Nikola Huppertz — Fürs Leben zu lang

15.November 2023

Fürs Leben zu lang” ist ein Roman der deut­schen Autorin Niko­la Hup­pertz. Sie stellt die 13-jäh­ri­ge Maga­li in den Mit­tel­punkt, die sich für viel zu groß hält und eher eine Außen­sei­te­rin und Beob­ach­te­rin ist. In Tag­träu­men sehnt sie sich nach einem Kuss von dem schö­nen Joël, der im Hin­ter­haus wohnt. Als der alte Herr Kre­ke­l­er aus ihrem Wohn­haus beschließt, dass er bald ster­ben wird, ver­lässt sie ihre Beob­ach­ter­po­si­ti­on und wird immer akti­ver und macht Bekannt­schaft mit des­sen Enkel. In ihrem Tage­buch hält sie all ihre Erleb­nis­se fest. Ein ruhig erzähl­ter Roman, der sich sehr auf Details kon­zen­triert und mit oft tro­cke­nem Humor Ein­blick in ein Teen­ager­le­ben gibt, sich aber auch mit tief­grün­di­gen Gedan­ken über das Leben und den Tod aus­ein­an­der­setzt. Manch­mal schräg, anders, außer­ge­wöhn­lich (so wie die Haupt­fi­gur) und lesens­wert. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 13-jäh­ri­ge Maga­li ist 1,82m groß. Sie fin­det sich viel zu groß und ist besorgt, dass sie auf­grund ihrer Grö­ße nie­mals geküsst wer­den wird. “Aber was soll ich sagen, mei­ne Ziel­grö­ße wird zwi­schen 1,89 und 1,92 geschätzt (was es in unse­rer Fami­lie noch nie gege­ben hat), und spä­tes­tens dann wird es zu spät sein. Denn wer will schon den Jun­gen, der einem sei­nen ers­ten Kuss schenkt, über­ra­gen wie ein Fah­nen­mast?” (Zitat aus “Fürs Leben zu lang” S.8) Ihr All­tag ist eher ein­tö­nig und lang­wei­lig. Von drei Mäd­chen aus der Schu­le wird sie nicht beach­tet. Nur wenn es um die Haus­auf­ga­ben geht, dann wird Maga­li plötz­lich Kasimirawich­tig. In ihrem Wohn­haus gibt es glück­li­cher­wei­se die Groß­fa­mi­lie Simer­ding, die einen Hus­ky namens Snow hat, den sie ab und zu aus­füh­ren darf. Dann gibt es noch den alten (98 Jah­re!) Herrn Kre­ke­l­er, den sie immer freund­lich grüßt. Und Joël Hum­mel aus dem Hin­ter­haus, für den sie schwärmt und den sie am liebs­ten mal küs­sen wür­de. Doch eines Tages ver­kün­det Herr Kre­ke­l­er, dass er bald ster­ben wird und dar­auf­hin ver­än­dert sich alles. Herr Kre­ke­l­er Sohn Lou­is und sein Enkel Kier­an tau­chen auf, um noch eini­ges in der Woh­nung zu regeln. Kier­an, der Maga­li tie­risch auf die Ner­ven geht und der irgend­wo­her ihre Han­dy­num­mer hat. All­mäh­lich taucht Maga­li aus ihrer Beob­ach­ter­po­si­ti­on auf und wird akti­ver. Gemein­sam mit Kier­an ver­sucht sie zu ergrün­den, wie das eigent­lich geht, die­ses Leben…

Das Cover ist schön knal­lig, auf­fäl­lig und Titel und Zeich­nung per­fekt inein­an­der­flie­ßend gestal­tet. Der Roman ist in drei Tei­le ein­ge­teilt und macht die Haupt­the­ma­tik des eher anspruchs­vol­le­ren Coming-of-Age-Buches offen­kun­dig: es geht ums Leben und ums Ster­ben, aber vor allem ums Leben: “Das gan­ze Haus lebt und Herr Kre­ke­l­er will ster­ben” (Teil 1), “Herr Kre­ke­l­er stirbt” (Teil 2), “Wir leben wei­ter” (Teil 3). Schon der ers­te Satz fängt fas­zi­nie­rend an: “Als Joël Hum­mel heu­te an mir vor­bei über den Hin­ter­hof ging, konn­te ich sofort erken­nen, dass er los­zog, um ein Mäd­chen zu küs­sen.” (Zitat S.6) Erzählt wird die Geschich­te durch­ge­hend aus Maga­lis Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Sie hat von ihren Eltern ein über­teu­er­tes Notiz­buch mit Gold­schnitt und Lese­bänd­chen geschenkt bekom­men. Der Roman — mit Datums­an­ga­ben unter­teilt — ist qua­si ihr Tage­buch. “Ich gehe davon aus, dass Mama und Papa es mir als Tage­buch andre­hen woll­ten. Mal­ve schreibt ja seit Jah­ren Tage­buch und mei­ne Eltern nei­gen idio­ti­scher­wei­se dazu, von ihr auf mich zu schlie­ßen. Dabei ist das, was Mal­ve dazu bringt, Tage­buch zu schrei­ben, genau das, was mich von ihr unter­schei­det. Mei­ne lie­be Schwes­ter beschäf­tigt sich näm­lich den gan­zen Tag mit sich selbst” (Zitat S.6) Maga­li will über ihr eige­nes Leben nicht all­zu viel nach­den­ken, will die Din­ge in ihrer Umge­bung fest­hal­ten. “Die ech­ten Din­ge. Die einen umhau­en. Auch wenn es nicht die eige­nen sind.” (Zitat S.8) Und doch tut sie in den fol­gen­den Wochen genau das, sie denkt auch über sich selbst nach. Über den Tod und wie man ein sinn­vol­les Leben führt. Dazu schreibt sie sogar einen Phi­lo­so­phen an, um sich Tipps geben zu las­sen. Niko­la Hup­pertz hat einen sehr guten Blick für Details, lässt Maga­li in ihrer Beob­ach­ter­po­si­ti­on sehr aus­führ­lich berich­ten. Manch­mal ver­liert sich dadurch ein wenig der Span­nungs­bo­gen, aber der tro­cke­ne Humor, die teils schrul­li­gen, außer­ge­wöhn­li­chen Figu­ren machen hier eini­ges wie­der wett. Allen vor­an die Fami­lie von Maga­li. Der Arzt-Vater (“Papa beguckt sich von mor­gens bis abends Häl­se und Knie und Hautau­schlä­ge und beleg­te Zun­gen und weiß alles über Ana­to­mie und Phy­sio­lo­gie, hat aber kei­ne Ahnung, was es eigent­lich heißt, einen Kör­per zu haben. Sei­nen eige­nen schiebt er jeden­falls durch die Gegend wie einen komi­schen Gegen­stand, der nichts mit Dr. Andre­as Weill zu tun hat, geschwei­ge denn Dr. Andre­as Weill ist.” (Zitat S.17) und die Mut­ter, die regel­mä­ßig mit latei­ni­schen Begrif­fen um sich wirft und die bei­de glau­ben eine “bewuss­te Eltern­schaft” zu füh­ren, bei der sie alles rich­tig machen wol­len. Die wider­spens­ti­ge, rebel­li­sche älte­re Schwes­ter Mal­ve, die eigent­lich für ihr Abitur ler­nen soll­te, sich aber am liebs­ten mit Jungs trifft und regel­mä­ßig hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen mit ihrer Mut­ter führt. Neben­bei ist der Roman übri­gens auch rich­tig lehr­reich, da Kier­an Maga­li gegen­über immer wie­der eher unbe­kann­te­re Per­sön­lich­kei­ten erwähnt, wie zum Bei­spiel Jean Nicho­las Arthur Rim­baud (fran­zö­si­scher Lyri­ker), Waka­noha­na Kan­ji I. (Begrün­der der Rin­ger-Dynas­tie Hana­da) und Hedy Lamarr (öster­rei­chisch-ame­ri­ka­ni­sche Schau­spie­le­rin und Erfin­de­rin). Die­se goo­gelt Maga­li dar­auf­hin stets und lies­tet stich­punkt­ar­tig (und in grau­en unter­leg­ten Käs­ten) alles Wis­sens­wer­tes über die­se Per­so­nen auf. Was mir an “Fürs Leben zu lang” sehr gut gefal­len hat, ist, dass es ins­ge­samt rund erzählt ist. Dass sich Ele­men­te, Kasimiradie zu Beginn erwähnt wer­den, auch am Ende noch ein­mal wie­der­ho­len. Dass Maga­li eine schö­ne Ent­wick­lung durch­macht, sie — die nor­ma­ler­wei­se umgäng­lich ist und nicht so wider­spens­tig wie ihre Schwes­ter — sich zum Schluss bei­spiels­wei­se gegen­über ihrer Mut­ter behaup­tet und das pas­tell­far­be­ne, angeb­lich har­mo­nisch wir­ken­de Zim­mer (die Vor­ga­be ihrer Eltern) ein­fach mal in weiß und blut­rot streicht und auch ein beson­de­res Bild dort auf­hängt. Das Ende ist über­aus passend.

LesealternativenDir gefällt Niko­la Hup­pertz’ Erzähl­stil? Sie hat neben vie­len Kin­der- und Bil­der­bü­chern auch eini­ge Jugend­bü­cher geschrie­ben: “Die Steins” (2014), “Mein Leben mal eben” (2017), “Woher ich mei­ne Som­mer­spros­sen habe” (2017) und “Schön wie die Acht” (2021). Letz­te­res wur­de sogar für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2022 nomi­niert (in der Kate­go­rie Kin­der­buch). Du magst Bücher, die sich mit erns­te­ren The­men, wie dem Ster­ben bei­spiels­wei­se aus­ein­an­der­set­zen? Hier­zu kann ich dir zum Bei­spiel “1000 gute Grün­de oder: Wie ein Glücks­keks mein Leben ver­än­der­te” von Lucy Ast­ner und “16x zum Him­mel und zurück” von Mar­lies Sle­gers empfehlen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wann
Verlag: Tulipan
ISBN: 978-3-864-29570-6
Erscheinungsdatum: 12.August 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 160
Illustrator*in: Regina Kehn

Kasimira auf Instagram:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner