“Meine beste Bitch” ist nun das dritte Buch der lettisch-deutschen Autorin Nataly Elisabeth Savina. Ein Roman über Freundschaft, das Erwachsenwerden und die Schwierigkeiten, die mit all dem einhergehen. Eine unverwechselbare, eigenwillig erzählte Geschichte mit besonderen Charakteren und teils schrägen Szenerien. Für Jugendliche ab 14 Jahren und interessierte Erwachsene.
Eine namenlose Kleinstadt. Hier lebt Faina mit ihren Mutter, einer Psychiaterin, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Schon als Kind war sie unruhig, litt unter Ängsten, für deren Ursprung ihre Eltern verschiedenste Theorien hatten. Eine davon ist der “Scherenmann”, ein Patient, der die Psychiaterin einst mit einer Schere angriff und verletzte und ein Trauma in Faina auslöste. “Meine Unruhe kam in vielen Gestalten. Je nach Tagesform war sie ein Zittern, eine nervöse Niedergeschlagenheit, und zuletzt wurde sie immer häufiger zum quälenden Jucken.” (Zitat aus “Beste Bitch” S.18) Erst ihre Freundschaft zu der ein Jahr älteren, quirligen Nike bringt ein wenig Veränderung in Fainas Leben. Bei einer Demonstration haben sie sich kennengelernt. Obwohl die Mädchen auf unterschiedliche Schulen gehen, hängen sie bald darauf die meiste Zeit des Tages zusammen ab. Oder schreiben sich Nachrichten, Briefe oder telefonieren abends heimlich unter
der Bettdecke miteinander. “Seit dem Tag unseres Kennenlernens erzählte ich Nike alles, und das meiste sofort. Nur die eine Winzigkeit mit der Unruhe behielt ich für mich. Meine Ängste und ihre Begleiterscheinungen, gegen die meine Mutter seit meiner Kindheit wie ein tapferer Zinnsoldat kämpfte, existierten in Nikes Gegenwart einfach nicht.” (Zitat S.17) Mit Nike fühlt Faina sich heil. Nike, die vor Energie nur so sprüht, die unternehmungslustig ist und am liebsten die ganze Welt verändern will: “Nike schrieb für die Schülerzeitung und veranstalte “politische Wahlen” für Grundschüler, führte einen feministischen Blog und teilte ständig Onlineartikel, die sich um irgendwelche neuen Gesetze und europäischen Ungerechtigkeiten drehten.” (Zitat S.25) Dann lernt Faina auf einem Friedhof bei der Beobachtung eines verletzten Eichhörnchens, dessen sie sich annimmt, den älteren Julian kennen. “Er lächelte. “Gerade habe ich noch gedacht, nichts ergibt einen Sinn, und dann das.” Er schlug die Augen wieder auf und sah mich an. “Dann tauchst du auf.” (Zitat S.43) Doch sowohl er, als auch Nike, die ihr Abitur soeben beendet hat, gehen beide nun zum Studieren nach Berlin. Sind plötzlich weg aus Fainas Leben, die sich nach der Freiheit in dem fernen Berlin sehnt. Aber als sie auf Umwegen schließlich auch in die heiß ersehnte
Stadt kommt, raus aus dem Kleinstadtidyll, muss sie feststellen, dass Träume manchmal zerplatzen können wie Seifenblasen und dass das Erwachsenwerden mitunter auch schmerzhaft und schwer sein kann…
Eigentlich hatte ich mich auf das neue Buch von Nataly Elisabeth Savina schon sehr gefreut, nachdem ich von “Love Alice” so begeistert war. Jedoch muss ich gestehen, dass ich nicht ganz sicher bin, was ich von dem neuen Werk halten soll. Sprachlich gesehen ist es nicht ganz so atmosphärisch und intensiv wie der Vorgängertitel und wartet auch mit einer Protagonistin auf, mit der ich beim Lesen irgendwie nicht warm werden konnte. Die Autorin verwendet gerne spezielle Charaktere, keine klischeeverseuchten 0−8−15 Persönlichkeiten, wie man sie in jedem zweiten Buch findet. So auch in “Meine beste Bitch”, das schon durch sein andersartiges Cover auffällt und innehalten lässt. Der Roman wird durchgehend aus Fainas Sicht in der Ich-Perspektive erzählt und ist in verschiedene Kapitel unterteilt. Faina selbst ist ein vielschichtiger, schwierig einzuordnender Charakter. Angstgeplagt, sehnsüchtig nach Freiheit und
Geborgenheit, aber auch absolut unvorhersehbar und mit teils befremdlichen Gedanken: “Er küsste so weich und so hilflos, dass ich Lust bekam, ihm heftig in den Rücken zu hauen. Was ich nicht machte, ich stellte mir aber vor, ich hätte ein langes Messer in der Hand. Ohne dass der russische Austauschschüler es bemerkte, tat ich so, als würde ich ihn hinterrücks erstechen. Hack, hack, hack.” (Zitat S.13) Dann gibt es da noch eine Szene, in der Faina auf Julians Schwester trifft, die ich sehr befremdlich fand: “Ich höre Stimmen, wusstest du das?”, sagte Kara. “Immer mehrere auf einmal. Auch jetzt. Manche flüstern mir zu, dass du nicht hierhergehörst. […] Ich lass dich nicht mehr raus”, sagte sie. “Das war frech von dir, herzukommen.” Kara ging zu ihrem Tisch, nahm den großen Computerbildschirm hoch und ließ ihn unvermittelt auf den Boden fallen. […] “Hast du verstanden?”, sagte Kara ganz ruhig. “Du gehst erst, wenn ich es erlaube. Oder wenn jemand einen Krankenwagen ruft.” (Zitat S.63ff) Und während die Szenerie voranschreitet, passiert auf einmal Folgendes: “Kara drückte mir den Glassplitter sacht in die Hand, ohne ihn dabei loszulassen. Er fühlte sich scharf an. Der Kick durch das Adrenalin war schöner als die Angst, irgendwie erhabener. Wenn sie geschickt zusticht, dauert es gerade mal zwei Minuten,
dachte ich, dann bin ich fort. Noch einmal unglaublich. Und erregend. Es hätte mir sogar gefallen, wenn Kara den Splitter fester hineingedrückt hätte.” (Zitat S.65) Mit manch abstruser Szene darf der Leser in “Meine beste Bitch” rechnen, auch als es Faina schließlich nach Berlin führt, wo sie ein psychedelischer Cocktail aus Experimenten mit Drogen, Performancekunst, Verleumdung und Verrat erwartet, der — wie zumeist in Nataly Elisabeth Savinas Büchern — in einer Tragödie enden wird. Beim Lesen hatte ich oftmals das Gefühl - wenn ich den Klappentext nicht gelesen hätte — ich keinerlei Ahnung gehabt hätte, auf was die ganze Geschichte zusteuern wird. Der rote Faden fehlt irgendwie an manchen Stellen. Faina ist selbst zuweilen wie ein Fähnchen im Wind, das mal dem einen Jungen hinterherläuft, mal dem anderen. Oder es werden Andeutungen gemacht wie “Versprich mir etwas”, bat mich Nike. […] Wenn du zuerst stirbst, dann lass mich nicht im Stich! Versprich mir, dass du zu mir kommst, als Geist...” (Zitat S.27), die im Nachhinein einfach so im Nichts versickern. Oder auch die Warnung der Mutter, ihre Ängste nicht mit Nike zu teilen. Genau das tut Faina nicht und genau das hat hinterher auch einfach keine Bedeutung mehr. Die Ängste
werden einfach nicht mehr groß erwähnt. Gelungen fand ich am Anfang die Kapitelüberschriften, die sich in jedem Kapitel auf eine neue Person bezogen. Doch auch dieses Prinzip wird irgendwann einfach fallen gelassen. Es erscheinen “normale” Kapitelüberschriften. Viel Potential, das irgendwie nicht richtig ausgeschöpft wird. Dabei kann die Autorin durchaus richtig gut erzählen, das hat man in ihrem vorherigen Werk, für das sie auch den “Peter-Härtling-Preis erhalten hat, gemerkt. Das Ende ist bewegend und macht nachdenklich. Und ist zugleich doch auch irgendwie unbefriedigend.
Fazit Für mich ein leider eher enttäuschendes Buch. Aber am besten selbst lesen und eine eigene Meinung bilden;-)
Du möchtest noch andere Bücher von Nataly Elisabeth Savina lesen? Dann greif zu
bereits erwähntem “Love Alice”, das mir wirklich außerordentlich gut gefallen hat oder “Herbstattacke”, das sie davor noch veröffentlicht hat. Ein Roman übers Erwachsenwerden, über das, was kommt, wenn die Schule vorbei ist und es hinaus ins “echte” Leben geht? Das findest du zudem in “Rabensommer” von Elisabeth Steinkellner oder in “Dieser Sommer gehört noch uns” von Heike Karen Gürtler. Eine kunstvolle Dreiecksfreundschaftsgeschichte erzählt auch April Genevieve Tucholke in “All the strangest things are true.” , die deutsche Autorin Marlene Röder in “Cache” und Alice Kuipers in ihrer Neuerscheinung “Sommerdunkle Tage”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Fischer ISBN: 978-3-73734139-4 Erscheinungsdatum: 26.September 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 288 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimiras Bewertung:
(1,5 von 5 möglichen Punkten)


Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-73734139-4
Erscheinungsdatum: 26.September 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -