“Sieben Tage Mo” ist ein Roman des deutschen Autoren und Schauspieler Oliver Scherz. Er erzählt die Geschichte zweier ungleicher Brüder. Karl und sein Bruder Moritz, genannt Mo, der geistig behindert ist. Aufopferungsvoll kümmert sich Karl um Mo, wenn die Mutter arbeiten muss. Zusammen erleben sie die verrücktesten Abenteuer. Doch manchmal möchte Karl am liebsten mit seinen Freunden Fußball spielen oder ein Mädchen aus seiner Parallelklasse treffen. Als er Mo eines Tages für ein paar Stunden allein lässt, obwohl er eigentlich auf ihn hätte aufpassen sollen, gerät alles außer Kontrolle… Ein wichtiges Buch zum Thema Inklusion und Diversität. Eine außergewöhnliche Geschwistergeschichte über den Umgang mit einer Behinderung in einer Familie, über Freiheitsdrang und Verantwortungsbewusstsein. Unterhaltsam, authentisch und sehr einfühlsam erzählt. Für Jugendliche ab 10 Jahren.
Karl ist 12 Jahre alt. Sein Zwillingsbruder Moritz, genannt Mo, ist drei Minuten älter als er. Doch bei ihrer Geburt bekam Mo zu wenig Sauerstoff durch die Nabelschnur und ist seitdem geistig behindert. “Wenn er vor einem stand, merkte man nicht gleich, dass er anders tickte als die meisten. Dass er so unglaublich bescheuerte Sachen machen konnte, obwohl er schon zwölf war. […] er trug eine Brille mit dicken Gläsern. Und wenn man ihm eine Frage stellte, konnte man in den vergrößerten Augen sehen, wie sich seine Gedanken bewegten. Langsam wie die Molche im Tümpel, wenn sie sich vor dem Winter im Schlamm eingruben. Manchmal auch blitzartig, kreuz und quer durcheinanderzuckend.” (Zitat aus “Sieben Tage Mo” S.12ff) Mo ist anders als die anderen Kinder. Er kann viele Dinge
nicht alleine. Aber er hat vor nichts Angst. Und sagt ganz direkt, was er denkt. Da kann es schon mal vorkommen, dass er zur Nachbarin, die ihn kleinkindmäßig behandelt, sagt: “Du bis’ ein Idiot mit Kasperbacken” (Zitat S.15) Manchmal sagt Karl dann etwas, manchmal lässt er Mo aber einfach nur machen. Denn Mo ist klug, auf seine Art. Und er liebt es andere zum Lachen zu bringen. “Hungaa, Hungaa, Hungaa!” Dinge wiederholen, das konnte er echt gut. Worte, Sätze. Auch wenn er etwas gefunden hatte, das einen zum Lachen brachte, wiederholte er es, bis man dachte. Jetzt reicht’s, jetzt ist es nicht mehr witzig. Aber er machte trotzdem weiter. Und irgendwann musste man doch wieder lachen, noch mehr als vorher, manchmal auch irgendwie aus Verzweiflung” (Zitat S.17) Mo braucht ständig jemanden, der nach ihm sieht. Das ist meistens Karl. Auch wenn es ihm manchmal fast etwas zu viel
wird. “Mit aller Kraft trat ich gegen die Mo-Enge an, die mich den ganzen Nachmittag über eingeschnürt hatte und das eigentlich schon tat, seit Mama nach unserem Umzug vor einem Jahr wieder angefangen hatte zu arbeiten.” (Zitat S.23ff) Sie arbeitet als Krankenschwester und vier Tage die Woche muss Karl sich um Mo kümmern. Vier lange Nachmittage, die ihm vorkommen wie eine ganze Woche, wie “Sieben Tage (mit) Mo”. Das merkt auch sein bester Freund Hannes, den er oft nicht auf den Fußballplatz begleiten kann, weil er auf Mo aufpassen muss. “Dauernd kommt uns dein Bruder dazwischen”, sagte er. “Kann ich ja nichts dafür. Mo braucht mich halt.” “Soll sich deine Mutter doch um ihn kümmern. Ist doch ihr Job.” “Ihr Job ist Krankenschwester. Und in dem Kack-Dorf hier gibt’s niemanden für ’ne anständige Betreuung. Ich kann das sowieso am besten.” “Machst du das etwa freiwillig, oder was?” “Stell dir vor. Ich helf zu Hause mit.” (Zitat S.31) Deshalb gibt es in
letzter Zeit öfters Streit mit Hannes. Und dann hat Karl plötzlich ein Date mit Nida, dem Mädchen aus der Parallelklasse und braucht unbedingt einen Nachmittag frei. Als die Vertretung, die sich um Mo kümmern sollte, überraschend ausfällt, lässt Karl Mo für ein paar Stunden allein zu Hause. Und ahnt nicht, was das für Folgen haben wird…
Das Cover stellt die enge, besondere Bruder-Beziehung bereits passend in den Vordergrund. Auch im Innenteil finden sich vereinzelte, in breiten Strichen geschwungene Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Illustrator Philip Waechter. Der Roman ist in Kapitel eingeteilt mit entsprechenden, zum Inhalt passenden Überschriften und wird durchgehend aus Karls Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Der Text ist etwas größer gedruckt, angenehm zu lesen und die Sprache einfach und locker. Eine Andeutung zu Beginn lässt bereits erahnen, dass auf den Protagonisten einiges zukommen wird: “Da ahnte ich noch nicht, wie sehr mich
die nächsten Tage durcheinanderbringen würden. Dasss es mir vorkommen sollte, als würde mich ein Wirbelwind in die Luft drehen, bis ich mich selbst nicht mehr richtig verstand.” (Zitat S.24) Die beiden Brüder schließt man rasch ins Herz. Karl, der sich so fürsorglich um seinen Brüder kümmert und unheimlich viel mit ihm unternimmt, auch wenn die beiden es nicht immer leicht miteinander und mit anderen haben. “Ich verpasste ihm auch einen dicken Schmatzer. “Du bist eben klüger als ich!”, gab ich zu. “Jaa.” Mo nickte übertrieben, und grinsend zogen wir uns weiter Süßigkeiten rein. Das hier war wirklich ein Ort für uns. Von außen sah uns niemand, kein Spaziergänger, keiner aus dem Dorf. Blöde Blicke trafen uns hier nicht, auch keine Sprüche. Dafür konnten wir uns Dinge sagen, die außer den Fledermäusen niemand hörte.” (Zitat S.58ff) Es ist unheimlich schön zu lesen, wie sehr Karl sich für Mo einsetzt. Das Thema Inklusion ist
in den Roman sehr treffend eingebaut. “Ich hasste Mitleid. Ich hasste es bei der Verkäuferin im Laden und bei Frau Schlüter mit ihrem Hundewelpen-Blick. Am meisten hasste ich es bei mir selbst. Ich wollte kein Mitleid mit Mo haben. Er hatte jeden Tag viel zu viel Spaß, wahrscheinlich mehr als ich. Niemand sollte ihn bemitleiden, nur weil er manches nicht schaffte. Niemand sollte denken, dass man ihn deshalb nicht für voll nehmen konnte.” (Zitat S.20) Dennoch werden auch die Schwierigkeiten, die Karl hat, die zwiespältigen Gefühle sehr gut dargestellt. Denn natürlich gibt es Momente, in denen auch er Probleme hat, mit der Situation umzugehen. In denen er sich einen “normalen” Bruder wünscht. “Oh Mann, eh, kann der nicht einfach mal weg”, nuschelte Hannes neben mir. Ich riss den Kopf herum und starrte ihn an. So etwas durfte ich vielleicht denken. Aber niemand durfte so etwas sagen! Auch Hannes nicht. “Der stört einfach”, meckerte er
wirklich vor mir rum, als wäre Mo der Käse auf seinem Pausenbrot. Da knallte es in mir durch. Ich machte zwei Schritte auf ihn zu und stieß ihn zu Boden.” (Zitat S.40) Trotzdem verteidigt er Mo vehement. Selbst wenn er dabei einen Streit mit seinem Freund Hannes riskiert. Der Spannungsbogen baut sich langsam auf. Die fesselnde Stelle, die der Klappentext bereits spoilert, passiert erst relativ weit hinten im Roman. Dennoch unterhält “Sieben Tage Mo” sehr gut und liefert ein auch glaubwürdiges, passendes Ende. In seiner Danksagung geht Oliver Scherz noch auf seine ausführliche Recherche/Gespräche mit Betroffenen ein.
Dir gefällt der Erzählstil von Oliver Scherz? Er hat noch einige andere Kinderbücher geschrieben. Die meisten sind tatsächlich für jüngere Kinder. Hier kannst
du dir einen Überblick verschaffen. Seine bekanntesten Titel sind “Wir sind nachher wieder da, müssen kurz nach Afrika” und die “Ben”-Reihe. Ab 8 Jahren wäre noch “Keiner hält Don Carlos auf”. Du möchtest mehr Bücher zum Thema Inklusion/ Behinderung lesen? Zwei vergleichbare Romane, an die ich sofort denken musste, sind “Die Wahrheit über Ivy” von Kathy Stinson und “Der Sonne entgegen” von Gabriele Clima. Zwei Brüder, von denen einer eine Behinderung hat, findest du auch in “Simpel” von Marie-Aude Murail. Sehr empfehlen kann ich außerdem “Out of my mind: Mit Worten kann ich fliegen” von Sharon M.Draper (ein großartiges Buch!), “Ein kleines Wunder würde reichen” von Penny Joelson und “Das Schweigen in meinem Kopf” von Kim Hood. Oder greif zu “Flieg, so hoch du kannst” von Barry Jonsberg.
Bibliografische Angaben:Verlag: Thienemann-Esslinger ISBN: 978-3-522-18648-3 Erscheinungsdatum: 30.August 2023 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 176 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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Verlag: Thienemann-Esslinger
ISBN: 978-3-522-18648-3
Erscheinungsdatum: 30.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 176
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