Patrick Bard — Eyes closed: Wenn falsche Versprechen blenden

23.Juli 2024

Eyes clo­sed: Wenn fal­sche Ver­spre­chen blen­den” ist das zwei­te Jugend­buch des fran­zö­si­schen Autoren Patrick Bard, das ins Deut­sche über­setzt wur­de. Ein Autor, der viel­fach aus­ge­zeich­net wur­de und sich mit hef­ti­gen The­men befasst. In sei­nem aktu­el­len Werk stellt er eine 16-jäh­ri­ge Schü­le­rin in den Mit­tel­punkt, die online einen Jun­gen ken­nen­lernt, sei­nen fal­schen Ver­spre­chen glaubt, zum Islam kon­ver­tiert und ihn über Face­book hei­ra­tet. Bald bricht sie all ihre Zel­te in Deutsch­land kom­plett ab und reist mit einem gefälsch­ten Pass nach Syri­en. Um im “gelob­ten Land” zu leben und ande­ren zu hel­fen. Aber dort ist dann doch nicht alles so wie ver­spro­chen… Ein Roman über Radi­ka­li­sie­rung, fal­sche Wahr­hei­ten und Isla­mis­mus. Ein­dring­lich und abso­lut mit­rei­ßend erzählt. Lan­ge­wei­le beim Lesen? Bei Patrick Bard und sei­nem flüs­si­gen Erzähl­stil — Fehl­an­zei­ge! Idea­ler Stoff auch als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und für inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 16-jäh­ri­ge Maël­le ist nun wie­der zurück in Frank­reich. Am Flug­ha­fen von Paris wur­de sie von der Poli­zei ver­haf­tet. Jetzt wohnt sie bei ihrer Mut­ter und ihrer Schwes­ter, muss sich aber drei Mal täg­lich bei der Gen­dar­me­rie mel­den. “Dass ich mani­pu­liert wur­de, ist für mich am schwers­ten zu akzep­tie­ren. Ich wür­de so ger­ne auf Face­book gehen, um mit mei­nen Schwes­tern zu reden und mich mit ihnen aus­zu­tau­schen. Wir haben das stän­dig getan, sie waren wirk­lich da für mich. Aber Mama hat mei­nen Inter­net­zu­gang gesperrt und mein Han­dy hab ich nicht mehr. Das wur­de beschlag­nahmt. (Zitat aus “Eyes Clo­sed: Wenn fal­sche Ver­spre­chen blen­den” S.8). Denn Maël­le, die sich nur noch “Ayat” nennt, ist Kasimirain Syri­en gewe­sen. Ist heim­lich mit einem fal­schen Pass dort­hin abge­hau­en. Sie hat sich dem Dschi­had ange­schlos­sen, ist zum Islam kon­ver­tiert, weil sie online jeman­den ken­nen­ge­lernt hat. Mokhtar, den sie sogar über Face­book gehei­ra­tet hat. In Syri­en woll­te sie ihn tref­fen und im “gelob­ten Land” leben und dort vor allem den armen Kin­dern hel­fen, die sie aus all die­sen Vide­os, die man ihr geschickt hat, kennt. Doch in Syri­en war dann doch nicht alles so, wie sie es sich vor­ge­stellt hat. “In dem Haus stank es schlim­mer als in einem Zoo. Die Frau­en saßen zusam­men­ge­pfercht auf dem nack­ten, super­ver­siff­ten Lehm­bo­den und war­te­ten auf einen Ehe­mann. Sie kamen alle aus Euro­pa und hat­ten abso­lut kei­nen Schim­mer, was sie erwar­te­te, und mal ganz ehr­lich, die meis­ten hät­ten den erst­bes­ten Typen gehei­ra­tet, nur um die­ser Höl­le zu ent­kom­men.” (Zitat S.40) Doch der Mann, den Ayat gehei­ra­tet hat, stirbt im Krieg, noch bevor sie ihn über­haupt ken­nen­ge­lernt hat. Mit ihrem zwei­ten Mann Redoua­ne, vom dem sie ein Kind erwar­tet, flüch­tet sie schließ­lich, will, dass ihr Kind in bes­se­ren Ver­hält­nis­sen auf­wächst. Aber auf der Flucht wird Redoua­ne erschos­sen und sie muss allei­ne flüch­ten. Ihre Mut­ter, die Ayat anruft, holt sie schließ­lich aus der Tür­kei. Aller­dings ist es auch in Frank­reich nicht bes­ser. “Manch­mal füh­le ich mich völ­lig ver­lo­ren. Wenn ich könn­te, wür­de ich sogar zurück­keh­ren. Dort wür­de man mich bes­ser ver­ste­hen, habe ich das Gefühl. Ich glau­be eigent­lich immer noch, dass sie recht haben und man mich hier anlügt. Wenn sie Redoua­ne nicht umge­bracht hät­ten, wäre ich viel­leicht zu ihnen zurück­ge­kehrt. Mit ihm. Oder auch nicht. Wer weiß.” (Zitat S.9ff) Die Reli­gi­on hilft Ayat noch immer, sie besteht wei­ter­hin dar­auf mit “Ayat” ange­spro­chen zu wer­den. Auch wenn ihre Mut­ter das alles nicht begrei­fen kann. “Sie ver­steht nicht, dass ich nach allem, was pas­siert ist, noch ein Kopf­tuch tra­ge[…]. Neu­lich hat sie mich dabei ertappt, wie ich auf dem Tep­pich gekniet und gebe­tet habe. Sie hat ange­fan­gen zu schrei­en, ich hät­te mich ihnen wie­der ange­schlos­sen. […] Schließ­lich hat Mama auf Papas Rat hin die Tür mei­nes Zim­mer aus­ge­hängt, um mich Tag und Nacht bewa­chen zu kön­nen.” (Zitat S.8ff) Wird Ayat nach Syri­en zurück­keh­ren oder wie­der in Frank­reich Fuß fas­sen kön­nen? Bald muss sie an einem Dera­di­ka­li­sie­rungs­pro­gramm teilnehmen…

Das Cover erin­nert ein wenig an den Klas­si­ker “Nicht ohne mei­ne Toch­ter” von KasimiraBet­ty Mah­moo­dy, in wel­chem sich eine Frau eben­falls für ihre Toch­ter ein­setzt, um die­se (aus dem Iran) zu befrei­en. Bereits der ers­te Satz über­rascht und zieht die Leser:innen mit­ten in die Geschich­te: “Manch­mal fra­ge ich mich, ob ich tot bin” (Zitat S.7) Der Erzähl­rah­men der Geschich­te bil­det Maël­les Sicht im Sep­tem­ber 2014 in der Ich-Per­spek­ti­ve und endet mit ihrer Sicht (hier ist das Kapi­tel aller­dings mit dem Namen “Ayat” ver­se­hen) im Febru­ar 2015. Man weiß bereits, dass sie wie­der zu Hau­se ist und jenes nicht ver­las­sen darf. “Ich möch­te raus­ge­hen, aber das darf ich nicht. Noch nicht. Außer um mich bei den Behör­den zu mel­den. Mor­gens, mit­tags und abends.” (Zitat S.7ff) In jenem ers­ten Kapi­tel erzählt Ayat in Kurz­fas­sung ihre Geschich­te. “Ich bin Wit­we, zwei­fa­che Wit­we, und ich bin gera­de mal sech­zehn Jah­re alt. Mein ers­ter Mann wur­de von einer Rake­te zer­fetzt, noch bevor ich iKasimirahn über­haupt ken­nen­ler­nen konn­te. Den zwei­ten haben sie umge­bracht, als wir gemein­sam aus Syri­en geflüch­tet sind.” (Zitat S.10) Hier­bei spielt der Autor mit den Zeit­ebe­nen und folgt kei­nem chro­no­lo­gi­schen Hand­lungs­ver­lauf. Springt auch inner­halb eines Kapi­tel mal in die Ver­gan­gen­heit und dann inner­halb der Ver­gan­gen­heit noch wei­ter zurück. Das ist manch­mal ein wenig irri­tie­rend, aber man kann der Geschich­te den­noch gut fol­gen. Patrick Bard nimmt jedoch bei sei­nen Erzäh­lun­gen kein Blatt vor den Mund, schil­dert auch hef­ti­ge­re Din­ge, die Ayat in Syri­en erlebt, ganz offen­kun­dig: “Und dann fin­gen die öffent­li­chen Hin­rich­tun­gen an. Über­all waren abge­schla­ge­ne Köp­fe zu sehen. Nie wer­de ich das Gesicht des Jun­gen ver­ges­sen, den sie umge­bracht haben, weil er wäh­rend des Rama­dan beim Eis­essen erwischt wor­den war. Er war gera­de mal vier­zehn! Da kamen mir ers­te Zwei­fel. Mit der Scha­ria habe ich kein Pro­blem — Die­ben die Hän­de abha­cken und so -, aber er war doch noch ein Kind.” (Zitat S.18) Die Spra­che des Autoren ist sehr flüs­sig, ver­ständ­lich