Oliver Scherz — Sieben Tage Mo

15.Oktober 2023

Sie­ben Tage Mo” ist ein Roman des deut­schen Autoren und Schau­spie­ler Oli­ver Scherz. Er erzählt die Geschich­te zwei­er unglei­cher Brü­der. Karl und sein Bru­der Moritz, genannt Mo, der geis­tig behin­dert ist. Auf­op­fe­rungs­voll küm­mert sich Karl um Mo, wenn die Mut­ter arbei­ten muss. Zusam­men erle­ben sie die ver­rück­tes­ten Aben­teu­er. Doch manch­mal möch­te Karl am liebs­ten mit sei­nen Freun­den Fuß­ball spie­len oder ein Mäd­chen aus sei­ner Par­al­lel­klas­se tref­fen. Als er Mo eines Tages für ein paar Stun­den allein lässt, obwohl er eigent­lich auf ihn hät­te auf­pas­sen sol­len, gerät alles außer Kon­trol­le… Ein wich­ti­ges Buch zum The­ma Inklu­si­on und Diver­si­tät. Eine außer­ge­wöhn­li­che Geschwis­ter­ge­schich­te über den Umgang mit einer Behin­de­rung in einer Fami­lie, über Frei­heits­drang und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein. Unter­halt­sam, authen­tisch und sehr ein­fühl­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 10 Jahren.

Karl ist 12 Jah­re alt. Sein Zwil­lings­bru­der Moritz, genannt Mo, ist drei Minu­ten älter als er. Doch bei ihrer Geburt bekam Mo zu wenig Sau­er­stoff durch die Nabel­schnur und ist seit­dem geis­tig behin­dert. “Wenn er vor einem stand, merk­te man nicht gleich, dass er anders tick­te als die meis­ten. Dass er so unglaub­lich bescheu­er­te Sachen machen konn­te, obwohl er schon zwölf war. […] er trug eine Bril­le mit dicken Glä­sern. Und wenn man ihm eine Fra­ge stell­te, konn­te man in den ver­grö­ßer­ten Augen sehen, wie sich sei­ne Gedan­ken beweg­ten. Lang­sam wie die Mol­che im Tüm­pel, wenn sie sich vor dem Win­ter im Schlamm ein­gru­ben. Manch­mal auch blitz­ar­tig, kreuz und quer durch­ein­an­der­zu­ckend.” (Zitat aus “Sie­ben Tage Mo” S.12ff) Mo ist anders als die ande­ren Kin­der. Er kann vie­le Din­ge nicht allei­ne. Aber er hat vor nichts Angst. Und sagt ganz direkt, was er denkt. Da kann es schon mal vor­kom­men, dass er zur Nach­ba­rin, die ihn klein­kind­mä­ßig behan­delt, sagt: “Du bis’ ein Idi­ot mit Kas­per­ba­cken” (Zitat S.15) Manch­mal sagt Karl dann etwas, manch­mal lässt er Mo aber ein­fach nur machen. Denn Mo ist klug, auf sei­ne Art. Und er liebt es ande­re zum Lachen zu brin­gen. “Hun­gaa, Hun­gaa, Hun­gaa!” Din­ge wie­der­ho­len, das konn­te er echt gut. Wor­te, Sät­ze. Auch wenn er etwas gefun­den hat­te, das einen zum Lachen brach­te, wie­der­hol­te er es, bis man dach­te. Jetzt reicht’s, jetzt ist es nicht mehr wit­zig. Aber er mach­te trotz­dem wei­ter. Und irgend­wann muss­te man doch wie­der lachen, noch mehr als vor­her, manch­mal auch irgend­wie aus Ver­zweif­lung” (Zitat S.17) Mo braucht stän­dig jeman­den, der nach ihm sieht. Das ist meis­tens Karl. Auch wenn es ihm manch­mal fast etwas zu viel wird. Mit aller Kraft trat ich gegen die Mo-Enge an, die mich den gan­zen Nach­mit­tag über ein­ge­schnürt hat­te und das eigent­lich schon