Nic Stone — Dear Martin

Nic Stone - Dear Martin4.Juni 2018

Die ame­ri­ka­ni­sche Autorin Nic Stone hat mit “Dear Mar­tin” einen Roman geschrie­ben, der sich mit beson­de­ren The­men aus­ein­an­der­setzt. Eine Geschich­te über Ras­sis­mus im heu­ti­gen Ame­ri­ka, über Respekt­lo­sig­keit und den Ver­such eines Jugend­li­chen all das zu ver­ste­hen, indem er Mar­tin Luther King — sei­nem Idol — Brie­fe schreibt. Bewe­gend, hoch­bri­sant und nach­denk­lich machend. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren.

Jus­ty­ce McAl­lis­ter ist 17 Jah­re alt. Er besucht die letz­tes Klas­se der Bra­sel­ton Pre­pa­ra­to­ry Ace­de­my in Atlan­ta. Er schreibt traum­haf­te Noten, hat ein Voll­sti­pen­di­um und ernst­haf­te Aus­sich­ten auf Yale, eine der renom­mier­tes­ten Uni­ver­si­tä­ten der Welt. Er ist Mit­glied in einem Debat­tier­club. Und er ist schwarz. Seit einem hal­ben Jahr setzt sich Jus­ty­ce mit den Reden von Mar­tin Luther King aus­ein­an­der und schreibt Brie­fe, über Din­ge, die ihn beschäf­ti­gen. Ihn bewegt zum Bei­spiel das Schick­sal eines Jugend­li­chen namens She­mar Car­son, der in sei­nem Alter und eben­falls schwarz war, und von einem wei­ßen Poli­zis­ten vor Kur­zem erschos­sen wur­de. Nun wur­de auch Jus­ty­ce von einem Poli­zis­ten bru­tal ange­gan­gen. “Ja, ich bin in einer rau­en Gegend auf­ge­wach­sen, aber ich weiß, dass ich ein guter Typ bin, Mar­tin. Ich dach­te,Nic Stone - Dear Martin wenn ich alles dafür tue, ein auf­rech­tes Mit­glied der Gesell­schaft zu sein, dann blei­be ich ver­schont, von dem, womit DIE ANDEREN Schwar­zen sich her­um­schla­gen müs­sen, wis­sen Sie? Echt schwer zu schlu­cken, dass ich mich so getäuscht habe.” (Zitat aus “Dear Mar­tin” S.22ff) Eigent­lich woll­te Jus­ty­ce nur sei­ner Exfreun­din hel­fen, die zu betrun­ken war, um nach Hau­se zu fah­ren. Aber ein Poli­zist, der zufäl­lig gera­de vor­bei­fuhr, hat ihn sofort fest­ge­nom­men. Ohne sich über­haupt anzu­hö­ren, was Sache war. “Ja, es gibt kei­ne extra Trink­brun­nen für Far­bi­ge mehr, und theo­re­tisch ist es ille­gal, jeman­den zu dis­kri­mi­nie­ren, aber wenn man mich zwin­gen kann, in zu engen Hand­schel­len auf dem Asphalt zu sit­zen, obwohl ich nichts Böses getan habe, dann gibt es ein­deu­tig ein Pro­blem. Dann ist es mit der Gleich­heit nicht so weit her, wie die Leu­te behaup­ten.” (Zitat S.23) Erst mit der Hil­fe einer befreun­de­ten Anwäl­tin wird Jus­ty­ce aus der Arrest­zel­le ent­las­sen. Brie­fe an Mar­tin, das ist Jus­ty­ce Ver­such, ver­ste­hen zu wol­len. “Ich möch­te ver­su­chen, so zu leben wie Sie. Tun, was Sie tun wür­den. Gucken, wohin mich das führt.” (Zitat S.24) Aber Jus­ty­ce ver­steht so vie­les nicht. War­um ist sein Freund Man­ny mit wei­ßen Jungs befreun­det, die ihn doch immer wie­der dis­kri­mi­nie­ren und dum­me Spä­ße auf sei­ne Kos­ten machen? War­um ent­wi­ckelt er auf ein­mal Gefüh­le für sei­ne Debat­tier­club­part­ne­rin, die doch weiß ist und die er — wenn es nach sei­ner Mut­ter gin­ge — nie­mals mit nach Hau­se brin­gen dürf­te? Doch dann geschieht etwas Schreck­li­ches. Man­ny wird von einem Poli­zis­ten ange­schos­sen. Und stirbt dabei..