und durch­gän­gig fes­selnd. Die Hand­lung ver­fügt über ein äußerst hohes Erzähl­tem­po, es pas­siert unheim­lich viel und man bleibt ein­fach stän­dig dabei, will wis­sen, wie es wei­ter­geht. Der Roman ist abso­lut emp­feh­lens­wert für Leser:innen, die sich für die The­men Isla­mis­mus, Radi­ka­li­sie­rung, Fana­tis­mus und der Aus­wir­kung sozia­ler Medi­en auf Jugend­li­che inter­es­sie­ren, aber auch für sol­che, die sich damit noch gar nicht aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Fas­zi­nie­rend ist an “Eyes Clo­sed: Wenn fal­sche Ver­spre­chen blen­den” vor allem, dass der Haupt­an­teil der Gesich­te gar nicht aus Ayas Per­spek­ti­ve erzählt wird, son­dern, dass es eigent­lich gera­de die ande­ren (Neben-)Figuren sind, die ein immer viel­schich­ti­ge­res Bild von ihrer Wand­lung ent­ste­hen las­sen. Nach­dem Maël­les zu Wort gekom­men ist, fol­gen Kapi­tel von vie­len ande­ren Per­so­nen, die in dem Buch eine Rol­le spie­len. Bei­spiels­wei­se ihre Mut­ter, die einen Anruf von Ayat aus Syri­en erhält und auch die Ereig­nis­se, die bis zu ihrer Abrei­se geführt haben, reflek­tiert. Sie schob die Ver­än­de­run­gen ihrer älte­ren Toch­ter auf eine beson­ders hef­ti­ge Puber­täts­kri­se. Céli­ne dach­te, Maël­le wol­le ein­fach nur um jeden Preis auf­fal­len, und war sicher, dass die­se “Pha­se” vor­bei­ge­hen wür­de. Doch sie hat­te sich geirrt. Ganz im Gegen­teil: Als Céli­ne der Rea­li­tät end­lich ins Auge sah, war ihre Toch­ter bereits nach Syri­en gegan­gen.” (Zitat S.29) Eben­so ein ande­res Mäd­chen, das eben­falls mit Ayat nach Syri­en reist, um dort neu anzu­fan­gen. “Ich hat­te das Gefühl, in die Feri­en zu fah­ren und allen eins aus­zu­wi­schen. Und gleich­zei­tig war ich auf dem Weg, die Welt zu ret­ten. Ich fühl­te mich leicht, so leicht.” (Zitat S.59) Auch deren Weg, wie sie zum Glau­ben kam, wird kurz rück­bli­ckend beschrie­ben. Kasimira“Ich hat­te kapiert, dass nur der wah­re Islam die Welt ret­ten konn­te, und ich war fest ent­schlos­sen, an die­ser Ret­tung teil­zu­ha­ben.” (Zitat S.53) Eine wich­ti­ge Ergän­zung ist auch die Frau einer Bera­tungs­stel­le, die Ayats Mut­ter nach deren Rück­kehr unter­stützt: “Kurz zuvor hat­ten wir eine kos­ten­freie tele­fo­ni­sche Bera­tung für die Öffent­lich­keit ein­ge­rich­tet. Die Dera­di­ka­li­sie­rungs-Grup­pe gab es erst seit ein paar Mona­ten, aber trotz­dem gin­gen täg­lich bereits Dut­zen­de von Anru­fen ein.” (Zitat S.26) Zu Beginn ist man fast noch ein wenig ungläu­big und staunt, wie Maël­le sich hat beein­flus­sen las­sen und selbst Aus­sa­gen wie die­se hier ihrer Mut­ter gegen­über von sich gibt: “Wenn du vor sechs Mona­ten in die Tür­kei gekom­men wärst, um mich zu holen, hät­te ich dich an die Brü­der ver­ra­ten, damit sie dich umbrin­gen. Ich wäre fähig gewe­sen, dich in eine Fal­le zu Kasimiralocken.” (Zitat S.34) Ein Mäd­chen, das intel­li­gent ist und mit Reli­gi­on zuvor eigent­lich gar nichts zu tun hat­te. Doch im Lau­fe des Romans wird ein immer facet­ten­rei­che­res, deut­li­che­res Bild gezeich­net. Ein Leh­rer, dem eben­so ein gan­zes Kapi­tel gewid­met wird, berich­tet bei­spiels­wei­se von die­sen Beob­ach­tun­gen im Unter­richt: “Doch dann fing sie mit den Juden an, die ihrer Mei­nung nach hin­ter Merahs Anschlä­gen