tat, seit Mama nach unse­rem Umzug vor einem Jahr wie­der ange­fan­gen hat­te zu arbei­ten.” (Zitat S.23ff) Sie arbei­tet als Kran­ken­schwes­ter und vier Tage die Woche muss Karl sich um Mo küm­mern. Vier lan­ge Nach­mit­ta­ge, die ihm vor­kom­men wie eine gan­ze Woche, wie “Sie­ben Tage (mit) Mo”. Das merkt auch sein bes­ter Freund Han­nes, den er oft nicht auf den Fuß­ball­platz beglei­ten kann, weil er auf Mo auf­pas­sen muss. “Dau­ernd kommt uns dein Bru­der dazwi­schen”, sag­te er. “Kann ich ja nichts dafür. Mo braucht mich halt.” “Soll sich dei­ne Mut­ter doch um ihn küm­mern. Ist doch ihr Job.” “Ihr Job ist Kran­ken­schwes­ter. Und in dem Kack-Dorf hier gibt’s nie­man­den für ’ne anstän­di­ge Betreu­ung. Ich kann das sowie­so am bes­ten.” “Machst du das etwa frei­wil­lig, oder was?” “Stell dir vor. Ich helf zu Hau­se mit.” (Zitat S.31) Des­halb gibt es in letz­ter Zeit öfters Streit mit Han­nes. Und dann hat Karl plötz­lich ein Date mit Nida, dem Mäd­chen aus der Par­al­lel­klas­se und braucht unbe­dingt einen Nach­mit­tag frei. Als die Ver­tre­tung, die sich um Mo küm­mern soll­te, über­ra­schend aus­fällt, lässt Karl Mo für ein paar Stun­den allein zu Hau­se. Und ahnt nicht, was das für Fol­gen haben wird…

Das Cover stellt die enge, beson­de­re Bru­der-Bezie­hung bereits pas­send in den Vor­der­grund. Auch im Innen­teil fin­den sich ver­ein­zel­te, in brei­ten Stri­chen geschwun­ge­ne Schwarz-Weiß-Zeich­nun­gen von Illus­tra­tor Phil­ip Waech­ter. Der Roman ist in Kapi­tel ein­ge­teilt mit ent­spre­chen­den, zum Inhalt pas­sen­den Über­schrif­ten und wird durch­ge­hend aus Karls Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Der Text ist etwas grö­ßer gedruckt, ange­nehm zu lesen und die Spra­che ein­fach und locker. Eine Andeu­tung zu Beginn lässt bereits erah­nen, dass auf den Prot­ago­nis­ten eini­ges zukom­men wird: “Da ahn­te ich noch nicht, wie sehr mich die nächs­ten Tage durch­ein­an­der­brin­gen wür­den. Dasss es mir vor­kom­men soll­te, als wür­de mich ein Wir­bel­wind in die Luft dre­hen, bis ich mich selbst nicht mehr rich­tig ver­stand.” (Zitat S.24) Die bei­den Brü­der schließt man rasch ins Herz. Karl, der sich so für­sorg­lich um sei­nen Brü­der küm­mert und unheim­lich viel mit ihm unter­nimmt, auch wenn die bei­den es nicht immer leicht mit­ein­an­der und mit ande­ren haben. “Ich ver­pass­te ihm auch einen dicken Schmat­zer. “Du bist eben klü­ger als ich!”, gab ich zu. “Jaa.” Mo nick­te über­trie­ben, und grin­send zogen wir uns wei­ter Süßig­kei­ten rein. Das hier war wirk­lich ein Ort für uns. Von außen sah uns nie­mand, kein Spa­zier­gän­ger, kei­ner aus dem Dorf. Blö­de Bli­cke tra­fen uns hier nicht, auch kei­ne Sprü­che. Dafür konn­ten wir uns Din­ge sagen, die außer den Fle­der­mäu­sen nie­mand hör­te.” (Zitat S.58ff) Es ist unheim­lich schön zu lesen, wie sehr Karl sich für Mo ein­setzt. Das The­ma Inklu­si­on ist in den Roman sehr tref­fend ein­ge­baut. “Ich hass­te Mit­leid. Ich hass­te es bei der Ver­käu­fe­rin im Laden und bei Frau Schlü­ter mit ihrem Hun­de­wel­pen-Blick. Am meis­ten hass­te ich es bei mir selbst. Ich woll­te kein Mit­leid mit Mo haben. Er hat­te jeden Tag viel zu viel Spaß, wahr­schein­lich mehr als ich. Nie­mand soll­te ihn bemit­lei­den, nur weil er man­ches nicht schaff­te. Nie­mand soll­te den­ken, dass man ihn des­halb nicht für voll neh­men konn­te.” (Zitat S.20) Den­noch wer­den auch die Schwie­rig­kei­ten, die Karl hat, die zwie­späl­ti­gen Gefüh­le sehr gut dar­ge­stellt. Denn natür­lich gibt es Momen­te, in denen auch er Pro­ble­me hat, mit der Situa­ti­on umzu­ge­hen. In denen er sich einen “nor­ma­len” Bru­der wünscht. “Oh Mann, eh, kann der nicht ein­fach mal weg”, nuschel­te Han­nes neben mir. Ich riss den Kopf her­um und starr­te ihn an. So etwas durf­te ich viel­leicht den­ken. Aber nie­mand durf­te so etwas sagen! Auch Han­nes nicht. “Der stört ein­fach”, mecker­te er wirk­lich vor mir rum, als wäre Mo der Käse auf sei­nem Pau­sen­brot. Da knall­te es in mir durch. Ich mach­te zwei Schrit­te auf ihn zu und stieß ihn zu Boden.” (Zitat S.40) Trotz­dem ver­tei­digt er Mo vehe­ment. Selbst wenn er dabei einen Streit mit sei­nem Freund Han­nes ris­kiert. Der Span­nungs­bo­gen baut sich lang­sam auf. Die fes­seln­de Stel­le, die der Klap­pen­text bereits spoi­lert, pas­siert erst rela­tiv weit hin­ten im Roman. Den­noch unter­hält “Sie­ben Tage Mo” sehr gut und lie­fert ein auch glaub­wür­di­ges, pas­sen­des Ende. In sei­ner Dank­sa­gung geht Oli­ver Scherz noch auf sei­ne aus­führ­li­che Recherche/Gespräche mit Betrof­fe­nen ein.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Oli­ver Scherz? Er hat noch eini­ge ande­re Kin­der­bü­cher geschrie­ben. Die meis­ten sind tat­säch­lich für jün­ge­re Kin­der. Hier kannstLesealternativen du dir einen Über­blick ver­schaf­fen. Sei­ne bekann­tes­ten Titel sind “Wir sind nach­her wie­der da, müs­sen kurz nach Afri­ka” und die “Ben”-Rei­he. Ab 8 Jah­ren wäre noch “Kei­ner hält Don Car­los auf”. Du möch­test mehr Bücher zum The­ma Inklusion/ Behin­de­rung lesen? Zwei ver­gleich­ba­re Roma­ne, an die ich sofort den­ken muss­te, sind “Die Wahr­heit über Ivy” von Kathy Stin­son und “Der Son­ne ent­ge­gen” von Gabrie­le Cli­ma. Zwei Brü­der, von denen einer eine Behin­de­rung hat, fin­dest du auch in “Sim­pel” von Marie-Aude Murail. Sehr emp­feh­len kann ich außer­dem “Out of my mind: Mit Wor­ten kann ich flie­gen” von Sharon M.Draper (ein groß­ar­ti­ges Buch!), “Ein klei­nes Wun­der wür­de rei­chen” von Pen­ny Joel­son und “Das Schwei­gen in mei­nem Kopf” von Kim Hood. Oder greif zu “Flieg, so hoch du kannst” von Bar­ry Jons­berg.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann-Esslinger
ISBN: 978-3-522-18648-3
Erscheinungsdatum: 30.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 176
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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