Nicky Singer — Davor und danach

Kasimira2.März 2019

Davor und danach” von der bri­ti­schen Autorin Nicky Sin­ger ist ein dys­to­pi­scher Roman, der in eine Welt ent­führt, in der die Men­schen auf der Flucht sind. Vor den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels. Eben­so wie ein jun­ges Mäd­chen, das gemein­sam mit einem klei­nen Jun­gen auf dem Weg in den Nor­den ist und ums Über­le­ben kämpft. Eine (hef­ti­ge) Geschich­te, die schnell gefan­gen nimmt und äußerst inten­siv und ein­dring­lich erzählt ist. Für (rei­fe) Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Sie ist aus dem Sudan geflo­hen, wo sie mit ihren Eltern gelebt hat. Die 14-jäh­ri­ge Mhai­ri. Ihre Mut­ter war Inge­nieu­rin und hat geglaubt die gan­ze Welt mit dem Strom und den Res­sour­cen der Wüs­te ver­sor­gen zu kön­nen. Doch all das hat nicht geklappt. Kommt nach Hau­se, sag­te Groß­mutter. Kommt sofort nach Hau­se! Das war vor über einem Jahr. Es kom­men zu vie­le Men­schen nach Nor­den, sag­te Groß­mutter. Sie schlie­ßen alle Gren­zen. Es wür­de mich nicht wun­dern, wenn sie die Gren­ze zwi­schen Eng­land und Schott­land Kasimiraauch noch dicht­ma­chen. (Zitat S.46) Denn der Kli­ma­wan­del hat die gan­ze Welt ver­än­dert. Es ist viel zu heiß gewor­den. Alle Men­schen flüch­ten nach Nor­den, wo es noch ein wenig erträg­li­cher ist. “Und ich weiß, dass der Nor­den das nicht schaf­fen kann. Aber die Sache ist die: Ich will leben. Mhai­ri, sag­te mei­ne Mut­ter. Bleib am Leben. Ver­sprich es mir. Was auch pas­siert, du musst am Leben blei­ben.” (Zitat S.12) Und das ver­sucht Mhai­ri, jeden Tag. Immer­zu. Ver­sucht sich irgend­wie durch­zu­schla­gen. Auf dem Weg nach Schott­land. Zu ihrer Groß­mutter, die auf der Insel Arran lebt, wo Mhai­ri auch gebo­ren wur­de. Zum Glück hat sie noch ihre Papie­re. “Es gibt immer Leu­te, die dir dei­ne Papie­re steh­len wol­len. Denn alle Papie­re — selbst gefälsch­te — sind bes­ser als gar kei­ne Papie­re. Ein Mensch ohne Papier ist schon so gut wie tot. (Zitat S.20) Doch auch mit Papie­ren ist es nicht immer leicht über die Gren­zen zu kom­men. Über­all sind Sol­da­ten. Eines Tages begeg­net Mhai­ri einem alten KasimiraMann und einem klei­nen Jun­gen. “Ich mus­te­re sie schnell. Leben und Tod sind heut­zu­ta­ge oft eine Fra­ge von Sekun­den. Der Jun­ge ist noch klein, viel­leicht fünf Jah­re alt. Wenn nötig könn­te ich ihn mit blo­ßen Hän­den töten. Also wen­de ich mich dem Mann zu.” (Zitat S.8) Aber als sie den Mann mit der Macht ihrer Pis­to­le (die ohne Patro­nen ist) nach sei­nen Papie­ren fragt, kippt er auf ein­mal um. Tot. Wahr­schein­lich aus Schwä­che gestor­ben. Eigent­lich will Mhai­ri nie­man­den dabei haben. “Denn der Jun­ge kann nicht mit mir kom­men. Nein. Er darf nicht. Der zehn­jäh­ri­ge Muham­mad hat die­sen Feh­ler gemacht und es ende­te nicht gut für ihn. Es ende­te mit FESTUNG.” (Zitat S.21) Doch der Jun­ge, der kein Wort spricht, hef­tet sich an ihre Fer­sen. Und irgend­wie küm­mert sich Mhai­ri sich dann doch um ihn. Aber der Weg nach Nor­den ist nicht immer ein­fach…