steck­ten. Das grenz­te schon an Beses­sen­heit und in dem Augen­blick begriff ich, dass sie Ver­schwö­rungs­theo­rien auf den Leim gegan­gen war.” (Zitat S.98) Auch wie Mokhtar vor­ge­gan­gen ist, den Maël­le im Inter­net ken­nen­ge­lernt hat, wird nach und nach rekon­stru­iert: “Mokhtar ist am Anfang ganz sach­te vor­ge­gan­gen. Schritt für Schritt. Er hat ihr das nicht sofort gezeigt. Und dann haben ihm ande­re kon­ver­tier­te Mäd­chen gehol­fen. KasimiraFran­zö­sin­nen, Bel­gie­rin­nen, die bereits dort sind. Sie haben ein regel­rech­tes Netz um Ihre Toch­ter gespon­nen. Ein Netz aus Face­book-Nach­rich­ten und Sky­pe-Chats. Sie haben sie dazu gedrängt, mit dem Sport auf­zu­hö­ren, sich nicht mehr mit ihren Freun­dinn­nen zu tref­fen” (Zitat S.158) “Eyes Clo­sed: Wenn fal­sche Ver­spre­chen blen­den” ist ein Buch, das an die Sub­stanz geht, das erschre­ckend und hef­tig zu lesen und doch gera­de so wich­tig ist. Daher ist es auch für eine Klas­sen­lek­tü­re oder als Buch­vor­stel­lung ide­al geeig­net. Was ich mir noch gewünscht hat­te, wäre ein Glos­sar am Ende gewe­sen, in dem wich­ti­ge Begriff­lich­kei­ten wie Hid­schab, Niqab, Dschi­had etc. aus­führ­li­cher erklärt wer­den. In einem Anhang gibt Patrick Bard an, wel­chen Bezug er selbst zur Geschich­te hat.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Patrick BardSehr emp­feh­len kann ich dir sein ers­tes Buch, das ins Deut­sche über­setzt wur­de: “Point of view: Wenn du nicht weg­schau­en kannst”. Hier setzt er sich mit dem LesealternativenThe­ma Por­no­sucht bei Jugend­li­chen aus­ein­an­der. Über das The­ma IS/Dschihad wur­de im Jugend­buch bereits eini­ges geschrie­ben2011 erschien Black Box Dschi­had: Dani­el und Sa’ed auf ihrem Weg ins Para­dies” von Mar­tin Schäub­le2012 wur­de “Regio­nal­ex­press” von Agnes Ham­mer ver­öf­fent­lichtwel­ches 2017 noch ein­mal neu auf­ge­legt wur­de mit dem Titel “Nächs­ter Halt: Dschi­had”2013 kam “Dji­had Para­dies” von Anna Kuschna­rowa her­aus. 2015 folg­te “Dschi­had cal­ling” von Chris­ti­an Lin­kerMit auf­fal­lend vie­len Neu­erschei­nun­gen war 2016 zu rech­nen: Im Juli erschie­nen “Halb­mond über Rak­ka: Ver­füh­rung Dschi­had” von Robert Kle­ment und Blood & Ink: Die Bücher von Tim­buk­tu” von Ste­phen Davies. Im August kam “Kadir, der Krieg und die Kat­ze des Pro­phe­ten” von Ben­no Köp­fer her­aus. 2017 wur­de noch “Dji­had, mon ami” von Dounia Bou­z­ar ver­öf­fent­licht und “Dschi­had online” von Mor­ton Rhue neu als Taschen­buch ver­öf­fent­licht. 2018 erschien “Die Braut: Radi­kal ver­liebt” von Clau­dia Rin­ke. Danach wur­de es ruhi­ger bezüg­lich die­ser The­ma­tik im Jugend­buch. Dich inter­es­sie­ren Bücher über Radi­ka­li­sie­rung? Sehr gelun­gen sind “Die Atten­tä­ter” von Anto­nia Michae­lis, “End­land” von Mar­tin Schäub­le und “Wir sind die Wahr­heit” von Andre­as Götz.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1478-1
Erscheinungsdatum: 17.Juli 2024
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,95€
Seitenzahl: 192
Übersetzer*in: Ann Lecker, Bettina Arlt
Originaltitel: "Et mes yeux sont fermés"
Originalverlag: Syros

Französisches Originalcover:

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Kasimiras Bewertung:

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