Neal Shusterman, Andrés Vera Martínez — Fenster in der Nacht: Geschichten der Hoffnung

11.Februar 2024

Fens­ter in der Nacht: Geschich­ten der Hoff­nung” ist eine Gra­phic Novel des ame­ri­ka­ni­schen Autoren Neal Shus­ter­man (illus­triert von Andrés Vera Mar­tí­nez). Das Buch ent­hält fünf Kurz­ge­schich­ten über den Holo­caust, die auf eine Art und Wei­se geschrie­ben sind, wie sie noch nie erzählt wur­den! Der Autor ver­knüpft his­to­ri­sche Bege­ben­hei­ten mit einen Hauch von Fan­tas­tik. Was wäre, wenn…? Wenn plötz­lich Din­ge mög­lich gewe­sen wären, die gar nicht mög­lich sind? Din­ge, die Zuflucht, Ret­tung und vor allem Hoff­nung bedeu­ten? Wenn Men­schen aus Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern geret­tet wer­den kön­nen, weil die Legen­de des Golem leben­dig wird. Wenn eine Flucht von däni­schen Juden über das Meer rea­li­sier­bar ist, weil ein Stab aus Holz ver­sun­ke­ne Schif­fe aus dem Meer empor­tau­chen lässt. Wenn ein Fens­ter in der Nacht in einem Raum, in dem jüdi­sche Schwes­tern sich ver­steckt hal­ten, plötz­lich die Pfor­te zu einer ande­ren Welt wird. Ein bemer­kens­wer­tes, wich­ti­ges Buch, das ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se aus einem ganz ande­ren Blick­win­kel beschreibt und den­noch his­to­ri­schen Kon­text und Bei­spie­le wah­rer Mensch­lich­keit in Zei­ten des Schre­ckens nach jedem Kapi­tel erklä­rend abbil­det. Ein­dring­lich, span­nend und uner­war­tet erzählt und vor allem für eine Ziel­grup­pe geschrie­ben, die sich mit dem The­ma Holo­caust viel­leicht noch nicht inten­siv aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Ab 12 Jah­ren und für Erwachsene.

Drei jüdi­sche Schwes­tern, deren Eltern ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gesteckt wur­den, und die von einer alten Dame in ihrem Haus ver­steckt wer­den. Aus dem Fens­ter dür­fen sie nicht schau­en. Nie­mand darf sie sehen. Die Vor­hän­ge sind zuge­zo­gen. Doch manch­mal spi­ckeln sie hin­aus. Und sehen etwas, durch das Fens­ter, das es eigent­lich gar nicht geben dürf­te… Als der Boten­jun­ge, der ihnen Essen bringt, sich ver­rät, kom­men ihnendie Nazis auf die Spur und durch­su­chen das Haus. Kann das Fens­ter ihnen helfen?

KasimiraDavid trägt einen Ver­band um sei­nen Kopf. Er hat einen Schlag auf den Kopf erhal­ten und kann sich an nichts mehr aus sei­nem vor­he­ri­gen Leben erin­nern. Aber er kennt die Geschich­te des Golems. Jenes Wesens, das aus Lehm gefer­tigt wur­de und das unglaub­lich stark ist. Als in dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger merk­wür­di­ge Din­ge gesche­hen, scheint die Legen­de des Golems leben­dig zu werden…

Zwei Kin­der unter­wegs in einem Wald, sie sind geflüch­tet von einem Trans­port in ein Ver­nich­tungs­la­ger. Sie tref­fen auf ande­re Men­schen. Men­schen, die Wider­stand leis­ten. Doch sind sie gegen die unzäh­li­gen Sol­da­ten gerüs­tet? Uner­war­tet kom­men in die mäch­tigs­ten Wesen des Wal­des ihnen zu Hil­fe und unter­stüt­zen sie dar­in mit ihren ganz eige­nen Methoden…

