Die amerikanische Autorin Nic Stone hat mit “Dear Martin” einen Roman geschrieben, der sich mit besonderen Themen auseinandersetzt. Eine Geschichte über Rassismus im heutigen Amerika, über Respektlosigkeit und den Versuch eines Jugendlichen all das zu verstehen, indem er Martin Luther King — seinem Idol — Briefe schreibt. Bewegend, hochbrisant und nachdenklich machend. Für Jugendliche ab 14 Jahren.
Justyce McAllister ist 17 Jahre alt. Er besucht die letztes Klasse der Braselton Preparatory Acedemy in Atlanta. Er schreibt traumhafte Noten, hat ein Vollstipendium und ernsthafte Aussichten auf Yale, eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Er ist Mitglied in einem Debattierclub. Und er ist schwarz. Seit einem halben Jahr setzt sich Justyce mit den Reden von Martin Luther King auseinander und schreibt Briefe, über Dinge, die ihn beschäftigen. Ihn bewegt zum Beispiel das Schicksal eines Jugendlichen namens Shemar Carson, der in seinem Alter und ebenfalls schwarz war, und von einem weißen Polizisten vor Kurzem erschossen wurde. Nun wurde auch Justyce von einem Polizisten brutal angegangen. “Ja, ich bin in einer rauen Gegend aufgewachsen, aber ich weiß, dass ich ein guter Typ bin, Martin. Ich dachte,
wenn ich alles dafür tue, ein aufrechtes Mitglied der Gesellschaft zu sein, dann bleibe ich verschont, von dem, womit DIE ANDEREN Schwarzen sich herumschlagen müssen, wissen Sie? Echt schwer zu schlucken, dass ich mich so getäuscht habe.” (Zitat aus “Dear Martin” S.22ff) Eigentlich wollte Justyce nur seiner Exfreundin helfen, die zu betrunken war, um nach Hause zu fahren. Aber ein Polizist, der zufällig gerade vorbeifuhr, hat ihn sofort festgenommen. Ohne sich überhaupt anzuhören, was Sache war. “Ja, es gibt keine extra Trinkbrunnen für Farbige mehr, und theoretisch ist es illegal, jemanden zu diskriminieren, aber wenn man mich zwingen kann, in zu engen Handschellen auf dem Asphalt zu sitzen, obwohl ich nichts Böses getan habe, dann gibt es eindeutig ein Problem. Dann ist es mit der Gleichheit nicht so weit her, wie die Leute behaupten.” (Zitat S.23) Erst mit der Hilfe einer befreundeten Anwältin wird Justyce aus der Arrestzelle entlassen. Briefe an Martin, das ist Justyce Versuch, verstehen zu wollen. “Ich möchte versuchen, so zu leben wie Sie. Tun, was Sie tun würden. Gucken, wohin mich das führt.” (Zitat S.24) Aber Justyce versteht so vieles nicht. Warum ist sein Freund Manny mit weißen Jungs befreundet, die ihn doch immer wieder diskriminieren und dumme Späße auf seine Kosten machen? Warum entwickelt er auf einmal Gefühle für seine Debattierclubpartnerin, die doch weiß ist und die er — wenn es nach seiner Mutter ginge — niemals mit nach Hause bringen dürfte? Doch dann geschieht etwas Schreckliches. Manny wird von einem Polizisten angeschossen. Und stirbt dabei..
Das Cover von “Dear Martin” ist prägnant und gelungen. Der Roman ist durchgehend in der personalen Erzählweise aus Justyces Sicht geschrieben. Nur die Briefe, die er an Martin Luther King schreibt, sind in kursivem Schriftbild abgedruckt und werden in der Ich-Form erzählt. Während die personale Erzählweise gerade bei Kapitelanfängen manchmal ein wenig hölzern und distanziert wirkt, haben mir die Briefe hingegen besonders gut gefallen. Justyce richtet seine Worte direkt an sein großes Idol. Stellt ihm Fragen und sucht so nach Klarheit und Anleitung, nach einem Kompass für sein Leben. “Wie haben Sie das geschafft, Martin? Wie kann ich das schaffen? Es gibt Leute, die mich, wenn sie mir begegnen, nicht als einen Menschen mit Rechten betrachten, und ich weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Wenn man so behandelt wird wie ich und dann einen Jared reden hört, als gäbe es keine Problem mehr… und Manny gibt ihm auch noch recht! Das ist zum Kotzen, Martin, ehrlich wahr.” (Zitat S.54) Die Sprache ist direkt, jugendsprachlich und unverfälscht. Echt. Justyce auf seinem Weg zu begleiten — seinem Sehnen nach Gerechtigkeit, Wertschätzung und Respekt — das liest sich sehr bewegend. Und macht nachdenklich, wenn man liest wie groß gesellschaftliche Unterschiede noch immer vorherrschen und wie sich das für einen Jugendlichen anfühlen mag: “Es ist, als würde ich einen Berg besteigen wollen, und von oben tritt mich immer einer, damit ich nicht mit ihm auf gleiche Höhe komme, und von unten zerrt einer an meinem Bein, damit ich nicht vom Boden wegkomme, den er nicht verlassen will. Jared und Trey sind nur zwei Einzelpersonen, aber nach den heutigen Erlebnissen, weiß ich, dass ich, wenn ich nächsten Herbst nach Yale komme (denn ich GEHE nach Yale), ständig das Gefühl haben werde, dass die Leute mich schief angucken und sich fragen, ob ich da auch hingehöre.” (Zitat S.88) Was ich an manchen St
ellen etwas seltsam fand, war der Übergang zwischen wörtlicher Rede und der Aufzählung der Worte, die jemand sagt. Manchmal steht einfach nur der Name der Person, die spricht, danach folgt ein Doppelpunkt, dann die Sätze/der Satz (ohne Anführungszeichen). Dann wieder der nächste Name, der nächste Wortlaut. Und plötzlich wechselt das Ganze wieder über in normale wörtliche Rede, die beschrieben wird mit “sagte er” etc. Das wirkt etwas befremdlich und so, als wolle sich der Autor etwas um die Redeumstände herummogeln, beziehungsweise könne sich zwischen diesen beiden Erzählweisen nicht ganz entscheiden. Zu Beginn gibt es auch ganze Seiten (besonders im Debattierclub), die szenisch wie ein Drehbuch aufgebaut sind. Dies ist schon eher passend und ermöglicht es sich ganz auf die diskussionsreichen Dialoge zu konzentrieren. In das Buch eingebaut sind auch immer wieder kurze Zeitungsartikel, die wichtige Informationen bieten und das Bild der Öffentlichkeit darstellen. “Dear Martin” ist eine Geschichte, die sich sehr gut als Klassenlektüre oder für eine Buchvorstellung eignet. Es lässt sich auch auf andere Situationen übertragen, die Gleichheit und Toleranz verlangen.
Die wohl beste Alternative zu “Dear Martin” ist “The hate u give” von Angie Thomas, das dieses Jahr für den Deut
schen Jugendliteraturpreis nominiert wurde und eine ähnliche Thematik aufweist. Gewalt eines (weißen) Polizisten gegenüber eines (schwarzen) Jugendlichen, das muss auch die Hauptperson in “Nichts ist okay!: Die zwei Seiten einer Geschichte” von Jason Reynolds und Brendan Kiely beobachten, ebenfalls eine sehr gute Lesealternative. Passend ist zudem der Klassiker “Wer die Nachtigall stört” von Harper Lee. Noch näher an Martin Luther King dran, bist du in “Sie hatten einen Traum” von Thomas Jeier (schon etwas älter). Zum Thema Rassismus gibt es unzählige Bücher. Lies zum Beispiel “Endland” von Martin Schäuble (sehr spannend umgesetzt!), “Der Schuss” von Christian Linker, “Wie schön weiß ich bin” von Dolf Verroen (kurz, aber prägnant, außergewöhnlich!) oder etwas heiterer, aber auch mit Tiefgang “Ein Ort wie dieser” von Marie-Aude Murail.
Bibliografische Angaben:Verlag: Rowohlt ISBN: 978-3-499-21833-0 Erscheinungsdatum: 24.April 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 17,99€ Seitenzahl: 256 Übersetzer: Karsten Singelmann Originaltitel: "Dear Martin" Originalverlag: Crown Books for Young Readers Amerikanisches Originalcover:
![]()
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)
--------------------------------------- Amerikanisches Cover: Homepage von Nic Stone

Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21833-0
Erscheinungsdatum: 24.April 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,99€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Karsten Singelmann
Originaltitel: "Dear Martin"
Originalverlag: Crown Books for Young Readers
Amerikanisches Originalcover: