schließ­lich ganz wund war.” (Zitat S.33) Vor allem die Sucht zu beschrei­ben und die Bedeu­tung, die die­se für Lucas hat, liest sich sehr authen­tisch: “Nur die Flucht in die Por­no­welt lässt ihn zur Ruhe kom­men. Dabei kann er los­las­sen und alles ver­ges­sen. Die Anspan­nung, die Angst, die Scham, die Schuld, die Sucht, sein Über­ge­wicht, sein schu­li­sches Ver­sa­gen, alles. Und jedes Mal, wenn er befrie­digt den Bild­schirm aus­schal­tet, schwört er sich, dass es das letz­te Mal war.” (Zitat S.88ff) Eben­so die Fol­gen für sei­ne Ent­wick­lung und sein ver­zerr­tes Bild von Sexua­li­tät (auch in Bezug auf die Rol­le der Frau)Kasimira wer­den glaub­haft dar­ge­stellt. Zusätz­lich schafft Patrick Bard noch einen gewis­sen Erzähl­rah­men, indem er bereits Andeu­tun­gen auf etwas, das kom­men wird, macht. Eine Gerichts­ver­hand­lung. War­um? Was wird pas­sie­ren? — Das erzeugt bereits eini­ges an Span­nung. Auch die Rol­le der Eltern wird dabei beson­ders the­ma­ti­siert: “Als der Rich­ter ihn spä­ter fragt, war­um er nicht mit Lucas zu einem Kin­der­psy­cho­lo­gen gehen woll­te, wird Sébas­ti­an sich aus­schwei­gen. Und selbst als der Rich­ter die Fra­ge zwei­mal wie­der­holt, kann er ihm noch immer kei­nen Grund dafür nen­nen.” (Zitat S.76) Das Ende des Buches ist pas­send und authen­tisch. Aller­dings wäre ein Anhang mit nähe­ren Infor­ma­tio­nen und Hilfs­an­ge­bo­ten für Jugend­li­che ganz sinn­voll gewesen.

Im Deut­schen ist ” Point of View: Wenn du nicht weg­schau­en kannst” bis­her der ein­zi­ge Roman des fran­zö­si­schen SchriftLesealternativenstel­lers, der über­setzt wur­de. Auch zum The­ma Por­no­gra­fie­sucht ist mir im Jugend­buch bis­her kei­ne Alter­na­ti­ve bekannt. Ein Jun­ge, der sich beim Befrie­di­gen selbst filmt und des­sen Leben von einem Tag auf den ande­ren kom­plett auf den Kopf gestellt wird, als die­ses Video in fal­sche Hän­de gerät und ver­öf­fent­licht wird, das fin­dest du in dem Roman “Home­vi­deo” von Karin Kaçi, Jan Bra­ren. Die deut­li­che Aus­le­bung von Sexua­li­tät kannst zudem in die­sen Roma­nen ent­de­cken: “Dok­tor­spie­le” von Jaro­mir Kon­ec­ny und “Turn me on!” von Olaug Nils­sen. Internet(spiel)süchte wer­den zudem in Wie vie­le Level hat dein Leben?” von Wer­ner Fär­ber und in “Kil­ly­ou!” von Dani­el Höra the­ma­ti­siert. Zwei beein­dru­cken­de Bücher zum The­ma Sucht (Dro­gen) sind außer­dem “Kei­ne hal­ben Sachen” von Ant­je Her­den und “Bis einer stirbt: Dro­gen­sze­ne Inter­net — Die Geschich­te von Ley­la & Josh” von Isa­bell Beer.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1477-4
Erscheinungsdatum:
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,95€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: Ann Lecker, Bettina Arlt
Originaltitel: "P.O.V., Point of view"
Originalverlag: Syros Jeunesse

Französisches Originalcover:
Kasimira











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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Französisches Cover: Homepage von Syros Jeunesse

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