KasimiraDavor und danach” fällt vor allem durch sei­ne beson­de­re Gestal­tung aus dem Rah­men. Ein Buch, des­sen Cover weder Auf­schluss auf den Autoren, noch auf den Titel gibt, das ist unge­wöhn­lich und gleich­zei­tig ein ech­ter Hin­gu­cker! Erst auf dem Buch­schnitt und dem Buch­rü­cken sind die Wör­ter “Davor” und “Danach” erkenn­bar. Die Sei­ten­la­sche des hin­te­ren Bro­schur-Umschlags ist ver­län­gert und umschließt den gesam­ten Buch­block, was beim Lesen manch­mal ein wenig hin­der­lich ist, weil man gar nicht weiß, wo man die­se Lasche am bes­ten hin klemmt, so dass sie nicht stört. Aber gestal­te­risch ist die­ses Merk­mal natür­lich sehr gelun­gen. Der Roman ist in Kapi­tel mit meist ein­wör­ti­gen Über­schrif­ten unter­teilt und durch­ge­hend aus Mhai­ris Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Ihr Erzähl­stil ist teils nüch­tern und klar, wirkt — aber im Hin­blick auf das, was sie alles Schlim­mes erlebt hat — pas­send und ver­deut­licht Mhai­ris Resi­gna­ti­on und Abge­stumpft­heit gegen­über dem, was gesche­hen ist, sehr deut­lich. Den Schutz, den sie sich zule­gen muss­te, um zu Kasimiraüber­le­ben. Dazu gehört bei­spiels­wei­se auch alles, was zu schwer und zu trau­ma­tisch ist, in ihr Unter­be­wusst­sein zu ver­drän­gen: “Ich dre­he mich um. Auch das habe ich gelernt. Es ist immer bes­ser, den Din­gen ins Auge zu sehen. Meis­tens wird man damit fer­tig. Wenn man nicht damit fer­tig­wird, kann man sie in FESTUNG schlie­ßen.” (Zitat S.7) Immer wie­der erin­nert sie sich an Din­ge, die dann plötz­lich nicht wei­ter aus­ge­führt wer­den und mit­ten im Satz mit “FESTUNG” enden. So weiß man zu Beginn nicht wirk­lich, was mit ihren Eltern gesche­hen ist. War­um sie jetzt allei­ne unter­wegs ist, bereits seit Tau­sen­den von Kilo­me­tern. Jedoch — und das ist sehr schön gemacht — erin­nert Mhai­ri sich immer wie­der an die Wor­te ihre Eltern. An das, was ihr Vater ihr mit­ge­ge­ben hat, an sei­ne Geschich­ten, die meis­tens gut aus­gin­gen. Dar­an, dass die Welt trotz allem schön ist. Und an ihre Mut­ter, die ein­fach nur woll­te, dass sie über­lebt. Auch wenn das Über­le­ben manch­mal ein­fach nur unglaub­lich bru­tal und hart und schwie­rig sein kann, was genau so deut­lich und offen Kasimirageschil­dert wird: “Ich dach­te, Käl­te wäre etwas Äußer­li­ches. Ich wuss­te nicht, dass Käl­te dir bis in die Zäh­ne zie­hen und dei­ne Nie­ren zum Zit­tern brin­gen kann. Ich wuss­te nicht, dass Wind dir in den Nacken schla­gen und dir mit sol­cher Macht unter die Fin­ger­nä­gel wehen kann, dass du das Gefühl hast, er gelangt wirk­lich unter dei­ne Haut. Das habe ich nachts in der Wüs­te gelernt.” (Zitat S.30) Auch wenn “Davor und danach” manch­mal dra­ma­tur­gisch etwas schwä­cher und stel­len­wei­se weni­ger mit­rei­ßend ist, ist es erzäh­le­risch unheim­lich gut geschrie­ben, es ist dicht erzählt, atmo­sphä­risch. Eine Geschich­te, die einen schnell ver­ein­nahmt und auch phi­lo­so­phi­sche Unter­tö­ne zeigt. Sich mit The­men wie Zeit, Gren­zen und Mau­ern — auch zwi­schen Men­schen — und mit dem Umgang mit Flücht­lin­gen aus­ein­an­der­setzt. Und zeigt, dass es trotz allem Furcht­ba­ren, immer wie­der klei­ne Wun­der am Weges­rand gibt. Men­schen, die hel­fen, ohne etwas dafür zu ver­lan­gen und in Zei­ten der Not Frem­de ein­fach unter­stüt­zen, so wie die Frau mit den KasimiraDecken. Den­noch wird es für Mhai­ri nie wie­der so sein wie zuvor. Etwas, was sie mit dem Wort “Davor” und “Danach” immer wie­der bezeich­net, wie zum Bei­spiel “Freun­de gehö­ren zum Davor.” (Zitat S.11) Dass der klei­ne, namen­lo­se, sprach­lo­se Jun­ge bei ihr auf­taucht, ver­än­dert auch das jun­ge Mäd­chen, macht ihr Herz weich und lässt sie fast wie eine für­sor­gen­de Mut­ter wir­ken. Das Ende ist hef­tig, aber pas­send.

Fazit: Ein ziem­lich ergrei­fen­des Buch, das man so schnell nicht ver­ges­sen wird!

Im Deut­schen wur­den bis­her noch zwei ande­re Bücher von Nicky Sin­ger veLesealternativenröf­fent­licht: “Nor­bert Nobo­dy oder Das Ver­spre­chen” (2003) und “Auf einem schma­len Grat” (2005). Gute inhalt­li­che Alter­na­ti­ve sind zum Bei­spiel “Krieg: Stell dir vor, er wäre hier” von Jan­ne Tel­ler, die “Ocea­nia”-Rei­he von Hélè­ne Mon­tard­re oder die Rei­he “Die Welt, wie wir sie kann­ten” von Susan Beth Pfef­fer. End­zeit­ro­ma­ne gibt es im Jugend­buch jede Men­ge. Gut vor­stel­len könn­te ich mir auch “Wir tref­fen uns, wenn alle weg sind” von Iva Pro­cház­ko­vá, die “Rain”-Rei­he von Vir­gi­nia Ber­gin oder “Als die Welt zum Still­stand kam” von Gabi Neu­may­er. Eine tol­le Neu­erschei­nung, die im Mai die­sen Jah­res her­aus­kom­men wird ist “Dry” von Neal & Jar­rod Shus­ter­man. Gut gefal­len hat mir eben­so “End­land” von Mar­tin Schäub­le, das vor allem das The­ma Gren­zen und Flucht behan­delt. Letz­te­res ist auch ein The­ma in “Der lan­ge Weg zum Was­sers” von Lin­da Sue Park.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7915-0100-0
Erscheinungsdatum: 21.Januar 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 19,00€ 
Seitenzahl: 384 
Übersetzer: Birgit Salzmann
Originaltitel: "The Survivor game"
Originalverlag: Hodder Children's Books

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira











Nicky Singer liest aus ihrem Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Nicky Singer

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