Patricia Schröder — Fanatisch

Patricia Schröder - Fanatisch18.Februar 2018

Fana­tisch” ist das neu­es­te Buch von der deut­schen Auto­rin Patri­cia Schrö­der. Ein Thril­ler über eine Ent­füh­rung, unbe­kann­te Fana­ti­ker und ein Mäd­chen, das ver­sucht all dem auf den Grund zu gehen — ein rasan­ter Wett­lauf gegen die Zeit. Bewe­gend und unter­halt­sam. Mit klei­nen Schwä­chen. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 17-jäh­ri­ge Nara, deren Eltern aus dem Iran stam­men, ist Mus­li­min. Doch sie wur­de in Deutsch­land gebo­ren und auch wenn ihre Fami­lie kein Schwei­ne­fleisch isst und kei­nen Alko­hol trinkt, sind sie doch eher west­lich ori­en­tiert. Den Gebets­raum im Kel­ler hat Nara seit eini­gen Jah­ren schon nicht mehr betre­ten und wird von ihren Eltern auch nicht dazu ange­hal­ten, es zu tun. Momen­tan steht Naras Leben sowie­so ziem­lich auf dem Kopf. Sie schwärmt für einen Jun­gen, namens Tobi­as, von dem ihre bes­te Freun­din Char­lot­te aller­dings nicht viel hält. “Ich fin­de, du soll­test ihn dir aus dem Kopf schla­gen und dich end­lich auf Jamie ein­las­sen”, riet sie mir. “No! No! No! No! No!” Ich schüt­tel­te hef­tig den Kopf. “Ver­giss es! Jamie ist mein bes­ter Kum­pel.” “Ja. Und er steht auf dich.” “Das ist kom­plet­ter Unsinn”, wider­sprach ich halb­her­zig, denn im Grun­de wuss­te ich es bes­ser.” (Zitat aus “Fana­tisch” S.16ff) Char­lot­te hält Tobi­as für einen Freak und hat üble Gerüch­te Patricia Schröder - Fanatischüber ihn gehört. Doch sich auf Jamie ein­zu­las­sen, das will Nara auf kei­nen Fall. Sie bei­de ver­bin­det eine beson­de­re Geschich­te und sie will ihre zeit­wei­li­ge On-Off-Freund­schaft nicht aufs Spiel set­zen. Zudem sieht sie in Jamie eher einen guten Freund, als einen Part­ner. Aber dann über­schla­gen sich plötz­lich die Ereig­nis­se: Jamie macht ihr tat­säch­lich eine Lie­bes­er­klä­rung, ihre bes­te Freun­din ver­schwin­det und Nara erhält einen selt­samen Zet­tel, auf dem Fol­gen­des steht: “Stel­le dich nie­mals gegen den gött­li­chen Wil­len! Es könn­ten furcht­ba­re Din­ge gesche­hen.” (Zitat S.24) Die Lie­bes­er­klä­rung kann Nara glück­li­cher­wei­se abweh­ren, Char­lot­te taucht auch wie­der auf (sie hat­te jeman­den ken­nen­ge­lernt), aber von den Bot­schaf­ten des Unbe­kann­ten erhält sie noch eine wei­te­re: “Weil du dich nicht an die gött­li­chen Regeln gehal­ten hast, muss­te ein gro­ßes Unglück gesche­hen. Es ist ganz allein dei­ne Schuld.” (Zitat S.36) Kurz dar­auf ist der Hund ihres klei­nen Bru­ders spur­los ver­schwun­den. Und als er wie­der auf­taucht, ist er tot. Jemand hat ihm die Keh­le durch­ge­schnit­ten. In ihrer Not ver­gräbt Nara das arme Tier im Gar­ten, auch damit ihr klei­ner Bru­der nichts von dem Schreck­li­chen mit­be­kommt. Wer war das? Zusam­men mit Jamie ver­sucht sie dem Gan­zen auf die Schli­che zu kom­men. “Wer auch immer das ist”, wie­derhol­te er [Jamie] mei­ne Wor­te, “Er scheint dich und dein Umfeld ganz genau zu beob­ach­ten.” Eine plötz­li­che Eises­käl­te stieg in mir auf und zog mir die Ein­ge­wei­de zusam­men. “Du meinst, allesPatricia Schröder - Fanatisch, was er zukünf­tig tut, hängt davon ab, wie ich mich ver­hal­te?”, press­te ich her­vor und noch wäh­rend ich das frag­te, wur­de mir klar, dass es mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit genau so war.” (Zitat S.52) Als sie eine wei­te­re Nach­richt des Unbe­kann­ten mit einem Treff­punkt und einer Uhr­zeit erhält, will Nara eigent­lich allei­ne dort­hin gehen. Aber Jamie möch­te sie unbe­dingt beglei­ten. In einem Hin­ter­hof ist er auf ein­mal weg und dann liegt da nur noch sein Turn­schuh auf dem Boden. Sekun­den­spä­ter ein Schlag von hin­ten und Nara wird bewusst­los. Die nächs­ten sechs Tage erlebt sie Furcht­ba­res. Doch sie wird wie­der frei­ge­las­sen und der Mas­kier­te lässt sie mit fol­gen­den Wor­ten zie­hen: “Die nächs­ten sechs Tage wirst du schwei­gen. Du wirst kei­nen Besuch emp­fan­gen oder mit irgend­je­man­dem über das Inter­net Kon­takt auf­neh­men.” Er ver­senk­te eine Hand in sei­ner Hosen­ta­sche und zog ein Han­dy und ein Lade­ka­bel dar­aus her­vor. “Dar­über erhältst du wei­te­re Anwei­sun­gen. Soll­test du dich nicht an mei­ne Vor­ga­ben hal­ten, töte ich dei­nen Bru­der. (Zitat S.187) Mit ihr wur­den auch fünf ande­re Mäd­chen ent­führt. Auch jene hat man frei gelas­sen. Auch jene schwei­gen. So wie Nara. Jedoch bleibt Jamie wei­ter­hin ver­schwun­den. Und obwohl sie eigent­lich weiß, dass jeder ihrer Schrit­te beob­ach­tet wird, ver­sucht Nara nun das Unmög­li­che: Jamie und ihre Fami­lie zu ret­ten…

Patricia Schröder - FanatischMit einem schlich­ten, aber ein­drucks­vol­len Cover gestal­tet, beginnt “Fana­tisch” mit einem bibli­schen Zitat und einem Zei­tungs­ar­ti­kel, der bereits offen­bart, was sich nach der Ent­füh­rung ereig­net hat: die Mäd­chen schwei­gen. Kei­ner kann sich erklä­ren, was pas­siert ist. Weder Poli­zei noch Ange­hö­ri­ge. Auch der Leser nicht, der bald dar­auf in den Hand­lungs­strang der 17-jäh­ri­gen Nara ein­taucht, die in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Hand­lung setzt vor der Ent­füh­rung ein und wird mit Datums­an­ga­ben vor jedem Kapi­tel ver­se­hen. Zwi­schen­durch erschei­nen immer wie­der kur­ze Ein­schü­be einer “Du”-Perspektive und spä­ter auch einer “Er”-Perspektive, die man aber rela­tiv schnell einer bestimm­ten Per­son zuord­nen kann. Wäh­rend der Ent­füh­rung sind die Kapi­tel in Tage ein­ge­teilt, die Über­schrif­ten wie zum Bei­spiel “1.Tag: Hun­gern­de Spei­sen”, “2.Tag: Durs­ti­gen zu trin­ken geben” und “3.Tag: Frem­de aufneh­men” zei­gen. Reli­giö­se Bezü­ge wer­den offen­sicht­lich, die sechs Gaben der Barm­her­zig­keit, aber auch Frem­den­feind­lich­keit und Rechts­ex­tre­mis­mus spie­len in Patri­cia Schrö­ders Thril­ler eine zen­tra­le Rol­le. Das ein­zel­ne Kreuz­sym­bol zwi­schen den ein­zel­nen Absät­zen ist optisch und inhalts­be­zo­gen hier­bei gut gewählt. Die Spra­che ist ein­fach und sehr flüs­sig und vor allem Patricia Schröder FanatischEmo­tio­nen wer­den zum Teil sehr bild­haft beschrie­ben: “Stram­me, scharf­kan­ti­ge Fes­seln schnit­ten mir in die Haut. Panik sprang mich an wie ein wil­des Tier, das sich in mei­nem Nacken fest­krall­te, mei­ne Keh­le umklam­mer­te und mir die Luft abschnür­te.” (Zitat S.91) Den­noch muss ich span­nungs­tech­nisch zuge­ben, hat mich die Geschich­te — am Anfang und auch wäh­rend der Ent­füh­rung — irgend­wie nicht rich­tig packen kön­nen. Inter­es­sant und unter­halt­sam ja, aber es fehl­te irgend­wie die­ses Gefühl: “Ich muss jetzt unbe­dingt wis­sen, wie es wei­ter­geht…”. Auch nerv­ten die Lie­bes­fa­se­lei­en unter den Freun­din­nen am Anfang ein wenig: “Ers­tens bin ich noch lan­ge nicht so weit, eine Bezie­hung zu begin­nen. Ich weiß ja nicht mal, ob er mich über­haupt inter­es­sant fin­det…” […] “Und zwei­tens?”, half sie mir auf die Sprün­ge. “Gibt es kei­nen Grund, wes­halb ich dei­net­we­gen ver­zich­ten müss­te.” “Doch”, sag­te sie lächelnd. “Ers­tens war