KasimiraZwei Freun­de in Däne­mark. Eine beson­de­re Vor­hang­stan­ge, die ein Erb­stück ist und angeb­lich der Stab des Moses ist. Doch als die Freun­de in größ­te Not gera­ten — einer der bei­den ist jüdi­scher Her­kunft — ist es der Stab, der Außer­ge­wöhn­li­ches ver­mag und ihnen und vie­len ande­ren Men­schen zur Flucht über das Meer verhilft…

Cait­lins Oma ist gestor­ben. Sie hat ihrer Enke­lin ein beson­de­res Geschenk hin­ter­las­sen. Eine Kris­tall­mu­schel. Immer wenn Cait­lin hin­ein­hört, ver­än­dert sich plötz­lich ihre Wirk­lich­keit. Auf ein­mal hat sie viel mehr Ver­wand­te. Der Holo­caust scheint nie gesche­hen zu sein. Der Krieg endet bereits 1942. Wie kann das sein? Als sie das nächs­te Mal in die Muschel hin­ein­horcht, ist wie­der alles beim Alten. Aber Cait­lin ver­misst nun ihre neue, gro­ße Fami­lie. Die vie­len Ver­wand­ten. Sie kehrt erneut in die Par­al­lel­welt zurück. Doch auch hier ist nicht alles so gut, wie es scheint…

KasimiraDas Buch ist auch vom Klap­pen­text her wohl bewusst so gestal­tet, dass es äußer­lich kei­nen Hin­weis auf die fan­tas­ti­schen Ele­men­ten gibt, die dar­in ent­hal­ten sind. Die­se ent­fal­ten sich beim Lesen bereits bei der ers­ten Geschich­te. Als man beim Lesen stut­zig wird über das Fens­ter des Zim­mers, in dem die Mäd­chen sich ver­ste­cken. Mal ist es von außen zu sehen und mal nicht. Hat man sich ver­le­sen? Was bedeu­tet das? Fan­tas­ti­sche Ele­men­te bei einer so erns­ten The­ma­tik? Kann das sein? Neal Shus­ter­man gibt in einem Nach­wort an, dass auch er sich bei sei­nem 12-jäh­ri­gen Ent­ste­hungs­pro­zess des Buches dar­über eini­ge Gedan­ken gemacht hat. “Ich fand allein schon die Vor­stel­lung, Fan­ta­sy mit dem Holo­caust zu ver­mi­schen, sowohl auf­re­gend, wie frag­wür­dig. Wel­che Schnitt­stel­le gibt es denn zwi­schen der Fan­ta­sy oder der grau­si­gen Rea­li­tät von Mil­lio­nen ermor­de­ter Men­schen? Aber je län­ger Kasimiraich dar­über nach­dach­te, des­to kla­rer wur­de mir, dass ich auf die­se Wei­se star­ke Geschich­ten erzäh­len konn­te. Geschich­ten von Wün­schen, die tra­gi­scher­wei­se nie erfüllt wer­den konn­ten.” (Zitat S.250) Und das hat der Autor, der selbst ame­ri­ka­ni­scher Jude ist, mit sei­nen Geschich­ten tat­säch­lich geschafft. Er erzählt hel­den­haf­te Kurz­ge­schich­ten, die neben Leid und Düs­ter­keit vor allem auch Licht, Mensch­lich­keit und Hoff­nung zei­gen. Man fie­bert mit den Figu­ren mit, wird zum Nach­den­ken ange­regt und bekommt nach jeder Geschich­te auch immer wie­der Dop­pel­sei­ten mit Erklä­run­gen gelie­fert, wie zum Bei­spiel: “Es gab kei­nen Golem, der die Juden vor den Todes­la­gern ret­te­te, aber eini­gen gelang hel­den­haft die Flucht.” (Zitat S.106) Hier wer­den his­to­ri­sche Bege­ben­hei­ten erwähnt. Men­schen, denen es gelang sich aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern zu befrei­en oder ande­ren Men­schen zur Flucht zu ver­hel­fen: “Es Kasimiragab zwar kei­ne Brü­cke aus Schiffs­wracks, wohl aber die däni­sche Ret­tungs­ak­ti­on. Und sie war ein­zig­ar­tig, weil sich das gan­ze Land dar­an betei­lig­te.” (Zitat S.202) Die Geschich­ten sind aber nicht nur tri­um­phal und hel­den­haft erzählt, son­dern zei­gen auch, dass nicht eine kom­plet­te Ret­tung mög­lich ist. In “Dann öff­net er ein Fens­ter” wer­den bei­spiels­wei­se nur zwei Schwes­tern geret­tet und die drit­te schafft es nicht mehr in die Par­al­lel­welt. Das Buch schafft es gera­de durch die phan­ta­sie­vol­len Ereig­nis­se eine Ziel­grup­pe zu gewin­nen, die die­ser The­ma­tik ansons­ten viel­leicht fern blei­ben wür­de. Es ist auch ide­al als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung geeig­net. Der Zei­chen­stil ist sehr anspre­chend und gelungen.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Neal Shus­ter­man? Dann lies noch sei­ne ande­ren Bücher. Bekannt gewor­den ist er mit sei­ner “Voll­endet”-Rei­he (Band 1: Voll­endet: Die Flucht”, Band 2: “Voll­endet: Der Auf­stand”Band 3: “Voll­endet: Die Rache”). Sei­ne letz­te Rei­he ist die “Scy­the”-Rei­he (Band 1: “Scy­the: Die Hüter des Todes” und Band 2: “Scy­the: Der Zorn der Gerech­ten” und “Scy­the: Das Ver­mächt­nis der Ältes­ten”). Für jün­ge­re Leser (ab 11 Jah­ren) hat er noch die “Tes­la”-Rei­he geschrie­ben: “Tes­las unvors­teLesealternativenllbar genia­les und ver­blüf­fend kata­stro­pha­les Ver­mächt­nis” (Band 1), “Tes­las irr­sin­nig böse und atem­be­rau­bend revo­lu­tio­nä­re Ver­schwö­rung” (Band 2) und “Tes­las gran­di­os ver­rück­te und kom­plett gemein­ge­fähr­li­che Welt­ma­schi­ne” (Band 3). Außer­dem ver­öf­fent­lich­te er den Roman “Kom­pass ohne Nor­den”der 2019 den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis erhielt und die Erkran­kung (Schi­zo­phre­nie) sei­nes Soh­nes behan­delt. Gemein­sam mit sei­nem Sohn Jar­rod ver­fass­te er außer­dem den wirk­lich span­nen­den Umwelt­thril­ler “Dry”Danach erschien noch “Roxy” (eben­falls zusam­men mit sei­nem Sohn geschrie­ben), wel­ches 2023 für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de. Du magst noch mehr Gra­phic Novels über den Holo­caust lesen? Außer­ge­wöhn­lich und hoch­ge­lobt ist auch “Maus — Die Geschich­te eines Über­le­ben­den” von Art Spie­gel­man (hier wird der Holo­caust als Fabel erzählt). Sehr lesens­wert ist zudem “White Bird” von Raquel J. Pala­cio. Ande­re Gra­phic Novels sind “Aber ich lebe” von Bar­ba­ra Yelin, Miri­am Libicki und Gilad Selik­tar, “Emmie Arbel. Die Far­be der Erin­ne­rung” von Bar­ba­ra Yelin und Emmie Arbel, “Leben und Ster­ben in Ausch­witz” von Diet­mar Rein­hard, “Die Biblio­the­ka­rin von Ausch­witz” von Aro­ca Lore­to und Rubio Sal­va, “Das Tage­buch der Anne Frank” von David Polon­sky und Ari Fol­man und Bald sind wir wie­der zu Hau­se” von Jes­si­ca Bab Bonde. Noch mehr Roma­ne zum The­ma Holo­caust, die ich emp­feh­len kann, fin­dest du hier.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1687-7
Erscheinungsdatum: 10.Januar 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer*in: Alexandra Ernst
Illustrator*in: Andrés Vera Martínez
Originaltitel: "Courage to Dream: Tales of Hope in the Holocaust"
Originalverlag: Scholastic US

Amerikanisches Originalcover: 












Neal Shusterman und Andrés Vera Martínez über ihr Buch (auf Englisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Scholastic

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