Nic Stone - Dear MartinDas Cover von “Dear Mar­tin” ist prä­gnant und gelun­gen. Der Roman ist durch­ge­hend in der per­so­na­len Erzähl­wei­se aus Jus­ty­ces Sicht geschrie­ben. Nur die Brie­fe, die er an Mar­tin Luther King schreibt, sind in kur­si­vem Schrift­bild abge­druckt und wer­den in der Ich-Form erzählt. Wäh­rend die per­so­na­le Erzähl­wei­se gera­de bei Kapi­tel­an­fän­gen manch­mal ein wenig höl­zern und distan­ziert wirkt, haben mir die Brie­fe hin­ge­gen beson­ders gut gefal­len. Jus­ty­ce rich­tet sei­ne Wor­te direkt an sein gro­ßes Idol. Stellt ihm Fra­gen und sucht so nach Klar­heit und Anlei­tung, nach einem Kom­pass für sein Leben. “Wie haben Sie das geschafft, Mar­tin? Wie kann ich das schaf­fen? Es gibt Leu­te, die mich, wenn sie mir begeg­nen, nicht als einen Men­schen mit Rech­ten betrach­ten, und ich weiß nicht genau, wie ich damit umge­hen soll. Wenn man so behan­delt wird wie ich und dann einen Jared reden hört, als gäbe es kei­ne Pro­blem mehr… und Man­ny gibt ihm auch noch recht! Das ist zum Kot­zen, Mar­tin, ehr­lich wahr.” (Zitat S.54) Die Spra­che ist direkt, jugend­sprach­lich und unver­fälscht. Echt. Jus­ty­ce auf sei­nem Weg zu beglei­ten — sei­nem Seh­nen nach Gerech­tig­keit, Wert­schät­zung und Respekt — das liest sich sehr bewe­gend. Und macht nach­denk­lich, wenn man liest wie groß gesell­schaft­li­che Unter­schie­de noch immer vor­herr­schen und wie sich das für einen Jugend­li­chen anfüh­len mag: Es ist, als wür­de ich einen Berg bestei­gen wol­len, und von oben tritt mich immer einer, damit ich nicht mit ihm auf glei­che Höhe kom­me, und von unten zerrt einer an mei­nem Bein, damit ich nicht vom Boden weg­kom­me, den er nicht ver­las­sen will. Jared und Trey sind nur zwei Ein­zel­per­so­nen, aber nach den heu­ti­gen Erleb­nis­sen, weiß ich, dass ich, wenn ich nächs­ten Herbst nach Yale kom­me (denn ich GEHE nach Yale), stän­dig das Gefühl haben wer­de, dass die Leu­te mich schief angu­cken und sich fra­gen, ob ich da auch hin­ge­hö­re.” (Zitat S.88) Was ich an man­chen StNic Stone - Dear Martinellen etwas selt­sam fand, war der Über­gang zwi­schen wört­li­cher Rede und der Auf­zäh­lung der Wor­te, die jemand sagt. Manch­mal steht ein­fach nur der Name der Per­son, die spricht, danach folgt ein Dop­pel­punkt, dann die Sätze/der Satz (ohne Anfüh­rungs­zei­chen). Dann wie­der der nächs­te Name, der nächs­te Wort­laut. Und plötz­lich wech­selt das Gan­ze wie­der über in nor­ma­le wört­li­che Rede, die beschrie­ben wird mit “sag­te er” etc. Das wirkt etwas befremd­lich und so, als wol­le sich der Autor etwas um die Rede­um­stän­de her­um­mo­geln, bezie­hungs­wei­se kön­ne sich zwi­schen die­sen bei­den Erzähl­wei­sen nicht ganz ent­schei­den. Zu Beginn gibt es auch gan­ze Sei­ten (beson­ders im Debat­tier­club), die sze­nisch wie ein Dreh­buch auf­ge­baut sind. Dies ist schon eher pas­send und ermög­licht es sich ganz auf die dis­kus­si­ons­rei­chen Dia­lo­ge zu kon­zen­trie­ren. In das Buch ein­ge­baut sind auch immer wie­der kur­ze Zei­tungs­ar­ti­kel, die wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen bie­ten und das Bild der Öffent­lich­keit dar­stel­len. “Dear Mar­tin” ist eine Geschich­te, die sich sehr gut als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung eig­net. Es lässt sich auch auf ande­re Situa­tio­nen über­tra­gen, die Gleich­heit und Tole­ranz ver­lan­gen.

Die wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu “Dear Mar­tin” ist “The hate u give” von Angie Tho­mas, das die­ses Jahr für den DeutLesealternativenschen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de und eine ähn­li­che The­ma­tik auf­weist. Gewalt eines (wei­ßen) Poli­zis­ten gegen­über eines (schwar­zen) Jugend­li­chen, das muss auch die Haupt­per­son in “Nichts ist okay!: Die zwei Sei­ten einer Geschich­te” von Jason Rey­nolds und Bren­dan Kie­ly beob­ach­ten, eben­falls eine sehr gute Lese­al­ter­na­ti­ve. Pas­send ist zudem der Klas­si­ker “Wer die Nach­ti­gall stört” von Har­per Lee. Noch näher an Mar­tin Luther King dran, bist du in “Sie hat­ten einen Traum” von Tho­mas Jei­er (schon etwas älter). Zum The­ma Ras­sis­mus gibt es unzäh­li­ge Bücher. Lies zum Bei­spiel “End­land” von Mar­tin Schäub­le (sehr span­nend umge­setzt!), “Der Schuss” von Chris­ti­an Lin­ker, “Wie schön weiß ich bin” von Dolf Ver­ro­en (kurz, aber prä­gnant, außer­ge­wöhn­lich!) oder etwas hei­te­rer, aber auch mit Tief­gang “Ein Ort wie die­ser” von Marie-Aude Murail.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21833-0
Erscheinungsdatum: 24.April 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,99€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: Karsten Singelmann
Originaltitel: "Dear Martin" 
Originalverlag: Crown Books for Young Readers

Amerikanisches Originalcover:
Nic Stone - Dear Martin


Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Nic Stone

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