ich zuerst ver­liebt…” Aha. “Und zwei­tens?” “Sind Magnus und ich schon sehr viel wei­ter als du und Tobi­as. Außer­dem hast du immer noch Jamie.” (Zitat S.61) und das Lie­bes­ge­ständ­nis von Jamie kommt doch sehr kit­schig her­über: “Nara, was muss ich tun, damit du end­lich den in mir siehst, der ich für dich sein will? […] Ich bin nicht ein­fach nur dein Freund, Nara. Schon lan­ge nicht mehr. Mir hat bis­her ein­fach nur der Mut gefehlt, es dir zu zei­gen. […] Mir ist klar, dass ich die weg­ge­tan habe”, stamPatricia Schröder - Fanatischmel­te er. “Damals, als ich… als wir… und jetzt habe ich Angst, dass du… Ach, Schei­ße, ver­dammt!” Jamie rutsch­te auf den Boden hin­un­ter und ging vor mir auf die Knie. “Ich lie­be dich, Nara!” (Zitat S.28ff) Nach der Ent­füh­rung, als Nara dann all­mäh­lich zu agie­ren beginnt, fühl­te ich mich schon bes­ser unter­hal­ten und geriet in die­sen typi­schen Lese­sog, der mir am Anfang ein­fach gefehlt hat. Auch wenn man­che Sze­nen doch etwas weni­ger Aus­ru­fe­zei­chen hin­ter­ein­an­der hät­ten ver­tra­gen kön­nen;-) Das Ende hat mich dann doch sehr über­rascht, da hät­te ich nicht mit gerech­net! Und ver­dient auf alle Fäl­le einen fet­ten Plus­punkt.
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Fazit: Unter­halt­sam auf mitt­le­rem Niveau, für Kri­mi-Ein­stei­ger ide­al. Mit einem beson­de­ren, uner­war­te­ten Ende!

Du magst den Erzähl­stil von Patri­cia Schrö­der? Sie hat noch unzäh­li­ge wei­te­re Bücher ver­fasst. Emp­feh­lens­wert fand ich “Jolan­de — Der Som­mer mei­nes Lebens” und Küs­sen erlaubt — ver­lie­ben ver­bo­ten”, die bei­de schon etwas älter sind. Sehr span­nend fand ich “Blind Walk”. Mit ernst­haf­te­ren The­men setzt sie sich in fol­gen­den Titeln aus­eiLesealternativennan­der: “Zwi­schen HIm­mel und Höl­le” (Gewalt), “Scheiß Glat­ze, ich lieb dich” (Neo­na­zis) und “Kuckucks­kind” (Aids, nicht leib­li­cher Vater) und “Unheim­li­che Nähe” (Stal­king). Ein ähn­li­ches The­ma (Fana­tis­mus, Sek­ten) hat Patri­cia Schrö­der übri­gens bereits in einem frü­he­ren Buch auf­ge­grif­fen: “Aus­er­wählt”, das mir damals sehr gut gefal­len hat. Auto­rin­nen, die eben­falls über ernst­haf­te­re The­men schrei­ben und von der Erzähl­art mit Patri­cia Schrö­der ver­gleich­bar sind, sind Jana Frey, Bri­git­te Blo­bel und Bir­git Schlie­perDich inter­es­siert das The­ma Fana­tis­mus bezie­hungs­wei­se das Leben in einer Sek­te (und des­sen Befrei­ung dar­aus)? Hier gibt es unzäh­li­ge Roma­ne. Sehr gelun­gen fand ich die Aus­er­ko­ren” von Carol Lynch Wil­liams, “Ada: Im Anfang war die Fins­ter­nis” von Ange­la Mohr und “Moor­see­len” von Hei­ke Eva Schmidt. Etwas älter, aber eben­so sehr flüs­sig geschrie­ben sind “Esthers Angst” von Irma Krauß und “Das eis­kal­te Para­dies” von Jana Frey (bei­de behan­deln das The­ma Zeu­gen Jeho­vas). Auch die Thril­ler­au­to­rin Moni­ka Feth hat sich des Sek­ten-The­mas in zwei ihrer Bücher ange­nom­men: “Teu­fel­sen­gel” und “Das blaue Mäd­chen” (wur­de spä­ter neu auf­ge­legt unter dem Titel “Du auf der ande­ren Sei­te”). Etwas neu­er wären noch “Pfeif auf die Erlö­sung” von Jeri Smith-Ready (2015) und “Hier musst du glück­lich sein” von Lisa Heath­field (2016).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Coppenrath
ISBN: 978-3-649-62454-7
Erscheinungsdatum: 5.Februar 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,95€ 
Seitenzahl: 368 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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