Naomi Gibson — Seeing what you see, feeling what you feel

Kasimira21.August 2021

See­ing what you see, fee­ling what you feel” ist das ers­te Buch der bri­ti­schen Autorin Nao­mi Gib­son. Eine Geschich­te über ein Mäd­chen, die sich eine künst­li­che Intel­li­genz selbst pro­gram­miert hat. Einen bes­ten Freund, der immer für sie da ist und der jedoch zu uner­war­te­ten Höchst­for­men auf­läuft und außer Kon­trol­le gerät. Eine unglaub­lich mit­rei­ßen­de, span­nen­de Lek­tü­re über eine Zukunft, die gar nicht mal so undenk­bar ist, wie sie scheint. Eine Mischung aus Sci-Fi-Thril­ler und Lie­bes­ge­schich­te. Per­fek­tes Lese­fut­ter für unter­halt­sa­me Stun­den! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 17-jäh­ri­ge Lydia hat es geschafft. Sie, die bereits ein Schul­jahr über­sprun­gen hat, hat sich einen digi­ta­len, bes­ten Freund pro­gram­miert. “Ganz am Anfang war er nicht mehr als eine ein­zi­ge Zei­le Code. Eine schlich­te Sequenz, die für sich allein genom­men nichts bedeu­tet. Dafür brauch­te es Tau­sen­de wei­te­rer sol­cher Zei­len. Nun, drei Jah­re spä­ter, ist er ein kom­ple­xes Gespinst aus Glei­chun­gen und Algo­rith­men.” (Zitat aus “See­ing what you see, fee­ling what you feel” S.12) Lydia hat ihn Hen­ry getauft. Nach ihrem Bru­der benannt, der vor zwei Jah­ren ver­stor­ben ist. Noch heu­te lei­det sie dar­un­ter, dass er Kasimiranicht mehr bei ihr ist. Doch auch wenn um sie her­um vie­les nicht mehr so ist, wie es sein soll — ihr Vater das Wei­te gesucht hat, ihre Mut­ter depres­siv und ihre ehe­mals bes­te Freun­din zu ihrer Fein­din gewor­den ist — so ist Hen­ry digi­tal immer für sie ver­füg­bar. Und er lernt unheim­lich schnell. Wächst buch­stäb­lich über sich hin­aus: “Er hat das Sicher­heits­sys­tem einer der welt­größ­ten Ban­ken bezwun­gen und sich damit an die Spit­ze der digi­ta­len Nah­rungs­ket­te gesetzt. Mein Blick wan­dert zur Uhr: Er hat nicht mal zwei Minu­ten dafür gebraucht!” (Zitat S.14) Um sie zur Schu­le beglei­ten zu kön­nen, pro­gram­miert er sich neu und kom­mu­ni­ziert mit ihr über ihr Han­dy. Bestellt sich online einen Chip, um noch kom­pak­ter zu wer­den. Die­sen soll Lydia sich qua­si in die Haut schnei­den. Über spe­zi­el­le Kon­takt­lin­sen kann sie dann mit ihm kom­mu­ni­zie­ren. Aber nach dem Hack auf das Sicher­heits­sys­tem einer Bank scheint Kasimiraplötz­lich jemand auf Lydia auf­merk­sam gewor­den zu sein. Und auf Henry…

Der Schutz­um­schlag mit der Umman­te­lung des Buch­blocks und das Design des Covers sind höchst pas­send gewählt. Auch das Arran­gie­ren des Titels, der genau die Form eines Com­pu­ter­chips wie­der­gibt, ist per­fekt aus­ge­sucht. Erzählt wird “See­ing what you see, fee­ling what you feel” durch­ge­hend aus der Sicht von Lydia, der von Anfang an sym­pa­thi­schen Prot­ago­nis­tin der Geschich­te. Die Spra­che ist sehr flüs­sig und ein­fach zu lesen. Man ist sofort mit­ten im Gesche­hen und an der Sei­te von Lydia und ihrer künst­li­chen Intel­li­genz. Das The­ma KI-Tech­no­lo­gie ist auf sehr raf­fi­nier­te Art und Wei­se in den Sci-Fi-Thril­ler mit ein­ge­floch­ten. Wäh­rend Kasimiraes zu Beginn noch ein gemein­sa­mes Pro­jekt mit dem Vater war, das sie eigent­lich gemein­sam zu Ende füh­ren woll­ten (wor­über der Pro­log bereits Auf­schluss gibt), ist es nun nur noch eines von Lydia. War­um hat der Vater die Fami­lie ver­las­sen? Wes­halb kann sich die Mut­ter kaum noch zum Arbei­ten auf­raf­fen? Wie ist ihr Bru­der gestor­ben? War­um hat sich Lydi­as ehe­mals bes­te Freun­din nun gegen sie gewandt? Es gibt eini­ge Din­ge bei denen man lang­sam nach­for­schen darf. Die man nach und nach ent­de­cken kann. Eben­so wie den digi­ta­len “Hen­ry”, über des­sen Klug­heit man bereits zu Beginn stau­nen darf: “Hast du uns etwa belauscht?” Ja. Ich habe auf dein Mikro­fon und dei­ne Kame­ra zuge­grif­fen. “Du meinst, du hast mich gehackt.” Hen­ry bleibt einen Augen­blick stumm. Ja.” (Zitat S.25) Unter­schwel­lig ahnt man als LeserKasimira bereits, das geht nicht gut aus, der viel­leicht ursprüng­lich gute Gedan­ke, sich einen treu­en Freund zu schaf­fen, der einen nicht im Stich lässt, könn­te auch nach hin­ten los­ge­hen. Aber auch die Prot­ago­nis­tin macht eine ziem­li­che Wand­lung durch. In man­chen Situa­ti­on han­delt sie für mich aller­dings fast ein wenig über­zo­gen und nicht immer ganz nach­voll­zieh­bar. Der Span­nung tut dies aller­dings kei­nen Abbruch, hier pas­siert stän­dig etwas, sodass man förm­lich am Buch kle­ben bleibt. Auch die Roman­tik kommt inter­es­san­ter­wei­se nicht zu kurz. Gegen Ende nimmt die Geschich­te dann doch eine ganz beson­de­re Wen­dung, lässt bei­de Haupt­fi­gu­ren sich deut­lich wei­ter­ent­wi­ckeln und hört mit einem raf­fi­nier­ten Aus­gang auf.

Eine Lie­bes­ge­schich­te über eine künst­li­che Intel­li­genz? Hier muss­te ich sofort an “Eve & Adam” von Micha­el Grant und Kathe­ri­ne Apple­ga­te den­ken, die sich bereits vor vie­len Jah­ren mit die­seLesealternativenm The­ma aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Zwei her­vor­ra­gen­de Bücher über KIs sind “Life­Hack — Dein Leben gehört mir” von June Per­ry und “The King­dom: Das Erwa­chen der See­le” von Jess Rothen­berg, das sich vor allem mit den Fra­gen nach der Mensch­lich­keit beschäf­tigt und super span­nend geschrie­ben ist. Ande­re Autoren, die sich mit künst­li­chen Intel­li­gen­zen beschäf­ti­gen, sind Robin Was­ser­man mit sei­ner Tri­lo­gie “Skin­ned”  oder Kevin Brooks mit “Being” oder Rein­hold Zieg­ler (z.B. GRID ali­ve” & “Face­ful: Du bist nie allein”) oder Karl Ols­berg (z.B “Rafa­el 2.0” oder “Boy in a white room”). Oder lies “Cloud” von Clau­dia Piet­sch­mann oder “God’s Kit­chen” & “Der Zwil­lings­code” von Mar­git Rui­leSehr mit­rei­ßend erzählt fand ich zudem “Dark­world: Der gehei­me Code” von Tobi­as Rafa­el Jun­ge und “I can see u” von Mat­thi­as Mor­gen­roth. Etwas neu­er und eben­falls sehr gelun­gen ist die “Data Leaks”-Rei­he von Mir­jam Mous. Oder war­te noch auf die Neu­erschei­nun­gen in die­sem Jahr “Der Chip” von Man­fred Thei­sen und “Pro­jekt Laza­rus: In den Fän­gen der KI von Frank Maria Reifenberg.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Planet! (Thienemann-Esslinger)
ISBN: 978-3-522-50705-9
Erscheinungsdatum: 27.Juli 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: Ulrike Köbele
Originaltitel: "Every line of you"
Originalverlag: Chicken House

Britisches Originalcover: 
Kasimira












Die Autorin spricht über ihr Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Chicken House

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